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Full text of "Geschichte und Kritik der Grundbegriffe der Gegenwart"

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TlIK 



OF 



PROFESSOR GEORGE S. MORRIS, 

Professor in the University, 

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PreHeiited to tlie UiiivfrMity of Michigan. 



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PHILOSOPHICAL LIBRARY 



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GESCHICHTE UND KRITIK 



DEB 



GRUNDBEGRIFFE DER GEGENWART. 






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GESCHICHTE UND KRITIK 



DER 









VON 






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RUDOLF, EUCKEN, \ § n c, i V ; 



PROFESSOR "in JENA. 



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LEIPZIG 

VERLAG VON VEIT & COMP. 

1878. 



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Druck Yon Fischer A Wittig in Leipzig. 



Vorwort. 



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5^ Die Begriffe, mit denen wir denken und arbeiten, gehen 

^ hervor aus einer bestimmten Stellung zu den Dingen und Auf- 
gaben, sie zeigen, welche Probleme uns beschäftigen, und wie wir 
diese Probleme behandeln; eine Betrachtung der Begriffe eines 
Mannes, einer Richtung, einer Zeit muss uns daher aufklären 
können über Strebungen und Leistungen, eine Kritik der BegriflFe 
muss zu einer Kritik des Gesammtinhaltes des bewussten geistigen 
Lebens werden. 

Diese Aufgabe wird aber nicht wohl unternommen werden 
können ohne den Versuch, die Begriflfe ihrer geschichtlichen Ge- 
staltung und ihrem geschichtlichen Zusammenhange nach zu ver- 
stehen, da nur dadurch eine Zurückftthrung des unmittelbar Vor- 
liegenden auf seine Quellen und Grundtriebe möglich ist; und 
nun führt die Verkettung der Dinge noch den Schritt weiter, dass 
wir auch der Gewandung der Begriflfe, dem sprachlichen Ausdruck, 
eine gewisse Beachtung zuwenden müssen, denn nur da, wo über 
das Verhältniss von Inhalt und Form der Begriflfe Klarheit 



VI Vorwort. 

herrscht, kann eine zutreffende Würdigung derselben erhoflft 
werden. 

Gegen den Versuch, eine derartige Betrachtung auf das in 
unserer Zeit Vorliegende zu richten, dürften sich weniger der 
allgemeinen Tendenz nach Bedenken ergeben, als die Art der 
Ausführung auf Schwierigkeiten stösst. Zunächst begrenzen wir 

• 

die Aufgabe in einer Weise, deren Angreif barkeit wir nicht ver- 
kennen. Nicht die Begriffe möchten wir in*s Auge fassen, die jetzt 
in der specifisch - philosophischen Arbeit oder gar in den Einzel- 
wissenschaften obenan stehen, sondern diejenigen, welche von der 
Philosophie und der allgemeinen, wissenschaftliehen Bewegung 
ausgehend eine Macht im Gesammtleben geworden sind. Nicht 
die Begriffe der Philosophie der Gegenwart, sondern die philo- 
sophischen Begriffe der Gegenwart sollen den Gegenstand unserer 
Erörterung bilden. Unter Gegenwart aber verstehen wir die letzten 
Jahrzehnte, wie sie einmal durch die Reaction gegen die con- 
structive und überhaupt systematische Philosophie, dann aber 
durch den vorwiegenden Einfluss der Naturwissenschaften bestimmt 
sind. Wir betrachten dabei zunächst die Gestaltung innerhalb 
der deutschen Geisteswelt, glauben aber von da aus auch ein 
weiterreichendes Urtheil gewiimen zu können, da die specifischen 
Tendenzen der modernen Wissenschaft sich nirgends so ausge- 
prägt darstellen dürften als eben bei den Deutschen. 

Aber wie viele Bedenken und Fragen erheben sich, wenn 
nun noch weiter die Art unserer Untersuchung rechtfertigt werden 
sollte ? Was sind die massgebenden Richtungen unserer Zeit, und 



Vorwort vii 

nach welchen Zielen hin verbinden sich am meisten Einzelkräfte 
zu einer geschichtlichen Gesammtwirkimg? Welche Begriflfe sind 
dabei als die leitenden anzusehen ? Wie weit ist ihre Betrachtung 
auszudehnen, wo einzuschränken? Kurz, es erheben sich so viele 
Fragen, dass wir, um sie nur einigermassen zu beantworten, 
zuvor eine Untersuchung über die Art unserer Untersuchung an- 
stellen müssten; statt dessen wollen wir uns doch lieber mitten 
in die Dinge hineinbegeben, auf die Gefahr hin, dass man hier 
etwas vermisse, dort etwas überflüssig finde, tiberall aber uns 
eine gewisse Willkür in Auswahl und Behandlung des Stoffes 
vorwerfe. 

Nur das möge für uns geltend zu machen verstattet sein, ' 
dass wenn die einzelnen Abschnitte auch unabhängig neben ein- 
ander zu stehen scheinen, wir damit nicht auf allen Zusammen- 
hang und Fortgang der Untersuchung verzichten wollten ; wo von 
vielen einzelnen Punkten ausgegangen wird, braucht deswegen 
im Ganzen noch keine Zersplitterung stattzufinden. Im weitem 
aber möchten wir bitten, keine Ansprüche an die folgenden Er- 
örterungen zu stellen, denen zu genügen sie von vorn herein 
sich nicht vermessen. Ein Grenzgebiet der Wissenschaft und des 
allgemeinen Lebens zum Gegenstande wählend müssen sie auch 
ihrer Form nach eine gewisse Mitte einhalten, das specifisch 
Technische musste so weit wie möglich zurücktreten. Dann aber 
liegt es an der ganzen Art der Aufgabe, dass die hier angestellte 
philosophische Untersuchung zunächst nur zu negativen Ergeb- 
nissen führt. Es ist ein Grundgedanke der Arbeit selber, dass 



viii Vorwort. 

eine positive Behandlung der Begriffe nur im Zusammenhang 
einer systematischen Philosophie förderlich stattfinden könne, und 
wir haben daher ein gelegentliches Eingehen darauf auch da ver- 
mieden, wo die Versuchung recht nahe lag. Man tadle unsere 
Begrenzung der Aufgabe, aber man wolle nicht innerhalb ihrer 
Behandlung Forderungen erfüllt sehen, die durch jene Begrenzung 
ausgeschlossen sind. Wir werden uns der positiven Arbeit nicht 
entziehen, erbitten aber für die vorliegenden Untersuchungen die 
Gunst des platonischen Wortes: rtccvra rama nQoolfiia ^ctiv 
avTOv Tov v6f.iov ov dsi fia^elv. 






Inhaltsübersicht. 



Seite 

Subjectiv — Objectiv l 

Erfahrung 28 

A priori — angeboren 69 

Immanent (kosmisch) 79 

Monismus — Dualismus 96 

Gesetz ; 115 

Entwicklung 132 

Causale Grundbegriffe 155 

Mechanisch — Organisch 156 

Teleologie 169 

Cultur 185 

Individualität 200 

Humanität 216 

Eealismus — Idealismus 224 

Optimismus — Pessimismus 236 

Schlusswort 256 

Verzeichniss der behandelten Begriffe und Begriffswörter 266 



^ 






^O^UufvW.f *^'v tf..^-^«-'^' 4.V 



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Subjectiv — Objectiv. 

Auf die Bewegung, welche die BegriflFe „subjectiv" und 
„objectiv" in der neuern Philosophie erfahren haben, deutet schon 
die Geschichte der Ausdrücke hin: dieselben haben im Lauf de r 
Jah rhunderte ihre Bedeutung geradezu ge wechse lt. *Bei Duns 
Scotus, welcher sie zuerst in den vorliegenden Gegensatz ge- , 
Bracht hat*), „hiess subjectivum dasjenige, was sich auf das '. 
Subject der Urtheile, also auf die concreten Gegenstände des » 
Denkens bezieht; hingegen objectivum jenes, was im blossen j 
obicere, d. h. im Vorstelligmachen, liegt und hiemit auf Rechnung \ 
des Vorstellenden fällt" (s. Prantl, Geschichte der Logik im 
Abendlande IIL 208). In diesem Sinne hielten sich die Ausdrücke 
unverändert bis zum Beginn der neuen Philosophie, in dem Streit 
zwischen Descai:tes und Gassendi findet sich subjective gleich- 
bedeutend mit formaliter in se ipsis, objective mit idealiter in 
intellectu. Gebräuchlicher freilich war der Gegensatz objective 
und formaliter, der noch in der ersten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts unangefochten fortbestand. Gegen Ausgang der Scholastik 
zeigte sich schon in einzelnen Wendungen ein gewisses Schwanken, 
und dieses nimmt nun in dem Masse zu, wie die neuen Gedanken 



*) Subjectivus in rein logischer Bedeutung findet sich nach Prantl, 
Gesch. d. Logik, L 581 schon bei Appulejus. 

Eucken, Geschichte und Kritik. \ ^ 



2 Subjectiv — Objectiv. 

durchbrechen. Bei dem, was man objectiv nennt, lösen sich die 
Dinge vom Denken ab und gewinnen für sich Selbstständigkeit, 
unter Subjekt aber beginnt man statt des logischen Begriffes 
den denken den G eist zu verstehen (s. z. B. Leibnitz, Erdm. Ausic. 
645 b : subjectum ou^ Pam e m|mg). Die also innerlich vorbereitete 
Verschiebung vollzieht sich aber erst mit dem Uebergange der 
Ausdrtlcke in die deutsche Sprache. Um 1730 finde ich die 
ersten Beispiele der neuen Bedeutung, z. B. wird in der Ein- 
leitung in die philosophische Wissenschaft von A. F. MtlUer (1733) 
II. 63 objeetivum mit „an sich und ausser dem Verstände", 
formale mit „im Verstände" erklärt, bei A. Baumgarten scheint 
schon der neue Gebrauch vorzuherrschen , und Crusius, Lambert, 
Tetens verwenden die Ausdrücke ebenso wie wir.*) Aber die 
Art, wie dieselben in dem Streit zwischen Lessing und Götze**) 
verwandt werden, zeigt deutlich, dass sie noch durchaus als 
Schultermini galten, und so dürfen wir sagen, dass sie erst 
durch Kant in den allgemeinen Gebrauch eingegangen sinäT Die 
neue Bedeutung pflanzte sich zunächst nach Frankreich und 
dann nach England fort; in letzterem Lande, wo die mittel- 
alterliche Verwendung auch in die lebende Sprache eingedrungen 
war***), ward das Neue am längsten als ein fremdes und 
schulmässiges empfunden. 

Aelter als die Ausdrücke sind natürlich die Begi'iffe, aber 
wenn wir ihre Geschichte von der Höhe des Mittelalters aus 
rückwärts verfolgen, so müssen wir lange suchen, bis sie uns in 
ausgeprägter Gestalt entgegentreten. In der ersten Hälfte des 
Mittelalters wie bei den alten Lateinern finden wir nur Um- 



*) Nur dass Crusius und Tetens subjectivisch und objectivisch zu 
sagen pflegen. 

*♦) Die Unterscheidung, welche Götze zwischen dem Glauben, objectiv 
und subjectiv genommen, machte, kann auf Baumgarten , deutsche Metaph., 
§ 738, zurückgeführt werden. 

***) S. z. B. Berkeley (Ausg. von Fräser, II. 477): Natural phaenomena 
are only natural app'^ances. They are, therefore, such as we see and 
perceive them. Their aeal and objective nature are, therefore, the same. 






Subjectiv — Objectiv. 3 

Schreibungen*); erst das spätere griechische Alterthum hat be- 
stimmte Bezeichnungen. Indem die Stoiker und andere iTiivosJa&m 
und V7iaq%€iv^ x^ax inivoiav und na^vnoaTccaiv {vnaq^tv) ent- 
gegenstellen, drtlcken sie einen ähnlichen Gegensatz aus, wie 
er in unserm subjectiv und objeetir vorliegt, und es sind auch 
die Kämpfe, welche sich an die damit bezeichneten Begriffe 
kntlpften, denen neuerer Zeiten nahe verwandt. 

Aber auch über jene Ausdrücke reichen die Begriffe selbst 
hinaus, sie gehören eben zu denjenigen, welche in jedem philo- 
sophischen System, wenn auch in verschiedenen Graden der Klarheit, 
vorhanden sein mtissen. Da unser Denken auf den Gewinn 
eines bestimmten Erkenntnissinhaltes von Natur aus gerichtet 
ist, dieser Inhalt aber erst durch Arbeit und Kampf gewonnen 
wird, .so wird tiberall, wo ein Erkennen gesetzt, auch ein Unter- 
schied zwischen einem wenigstens für uns letzthin gültigen und 
einem nur individuell - empirisch vorhandenen gemacht werden; 
aber freilich wird je nach den Theorien von der Erkenntniss die 
Fassung dieses Unterschiedes abweichen. So wird z. B. selbst 
der Skeptiker nicht umhin können, im Schein ein gemeinsames 
von blos individuellem zu sondern**); und der constructive 
Philosoph, der die ganze Welt vom Denken aus bilden möchte, 
wird darauf bedacht sein, die nothwendigen Processe und Er- 
gebnisse des Denkens nicht mit empirisch -zufälligen Gestaltungen 
des Einzellebens zu vermengen. Der naiven Weltanschauung 
aber wird es sich bei diesem Problem um ein Verhältniss des 
Denkens zu einer von ihm unabhängigen Welt handeln, und 
da diese Anschauung stets die weiteren Kreise beherrscht, so 



/ 



I 



*) So, um nur ein Beispiel anzuführen, hat Scotus Erigena als Gegensatz 
de divis. nat. 528a: in nostra contemplatione — in ipsa rernm natura; 
492 d: dum in se ipsis naturaliter perspicinntur — in ipso solo rationis 
contuitu; 493 d: in rebus naturalibus — sola ratione. 

**) Sextns Empir. n^os Xoy. II. 8: ol nBql xov Alyriai&tjfÄoy kiyoval 
tiva TvÜy q)ni,vofjtiviav &iaq)OQav, xal (paöl rovruiv xa fjihv Koivtag näffi 
(pttivtad-ai xa Si i6i(og xivi, wv «Aiy^^ (xlv dvcti xa xoiyiag naat (faivofxtvri, 
\fJ€v&^ df xd fAtj xoiatxa. 

V 



4 Subjectiv — Objectiv. 

darf angenommen werden, dass die Begriffe subjectiv und objectiv 
für das allgemeine Bewusstsein erst da Bedeutung gewinnen, wo 
zwischen Denken und Welt sich eine Kluft aufgethan hat. Und 
dieses hängt im grossen Leben des Ganzen wieder ab von der 
Auffassung der Stellung des Menschen in der Welt überhaupt. 
Je enger er sich mit dem Gesammtleben verbunden glaubt, je 
mehr er sich als Höhepunkt desselben ansieht, desto mehr wird 
er auch im Erkennen die Dinge selbst zu ergreifen tiberzeugt 
sein, und umgekehrt wird mit jedem Zweifel dort auch hier ein 
Schwanken eintreten. So spiegelt der Kampf um Objectivität und 
Subjectivität nicht nur das wechselnde Verhältniss von Denken 
und Sein, sondern es kommt hier die gesammte Werthschätzung 
des menschlichen Lebensinhaltes zum Ausdruck. 

Auch die stoische Unterscheidung d^s Objectiven und Sub- 
jectiven in der Erkenntniss ist nur die Folge einer gegen die 
Blütezeit der Antike veränderten Stellung des Menschen zur Welt, 
und es ward der Conflikt nun im Verlauf der Geschichte immer 
gewaltiger und die Empfindung davon beherrschte immer mehr das 
Bewusstsein, bis alle Freude am Leben und Schaffen zerstört 
war. Dann machte freilich noch Plotin den kühnen Versuch, 
den Zusammenhang von Welt und Geist dadurch wieder zu ge- 
winnen, dass er das Denken schaffend das Sein hervorbringen 
Hess, aber die Welt, zu der er damit gelangte, war ihm selber nicht 
die unmittelbar vorliegende, sondern eine jenseitige, und wenn 
seine Lehre letzthin darauf hinauskommt, dass all jmse r Erkenn eg. 
^,\^ t nur zu einem Gleichniss (ßin em olov) der Wahrheit gelange, so 
*sr damit zugestanden, dass die Kluft, die überwunden schien, 
sich an einer andern Stelle wieder aufthut. Ers t im Chris te nthum. 
wo das Leben durch die ethisch-religiöse Bestimmung einen concreten 
Inhalt neu erhielt, gewann der Geist im Zusammenhang des 
Ganzen wieder ein festes Vertrauen zu sich und seinen Aufgaben. 
Aber nun traten sofort andere Gefahren ein. Die Ueberzeugung. 
dass das ethische Leben der Menschheit den wesentlichen Inhalt 
des Weltgeschehens ausmache und die Geschicke des Universums 
bestimme, führte dazu, alles auf jenes Leben unmittelbar zu 




Subjectiv — - Objectiv. 5 

beziehen und nach praktisch -menschlichen Erwägungen und 
Postulaten das ganze Weltbild zu entwerfen. Schon im Systeme 
Augustinus zeigen sieh verhängnissvolle Folgen solchen Bestrebens. 
Mit Staunenswerther Kunde der menschlichen Natur ist alles 
dahin gestaltet, eine möglichst grosse Aufbietung der Kräfte für 
die ethisch -religiösen, oft freilich auch nur kirchlichen Zwecke 
herbeizuführen, aber ohne Scheu wird dabei menschliches in 
universales umgedeutet, werden rein psychische Vorgänge nach 
aussen projicirt, wandeln sich Wünsche in Thatsachen, Ahnungen 
in Gewissheiten um. Die spätem Denker, denen das theoretische 
Interesse und die speculative Kraft Augustinus fehlte, gingen in 
der gefahrbringenden Bichtung sorglos weiter, und auch an der 
aristotelischen Philosophie, die endlieh zur Ergänzung der Welt- 
auffassung herangezogen wurde, fand sich kein wirksames Gegen- 
gewicht. Denn nie hat es einen grossen Denker gegeben, der// 
von dem Zusammenhange des menschlichen Lebens mit dem 
Weltgeschehen und daher auch von der Objectivität unserer Er- 
kenntniss so schlechthin überzeugt war wie Aristoteles. Keiner 
trug daher weniger Bedenken, die Eigenschaften psychischen 
Seins ohne weiteres in die Gesammtwelt hineinzutragen: allen 
Dingen ward ein Inneres eingepflanzt, alles Geschehen als aus 
einem Streben hervorquellend erklärt, qualitative Unterschiede und 
Gegensätze ergriffen die ganze Natur, ein gutes und schlechtes, 
normales und anomales, natürliches und gewaltsames schied sich 
überall und riss das Zusammenhängende feindlich auseinander. 
Demnach verwandelte sich die ganze Mannigfaltigkeit des Seins 
in ein Abbild menschlichen Lebens; wohin der Mensch blickte, 
fand er sich selbst und blieb demnach, soweit sich auch die 
Forschung ausdehnen mochte, überall innerlich in einem ab- 
geschlossenen Kreise befangen, und somit in einer Enge, die weit 
drückender erscheinen muss, als die äussere Beschränkung des 
Welthorizontes, die uns für jene Zeiten als besonders charakteristisch 
erscheint. 

Der Sinn der neuen Zeit stand demgegenüber nach dem 
Weltall, Erkennen und Handeln sollte einen grossem Inhalt 



6 Subjectiv — Objectiv. 

gewinnen, utfd die Schranken vergangener Zeiten abstreifend 
suchte die Menschheit ihr Leben ins Unendliche zu erweitern Das 
specifisch Menschliche erschien überall als zu klein, es galt, viel 
mehr den Menschen von der Welt, als die Welt vom Menschen aus 
zu verstehen. Um statt einer „Anticipation" eine „Interpretation" 
der Natur zu erlangen, mussten alle Begriflfe umgestaltet wei:den, 
das Mass war künftighin vom Universum zu nehmen und der 
Inhalt des .menschlichen Seins war nur insoweit anzuerkennen, 
als er die allgemeine Ordnung ausdrückte.*) Sollte sich aber dem 
Geist das Weltall kundthun und das Innere der Natur erschliessen, 
so musste er freilich alles Willkürliche und Phantastische hinter 
sich lassen und sich selbst den grossen Gesetzen des Ganzen 
unterwerfen, aber dies geschah doch eben nur, um durch die 
Erkeiuntniss Steigerung des Seins und Herrschaft über die Dinge 
zu erwerben. Was er also an vermeintlichem Besitz verlor, 
erschien verschwindend gegen das zu gewinnende, und so galt es 
nun, alle Kraft an die Erfüllung solcher Aufgaben zu setzen. 
Und indem dies gelingend geschah, baute sich die neue Wissen- 
schaft auf, erweiterten sich die Kräfte der Menschheit, gestaltete 
sich das Leben um. Jenes Grundstreben nach einer Berichtigung 
der Stellung des Menschen zur Welt bekämpfen, heisst daher die 
^ ^ \ neuere Wissenschaft und die aus ihr entspringende Cultur an- 
greifen, aber man braucht dies nicht zu thun und kann doch 
anerkennen, dass jene Umwälzung eine Erschütterung hervor- 
brachte, die auf die Gesammtauffassung zunächst verwirrend und 
auflösend wirken musste. Zunächst stellte die mechanische Natur- 



^ 



*) Baco parasceue ad historiam naturalem aphor. IV.; In historia 
quam reqairimns et animö destinamns, ante omnia videndum est, ut late 
pateat et facta sit ad mensnram universi. Neque enim arctandus est mnndns 
ad angustias inteliectiis (quod adhuc factum est) sed expandenduB inteilectus 
et laxandns ad mundi imaginem recipiendam , qualis invenitur. — Spinoza 
tract. theol. pol. cp. XYI. 10: Natura non legibus humanae rationis, quae 
non nisi hominum veram utile et conservationem intendunt, intercluditur, 
sed iniinitis aliis, quae totius naturae, cujus homo particula est, aeternum 
ordinem respiciunt. ^^ 



Subjectiv — Objectiv. 7 

Philosophie den Unterschied zwischen den Eigenschaften, welche 
die Erscheinungen dem Forscher, und denen, welche sie der 
unmittelbaren Empfindjing bieten, vollständig klar heraus. Was 
im Grunde schon Demokrit behauptet hatte, fand jetzt durch 
Cai-tesius exacte Bestätigung, die specifischen Qualitäten der Dinge 
mussten sich vor den Ergebnissen der Naturforschung in das 
Gebiet des Innenlebens zurückziehen und nur Massen und Be- 
wegungen blieben letzthin übrig.*) Indem also erkannt wird, 
dass wir zum guten Theil die Welt selbst leiden, die uns als eine 
objective entgegenzutreten scheint, wird sowohl der Glaube an die 
Wahrheit des im Bewusstsein überhaupt Vorliegenden erschüttert, 
als auch der Inhalt des geistigen Lebens von der Welt losgelöst. 
Und auch das geistige Leben selber ward Gegenstand der 
Kritik. Auch hier galt es, Thatsachen und Deutungen, reale und 
imaginäre Kräfte zu scheiden, um alsdann zu durchgehenden 
Gesetzen vorzudringen, welche mit der eausalen Erkenntniss des 
psychischen Getriebes zugleich eine Herrschaft über dasselbe 
ermöglichten. Wenn aber hier die hervorragendsten tlieoretischen 
Köpfe den zunächst vorliegenden Bestand nur deswegen angriffen, 
lun die iGrundkräfte rein hervortreten zu lassen, so ging der 
einmal angeregte Zweifel im allgemeinen Leben weiter- Prag- 
matische Psychologen wiesen darauf hin, wie sehr das Bild, das 
der Mensch von sich selbst entwerfe, von dem, was wirklich in 
ihm vorgehe, abweiche. Ein Mann wie Pierre Bayle suchte zu 
zeigen, wie gering im Grunde der Einflüss derjenigen geistigen 
Bestrebungen sei, die man als leitend hinzustellen liebe, wie 
wenig auch selbst die in gutem Glauben vertretenen Sätze eine 
wirkliche Ueberzeugung ausdrückten. Er zuerst sprach das in 
neuerer Zeit bis zum Ueberdruss wiederholte Wort aus, dass 
die Menschen nur zu glauben glauben.**) Andere Männer, bei 



*) Boyle (nicht Locke) war der erste, welcher den scholastlBchen 
Ausdruck „primäre und secundäre Qualitl^ten*' auf die neue Unterscheidung 
übertrug. 

**) S. den überhaupt für die vorliegende Frage höchst beachtens- ^ 
werthen Artikel Socin. Im 18. Jahrhundert hat Lichtenberg, und zwar 






8 Subjectiv — Objectiv. 

denen gleichfalls die scharfsinnige Analyse des Einzelnen eine 
zusammenbildende Erkenntniss des Ganzen zurückdrängte, und 
zwar namentlich Franzosen, schlössen sich derartigen Bestrebungen 
an ; immer mehr erweiterte sich die Kluft zwischen der unmittel- 
baren Vorstellung und dem, was man als real gelten liess; als 
dieses letztere stellten sich, wie es schien, mehr und mehr rein 
nattlrliche Triebe heraus, wenig geeignet, den Geist zu irgend 
einer bevorzugten Stellung im Weltganzen zu berechtigen. Selbst 
die Gegner einer solchen Richtung zeigen sich vom Zweifel 
ergriffen und sind daher zu einem siegreichen Widerstände wenig- 
befähigt*) 

Die Stellung des Geistes in der Gesammtwelt neu zu unter- 
suchen war ohne Frage Aufgabe der Philosophie, aber wir sehen 
hier die Systeme sich von Anfang an .scheiden und bis zu Gegen- 
sätzen auseinandergehen. Bei Baco, dem durchgehend die Natur 
das Bild der Gesammtwelt bestimmt, deutet sich schon die Neigung 
an, das specifisch Geistige als etwas ausserhalb des Weltgeschehens 
Liegendes zu fassen; einigermassen verwandt damit sehen wir 
spätere englische Denker beflissen, das Gebiet des Geistes als ein 
für sich abgeschlossenes und der Welt gegenüber relativ selbst- 
ständiges zu behandeln. Man verzichtet hier auf den Zusammen- 
hang mit deffi Ganzen, um das Besondere in seinem Gebiete 
nicht zu gefährden. Die speculativen Denker des Continents gingen 
über eine solche Einschränkung hinaus; vor allen glauben Spinoza 
und Leibnitz auf eine enge Verbindung von Geist und Gesammt- 
welt nicht verzichten zu dürfen. Aber bei Spinoza fällt Tendenz 
und Ausführung klaffend auseinander. Von vom herein möchte 
er freilich dem Geiste als einem Attribute der unendlichen Sub- 
stanz Bedeutung und Bestand sichern, aber indem er in der Aus- 
führung demselben allen Inhalt von aussen kommen lässt und 



scheinbar unabhängig von Bayle, jene Sentenz vertreten, s. verm. 
Schriften, I, 15S. 

*) Pascal pensees art. XXV. 46: L'un dit que mon sentiment est fan- 
taisie; l'antre que sa fantaisie est sentiment. II faudrait avoir une r^gle. 
La raison s*offre ; mais eile est pliable ä tous sens, et ainsi il n'y en a point. 



Subjectiv — Objectiv. 9 

seinem Leben nur so viel Realität zuschreibt, als es das Aeussere 
spiegelt, muss er alle ihm speeifischen Lebensformen, wie die 
Werthbestimmungen , die Zwecke u. s. w., als Truggebilde be- 
kämpfen, und ihn schliesslich zu einer blossen Form herabsetzen. 
Die geistig e Welt Spinoza's ist nichts anderes als ii ^ lu'fi Rewi-iffst- 
sem gebrachte materielle, die Seele ist das Körperliche als Vor- 
s tellung aq g^esehen^ und so ist in dieser angeblichen Versöhnung 
das eine dem andern aufgeopfert. Leibni tz erkannte das klar und 
versuchte einen andern Weg. Für ihn Var der Gedanke mass- 
gebend, dass alles Mannigfaltige in der Welt letzthin auf ver- 
schiedene Grade ein und derselben Kraft hinauskomme, und dass 
daher von einem jeden aus das Ganze zu begreifen sei. Ist 
daher der Geist eine solche Stufe in dem Weltgeschehen, so kann 
von ihm aus, wenn er auf das Wesentliche zurückgeführt wird, 
alles andere verstanden und zugleich er selbst rechtfertigt werden ; 
tiberall in der Welt findet er sich selbst wieder und kann im 
Denken den engsten Zusammenhang zwischen sich und dem 
Universum herstellen. Aber freilich musste zu dem Zwecke alles 
Specifische abgestreift werden, und so ging, was an Umfang ge- 
wonnen wurde, an Inhalt verloren : ja di e Grundkraft Leibnitze ns, 
die Vorstellung, ist nicht mehr ein psychologischer, sondern ein 
ontologischer Begriff ( Verbindung der Vielheit in einer Einheit), 
und es wird daher am Ende auch hier- das specifisch Geistige 
dem Ganzen geopfert. 

liehen wir demnach die^ hervorragendsten Denker zwischen 
dem Dilemma, entweder das Geistige zu isoliren oder seine Eigen- 
thümlichkeit preiszugeben, so war es kein Wunder, wenn durch 
die Versuche der Ueberbrtickung die Kluft nur erweitert und das 
Problem drängender wurde, bis durch Kant eine neue Wendung 
eintrat. Vor allem war bei ihm der Gegensatz des Subjectiven 
und Objectiven aufs schärfste bestimmt, tiberall wurden feste 
Kriterien aufgestellt, um beides zu scheiden, und diese Scheidung 
erschien so sehr als die Hauptaufgabe der Philosophie, dass die 
ganze Denkarbeit, die zeither entweder vorwiegend metaphysisch 
oder psychologisch gewesen war, nun recht eigentlich der Er- 



10 Subjectiv — • Objectiv. 

kenntnisslehre zugewandt wurde. Nicht mit Unrecht meint Lichten- 
berg, di e Verhältn isse des Subjectiven gegen das Objectiv e be- 

fitimynf^Ti ^ Ha« hM^at^. mit kfl.TitiRf»t}if>.Tft (^ftiftfg^jJAr^^ *\ Aber CS 

ist bekannt, wie wenig der eigne positive LosungSVersuch ab- 
schliessend befriedigte. Eben in der entscheidenden Frage Hess 
sich ein Zwiespalt nicht verkennen. War einmal der G^ist gegen 
die Welt vollständig abgeschlossen, ohne Mittel über den eignen 
Kreis hinaus in sie einzudringen, so trat er andererseits be- 
stimmend vor sie und Hess ein eignes Reich aus sich hervorgehen. 
Was mit der einen Hand genommen war, ward so mit der andern 
wiedergegeben, und je nachdem man von der theoretischen oder 
der praktischen Vernunft ausging, sah man sich auf eine ganz 
entgegengesetzte Werthschätzung hingewiesen. Das Streben, diesen 
Gegensatz zu tiberwinden, ward ftir die weitere Gestaltung 
entscheidend. Die constructiven Denker wollten die der praktischen 
Vernunft vorbehaltenen Rechte der Vernunft überhaupt zuerkennen 
und demnach alles Sein von ihr aus entstehen lassen. Dann aber 
musste die Vernunft natürlich nicht als empirische und individuelle 
(subjective), sondern als absolute und universale (objective)**) be- 
griffen werden, und das ist oft von jenen hervorgehoben, aber 
über die Frage, wie man denn zu einem solchen Begriff gelange 
und ihn gegen Störungen und Angriffe sichere, sind sie sehr 
leicht hinweggegangen; statt der besonnenen Analyse der früheren 
finden wir hier kühne Sprünge, einen „freiien Schwung" des 
Denkens, der geniale Einzelleistungen hervorbringen, nicht aber 
verhindern konnte, dass in die reinen Denkförmen sich zufällig 
Empirisches mischte und wieder specifisch Menschliches in das 
Bild der Welt eindrang. 

So musste einem solchen Versuche, das grosse Problem zu 
lösen, rasch ein Rückschlag folgen, und mit ihm stehen wir in 
der Gegenwart, deren Lage sich also einfach aus dem geschicht- 



*) S. vermischte Schriften I, tOl. 
**) Den Ausdrack „objective Vernunft* hat schon Jacobi, s. Hume, 
S. 194. 



Subjectiv — Objectiv. 



11 



liehen Gange verstehen lässt. Ein für das gesammte Geistesleben 
der Neuzeit hochbedeutendes, ja entscheidendes Problem sehen wir 
auf den schärfsten Ausdruck gebracht und dadurch bis zur Uner- 
träglichkeit gesteigert. Eine durchgreifende Lösung wird muthig 
unternommen und sie sucht auf alle Gebiete Einfluss zu gewinnen, 
aber rasch tritt die Katastrophe ein: das Einseitige, Unbe- 
friedigende, Verfehlte wird mehr in den Consequenzen empfunden 
als principiell nachgewiesen, aber die Gegenbewegung hat die 
Zustimmung der gesammten exactwissenschaftlichen Arbeit für sich, 
sie scheint in der Kritik der reinen Vernunft eine philosophische 
Stütze zu finden, und, was mehr bedeutet als das alles, sie 
entspricht dem Zuge des allgemeinen Lebens, flir welches die 
Kluft zwischen G«ist und Welt, trotz aller philosophischen und 
anderen Gegenarbeit, sich immer mehr erweitert hatte. 

So wirken jetzt mannigartige Grtlnde, dauernde und vorüber- 
gehende, zur Begünstigung einer geistigen Strömung, welche Er- 
kennen und Leben der Menschheit vom Weltgeschehen loslösen 
möchte und es daher als eine hervorragende- Aufgabe wissen- 
schaftlicher Forschung ansieht, überall den Gegensatz des Subjec- 
tiven und Objectiven hervorzukehren. Wie Verschiedenartiges 
aber in dieser Strömung zusammen^ht^ das .zeigt schon der 
heutige Sprachgebrauch. Zunächst steht natürlich bei subjectiv 
und objectiv ein Verhältniss von Auffassung und Gegenstand vor 
Augen, aber ba ld wird daruntpir die Stpll^i ^g des einzelnen In- 

(^ividininiR 7iir (^^^f^niTntihftit der TTrthp.ilftTifleTi ^ b ald^dje der 
specifisch - menschlichen Wftlt5i.TiRf>.]|fl.niiTig' zu df>^ r^^it^m RpgplisiffftTi, 
h eiten der Din ge, bal d endlich die des Denkens zum Rpiyi ffberhaup t 
v erstäna en. D ann abe r — un d das ist besonflers chf^yftl^ t f jjfi^isp.h — 
w ird der Gebrauch dahin erweitert dass alles ^ was überhaupt in 
ei^em geistigen Wesen gesetzt ist^ als subjectiv bezeichnet wir d. 
Jnd JiDeraii ist man da bei ^nei^t, das Subje ctive de na T^ j^ginarftii^ 
das Objective dem Realen ohne weiteres gleichzustellen. Die 
verschiedenen liedeutuiigen's^pielen'^daBer^man ineinander, 

so dass es auch in der folgenden Betrachtung gelegentlich 
nothwendig sein wird, an die engere Bedeutung zu erinnern. Diese 



12 Subjectiv — Objectiv. 

Betrachtung will aber die vorliegende Frage nicht irgendwie positiv 
erörtern, da ein solches nur im Zusammenhange einer systematisch - 
philosophischen Untersuchung unternommen werden kann, sie 
möchte nur auf die heute vorherrschenden Auffassungen einen 
kritischen Blick werfen und namentlich fragen, ob das, was bald 
als selbstverständlich, bald als werthvolles Ergebniss neuerer 
Forschung hingestellt wird, nicht manchmal nur Folge sehr zweifel- 
hafter dogmatischer Voraussetzungen ist. 

Zunächst wendet sich der Subjectivismus gegen die Mög- 
lichkeit irgend welcher sichern adäquaten Erkenntniss. Da wir, 
wie er meint, was wir auch unternehmen mögen, immer und immer 
in dem Kreise unserer Vorstellungen befangen bleiben, und es 
uns unmöglich ist, auf einen Standpunkt zu treten, der Subject 
und Object zu vergleichen gestattet, so sind wir ein für allemal von 
einer Erkenntniss der Dinge, sei es dass sie aussen, sei es dass 
sie in uns liegen, ausgeschlossen. Um einen solchen Satz zu 
vertheidigen, wird selbst der Schatten Rant's heraufbeschworen, als 
hätte man eine solche Einsicht nicht schon von den alten 
Sophisten*) entlehnen und bei Sextus dem Empiriker scharfsinnig 
und eindringend vertheidigt finden können. Nicht dass Kant 
jenen Satz aufstellte, sondern wie er ihn begründete, durchführte 
und im Zusammenhang des Systemes ergänzte, macht seine Be- 
deutung aus; was aber für ihn nur ein Moment im Ganzen und 
keineswegs letzter Ruhepunkt war, wird nun als Endergebniss 
der Philosophie und als Summe aller Weisheit gepriesen. Und 
doch beruht jene ganze Lehre einfach auf einer dogiuatischen 
und für die neuere Philosophie geradezu unwissenscbaftllcBen 
Fassung* des Begriffes der Wahrheit. ' Die WährTieit gilt hier als 
Uebereinstimmuhg des erkennenden Denkens mit Gegenständen, 
die unabhängig von ihm vorhanden sind; das Erkennen kommt 
auf ein Abspiegeln des draussen Liegenden hinaus, wobei dann 
freilich nicht festzustellen ist, wie weit das Spiegelbild zutrifft. 



*) .Goi'gias (s. Mullach frg. 16): ro filv slycu aapavig, fjiri tv^ov tov 
doxsly t6 &€ doxeTv aad^ivig, firi rv^ov tov ilvca. 



Subjectiv — Objectiv. 



13 



Aber n un erhebt sich doch sofort die Frage, wodurch denn das I 
DjBTik f.Ti ji|iftr}iii.iipt znr Annah m e ^^in^>R von ihm nnabhänp[ig:en Seins 
VntujmL Doch wohl, Wenn man sich nicht einfach auf das Weltbild 
der naiven Vorstellung berufen will, aus Motiven, die es in sich 
und seiner Thätigkeit findet; und wenn dies angenommen wird, 
so ist auch jene Bestimmung der Wahrheit erschüttert. Auch die 
geschichtliche Betrachtung zeigt, dass sie jener Stufe des Denkens 
angehört, wo es sich gegenüber dem Weltbilde des psychischen 
Mechanismus noch nicht zur Selbstständigkeit herausgearbeitet 
hat. Bei Aristoteles mag sie dem gesammten System entsprechen, 
während aller Zeiten mag sie immer wieder bei einem Zurück- 
sinken sich in die wissenschaftliche Arbeit einschleichen, aber schon 
fttr die Neuplatoniker, femer für die bedeutenderen Denker des A 
Mittelalters und namentlich für alle hervorragenden systematischen \ 
Philosophen der Neuzeit galt es als ausgemacht, d ass die Er - K 
kenntniss n icht als ein blosses Aufnehme n und Abspiegeln, sondern \j 
als eine innere inätigkeit anzusehen sel."*^ ) Mögen sie darin aus- f 
einander gehen, class die einen diese Thätigkeit neben die Welt 
stellen und von dieser Anstoss und Elemente verlangen, die 
andern dagegen die Welt aus dem Denken hervorgehen lassen: 
dass es sich im Erkennen um ein Innerliches handle und daher 
seine Kriterien in das Denken selbst hineinfallen, das ist ge- 
meinsame Annahme aller derer, die eine selbstständige Aufgabe > 
der Philosophie festhielten. Der deutsche Idealismus aber, in 
Hegel gipfelnd, hat in grossartiger Weise den Gedanken durchge- 
führt, Hggg ^gy p^<>fi|^,|yn|^fa ^egciisatz dcs SubJectes und Objecte s f 

e rst in der denkenden Thätigkeit entstehe , u^ddass es ein Zwang \ 
des Denkens selber ist, welcher eine Welt dem Subiect ffesren- 
üb erstellt, nich t eine von a ussen eindringende sinnliche Macht, eine 
Npth wend igkeit gegen das Denken. 

Der Skepticismus , welcher sich dem entgegenstellt, befindet 
sich in einer unhaltbaren Mitte zwischen dem Weltbilde des 



*) Schon Duns Scotus, der bedeutendste Denker des Mittelalters, 
nannte das Erkennen einen actus immanens. 



14 



Subjectiv — Objecti^. 




gemeinen Verstandes und dem einer systematisch - Wissenschaft- 
fliehen Philosophie. Jenem entnimmt er die Vorstellung, dass 
I das Erkennen an ein von ihm unabhängiges und fertig gegebenes 
ISein hinantrete, dazu aber ist durch die wissenschaftliche Arbeit 
/ der Gegensatz zwischen Subject und Object zum klaren Bewusst- 
/ sein gelangt, und nun wird das Problem der Objectivität der 
I Erkenntniss, das von vom herein zusammen mit dem Wesen 
f denkender Thätigkeit zu erörtern war, nachträglich aufgenommen 
und behandelt. Dass aber, nachdem das Erkennen lediglich 
Yom Aeussem abhängig gemacht ist, die Antwort nicht anders 
als im Sinne des Skepticismus ausfallen kann, ist nicht eben 
wunderbar, man erschliesst, was man in die Dinge hineingelegt 
hat. Diese V ermengun^: des Weltbildes zwei versch ie dener Stan d- 
punkte ist selbst in die einzelnen Begriffe eingedrungen und hat 
auch dahin Verwirrung gebracht, wo man den Skepticismus 
principiell ablehnen möchte, n^r Rp-p^rifif dfir F^fl^liftiT^iigg soll 
einmal einfach die Objecto des Denkens ohne alle Sehätzung ihres 
metaphysischen Werthes ausdrücken, dann aber bezeichnet er auch 
die Bilder, welche die draussen liegenden Dinge in uns hervor- 
rufen, und wird dadurch Werkzeug einer speoifischen und zwar 
durchaus dogmatischen Theorie von der Stellung des Geistes zur 
Welt. Wenn nun durch di ^fipn D^pp^^°inu fl*»i>^g<^J|^^^'*^^^ 
Kant und Herbart sich zu F ehlschltisse n verleiten Hessen, so 

über mannigfache Missverständnisse von"^eute 



tirfen wir uns 

nicht wundem. Mancher Forscher bildet im Denken die sinnlich 
gegebene Welt zu einer intelligiblen um, aber er vergisst, dass 
in dem Masse, als diese Umbildung fortschreitet, die ursprüngliche 
/ Fassung zerstört wird. Es bleibt das Sinnliche neben dem wissen- 
schaftlich-philosophischen Weltbilde als ein thatsächliches liegen, 
und es entstehen zwei Welten, wo es sich doch nur um zwei Arten, 
vielleicht Stufen, der Auffassung ein und derselben Welt handelt. — 
Gegenüber dem Zweifel aber, welcher der Thätigkeit des Denkens 
von vom herein nichts zutrauen will, ist auf die Arbeit der 
Wissenschaft selbst zu verweisen, wo allein er Erledigung finden 
kann; jedenfalls sollen wir uns nicht durch dogmatische Voraus- 



Subjectiv — Objectiv. 15 

Setzungen und unklare Begriffe zu jenen vagen Zweifeln bringen 
lassen, die durch Gründe nicht widerlegt werden können, weil 
sie durch keine Gründe gestützt sind. 

Aber freilich entspringt auch hier der theoretische Zweifel 
letzthin einer Unsicherheit über die Stellung des Menschen im 
Weltall überhaupt, und so müssen wir die einzelnen Punkte, 
die dafür in Betracht kommen, etwas näher in's Auge fassen. — 
Zunächst gilt unser Bild von der specifischen Beschaffenheit der 
Aussenwelt als subjectiv in dem Sinne, dass es über das innere 
Leben des Menschen hinaus keine Bealität besitze. Indem der 
Naturforscher, wie wir sahen, hier scharf zwischen dem scheidet, 
was wir in Folge specifischer Organisation gestalten, und dem- 
jenigen , was sich der wissenschaftlichen Forschung als letztes 
bietet, ergibt sich, dass lediglich Massen und Bewegungen ein e 
o biective Welt bild en^ während alles andere der Sphäre des Subjects 
angehört. Der Philosoph wird, bei sonstiger Zustimmung, hier 
nur daran zu erinnern sich gestatten, dass auch das, was also 
dem Naturforscher als objective Welt gilt, unter die allgemeinen 
Bedingungen geistiger Auffassung fällt und daher für die Philo- 
sophie einer neuen Prüfung bedarf. Auch ^aterie und Bewegung 
setzen geistige Thätigkeij; voraus und können daher nicht dem 
GeistgegfiaJllfe^r als das letzt e Wesen der Din ge hingestellt 
werden ; die objective Welt des Naturforschers ist demnach für 
den Philosophen nur ein bestimmtes System von Erscheinungen, 
die sich durch Festigkeit auszeichnen, aber nirgends die Beziehung 
auf den Geist und damit auch die Abhängigkeit von ihm verkennen 
lassen. Freilich ist die Kluft zwischen diesen Erscheinungen 
und den Empfindungsqualitäten eine unermessliche , aber ganz 
abgesehen davon, dass das empfindende Bewusstsein doch auch 
zur Welt gehört und im causalen Zusammenhange des Ganzen 
steht, weswegen etwas in ihm gesetzmässig Vorgehendes nicht 
als ein imaginäres bei Seite gestellt werden darf, so könnte, wie 
der eine aus dieser Differenz auf eine isolirte Stellung des be- 
wussten Lebens schliesst, ebenso ein anderer folgern, dass letzthin 
(las Wesen der Dinge wohl noch anders bestimmt sein müsse 



16 



Subjectiv — Objectiv. 



/ 



f 
V 



als es sich in den bewegten Massen darstellt, und es würde so 
je nach dem Zusammenhange, in den man die Daten bringt, ein 
ganz verschiedenes Ergebniss herauskommen. 

Noch tiefer dringt der Zweifel in die Auffassung des specifisch- 
geistigen Lebens selber ein. Hier, wo nicht die innem Phänomene 
an äussern ihre Stütze finden, scheint eine regellose Mannig- 
faltigkeit wie ein, stetes Fliessen der Gestaltungen eine streng 
wissenschaftliche Begreifung auszuschliessen, und so wird das 
ganze Gebiet in dem Sinne für subjectiv erklärt, dass hier nur 
individuelle Ansichten, nicht aber allgemein gültige Erkenntnisse 
möglich seien. — Gewiss ist hier der Unterschied von den Er- 
/ scheinungen der Aussenwelt einleuchtend, aber es fragt sich, ob 
jenes verwerfende Urtheil nicht eben daher rülirt, dass man 
trotz desselben die rein psychischen Erscheinungen nach einem 
Massstabe beurtheilt, der sich allein für die physischen bewährt hat. 
Die einzelnen Phänomene werden sogar oft aufgenommen, so 
wie sie sich eben bieten, das eine wird zum andern gehäuft, 
und nun erwartet man, dass ein Gesetz hervorspringe und 
das Zerstreute rasch zu einem Ganzen zusammenschiesse. Statt 
dessen beharren die Unterschiede und steigein sich zu Gegensätzen, 
die Richtungen scheinen gerade auseinander zu führen, die Ge- 
staltungen verschiedener Zeiten lassen den Zusammenhang vermissen, 
und da demgegenüber ein gemeinsames und wesentliches sicli 
nicht herausarbeiten kann, so wird das Urtheil über das Ganze 
gesprochen. Aber es ist noch nicht gesagt, dass endgültig zu 
verwerfen sei,, was nicht so aufgenommen werden kann, wie 
es sich zunächst gibt. Wenn schon auf naturwissenschaftlichem 
Gebiet die Erscheinungen umgestaltet werden müssen, ehe sie der 
wissenschaftlichen Forschung Ansatzpunkte gewähren, so gilt das 
noch weit mehr vom Geistesleben, da hier die Aeusserungen oft 
nur eine entfernte und umgebildete Folge des eigentlichen Ge- 
schehens sind. Dazu sind wesentliche Unterschiede nicht zu 
leugnen. Einmal ist das Verhältniss des Einzelnen zum Ganzen 
hier ein anderes als dort. Das Einzelne hat eine weit grössere 
Selbstständigkeit und kann daher nicht einfach als Ausdruck des 



Subjectiv — Objectiv. 17 

Allgemeinen begriffen und verhältnissmässig leicht in ein durch- 
gehendes Gesetz befasst werden; ebenso wenig aber kann es für 
sich allein behandelt werden, da es immer in Verbindungen steht 
und auf den Zusammenhang des Ganzen hinweist. Aus einer 
solchen Sachlage erwachsen Aufgaben, die fast eine künstlerische 
Tliätigkeit neben der wissenschaftlichen zu erfordern scheinen. 
Dazu kommt, dass im geistigen Leben nicht ein System gleich- 
massig beharrender Kräfte, sondeni ein werdendes und im 
Werden sich gestaltendes vorliegt. Treten hier die einzelnen 
Ergebnisse unausgeglichen neben einander, so ist ein. Chaos un- 
vermeidlich; während sobald die Forschung sich den treibenden 
Mächten und den Innern Zusammenhängen zuwendet, sehr wolil 
über allen Unterschieden sich einheitliche Ziele und durchgehende 
Grundformen herausstellen könnten, sich in scheinbar regellosen 
Gescliehnissen fortschreitende Gestaltungen erkennen lassen, die 
verschiedenen Richtungen in ihrem Verlauf sicli als in der An- 
näherung begriffen zeigen, und selbst das scheinbar feindliche der 
Zurückflihrung auf verschiedene Punkte in der Gesammtbewegung 
nicht widerstrebt. Wenn z. B. auf dem Gebiet der Etliik die 
einzelnen losgerissenen Phänomene nebeneinander gestellt werden, 
so ist es ein leichtes, Widersprüche nachzuweisen und daraus die 
Zufälligkeit der moralischen Strebungen, Urtheile und Empfindungen 
überhaupt zu erhärten. Jedoch zunächst ist das schon ein festes, 
dass überhaupt solche Thätigkeiten stattfinden, und vor dem Streit 
über das Was ist das Dass als ein gemeinsames anzuerkennen, dann 
aber wird auch der besondere Inhalt in dem Masse aufhören 
unverständlich zu sein, als das Einzelne zum Ganzen verbunden 
wird und der Augenblick innerhalb der gesammten geschichtlichen 
Bewegung seine Würdigung findet. Dabei mag bei der Schwierig- 
keit der Aufgabe zunächst ein weiter Spielraum für die Willkür 
individueller Auffassung bleiben, aber eine solche Unsicherheit 
hat doch ihren ersten Grund niclit in der Saclie, sondern in unserer 
Stellung zu ihr und darf niclit von vorn lierein die Werthschätzung 
jener beeinträchtigen.*) Wollte man überall, wo verschiedene 

♦) S. Leibnitz, 31 4a: notre incertitude ne fait rien ä la nature des choses, 

Eucken, Geschichte und Kritik. 2 



18 Subjectiv — Objectiv. 

Auffassungen möglich sind, an einer objectiven wissenschaftlichen 
Erkenntniss verzweifeln und da, wo sich nicht dem ersten Blick 
ein Gesetz kundthut, subjectiver Willkür das Feld überlassen, 
so würde die gesammte wissenschaftliche Aufgabe aufs schwerste 
beeinträchtigt.*) Die Folge wäre natürlich, dass ganze Gebiete 
von eminenter Bedeutung dem Einfluss wissenschaftlicher Er- 
kenntniss entzogen würden, und das ist ebenso bequem für die 
Individuen als gefährlich für die Sache. Nichts wegzuwerfen 
sollte der Grundsatz der Forschung sein. 

Noch . verkehrter aber ist es , die Gegensätze unserer Be- 
handlung in die Wissenschaft selbst als feste Bestimmungen 
hineinzutragen und ganze Disciplinen deshalb zu „subjectiven" 
herabzusetzen, weil wegen der Schwierigkeit der Probleme und 
der Abhängigkeit des Einzelnen von der Gesammtuntersuchung" 
hier Ansichten und Theorien zunächst auseinandergehen. Dass 
gewisse Gebiete ohne Rücksicht auf die letzten Fragen behandelt 
werden können, bringt sicherlich manche Vortheile, aber doch 
nur insoweit, als sie eben gesondert und ohne Beziehung auf 
die Gesammterkenntniss betrachtet werden. Sobald man darüber 
hinaus geht, wird das Besondere in das Schicksal des Ganzen 
verflochten, und namentlich muss die Gefährdung der Philosophie 
als der grundlegenden Wissenschaft auf die Werthschätzung der 
Ergebnisse der andern Wissenschaften zurückwirken. So stellt 
sich das Rühmen der Sicherheit einzelner Gebiete gegenüber der 
Philosophie im Grunde als ein Verzichten auf das Erkennen im 
\ Wissen dar, und die Freude an einer solchen Objectivität geht 
/ aus einer Auffassung hervor, die sich vielleicht für einen Hand- 
langer, nicht aber für einen Baumeister ziemt. Kijjz diV. Sf>hfii^^ing' 
in o bjective u nd sjibjective Disciplinen ist^zu j^erwerfen ; wohl 
sribt es verschiedene Methoden unSTverschiedene Stufen der Ge- 



*) S. Kepler, op. I, 243: Si absurdum et falsum id ceuseri debet, 
quod uni alicui hominura coetui tale videtur, nihil erit in tota physiologia, 
quod ;non pro crassissimo absurde haberi debet. Variae sunt hominum 
sententiae, varii captus ingeniorum. — Quid autem ex bis verum sit, quid 
falsum, penes vere philosophum est decernere. 



Subjectiv — Objectiv. 19 

wissheit des Erkennens , wohl kann man zunächst einzelnes für 
sich absondern, aber letzthin ist der K^^pf ^ff\ ^jpi Wahrheit mm 
iremein ^amer und damit ist auch die Gefahr dieses Kampfes 
gemeinsam. 

Das entscheidende Problem aber, das im Grunde die voran- 
gehenden einschliesst, ist das der Realität und der Bedeutung 
des geistigen Lebens überhaupt; hier hat der Zweifel seinen 
Ursprung, der dort zum Ausdruck gelangt. Nun aber ist die 
selbstständige Subsistenz des geistigen Lebens in neuerer Zeit, 
wenn wir von dem ganz rohen Materialismus, als einer unter- 
und ausserhalb aller philosophischen Forschung befindlichen Lehre, 
absehen, namentlich durch zwei Strömungen in Frage gestellt, 
eine naturwissenschaftliche, die von Baco ausgeht, und eine 
philosopliische , welche sich auf Spinoza berufen kann. Die 
Anhänger jener nehmen ihren Standpunkt in der Natur, deren 
Erforschung ihr ganzes Streben einnimmt. Hier erscheint das 
Geistige als ein draussen liegendes, fernzuhaltendes und dann 
auch bald als ein wesenloses und nichtiges ; der ganze specifische 
Inhalt des geistigen Lebens wird zu einer Art Illusion erniedrigt, 
ja manchmal sieht es fast aus, als hätten kluge Gesetzgeber 
oder gar spiritualistisch gesinnte Denker jenes ganze Gebiet 
scheinbar selbstständiger geistiger Thätigkeit erfunden und den 
andern eingeredet. Solche Meinungen können freilich nur da sich 
halten, wo die Natur der Welt und die Naturwissenschaft der 
Pliilosophie einfach gleich gilt; wo immer Blick und Aufgabe 
sich erweitern, wird das specifisch Geistige als ein zur Welt 
gehöriges Anerkennung finden müssen. Denn dadurch, dass etwas 
im Geist gegeben, ist es auch im Universum gegeben und somit 
gegen einen einfach verwerfenden Machtspruch geschützt. Man 
mag die Welt begreifen wie man will, sobald mit dem Gedanken 
eines durchgehenden Causal zusamm enhanges Ernst gemacht wird, r (^^T'^'^ 
muss der Geist in den Bau des Ganzen aufgenommen werden;^ ^r»^''^ * 
und bei seiner Auffassung mit in Anschlag- kommen. Selbst wenn 
er nur als Erzeugniss physischer Kräfte anzusehen wäre, so kann 
doch ein solches nicht plötzlich und unvermittelt, wie ein deus 

2* 



20 



Subjecriv — Objectiv. 



I 



ex macliina, hervortreten, sondern die Grimdkräfte müssen ihrer 
allgemeinen Beschaffenheit nach so begriffen werden, dass dieses 
vorliegende Endergebniss als möglich erscheint. Es ist einmal 
rein methodologisch ein Fehler, die Vorstellungen von der Welt 
zunächst von dem Ungeistigen aus zu bilden und dann nach- 
träglich den Geist als eingelegtes Stück einzuschalten. Denn das 
Weltall Jsjt, wi€-Ar4stoteles mit Eecht bemerkt^ nJchJLggisodenhaft 
wie e i ne ^fthlf ehte Trag -odie^ und es kommt eine der Art motivirte 
Leugnung der Realität des geistigen Lebens lediglich auf die 
Schuld des Beobachters, der seine Begrifife zu eng nimmt, um 
das Ganze zu umfassen, und der die Idee eines durchgeliendea 
Causalzusammenhanges in der Forschung nicht festzuhalten vermag. 
. Die philosophische Richtung aber, welche zu einer Be- 
zweiflung der Selbstständigkeit des specifisch- geistigen Lebens 
führt, hat ihren Höhepunkt in Spinoza en-eicht. Wir sahen schon, 
wie ihm von vorn herein eine solche Tendenz fein liegt, aber 
der speculative Gedanke ist nicht kräftig genug, sich durchzusetzen, 
und die Wirkung der letzthin ausschlaggebenden materialistischen 
Sätze ist um so grösser, da mau nach den Voraussetzungen das 
philosophische Problem gelöst glaubt. Sobald sich einmal die 
Sache so stellt, dass der Geist nichts anders ist als Bewusstsein 
von einem ausser ihm Liegenden und unabhängig von ihm 
Vorhandenen, ist er aller selbstständigen Bedeutung entkleidet. 
Denn nun erhält alles, was in ihm vorgeht, Realität und Werth 
erst durch das Verhältniss zum Aeussern, alles was sich im Für- 
sichsein bildet, ist als Illusion verurtheilt. Etwas dem Innern 
für sich zuschreiben, heisst es für ein Phantom erklären, und 
dem entsprechend werden mit eiseiner Consequenz alle specifischen 
Lebensformen des Geistes, die Werthbestimmungen, Zwecke u. s. w., 
als Trugbilder aus der wirklichen Welt verbannt.*) Diese Lehre, 



*} Rein begrifflich und im Zusammenhange des Systemes angesehen 
lag der Fehler Spinoza's darin, dass er den Geist als Bewusstsein nicht 
auf die absolute Substanz, wie es die Voraussetzungen forderten, sondern 
auf die Körperwelt bezog, und damit diese dem unendlichen Sein substituirte. 



Subjectiv — Objectiv, 21 

die zuerst heftig zurückgewiesen*), dann aber in idealisirender 
Umdeutung gepriesen war, ist jetzt ohne die Einschränkungen, 
die sie immerhin bei Spinoza erfährt, und ohne den speculativen 
Grund, auf dem sie bei ihm ruht, die Ueberzeugung weiter 
Kreise geworden; nicht wenige Forscher halten es in dieser 
Weise allein für möglich, das Geistige anzuerkennen, ohne eine 
exacte und causale Weltbegreifung zu gefährden. Aber dieser 
ganzen Lehre liegt ein tiqiotov xbavdog zu Grunde : die Auffassung 
vom Inhalt des geistigen Lebens selber, jene Auffassung, di e 
Gei st und Bewusstsein pfleichsetzt. Ob die Stellung des Bewusst- 
sems zu den Objecten, wie sie bei Spinoza angenommen wird, 
nicht innere Widersprüche berge, das. gehört nicht hierher; für 
uns genügt die Thatsache, dass d ^r Geis t nicht in ein blosses 
Bewusstsein von Aeusserem aufgeht, sondern dass er eine innere 
Welt für sich, ein „Fürsichsein" bild et, i n dem erst das Be- 
wusst sein auftritt imrl Rftflp.^|||]y)ff, p^pwinnt So gehören auch 
jene J^'ormen geistigen Lebens, welche Spinoza bekämpft, nicht 
bloss dem Bewusstsein und noch weniger der blossen Reflexion 
an, sondera sie durchdringen das gesammte Sein und sind in 
dieser Grundgestalt von dem Streit der Meinungen durchaus un- \ 
abhängig. Nic ht erst (^er r^flect irende Kopf ersi nnt_jf£firtllbe' 
Stimmungen ug j^Zwecke^ßjjiidßrn JiifiSfillifia, beherrschen v^jx, . Aa- 
fang,- an das menschliche Leben und zeigen sich selbst weit darüber / 
hinaus in allem Seelischen wirksam. Der Reflexion und dem i 
Irrthum unterliegen nur die besondern Gestaltungen, welche diese ! 
Grundformen im bewussten Leben annehmen, hier mag die Kritik 
des Philosophen einsetzen und reichen Stofif finden; aber daraus, 
dass sich hier zahllose Fehlschlüsse, Erschleichungen und Ueber- 
griflfe nachweisen lassen, rechtfertigt sich nicht im mindesten das ' 
verwerfende Urtheil hinsichtlich jener Grundformen selber. Und 
dazu muss auch zwischen Bewusstsein und Reflexion genauer 
unterschieden werden als es jetzt gewöhnlich gethan wird; die 



*) Und zwar nicht* nur von glaubenseifrigen Theologen, sondern auch 
von Männern wie Leibnitz und Bayle. 



( 



22 Subjectiv — Objectiv. 

Reflexion ist es, die recht eigentlicli mit mannigfach vermitteltem 
und abhängigem zu thun hat und daher auch fortwährend IiTungen 
unterworfen, Zweifeln und Angrififen ausgesetzt ist So weit das 
reflectirende Urtheil reicht, so weit reicht auch der Streit der 
Parteien, und hier, wo es sich um Meinungen und Deutungen 
liandelt, muss allerdings die Wissenschaft manches für subjectives 
Gebilde erklären, von dessen Realität das naive Bewusstsein tiber- 
zeugt ist; aber solche Zweifel und Kämpfe berühren doch nur 
die Oberfläche, nicht die Tiefe geistigen Lebens. — Und selbst 
das, was, so wie es sich gibt, nicht beibehalten werden kann, 
darf nicht einfach als ein subjectives weggeworfen, sondeni muss 
vielmehr auf seinen Grund zurückgeführt werden. Man ist einmal 
damit nicht fertig, dass etwas f|ir Schein erklärt wird, denn 
auch der Schein fordert Erklärung und selbst die Irrung weist 
doch letzthin immer auf ein wahres hin. Vielleicht ist der alte 
Paracelsus hier an Tiefe manchen subtilen Köpfen der Gegen- 
wart überlegen, wenn er meint (Ausg. von Huser, II, 248): 
„Es mag auch kein Schatt nit sein, und so viel nit, du hast der- 
selbigen Sonnen nit, die da Schatten machte." — Sobald aber das 
Fürsichsein des geistigen Lebens anerkannt ist, bedarf es, um 
als real zu gelten, nicht erst einer Bestätigung von aussen; erst 
wenn es sich darum handelt, in systematischer Weltbegreifung 
Geist und Natur zu verbinden, kommt das gegenseitige Ver- 
hältniss und die Bedeutung eines jeden für das Ganze in Betracht. 
Eine solclie Frage wird sich freilich, so wenig sie mit der 
vorangellenden vermengt werden darf, nach ihr nicht abweisen 
lassen. Mögen manche Stimmen sich dahin geäussert haben, 
dieselbe sei für uns durchaus transseendent, und es sei ja auch 
praktisch gleicligültig, welchen Wertli unser Leben über uns 
hinaus habe , da wir doch immer in dem eignen Kreise blieben ; 
trotzdem sind gerade die bedeutendsten Denker immer wieder 
aus innerer Nothwendigkeit zu diesem Problem zurückgekehrt, 
ja zurückgetrieben. Der Geist hat einmal die Gesammtwelt zum 
Inhalt seiner Thätigkeit, auf die Aufklärung seiner Stellung zu ihr 
verzicliten, bedeutet daher für ihn nichts anderes, als au der 



Subjectiv — Objectiv. 23 

ErkenntniBs seiner selbst und seines Lebens verzweifeln, und 
so , wenig er dies endgültig thun wird , so sicher wird er immer 
wieder zu dem Weltproblem zurückkehren, um dureli das, was 
er hier erringt, seiner selbst theilhaftig zu werden. Allen Be- 
denken gegenüber wird immer wieder das durchschlagen, was 
Sehelling (s. Werke, VI, 75) geltend macht: „Soll denn der Geist 
überhaupt nach Ergründung dieses Verhältnisses (d. h. des Menschen 
zum Universum) streben? Ich antworte: wenn er nicht soll, so 
muss er wenigstens. Er hat von jeher darnach gestrebt, und 
wird auch künftig darnach streben." 

Daher ist auch der in neuester Zeit wieder aufgenommene 
Vermittlungsversuch, die Geisteswelt neben der Natur stehen zu 
lassen, ohne das Verhältniss beider zu bestimmen, wenn er 
als abschliessende Weltauffassung gelten soll, unmöglich aufrecht 
zu erhalten. Da s Denken erträgt in der einen Welt n\ o H\t zwe i 
Arte n der Realität , schliesslich wird immer das eine das andere 
zurückdrängen, und da hier das Geistige weit leichter in Nachtlieil 
geräth und zu einer blos subjectiven Welt verflüchtigt wird, so 
gereicht eine solche Unsicherheit und Unbestimmtheit nur ihm zu 
Schaden. Und selbst die Unsicherheit kann eben auf diesem 
Punkte, wo die Ueberzeugung grosse und schwer zu erregende 
Kräfte erwecken möchte, durchaus nicht ertragen werden. Ja 
selbst wenn man sich dabei beruhigen wollte, dass die geistige 
Welt ein Traum wäre, schon die Möglichkeit des Zweifels zerstört 
die naive Hingebung an die Illusion. Und doch könnte die 
Idealwelt, welche die Phantasie als Elysium ausmalt, nur so lange 
uns erquicken, als sie für volle und ganze Wirklichkeit gülte, 
als erkanntes Trugbild wäre sie die grösste Qual für die Mensch- 
heit und daher unbedingt zu entfernen. 

So lässt sich das Problem weder bei Seite schieben noch um- 
gehen, und es wird die Arbeit der Philosophie immer wieder zu 
ihm zurückkehren. Unsere Aufgabe aber beschränkt sich darauf, 
die Vorurtheile zu bezeichnen, welche heute einer unbefangenen 
Behandlung sich in den Weg stellen. — Zunächst scheint manchem 
allein deswegen das geistige Leben unwichtig, weil es seiner 



24 Subjectiv — Objectiv. 

äusseren AuBdehnung nach dem unendlichen Uniyersum gegen- 
über zu yersehwinden seheint. Schon Kepler bekämpfte eine solche 
Auffassung, gerade in der unermesslieh erweiterten Welt schien 
ihm das äusserlich Kleine mit seinem Inhalt besonders be- 
wunderungswürdig, und er meinte, dass aus der Masse nicht auf 
den Werth geschlossen werden dürfe.*) Aber jetzt scheint 
manche der Blick in die Unendlichkeit zu verwirren, und sie 
sind geneigt, den unvermeidlichen Fehler der Vorstellung den 
Dingen selbst zukommen zu lassen. Weil unserem Blick neben 
der Unendlichkeit das Einzelne . verschwindet , und weil wir das 
innerlich WerthvoUe nicht gleichmässig mit den Zeit- und Baum- 
grössen ausdehnen können, ist darum noch nicht schlechthin alles 
Einzelne und Innere verschwindend und werthlos. Dem äusseren 
Umfang nach aber Geist und Natur gegeneinander abzumessen, 
wäre doch wohl ein geradezu thörichtes Unternehmen, Denn ab- 
gesehen davon, inwiefern wir den zufälligen Bestand der sich 
uns bietenden Erfahrung als massgebend ansehen dürfen, so würde 
derjenige, welcher aus inneni Gründen das Geistige als einzigartig 
erachtete, durch die Seltenheit lediglich in dieser Werthschätzung 
r>r vv^ c tt Lbßst^i'kt werden; wer es aber in eine streng causale Verknüpfung 

mit dem andeni Sein brächte und an der Gleichartigkeit alles 
Geschehens in der Welt festhielte, der würde es über das er- 
fahrungsmässig Vorliegende auszudehnen nicht ablehnen können. 
Und das alles bei Seite gelassen, wie würde man über einen 
Physiker urtheilen, der unzweifelhafte Phänomene, die aber seinen 
Hypothesen widersprächen, deswegen glaubte ignoriren zu dürfen, 
weil sie selten vorkämen? 

Ein fernerer Einwand, dass das geistige Leben als ein erst 
im weltgeschichtlichen Verlauf hervortretendes, sich gestaltendes 



♦) Kepler, op. I, 68: At hercle recreat rae non leviter dum perpendo, 
non tarn debere nos mirari ingentem et infinitae similem Ultimi coeli 
amplitudinem , qnam e contra nostrum homnBcionum nostraeqne Imjus 
cxilissiraae glebniae adeoque mobilinm omninm exiguitatem. Nempe Deo 
Dumdus non est vastus , at nos mundo, me Christe, perqaam exigui sumns. — 
Neque ex mole Judicium est de praestantia faciendum. 



Subjectiv — Objectiv. 25 

und dabei mannigfach schwankendes selbstständiger Eealität 
entbehre, wird schon zum Theil durch das getroffen, was oben 
über die Erkennbarkeit der geistigen Vorgänge bemerkt wurde. 
Es darf Iiinzugefügt werden, dass aus der allmählichen Bildung 
an sich nicht im mindesten folgt, etwas sei im Weltall nur Neben- 
ergebniss und nur eine vorübergehende Erscheinung, denn ob es 
in dem Process erst nachträglich entsteht oder von vom herein ihn 
mitbestimmt, steht eben in Frage. Würde man allem Sein, das 
erst in dem weltgeschichtlichen Gange seine nähere Gestaltung 
erhält, eine geringere Eealität zuschreiben als dem unabänderlich 
Beharrenden, so wäre damit die ganze Bedeutung des VVelt- 
processes und der Entwicklung zerstört und nicht blos das Geistige 
zu flüchtiger Ei'scheinung herabgesetzt. Wer immer in dem Be- 
grifl" der Entwicklung die Merkmale des Causalen und Gesetzlichen 
festhält, der wird vielmehr geneigt sein, das, was in der Be- 
wegung sich bildet, als das eigentlich werthvolle zu betrachten. 

Aber, so hören wir bemerken, das geistige Leben tritt nicht 
nur spät und vereinzelt in das Weltgeschehen ein, sondern es ist aus 
sehr verwickelten Bedingungen und mannigfacher Zusammensetzung 
hervorgegangen und daher weit mehr abhängig und unbeständig, 
als die einfachen Elemente, die der Verknüpfung zu Grunde liegen. 
Und da als wissenschaftlicher Grundsatz gilt, in der Erklärung vom j 
Einfachen zum Zusammengesetzten fortzuscli reiten, so wird man 
auf keinen Fall vom Geist bei der Weltbegreifung ausgehen dürfen. \ 
Diese ganze Beweisführung ruht jedoch auf einer dogmatischen 
Gleichstellung der in die Erscheinung fallenden Thätigkeit des 
Geistes und seines selbsteignen Wesens. Jene Thätigkeit setzt 
freilich eine Organisation voraus, die als sehr complicirt und 
mannigfach zusammengesetzt angesehen werden muss, aber darum 
muss doch nicht in der Philosophie der Geist selber, d. h. eben 
das Sein, welches einzig und allein unter dem uns zugänglichen \ 
eine innere Einheit besitzt' und daher jeder metaphysischen Be- 
trachtung als am meisten real gilt, für etwas zusammengesetztes 
erachtet werden. 

Wenn freilich, wie es jetzt fast durchgehend geschieht, der 



\, 



26 Subjectiv — Objectiv. 

Gegensatz des Niedeiii und Hohem dem des Einfachen und Zu- 
sammengesetzten gleichgestellt wird, so muss man das Höhere 
als das abhängige ansehen und es aus dem Niedeni ableiten, 
aber eben in jenem Urtheil liegt schon eine bestimmte Theorie 
ausgedrückt, die denn doch nicht selbstverständlich ist Em- 
pedocles und Demokrit mögen ihr zustimmen, dem Flatonismus 
dagegen bildete gerade umgekehrt die höchste Stufe das einfache 
und rein ausgeprägte, das Niedere erschien als ein gehemmtes, 
verworrenes und erst nach und nach aus dem Druck sich zur 
Freiheit emporringendes. Auch hier kann eine allmählige Ent- 
wicklung vollauf gewürdigt werden, aber in ihr würde das Niedere 
vom Hohem aus zu begreifen sein.*) 

So beruht tiberall die Geringschätzung des geistigen Seins 
und Lebens auf Annahmen, die innerhalb begrenzter Gebiete und 
auf die Erscheinung bezogen ihre volle Berechtigung haben mögen, 
die aber, sofern sie mit dem Anspruch abscihliessender philo- 
sophischer Erkenntnisse auftreten, als dogmatische Voraussetzungen 
zurückzuweisen sind. Dass aber solche dogmatische Voraus- 
setzungen auch in der Wissenschaft einen so grossen Einfluss 
erlangen konnten, liegt zum guten Theil darin, dass auf der andern 
Seite das Grundstreben der neu ern Forschung, das Geistige ais ein 
kosmisches und das Menschliche als ein Gllea des Universums zu 
fäSSen, %enri nicht aufgegeben , so doch nicht kräftig genug 
verfolgt wurde. Fortwährend sehen wir selbst im wissenschaft- 
lichen Kampfe das Weltbild, welches der Geist nach den un- 
mittelbar im Bewusstsein hervortretenden Tendenzen und Postulaten 
gestaltet, unbedenklich als Begreifung der objectiven Welt hin- 
gestellt, während doch, was so im Bewusstsein vorliegt, gewöhn- 
lich erst durch mannigfache Vermittlung und Umbildung in die 
Gestalt gekommen, in der es sich uns jetzt bietet, und so wieder 
eingreifender Umarbeitung bedarf, um für die Wissenschaft über- 
haupt verwendbar zu werden und einen Baustein zum Ganzen zu 



', *) S. z. B. Aristot. , 1252 b 32: jy (pvaig xkXog lariv' oiov yaQ txccaroy 

laji riig yiviattag XE'kiad-iiarig , ravTrjy qjctfAty rriv cpvaiv ilvai ixnarov. 



Subjectiv — Objectiv. 27 

liefern. — Und dann gibt das Menschliche niclit das Mass fttr 
das Universum. Wenn sich von jenem als einem Höhepunkte aus 
neue Blicke in das Ganze eröffnen und insofern ein Umschwung 
in der gesammten Weltanschauung eintritt, so setzt dies eben eine 
Erhebung über das ausschliessend-specifische, damit aber theore- 
tisch und praktisch eine andere Stellung zur Welt voraus, als 
es in der Vergangenheit der Fall war. Auch die Berufung auf 
angebliche praktische Interessen gegenüber den Ergebnissen der 
Theorie ist hier oft nur ein Umweg, um nichtverificirte Auf- 
fassungen als wissenschaftlich unantastbar hinzustellen. Wohl 
müssen die Phänomene des handelnden Lebens eine Erklärung 
und Würdigung innerlialb der Tlieorie finden, aber dies muss im 
Zusammenhang des Ganzen und unter den allgemeinen Be- 
dingungen der Erkenntniss geschehen. Die neuere Wissenschaft 
ist allen Privilegien abhold, wer ein solclies in Anspruch nimmt, 
scheint nur die Schwäche seiner Stellung zu verratlien. 

Wie viel Wahrheit sich inzwischen über und in dem Kampfe 
der Irrungen herausgearbeitet hat, das zu erörtern liegt hier nicht 
in unserer Aufgabe. So viel dürfte aus den vorhergehenden Be- 
trachtungen erhellen, dass das wissenschaftliche Bewusstsein in 
mannigfaclier Weise unter dem Einfluss eines subjectivistischen 
Skeptioismus steht, vielleicht aber auch dieses, dass die Gründe, 
auf welche sich^ derselbe stützt, für sich betrachtet sachlicher Kraft 
in hohem Grade entbehren. Aber eben diese Schwäche der Gründe 
weist darauf hin, dass wir es hier nicht so sehr mit einer wissen- 
schaftlichen Theorie, als mit einer grossen weltgeschichtlichen 
Strömung im Gesammtleben zu thun liaben. Und darum hängt 
auch das Gelingen des Kampfes für eine über jene Irrungen 
sich erhebende Wahrheit von Bedingungen ab, die keine wissen- 
schaftliche Forschung schaffen kann; von H^iyi aifl.||hP|] (jf^ 
Geistes ap siVli selhat . von dem Bewusstsein positiver und im 
Weltall werthvoller Aufgaben. Sobald hier Zweifel und Verneinung 
herrscht, ist die Wissenschaft machtlos, denn sie selbst fällt mit 
ilirem ganzen Inhalt in das hinein, was der Zweifel erschüttert 



Erfahrung. 



Scientia }st die Mutter 
der Experientz und ohne 
die Scientia ist nichts da. 

ParäcelsuB. 

Der Begriff der Erfahrung hat seit dem berühmten Worte 
des Polus*) mannigfache und wechselnde Schicksale gehabt. 
Bei Plato und Aristoteles steht die hfineiqia der Wissenschaft ge- 
radezu gegenüber, jener verbindet ^finsiQia und tqi^^ und 
Aristoteles, der sich eingehender mit dem BegriflF beschäftigt und 
auch wohl zuerst die Ausdrücke ^ixnsiqixog {ifjtTTsiQixcog) gebildet 
hat, versteht unter ifjtJtsiQia nichts anderes als die Summirung 
einzelner Einsichten, ohne Erkenntniss des Allgemeinen, so dass 
sie darnach natürlich nur eine Vorstufe zur Wissenschaft bilden 
kann.**) Erst bei den Stoikern wird die wissenschaftliche Er- 
fahrung (^(iV7T€iQia (xe^oSiKi]) bestimmt von der gemeinen unter- 
schieden, wie dies namentlich bei dem sich in Anschauung und 
Sprachgebrauch eng an dieselben anschliessenden Polybius hervor- 



*) S. Plat. Gorg. 44SC: noTiXal xi^vai lu dy&QMTioi^ tialv ix r<av 
ifjtneiqiMP IfÄntiqiag svQrjfdiycci. IfjLntiqia fjilv yctQ noul top aiMva rjfAuiir 
TtoQivea&ca xccrd xs^vriv, fmeiQia &k xard xv^riv, 

**) S. Met., 981a 7: x6 ^iv iX^t'V vnoXrixpiv Öri KaXUt^c xufAvovxt 
xrjyM xriv voüov xo&i avurivEyxE xal ütaxqdxBi xcd xad^ txaaxoy ovxio noXXol^r 
IfjLTiUQias ioxly' x6 cT'or« Tidai xols xototat^s x«r tl&og ty cc(poQiad-tlci, 
xdfiyovai xtiy&l xrjy yoaoy, cvytjyeyxty oioy xols' q)Xeyfj.ccx(ü&€aiy ^ ^oXiaStaiv 
ri nvgixxovai xavat^, xi^t^i^» 



Erfahmng. 29 

tritt.*) Doch scheint sich dieser Teiminus nicht allgemein durch- 
gesetzt zu haben, namentlich verharrten wohl Platoniker und 
Peripatetiker bei der aristotelischen Bestimmung, und so blieb es 
bis in die letzten Zeiten streitig, ob man die ifinsiQia der t^x^'tj 
gleichstellen dürfe oder nicht**) Auch in dem Streit der medici- 
nischen Secten ward als Kennzeichen der Empiriker angesehen, 
dass sie auf eine tiefere Erforschung der Gründe verzichteten. ***) 
Diese Bedeutimg, wonach die Empirie der Wissenschaft 
entgegensteht, ist vornehmlich in dem Wort empiricus auf das Mittel- 
alter übergegangen und wirkt bis auf die Gegenwart fort. Baco trennt 
den Standpunkt der Empiriker sehr bestimmt von dem seinigen, im 
1 8. Jahrhundert finden wir öfter eine empirische oder gemeine und 
eine gelehrte Erfahrung gesondert und auch bei Kant ist ein Unter- 
schied zwisclien dem Empirischen und der Erfahrung im strengen 
Sinne zu bemerken. Auch das Partei wort Empirfsmus, das, 
wenngleicli dem 1 8. Jahrhundert entstammend und bei Kant nicht 
selten verwandt, namentlich durch Schelling in weitem Gebrauch 
gekommen sein dürfte, soll die bezeichnete Ansicht als eine niedrigere 
erscheinen lassen, ""Efinsigia selbst aber ward durch. experientia 
ersetzt, das einige Zeit auch bei uns, z. B. bei Paracelsus, Kepler u. 
a., Eingang erhielt (Experientz) ; das Mittelalter bildet auch den 
Plural experientiae Erfahrungen, so z. B. Roger Baco ; der Terminus 
scientia experimentalis findet sich schon bei Nikolaus von Kues. 



*) S. I. 84, 6, wo die IfAnu^ia /ue&o^ixrj xai aTQarrjyixrj ^vvafjtig der 
antiQln xal TQißr; äXoyos atQarttonxrj entgegengestellt wird; ferner IX, 
14, 1: TMy dh nQOHQrif.tivo}v xa ^\v ix rgiß^g, xa d'l^ laxoQia^, r« (ff xax 
IfinH^iav fxt^odixiiv ^eMQtlxai, 

**) S. Sextiis Erap. adv. math. 1, 60, avo als Meinung des Peripa- 
tetikeis rtoleinlius angeführt wird: oxi ovx ixQn^ l/uneiQiay iiQtjxiyai xtjy 
yqafjifjiaxixriv {ccvxr} fjilv yäq tj ijLineiQia xqißfi xig taxt xal Iqyaxig axij^vog 
rt xal aXoyog, iy xpiX^ nagccxrjQrjati xni (SvyyvfJLV€tai(jf, Xit/usyri, rj de yqafXfjiaxixii 
xi/yr; xaS-iaxijxty). Bei Olympiodor wird tfAnn^ixog dem Xoyixog entgegen- 
gestellt, 8. Ausg. von Creuzer 135: ovdi diafpigti 6 oQ&odo^aaxixog xov 
iniaxrifAoyoSt ii fAi] xo ildivai xr^y (dxiay äantQ ov&h 6 Xoyixog iaxQog xov 
ifjiTitiQixjv &u((piQii' iy xjj TiQce^ti yccQ r« ccvxa noiovaiy» 124. 

***) S. darüber Häser, Gesch. der Medicin, 3. Aufl. I, 245 ff. 



30 Erfahrung. 

Unser deutsches Wort ervam (eigentlich durch varn erreichen 
erkunden) geht sehr weit zurück, schon bei dem ältesten philo- 
sophischen Schriftsteller deutscher Sprache, bei Notker, findet 
sich comprehendere also übersetzt , im Mittelalter ist der Ausdruck 
gebräuchlich, auch Erfahrung (ervarunge) kommt hier, dann aber 
namentlich bei Luther vor. Streng wissenschaftlich verwandt ist 
Erfahrung neben Erfahniuss und dem vorherrschenden Erfahrenheit 
zuerst bei Paracelsus. Erfahrenheit bedeutet ihm sowohl die 
Thätigkeit in der Aufnahme des Vorliegenden als die Gesammtheit 
des Gegebenen selber.*) Dieser Ausdruck, den auch Kepler u.a. 
älmlich verwenden, nahm später eine engere Bedeutung an**), 
und da Erfahrniss und Experientz ausser Gebrauch kamen, so 
ist allein Erfahrung tibergeblieben, das nun mannigfache Be- 
deutungen in sich vereinigt. Es wird auf der einen Seite subjectiv 
der Act der« Wahrnehmung selber, die durch Wahniehmung er- 
worbene einzelne Kunde und die Gesammtheit solcher Kunde, 
sodann aber objectiv der Gegenstand der Wahrnehmung***) 
und die Gesammtheit des der- Wahniehmung zugänglichen damit 
bezeichnet; welche Mannigfaltigkeit der Bedeutung fortwährend be- 
griffliche Verwirrungen veranlasst. 

Problem philosophischer Forschung ward der Begriff natürlich 
überall da, wo die Frage nach dem Ursprung der Erkenntniss 
erwogen wurde, aber zu einem Mittelpunkt philosophischer Thätig- 
keit ward diese Frage erst in der Neuzeit. Eine empirische 
und eine speculative Richtung wirkten hier zusammen, die Lage 
gegen früher umzugestalten. Einmal maclite sich gegenüber der 
mittelalterliclien Weltansicht der Drang geltend, das Thatsächliche 
unbefangener und genauer zu erfassen, es scharf von aller Zuthat 



*) S. III, 78: Weg der Erfahrenheit; II, 380: Erforschung der 
Erfahrenheit. 

**) Adelung bemerkt, nachdem er die jetzt vorherrschende Bedeutung 
angeführt: „Im Oberdeutschen wird dieses Wort auch für Erfahrung ge- 
braucht. Ich habe es aus Erfahrenheit." 

***) So namentlich zu der Zeit, als der Ausdruck „Thatsache" noch 
nicht gebräuchlich war. 



Erfahrung. 31 

des aufnehmenden Subjeetes zu scheiden und auf dem Gewonnenen, 
als einem sichern Grunde, die Wissenschaft neu aufzubauen. Wenn 
man sich erinnert, dass gleichzeitig mit den Forschungen eines 
Baco ein formal so bedeutender Denker wie Suarez eingehende 
Untersuchungen über den Verstand der Engel anstellte, so steht 
die ganze Grösse des Umschwunges vor Augen. Die Aufnahme 
des Thatsächlichen war nun aber isowohl durch die schon be- 
gonnene Zerstörung des herkömmlichen Weltbildes als die Erfindung 
wissenschaftlicher Instrumente eine unendlich schwierigere Aufgabe, 
als sie bis dahin geschienen hatte, und es musste daher von vom 
herein der Begriff der Erfahrung vertieft werden. 

Baco gebührt das Verdienst, die aus einer solchen Saclilage 
erwachsenden Probleme, wenn auch keineswegs gelöst, so doch 
mit zündender Lebhaftigkeit zum Bewusstsein gebracht zu haben. 
Er trennt aufs schärfste das, was das gewöhnliche Leben Er- 
fahrung nennt (die experientia vaga), von der für die Wissenschaft 
allein werthvollen und stellt die wesentlichen Merkmale der letzteren 
zusammen; er verlangt eine eigentlich gelehrte Erfahrung (eine 
experientia literata), wobei der eine dem andern die Beobachtungen 
und Ergebnisse übermittle, auf dass sich eine continuirliche Ge- 
sammterfahrung der Menschheit bilde; er entwickelt zuerst die 
Grundsätze und Probleme inductiver Methode und dehnt dieselbe 
auf alle Gebiete der Forschung aus, so dass er seine Philosophie 
eine inductive *) nennen und eine Neugestaltung, aller Wissenschaften 
einleiten kann. 



*) Nov. org. I, 127: Etiara dubitabit quispiam potias quam objicie(, 
utmm nos de natural! tautum philosophia, an etiam de scientiis reliquis, 
logiciSy ethicis, politicis, secundum viam nostrani perficiendis loquamur. 
At nos certe de universis haec quae dicta sunt intelligimus , atque 
quemadmodum vulgaris logica, quae regit res per syllogismum, non tan tum 
ad naturales ) sed ad omnes scientias pertinet, ita et nostra, quae procedit 
per inductionem, omnia complectitur. — Philosophia nostra inductiva s. z. B. 
thema coeli zu, Anfang. Die Induction ist übrigens als eigenartige Methode 
zuerst von Sokrates angewandt (s. Arist. Met. 1078 b, 27), Bezeichnung 
{knayioyti und inaxtixog) wie genaue Untersuchung erhielt sie bei Aristoteles, 
die üebersetziing stammt von Cicero. 



32 Erfahrung. 

Diese inductive Eichtung wird aber durch eine speculative 
ergänzt, welche die ganze Stellung des Denkens zur Welt umgestaltet 
und die Aufgaben der Wissenschaft wesentlich ändert. Die 
Forschung geht von dem Gedanken aus, dass wir die Dinge nicht 
kennen, insofern sie überhaupt sind, sondern nur dadurch, dass 
sie in uns und auf uns wirken, wir dürfen daher in der 
Erklärung nicht über die Thätigkeit hinaus zu einem, jenseits 
Liegenden fortgehen, sondeni haben darnach zu streben, die 
mannigfachen Erscheinungen auf einfache in der Wirklichkeit 
nachweisbare Grundkräfte zurückzuführen und sie wieder von 
diesen gesetzmässig abzuleiten. Diese Eichtung, welche sich schon 
bei hervorragenden Denkern der Uebergangszeit, unter den Deutsehen 
z. B. bei Nikolaus von Kues, Nikolaus Taurellus, Kepler, bemerk- 
lich macht, gelangt bei Cartesius zu einem classischen Ausdruck. 
Hier werden geradezu die alten Kategorien durch neue ersetzt. 
Wir kennen nach ihm im Grunde nur Kräfte, müssen aber da, 
wo wir eine einfache Kraft finden, die Substanz als einen 
Hülfsbegriflf hinzudenken. Die Qualitäten, welche als kleine Seelen 
der Substanz innegewohnt hatten und als verborgene Eigen- 
schaften (qualitates occultae) ein Hemmniss exacter Erkenntniss 
gewesen waren, machen den Modificationen (modi, modificationes) 
Platz, die erst im Zusammensein sich bilden und nur eine bestimmte 
Gestalt der Grundkraft ausmachen.*)- Diese neuen Lehren be- 



*) Princ. philos. I, § 52 : Non potest substantia primum animadverti ex 
hoc solo, quod sit res existens, quia hoc solum per se nos non afficit : sed 
facile ipsam agnoscimus ex quolibet ejus attributo etc. § 53: Et quidem 
ex quolibet attributo substantia cognoscitur: sed una tarnen est cujusque 
substantiae praecipua proprietas, quae ipsius naturam essentiamque con- 
stituit et ad quam aliae omnes referuntur. Da so der Substanzbegriff 
nicht weiter reicht als die Thätigkeit, so muss die Substanz als fort- 
während wirkend gedacht werden, s. z. B. epist. II. Bd., 4, 14: necessarium 
videtur ut mens semper actu cogitet: quia cogitatio constituit ejus essentiam, 
quemadmodum extensio constituit eesentiam corporis Als eines der beiden 
leitenden Principien seiner Physik wird epist. II, 116 bezeichnet : me nullas 
in natura qualitates reales supponere, quae substantiae tribuantur, tanquam 
animulae quaedam corporibus suis, et quae possint ab illa per divinam 



Erfahrung. 33 

wegen sich freilich bei Cartesius, seiner Eigenthtimlichkeit erit- 
sprecliend, vorwiegend in den Formen alter Terminologie, aber 
trotzdem lässt sich nicht verkennen, dass hier eine principielle 
Neubildung vorgegangen ist, welche alle Wissenschaften ergreifen 
und die ganze Art der Arbeit umgestalten musste. Es kam 
nun vor allem darauf an, die einfachen Kräfte zu ermitteln, 
das Mannigfaclie der Erscheinung auf sie zurückzuführen und die 
Bedingungen festzustellen, unter denen die besonderen Grestaltungen 
sich in dein Zusammensein der einzelnen Kräfte ergeben. Diese 
gesammte Lehre ist nicht über alle AngriflFe erhaben, sie berulit 
auf einer bestimmten Theorie von der Welt und der Stellung 
des denkenden Subjectes zu ihr, aber sie erhielt zunächst eine 
glänzende Bekräftigung durch die mechanische Naturlehre, und 
indem sie dann sich überall durchzusetzen suchte, hat sie gerade- 
zu die Arbeit des 17. und 18. Jahrhunderts beherrscht, bis sie 
durch Kant innerhalb der Philosophie die erste Erschütterung erlitt. 
In dem wissenschaftlichen Grcsammtleben wirkten nun in- 
ductive und speculative Richtung auf einander und förderten 
sich gegenseitig; die eine hält den Forscher am Gegebenen 
fest und dringt auf Fülle des Stoffes, die andere dagegen ist 
für die Werthschätzung des Gregebenen und seine Verarbeitung 
massgebend, und so steigert das eine das andere. Eben diese 
enge Verbindung von beiden war es, welche dem Kampf der 
Neuzeit um die Wahrheit eine solche Intensität verlieh und der 
neuern Wissenschaft jenen eigenthümlichen Charakter aufprägte, 
der sie von allen frühem Gestaltungen unterscheidet und allen 
verschiedenen Systemen einen gemeinsamen Grundzug verleilit. 
So ist auch in dem Kampf um den Ursprung der Erkenntniss weit 
mehr Uebereinstimmung als es dem ersten Blick scheinen könnte. 
Allen fällt dieselbe als Process in Welt und Leben hinein, sie 
soll nicht als ein überliefertes oder angebomes, überhaupt fertiges. 



potentiam separaii; atque ita plus realitaÜB non tribuo motui aut aliis 
substantiae mutationibus , quas qualitates vocant) quam vulgo philosophi 
tribuunt figiirae, quae apud illos non est qnalitas realis, sed tantnm moduB. 

Kucken, Geschichte und Kritik. 3 



34 Erfahrung. 

aufgenommen, sondern vielmehr unmittelbar erzeug-t werden, und 
es kommen daher alle darin ftberein, von ihr Klarheit, Evidenz 
und stete Fähigkeit der Verification zu verlangen. Nur darum 
bewegt sich der Streit, wo die solches hervorbringenden Kräfte zu 
suchen seien, und wenn sich hier die einen für die aus dem 
Innern entspringende Thätigkeit des Geistes, die andern für sich 
ihm kundthuende Kräfte der Aussenwelt entschieden, so musste 
der Kampf um so heftiger werden, je weniger in der einen eng- 
zusammenhängenden Welt, die alle gemeinsam annähmen, ein 
Nebeneinander ertragen werden konnte. Auf die einzelnen Phasen 
dieses Kampfes einzugehen ist hier nicht möglich, und auch nicht 
erforderlich, da durch die Wendung, welche Kant dem Problem gab, 
für uns das meiste vorangehende die unmittelbare Bedeutung 
verloren hat; nur den Leibnitzischen Gedanken dürfte neben den 
Kantischen ein selbstständiger Werth verbleiben. 

Leibnitz ist weit davon entfernt, die Erfahrung gering zu 
achten, aber er meint freilich, dass es uns unmöglich sei, bei 
ihr stehen zu bleiben, da nur eine die ganze Welt umfassende 
causale Einsicht, welche die Erfahrung nicht gewähren könne, das 
Streben nach Erkenntniss befriedige. Die Thatsachen der Er- 
fahrung erscheinen ihm als ein durch die wissenschaftliche Arbei^ 
in Sätze der Vernunft umzuwandelndes, letzthin ist wirkliche Er- 
kenntniss nur dadurch möglich, dass die Daten auf Sätze zurück- 
geführt werden, in denen, wie in Gleichungen, das Zusammen- 
fallen von Subject und Prädicat unmittelbar einleuchtet, so dass 
sich die Aufgabe der Philosophie dahin gestaltet, das Verworrene 
bis zu solchen einfachen Sätzen hin aufzulösen.*) Vollkommen 
erreicht werden kann dies aber nur bei den nothwendigen Wahr- 
heiten (v6rit6s de raison), während bei den contingenten (verites 
de fait) der endliche Geist sich der Auflösung nur im unvollend- 



*) S. de libertate (Foucher, II, 181): demonstrare nihil aliud est, 
quam resolvendo tenninos propositionis et pro definito definitionem aut ejus 
partem substituendo , ostendere aequationem quandam seu coiucidentiam 
praedicati cum subjecto in propositione reciproca; in aliis vero saltem in- 
cluslonem. 



Erfahmng. 35 

baren Process anzunähern vermag. Wenn also aucli Erfahrungs- 
erkenntniss in Vernunfterkenntniss zu verwandeln recht eigentlich 
die Aufgabe der Philosophie ist, und nur insofeni eine vollständige 
Sicherheit und Verification der Einsichten möglich ist, als dies 
gelingt*), so ist doch die Erfahrung sowohl als Ausgangspunkt 
und Mittel nothwendig, wie als nie aufzulösender Rest von 
bleibender Bedeutung.**) Kant stimmt darin mit Leibnitz tiberein, 
dass die Thilosophie die Erfahrung nicht zum Principe , sondern 
zum Probleme habe, aber die Thätigkeit, die das philosophische 
Denken am Gegebenen vollzieht, wird ihm seiner ganzen Eigen- 
thtimlichkeit entsprechend eine trennende und auseinanderlegende, 
und diese Thätigkeit dringt um so tiefer ein, als sie den Begriif 
der Erfahrung selber erfasst und den Process prüft, über dessen 
Ergebniss man sich so lange gestritten hatte. Wie nun aber 
überhaupt die principielle Scheidung von Verstand und Sinnlichkeit 
für die Gestaltung seines Systemes von grundlegender Bedeutung 
war, so trat auch in der Erfahrung beides auseinander, sie stellte 
sich heraus als „das Produkt des Verstandes aus Materialien der 
Sinnlichkeit" ***) ; und wie so in ihr Stoff und Form geschieden 
und das eine den Dingen , das andere dem Geist zugetheilt war, 
80 ward es überall Aufgabe«, das erfahr ungsmässig Gegebene in 
diese Factoren zu zerlegen, um dann das Gesonderte in ein System 
zu bringen. Durch die grossartige Ausführung solchen Strebens 
ist alles, was bis dahin an Bestand der philosophischen Erkenntniss 
vorlag, erschüttert, und vor allem das Problem der Erfahrung 
selber vollständig verändert ; aber der Umschwung brachte wieder 
so viele neue Fragen mit sich, dass erst jetzt der Kampf recht begann. 



*) S. z. B. 344 b : La liaison des ph^nomenes, qui garantit les verites 

de fait a T^gard des choses sensibles hors de nous , se v^rifie par le 

moyen des verites de raison; comme les apparences de l'optique s'eclair- 

cissent par la geometrie. 

**) Leibnitz kommt demnach der Unterscheidung synthetischer und 

analytischer Urtheile nahe, nur dass er den ganzen Unterschied für einen 

subjectiven und in unendlicher Entwicklung aufzuhebenden erachtet. 

♦*♦) S. Werke (Ausg. v. Hartenst.) IV, 64. 

3* 



36. Erfshrang. 

Vor allem kann schon der AuBganj^piuikt Zweifel erregen. 
Kant erörtert, wie Erfahrung möglich i»t, aber es geht ihm hier 
wie an einem andern entscheidenden Punkte seineB Systeme» (ia 
der PreiheitBlehre) , dass dadurch die Frage, oh der Gegenstand 
der Untereuehung auch wirklich sei, zurückgedrängt wird. Es ist 
das eine Stelle, wo immer dei- Skepticismus seine Angriffe gegen 
die Kantische Lehre einsetzen kann.*) Die empirische £ichtun^ 
aber konnte daran Anetoss nehmen, dass die Erfahrung mit ihren 
Factoren zu sehr als ein vollständig gegebenes und von Anfang 
an zu Überblickendes hingestellt wurde. Es schien hier in's 
Gewicht zu fallen, dass vieles von dem, was als nothwendige Er- 
kenntniss a priori behauptet war, erst in langem Kampf an der 
Hand der Erfahrung sich aus gegentlieiligen Ueberzeugungen her- 
ausgearbeitet habe, wonach auch eine weitere Umgestaltung keines- 
wegs fUr ausgeschloesen gelten durfte. Der speculativen Philosophie 
endlich schien die Stellung der Vernunft zur Erfahrung nicht 
widerspruchslos, bestimmt Einmal war das Denken der Erfahrun»: 
als seinem Produkte überlegen, und die Annahme, dass es von 
sich aus die Welt hervorbringe, schien nahe zu stehen, aber 
dann ward wieder die Nothwendigkeit des Dinges au sieh auf- 
recht erhalten und die Veniunft auf diese gegebene Welt einge- 
schränkt. Es lag da ein Widerspruch vor, der bei Kant selbst 
in der transscendentalen Dialektik zu einem schneidenden Ausdruck 
kommt und über den er durch die verschiedene Bestimmung der 
tlieoretischen tmd praktischen Vernunft hinauszukommen suchte. 

Die constructiven Philosophen gingen nun in der Richtung 
der praktischen Vernunft gross und einseitig weiter; indem sie 
die ganze Welt durch die Thätigkeit des Denkens hervorbringen 
wollten, konnte die Erfahrung ihnen nicht mehr Ausgangs-, sondern 
nur noch Endpunkt sein : erst am Sehlusa der philosophischen 

") Nicht unbegründet ist daher Herbart's Vorwurf (e. Werke, 6, 286), 
ei lie^e eine petitio priacipii darin .daes die Erfahrung objective Giiltig- 
küii hiibe, die in sich eine abitolnte Festigkeit besitze nnd über den Rani: 
i:iiji'i' ullgenioiuen , gleichfürmigen Gewöhnnag der Menachen eich weit 



Erfahrung. 37 

Arbeit, die ohne alle Rücksicht auf das Gegebene nur den eignen 
Gesetzeil folgen sollte, war jene zur erprobenden Vergleiehung 
heranzuziehen. Der Unterschied der Empirie und der Wissenschaft 
bestand darin, dass jene als fertig aufzeigte, was diese durch die 
Thätigkeit des Denkens entstehen Hess.*) Uebrigens bemäclitigt 
sich diese Strömung erst nach und nach des ganzen Wissenschafts- 
gebietes. Bei Fichte geht die Philosophie immer nur auf die 
allgemeinen und noth wendigen Bestimmungen **), während für die 
besondere Bescliaffenheit die Erfahrungserkenntniss eintritt. So 
verwahrt er sich nachdrücklich gegen eine Naturphilosophie, wie 
eine solche Geschichtspliilosophie , welche auch das Einzelne aus 
dem Begriff entwickeln zu können meine. Schelling that durch 
seine Naturphilosophie schon einen Schritt weiter und auch bei den 
Geisteswissenschaften sehen wir ihn in seiner ersten Periode***) 
immer mehr der philosophischen Construction zuweisen, bis endlich 
in Hegel die Bewegung ihren Höhepunkt erreichte, auf dem für 
die Erfahrung nirgends eine selbstständige Bedeutung blieb. Die 
besonnene Theorie Herbart's, welche überall die Erfahrung als 
Ausgangspunkt anerkannte, aber sich durch die in ihr hervor- 
tretenden Widersprüche zur Philosophie und einer durch sie 



*) Schelling nennt IV, 97 „die Erfahrung nicht Princip, wohl aber 
Aufgabe, nicht terminus a quo, wohl aber terminus ad quem der Con- 
struction. ** HI, 2S3 sagt er: „Der Gegensatz zwischen Empirie und 
Wissenschaft beruht nur eben darauf, dass jene ihr Object im Bein als 
etwas fertiges und zu Stande gebrachtes, die Wissenschaft dagegen das 
Object im Werden und als ein erst zu Stande zu bringendes betrachtet.** 
Ueberhaupt hat Schelling sich am meisten unter den deutschen Idealisten 
mit dem Problem des Verhältnisses der Philosophie zur Erfahrung be- 
schäftigt. 

. **) Aber auch hier ist für das empirische Bewusstsein die Erfahrung 
Bedingung, s. VI, 313: Alle Vemunftgesetze sind in dem Wesen unseres 
Geistes begründet, aber erst durch eine Erfahrung, auf welche sie anwendbar 
sind, gelangen sie zum empirischen Bewusstsein. 

*♦*) Die hierhergehörigen Erörterungen der zweiten Periode stehen trotz 
mancher blitzartig treffenden Bemerkung zu wenig, auf der Höhe neuerer 
Forschung, um in das wissenschaftliche Leben eingreifen zu können. 



38 Erfahrung 

erfolgenden Umgestaltung des Gegebenen treiben lassen wollte*), 
konnte dem gegenüber für weitere Kreise nicht aufkommen, uüd 
so ging der Rückschlag gegen jene souveräne Stellung, welche 
das Denken für sich in Anspruch genommen hatte, nicht so sehr 
von der Philosophie als von den Einzelwissenschaften und dem 
gemeinen Verstände aus. 

Der gemeine Verstand, der gegen jede Philosophie wie alle 
liöhem Vemunftzweeke einen versteckten Hass hat und an die 
Systeme nur hinantritt, um Fehlerhaftes, Absurdes und Lächerliches 
aufzuzeigen, fand in den Lehren der constructiven Philosophen 
reiche Gelegenheit zu AngriflFen. So lange man sich nicht in 
die philosophischen Motive der entscheidenden Probleme und in 
die geschichtliche Entwicklung der Gedanken hineinversetzte, 
musste das Bekämpfte geradezu als abenteuerlich erscheinen, und 
es war nicht zu verwundeni, wenn mancher eine geistige üeber- 
legenheit dadurch zu bekunden wähnte, dass er Lehren, deren 
Begründung und Zusammenhang ilim einfach ein Bäthsel geblieben 
war, mit Spott überschüttete. Da solche antiphilosophische 
Richtungen aber doch den Mäntel einer philosophischen Ueber- 
zeugung lieben, so ward der Empirismus als Schlagwort usurpirt. 

Bessere Gründe hatten die Vertreter der besondeni Wissen- 
schaften, namentlich die Naturforscher. Freilich war ihre Arbeit 
lange nicht in dem Masse durch den vorwiegenden Einfluss der 
constructiven Philosophie gekreuzt oder auch beherrscht, wie 
heute oft behauptet wird, aber unzweifelhaft war durch ein 
System, welches allen Inhalt der Erfahrung aus dem reinen Denken 
entwickeln zu können vermeinte, die principielle Bedeutung jener 
Wissenscliaften mit all ihrer aufopfernden und fruchtbaren Arbeit 
in Frage gestellt. Und dazu waren die Irrthümer der constructiven 
Denker auf diesen widerrechtlich für die Philosophie in Anspruch 
genommenen Gebieten augenscheinlich. So war eine Zurück- 
weisung von exactwissenschaftlicher Seite durchaus berechtigt, der 



*) Unerwiesen blieb dabei freilich das Recht des Denkens, also die 
Erfahrung auf seine Gesetze hin zu prüfen, und unerwiesen blieben auch die 
besonderen Kriterien, nach denen dabei verfahren wurde. 



Brfahrang. 39 

Uebergang zum Angriffe leicht erklärlich. Gefahrbringend war 
nur, dass man dabei von den Consequenzen, und zwar oft sehr 
vermittelten Consequenzen, auf die Principien schloss, so seinerseits 
das eigne Gebiet überschritt und eine Entscheidung über Probleme 
in die Hand nahm, deren Behandlung an noch manche andere 
Bedingungen geknüpft war; ja es fehlte nicht an solchen Männern, 
welche Fragen, an die ein Leibnitz und ein Kant ihre höchste 
Kraft gesetzt hatten, gewissermassen in ihren Mussestunden neben 
der Hauptarbeit zu lösen versuchten. Dem Inhalt nach aber 
stimmten die von dieser Seite kommenden Aeusserungen darin über- 
ein, der Philosophie ein Recht, über die Ergebnisse der Einzel- 
wissenschaften hinauszugehen, mit Entschiedenheit zu bestreiten; 
der berechtigte Einspruch gegen die constructiven Philosophen 
führte demnach zu einer Abneigung gegen alle systematische 
Philosophie. 

Und dann entstand endlich auch innerhalb der Philosophie 
eine Bewegung zu Gunsten des von den frühem Denkern mit 
Missachtung behandelten Empirismus. Die ihm günstigen Momente, 
worüber jene oft flüchtig hingegangen waren, traten nun wieder 
mit aufstrebender Kraft in's Bewusstsein; dazu gesellten sich 
manche Ergebnisse der Einzelwissenschaften, welche in philoso- 
phischer Verwerthung die Frage nach dem Ursprung des Er- 
kennens anders gestalten mussten. Einmal kommt hier in Betracht 
die Einsicht in die Positivität der Formen unseres Erkennens 
und Seins, wodurch ein für alle Mal eine Construction des Er- 
fahrungsinhaltes aus allgemeinsten Begriffen hinfällig wird. Hat 
hier der Empirismus bis zu einem gewissen Punkte Kant zum 
Genossen, so wendet er sich insofern gegen denselben, als er 
die ihm als fest geltenden Formen allmählig entstehen lässt, hier 
sieh mit Herbart berührend, vor allem aber die Ergebnisse 
specieller Forschung aufnehmend. Die weitere Verfolgung und 
philosophische Durchführung solcher vollberechtigter Tendenzen 
mußs aber zu principieller Umgestaltung der Philosophie und ihrer 
Stellung zu den Einzelwissenschaften führen, und so können wir 
dem Empirismus dafür nur Dank wissen, dass er jene Punkte mit 



40 Erfahrung. 

Kachdruck geltend maclit. Seinem Einfluss im allgemeinen Leben 
aber kommt es zu Gute, dass er in seiner Arbeit am meisten die 
exactwißsenschaftlichen Forschungen zu würdigen und zu ver- 
werthen versteht, während die Anhänger anderer Sichtungen sich, 
wie es scheint, dazu in Widerspruch setzen oder doch sie nicht 
nützen können. 

Alle diese verschiedenen Bestrebungen aber wirken nun im 
allgemeinen Leben gleichzeitig und vereinen sich zu einer Gesammt- 
erschein ung, bei der es schwer ist, die einzelnen Momente auszu> 
sondern. Philosophisches, unphilosophisches und antiphilosophisches 
geht mit einander und durch einander ; wo das eine anfängt, das 
andere aufhört, ist nicht leicht zu entscheiden. Und damit hat 
auch die Kritik des heutigen Empirismus eine eigenthümliche 
Schwierigkeit; man kommt bei dem Durcheinander in Gefahr, 
das eine für das andere verantwortlich zu machen, ja, den Freund 
als Feind und den Feind als Freund zu behandeln. Aber grade 
diese Verbindung von Verschiedenartigem zu einer Gesammt- 
wirkung ist für die heutige Lage charakteristisch ; zumal für 
unsere Betrachtung ist nicht der philosophische Empirismus ein- 
zelner Forscher, sondern der Empirismus als Massenerscheinung- 
wichtig, und daher müssen wir so gut wie möglich die hervor- 
tretenden Züge der Gesammtbewegung in's Auge fassen, auf die 
Gefahr hin, weniger die kritischen Erörterungen der Forscher als 
die dogmatischen Behauptungen der Menge zu würdigen. 

Die Streitfrage besteht, so allgemein angesehen, vor allem 
darin, wie hoch man dre Thätigkeit des Denkens in der Be- 
greifung der Welt anzuschlagen habe? Verhält sich der Geist 
wesentlich aufnelimend und die Dinge nur in sich abbildend oder 
hat er Recht und Pflicht, das an ihn herantretende einer Prüfung 
von seinen eignen Gesetzen aus zu unterziehen und nach deren 
Ergebniss zu gestalten? Hat die Philosophie im besondern das, 
was die einzelnen Wissenschaften ihr übermitteln, einfach aufzu- 
nehmen und zusammenzustellen, oder hat sie ihm gegenüber mit 
selbstständiger Methode eine selbstständige Aufgabe? Auf beiden 
Seiten sind manniiifache Stufen möglich, aber ein specifischer 



■ I 



Erfahrung. 4 1 

Gegensatz bleibt darin, dass die einen im systematischen Ausbau 
der Philosophie (nicht in der psychologischen Entwicklung) von 
dem Denken zu den Objecten, die andern von den Objecten zu 
dem Denken foiigehen. Fttr die heute im allgemeinen Leben 
vorherrschende Art des Empirismus aber darf als besonders be- 
zeichnend gelten, dass die inductive Methode als das eigentliche 
Mittel wie der wissenschaftlichen Forschung, so auch der philoso- 
phischen Erkenntniss gepriesen wird. Bei dieser Auffassung wird 
die selbstständige Thätigkeit des Geistes gegenüber den Objecten 
auf das geringste Mass herabgesetzt, das Denken hat im wesent- 
lichen sich darauf zu beschränken, das dem Bewusstsein ungetrübt 
zu übermitteln, was die Dinge für sich vollbringen ; auch das Zu- 
sammenschiessen des Einzelnen zu bestimmten Gestalten scheint 
sich aus den Dingen und von aussen zu bestimmen, die Wissen 
Schaft allmählig sich nach Art einer Pyramide zu einem Ganzen 
auszubauen. *) 

Von dieser streng inductiven Methode nun behaupten wir, 
dass sie nicht einmal auf dem Gebiete, das sie vor allem für 
sich in Anspruch nimmt, dem der Naturwissenschaften, herrsche, 
dass sie auf andern Gebieten noch mehr zurücktrete, und dass 
sie an die letzten Aufgaben der Philosophie nicht einmal her- 
anreiche. Das erste könnte schon aus einer genauem Prüfung 
der Processe und Methoden, welche in der naturwissenschaftlichen 
Arbeit vorkommen, hinreichend erhellen. Wenn wir Begriffe wie 
Hypothese, Analyse, Gesetz u. a. einigermassen zergliedern, wenn 
wir die Kategorien betrachten, unter welche die Erscheinungen 
hier, nicht sich ordnen, sondern von uns geordnet werden, wenn 
wir endlich die systematische Gliederung dieser Wissenschaften 
überscliauen , so möchten wir finden, dass für das alles die 
Induction ein stets nothwendiges Hülfsmittel, eine unerlässliche 
Bedingung, aber durchaus nicht die zureichende, ja nicht einmal 
die mächtigste Triebkraft sei. Aber einfacher ist es vielleicht, 
einen Blick auf die geschichtliche Bewegung dieser Wissen- 



*) Für das Alles ist Baco classischer Typus. 



42 Erfahrang. 

Schäften zu richten, da in ihr die entscheidenden Mächte be- 
merklicher hervortreten. Hier glauben wir sagen zu dürfen, dass 
jeder, der sich einigermassen in die gewaltigen geistigen Kämpfe 
einlebt, welche der ungemein schwierige Uebergang von der 
aristotelisch -scholastischen zur neuern, von einer naiven zu einer 
wissenschaftlichen Naturerklärung mit sich brachte, die Meinung, 
dass die inductive Art der Forschung dabei den Ausschlag gegeben 
habe, als unhaltbar fallen lassen wird. Die Induction setzt 
voraus, dass die einzelnen Fälle für sich beobachtet werden 
können und für sich ein bestimmtes Ergebniss liefern, dass dann 
das Besondere sieh aneinanderreiht, ordnet u. s. w., bis ein 
Ganzes gewonnen ist. Aber wie nun, wenn der ganze Boden 
in's Schwanken geräth, wenn das Einzelne als festes und letztes 
in Frage kommt, wenn alles Bestehende dem Blick des Forschers 
sich auflöst, und es nun gilt, Elemente einer neuen Welt zu 
ermitteln und in dem Wirrwarr bleibende reine Formen zu 
unterscheiden? Wo es sich darum handelt, aus einer ungeheuren 
Erschütterung ein festes erst herauszuarbeiten, um dann nach 
neuen Zielen und von neuen Gesichtspunkten aus das Vorliegende 
zu gestalten und zu begreifen, da steht die Induction vor über- 
wältigenden Aufgaben , indem sie wohl ein Gegebenes auszubauen, 
nicht aber eine Welt wesentlich und innerlich umzugestalten 
vermag. Oder ist etwa die Kategorieülehre , in der sich die 
neue Naturerklärung bewegt, bei Cartesius durch Induction 
ermittelt worden? Ist etwa durch Induction die Aufgabe der 
Forschung dahin bestimmt, dass durchgehend das Erscheinende 
als ein Zusammengesetztes zu fassen und auf einfache Grundkräfte . 
zurückzuführen, dann aber mit Hülfe der Idee der Entwicklung 
wieder von ihnen abzuleiten sei? Und im Einklang mit einer 
solchen theoretischen Bestimmung der Aufgabe war auch für die 
wirkliche Arbeit der Forscher, jener Männer, wie Kepler und 
Galilei, Cartesius und Newton, nicht die Induction, sondera die 
Analyse das eigentliche Werkzeug des Fortschrittes. Darin sahen 
sie vor allem ihre Aufgabe, das Verworrene der Erscheinung 
zu zerlegen, um zu einfachen Kräften zu gelangen und von da 



Erfahrung. 43 

aus wieder zu dem Gegebenen hinzuetreben. Man ging so freilich 
uur deswegen Ubei- dasselbe hinaus, um zu ihm zurückzukehren, 
aber allein dadurch, dass mau sieh also denkend erhob, ward es 
mög^lich, in ihm etwas anders zu sehen als man bis dahin gesehen 
liatte, konnte man das, was unverändert aufgenommen in Gewirr 
und WidOTsprÜehe verwickelte, nunmehr als Produkt festhalten 
und begreifen. 

Dabei war natürlich eine genaue Feststellung des Gegebenen 
und eine stete Beachtung desselben unbedingt erforderlieh, und 
iDBofern hat die neue Naturwissenschaft unleugbar einen inductiven 
Zug, aber für jene entscheidende Arbeit selber war die luduetion 
durchaus unzureichend, da das, was fiir sie Gegenstand der Be- 
obachtung wurde, selbst schon complicirt war, die Erfahrung 
„Gesetz und Ausnahme zugleich gewahr werden Hess" (s. Goetlie, 
Ausg. letzter Hand 50, 160), und daher die Umstände, unter 
denen sie entscheiden konnte, erst anderweit herzustellen waren. 
Erkenntnisse wie das sog. Trägheitsgesetz, das Gesetz der Er- 
haltung der Kraft u. e. w. sind nicht von einzelnen Daten aus in 
allmähligem Aufsteigen gefunden, denn dieselben alle enthielten 
zunächst mehr oder weniger scheinbar Widersprechendes, sondern 
sie sind nur dadurch möglich geworden, dass die Forseher die Ge- 
sammtheit mit Überschauendem Blick zu umspannen wussten, das 
Mannigfache nicht nach Art eines Aggregats, sondern als System 
erfassten, im Denken Reihen fiir sich in's Unendliche verfolgten 
und durch das alles einen Standpunkt gewannen, von dem sie, 
unangefochten durch jene scheinbaren Widei-sprüche , eine neue 
■ Welt bilden konnten. Auf diesem Wege sind alle jene grossen 
Entdeckungen gemacht, die wir staunend bewundem. - Auch der 
mathematische Charakter der neuem Naturwissenschaft ist ein 
Zeugniss ftlr diese Auffassung. Wenn das Wort Kant's, dass in 
der Naturwissenschaft nur so viel Wissenschaft als Mathematik 
enthalten sei, richtig und damit die Erkenntniss der Gesetze 
tmd Formen als das erste hingestellt ist, so mues sieh die Induction 
mit dem zweiten Platze begnügen. Denn das MiitlieiiuitisLlie 
weist sclion durch den Grundbegriff des reinen Quantum^^ |iriiicipii>ll 



44 Erfahrung. 

über sie hinaus. Und tkatsäclilicli ist der erste Forscher, welcher 
mathematische Naturgesetze aufgestellt hat, Johann Kepler, nicht 
auf grader Landstrasse von den Phänomenen aus dazu gekommen, 
sondern nach genügender Orientirung in der Welt hat er zunächst 
die Möglichkeiten ausgerechnet, hypothetisch die Consequenzen 
entwickelt, und ist dann erst wieder an die Erfahrung hinan- 
getreten, um zu vergleichen und zu entscheiden. Nur weil der 
Geist mathematisches in steter innerer Thätigkeit hei'vorbringe, 
hielt er es für möglich, dass derselbe in der Natur Gesetze finden 
könne, weswegen auch ausdrücklich ein solches Erkennen als 
Wiedererkennen*) bezeichnet wird. Dieser von ihm verwandten 
Methode standen auch die andera grossen Forscher weit näher als 
der von Baco empfohlenen. Mochte ein Mann wie Newton durch 
manche Aeusserungen sich scheinbar als Anhänger der inductiven 
Richtung bekennen, ein anderes ist die Meinung des Forschers 
von seiner Methode, ein anderes die Methode selbst: in seinem 
wirklichen Verfahren stimmt Newton mit Kepler und Cartesius 
weit mehr tiberein als mit Baco und Locke. Es erregt bisweilen 
Verwunderung, dass ein Forscher, der die Methode der Natur- 
wissenschaften so richtig erkannt habe wie Baco, die Wissenschaft 
selber durch eigne Arbeit so wenig gefördert habe, aber das 
Problem fällt dahin, weil jene Annahme unrichtig ist. Baco hat 
im einzelnen manche Processe und Methoden der Naturwissenschaft 
riclitiger erkannt und diese Erkenntniss mit der ganzen Lebhaftig- 
keit und Anschaulichkeit seiner Art zur Geltung gebracht, aber 
seine Methodenlehre als ganzes betrachtet entspricht weder der 
wissenschaftlichen Arbeit der Neuzeit**) noch konnte sie bei der 
damaligen Lage der Wissenschaft fruclitbringend wirken. 



*) S. op. V, 216: idoneam invenire in sensibilibus proportionem est dete- 
gere et agnoscere et in lucem proferre similitudinem illlus proportionis in 
sensibilibus cum certo aliqno verissimae harmoniae archetypo, qui intus est 
in animo. Ueberhaupt sollte die Keplersche Erkenntnissielire, die namentlich 
im 4. Buch der harmonice mundi entwickelt ist, nicht so ganz über der 
Baconischen vergessen werden. 

**) Es erhellt dies allein schon aus der Geringschätzung der Mathematik. 



Erfahrung. 45 

Kurz wir glauben, dass man die Eigentliümlichkeit der neuern 
Naturwissenschaft yerkennt und namentlich die eminente Denk- 
arbeit, die sie enthält, unterschätzt, wenn man sie als vornehmlich 
durch Induction geschaffen hinstellt. War einmal die Bahn ge- 
brochen, so konnte die Induction die Arbeit des Tages ausrichten, 
und es hat nichts befremdliches, dass sie dabei weit mehr in*s 
reflectirende Bewusstsein trat als Operationen von überlegener 
Macht und Bedeutung. Denn gerade das Hervorragendste, wie es 
nicht von der Reflexion aus geschaflfen wird, entgeht ihr, während 
es geschieht, ja nachdem es geschehen ist, und das Bild des Ganzen 
bleibt damit hinter der Wirklichkeit zurück. Wollen wir also nicht 
nothwendige Bedingung und entscheidende Kraft gleichsetzen oder 
aber dem Begriff inductiver Forschung einen so weiten Sinn geben, 
dass er etwas selbstverständliches aussagt, so werden wir dieselbe 
andeiTi Methoden neben- und unterordnen müssen. 

Nun aber soll auch auf das Geistesleben jene Methode über- 
tragen werden, indem der Erfahrung des Aeusseiii sich eine des 
Inneni beigesellt. Natürlich wird dabei nicht das vertheidigt, was 
die Mystiker unter innerer Erfahrung verstanden *) ; dass es zu 
einem Widerspruche führe, etwas, das sich den wesentlichen Be- 
dingungen und Formen des Erkennens entzieht, wie eine solche 
innere Erfahrung, nun doch als Quelle einer Erkenntniss und 
zwar einer alle sonstige Einsicht übersteigenden Erkenntniss 
geltend zu machen, darüber kann in wissenschaftlichen Kreisen 
kein Zweifel sein. Wenn demnach innere Erfahrung und Er- 
fahrung des InneiTi bestimmt geschieden sind, so hat zunächst 
das Verlangen, die letztere zur Feststellung des Weltbildes mitbe- 
stimmend heranzuziehen, seine volle Berechtigung; aber zu einer 
sehr problematischen Behauptung wird die Sache, wenn die 
specifische Gestalt, welche der Begriff der Erfahrung in der 
Erforschung der Aussenwelt erhalten hat, ohne weiteres hierher 



*) Den Ausdruck hat also in unserer Sprache namentlich Weigel 
aufgebracht („innere Erfahrenheit* und „innere Erfahrung**), s. z. B. christK 
Gespräch vom wahren Christenthum 2. Cap. 



46 Erf abrang. 

tibertragen und gar für Methoden, welche selbst dort nur mit 
und nach andern Verwendung finden, hier eine ausschliessliche 
Herrschaft verlangt wird. 

Vor allem ist doch wohl, bevor das bei der heute vor- 
herrschenden Strömung anlockende Losungswort der in^uctiven 
Psychologie ausgegeben wird, zu fragen, ob denn auch die Be- 
dingungen der Anwendbarkeit der inductiven Methode wenigstens 
in dem Umfange gegeben sind, wie es bei der Erforschung der 
Natur der Fall ist; wenn anders die Methode sich nach der 
Beschaffenheit des Objectes zu richten hat, und nicht dieses einer 
Tendenz zu Liebe in ihm nicht angemessene Formen gezwängt 
werden soll. Nun aber ist thatsächlich in diesem Punkte in grosser 
Unterschied zwischen der innern und äussern Welt unverkennbar. 
Die Phänomene der erstem ordnen sich nicht unmittelbar zu 
einer zusammenhängenden, beharrenden und allen Beobachtern 
gemeinsamen Welt, so dass es, wenn auch eine Wahrnehmung 
des Innern, so doch keine innere Anschauung gibt, und auch 
das, was wir erlebt haben, in der foi'tschreitenden Bewegung 
des Ganzen steter Umwandlung ausgesetzt ist.*) Die einzelnen 
Erscheinungen sind überhaupt nicht relativ abgeschlossen gegeben 
imd daher auch nicht losgelöst für sich festzustellen, sondern 
sie werden immer durch den Zusammenhang und das Gesammt- 
geschehen beeinflusst, und dabei tritt doch niclit einfach ein 
Allgemeines aus dem Einzelnen heiTor und nimmt es ohne Rest 
in sich auf, sondern es bewahrt das Einzelne in aller Verbindung 
eine gewisse Selbstständigkeit Damit aber stehen wir Problemen 
gegenüber, denen die inductive Methode durchaus nicht ge- 
wachsen ist 

« 

Deshalb wird natürlich nicht bezweifelt, dass die Induction in 



*) Mit. Becht sagt Herbart 6, 358^: Jedes Factum, das man als aus 
früherer Zeit her durch das Bewusstsein bekannt, oder überhaupt als schon 
geschehen und vor Augen liegend annimmt, kann in Zweifel gezogen werden, 
ja es muss bezweifelt werden , wegen der Schwankung aller innern Wahr- 
nehmung und. wegen der äussersten Leichtigkeit, in ein solches Factum 
durch Erschleichung etwas hineinzuschieben. 



Erfahrung. 47 

nerlialb der Psycliologie eine erhebliche Bedeutung habe*), aber 
soviel wie in den Naturwissenschaften vermag sie nur auf dem 
Grenzgebiet zwischen Natur und Seele zu leisten; sobald das 
Problem ein speeifisch-psychologisches wird, ist die Induction in 
engere Schranken gebannt Man möchte z. B. fragen, wie etwa 
eine Moral oder Religion aus den psychischen Phänomenen in 
inductiver Weise begründet werden sollte. Etwa durch Zusammen- 
stellung des • Gleichartigen und Aufsteigen zu allgemeinen Sätzen? 
Aber um nur zu entscheiden, was an Material hierher gehört, 
muss schon ein Urtheil gebildet sein, und um das Gleichartige, 
was hier doch ein innerlich Gleichartiges sein muss, herauszufinden, 
muss man sich über Ziele vergewissert haben? Oder soll hier 
etwa der Durchschnitt das Gesetz geben? Aus allem dem dürfte 
zur Genüge hervorgehen', auf welch schwankendem Boden eine 
inductive Psychologie als System stehen würde, und wie verkehrt 
es wäre, auf einem solchen Boden die ganze Philosophie auf- 
zubauen. Ja wenn das, was der Wahrnehmung und Beobachtung 
unmittelbar vorliegt, reine Thatsache wäre, während es vielmehr 
schon durch unsere Auffassung hindurchgegangen und in die 
Verbindungen und Gestaltungen gebracht ist, worin es uns jetzt 
entgegentritt. Eine Umbildung des ursprünglich Thatsächlichen 
beginnt nicht erst der Metaphysiker, der dann freilich nicht genug 



*) Gegen eine empirische Psychologie, insofern sie nur eine Vor- 
-hereitnng zur Philosophie sein will, haben wir nicht nnr nichts einzuwenden, 
sondern verlangen sie unsererseits, aber die Beschreibungen, Classificationen 
nnd Analysen, die sie zu geben vermag, bringen noch keine Wissen- 
schaft zu Stande und führen nicht zu einer letzten Scheidung des That- 
sächlichen und Hinzugedachten. Und dann mögen wir hier immer der 
Mahnung Schelling^s (III, 282) eingedenk sein: ^Dass nur jene warmen 
Lobpreiser der Empirie, die sie auf Kosten der Wissenschaft erheben, 
dem Begriff der Empirie treu uns nicht ihre eignen Urtheile und das. 
in die Natur Hineingeschlossene , den Objecten Aufgedrungene für Empirie 
verkaufen wollten ; denn so viele auch davon reden zu können glauben, so 
gehört doch wohl etwas mehr dazu, als viele sich einbilden, das Geschehene 
aus der Natur rein heraus zu sehen, und treu so wie es gesehen worden 
wiederzugeben." 



48 Erfahrung. 

zu tadeln wäre, sondern der denkende Mensch voUzielit sie, 
wenn auch unbewusst, von Anfang an, und so finden wir in dem 
Vorliegenden schon Ergebnisse, vielleicht sehr verwickelte Er- 
gebnisse, deren thatsächlicher Gehalt und deren einfache Elemente 
erst durch philosophische Methoden erjnittelt werden können. 

Der Gedanke hat ja etwas bestechendes, von dem Seelenleben 
als dem nächstliegenden und uns zugänglichsten auszugehen und 
alle weitere Erkenntniss an das hier Grcwonnene anzuknüpfen^ 
und in dem Sinne hat er volle Berechtigung, dass in dem 
denkenden Bewusstsein, nach dem Ausdruck des Cartesius, der 
archimedische Punkt ftir die Philosophie zu suchen ist , aber wenn 
man den specifischen Inhalt des menschlichen Lebens zum Aus- 
gangspunkt nimmt, so steht die Thatsache entgegen, dass gerade 
das Nächstliegende unserer Erkenntniss die allergrössten Schwierig- 
keiten bietet. Die ganze Entwicklung des geistigen Lebens zeigt, 
dass die Bewegung nicht vom Mikrokosmus zum Makrokosmus, 
sondern von diesem zu jenem fortgehe; die Wahrheiten, welche 
der denkende Geist erfasste, hat er zuerst immer auf die ganze 
Welt bezogen und dann erst zum Yerständniss seiner selber zu 
verwenden gesucht. Erst wenn ihm so die Wahrheit als ein 
weltbeherrschendes gegenüberstand, hat sie Kraft genug gewonnen, 
auch das Innere zu gestalten, und es hat dann freilich jede 
grosse Einsicht in das Ganze sich dadurch als wahr und kräftig 
erwiesen, dass sie uns über uns selbst aufklärte. Daher ist nun 
einmal, wir mögen es gut oder übel finden, die Psychologie von 
der Gesammtphilosophie, ja von der Metaphysik abhängig; ver- 
folgen wir etwas eingehender ihre Geschichte, die Bildung der 
GrundbegriflFe, ja selbst die Ausprägung der Terminologie; wir 
werden alles das von den grossen Gesammtbewegungen abhängig: 
finden, wir werden sehen, dass überall selbst das, was man als 
. Thatsache zu erkennen glaubte, bedingt war von Standpunkt 
und Zusammenhang der Beobachtung. Denn hier drängen sieh 
die Erscheinungen nicht von Anfang an der Betrachtung auf, 
sondern sie harren des Beobachters und treten erst ins Gesichtfeld, 
nachdem die Aufmerksamkeit auf den Punkt gerichtet ist. Was 



Erfahrung. 49 

dann einmal entdeckt ist, scheint selbstverständlich, während doch 
der Umstand das Gegentheil bezeugt, dass vieles, was jetzt jeder 
unmittelbar und augenscheinlich zu sehen glaubt, im Gange 
der wissenschaftlichen Arbeit erst spät zum Bewusstsein gekommen 
und noch später zur deutlichen Ausprägung gelangt ist. Sehen 
wir genau zu, so stellen sich unsere Vorstellungen von der Seele 
im Grunde als Theorien und Hypothesen heraus (wie ja auch der 
BegrilT der Seele pelber empirisch angesehen eine Hypothese ist), 
abhängig von der allgemeinen Beschaffenheit unseres Denkens, 
abhängig aber auch von den geschichtlichen Gestaltungen; und 
unter dem Einfluss solcher Theorien steht nun unsere Beobachtung. 
Es kann daher nicht genügen, um zu dem Thatsächlichen durchzu- 
dringen, einfach die Metaphysik der Philosophie bei Seite zu 
lassen, da wir uns damit nur unter den Einfluss einer uncontrolirten 
Metaphysik stellen würden. 

Und damit sind wir bei dem entscheidenden Punkt der 
ganzen Erörterung angelangt. Das Denken hat entschieden nicht 
das mindeste Recht, über den Standpunkt des gewöhnlichen 
Empirismus hinauszugehen und von sich aus an dem Gegebenen 
eine Umwandlung vorzunehmen, wenn das, was uns vorliegt, etwas 
rein thatsächliches ist; es hat aber nicht nur das Recht, sondern 
die Pflicht, dies zu thun, wenn wir in demselben schon eine 
bestimmte Auffassung von der Welt anzuerkennen haben, die 
erst durch die Denkarbeit auf den thatsächlichen Bestand zui-tick- 
geführt wird. Das Denken will sich also nicht zu seinem Belieben 
eine Phantasiewelt neben der wirklichen schaffen, sondern durch 
seine Thätigkeit den anfänglichen Fehler verbessern und das 
Vorgefundene gewissermassen in integrum restituiren. 

Mag man als Inhalt dieser Thätigkeit nun mit Leibnitz die 
Ueberflihrung der confusen Erkenntniss in eine distincte, oder mit 
Kant die Auflösung des Zusammengesetzten in seine Factoren 
und die systematische Verbindung der reinen Elemente, mag man 
mit den Idealisten sie als Umwandlung des Ruhenden und 
Zerstreuten in einen Gesammtprocess oder mit Herbart als Ent- 
feraung der Widersprüche aus den Erfahrungsbegriffen fassen, 

Eucken, Geschichte und Kritik. 4 



50 Erfahrung. 

oder mag man noch andere Wege einschlagen; gemeinsam ist die 
Ueberzeugung, dass es ein Irrthum sei „einen Begriff schon 
darum, weil er gegeben ist, für gesund zu halten" (s. Herbart HI, 
82), dass aus zwingenden Gründen das Gegebene nicht so beibehalten 
werden könne wie es gegeben ist, und dass es daher ein prin- 
cipieller Fehler sei, nicht zur metaphysischen Umarbeitung fort- 
zugehen.^) Indem der Empirismus einfach mit dem Gegebenen 
abschliesst, spricht er eine These aus, [die darum nicht weniger 
positiv ist, weil sie in dem Verbot, über die Erfahrung hinaus- 
zugehen, zunächst die Negation heiTorkehrt, und die nicht weniger 
einen metaphysischen Charakter hat, weil sie das letzte Sein oder 
doch das letzte uns zugängliche Sein mit der Erscheinung zusammen- 
fallen lässt.**) Darin aber liegt die Stärke dieser These, dass 
sie unmittelbar einzuleuchten scheint, und dass die Macht dieses 
Eindruckes sich dann gegenüber dem Denken behauptet. Offenbar 
ist der Geist zuerst wie eine leere Tafel, nach und nach erst 
sehen wir Einsichten sich bilden, nach und nach sich das Einzelne 
zusammenhängend ordnen, auch die Formen, welche der Kantischen 
Philosophie etwas festes und mit einander gegebenes waren, sind 
in einzelne Elemente aufgelöst und in die Entwicklung hinein- 
gezogen ; überall aber zeigt sich diese Entwicklung als von aussen 
angeregt und bestimmt, und woher anders als von aussen sollte 
überhaupt der Inhalt kommen, wenn nicht die übelberufenen an- 
gebe men Ideen eine Zuflucht bilden sollen? Damach ist nur 
soviel im Geist, als er früher oder später von aussen aufgenommen 
hat, nur soviel Wahrheit hat die Erkenntniss, als sie die draussen- 
liegenden Thatsachen spiegelt, allein durch die Beziehung auf 
dieselben wird sie verificirt. Da wir aber dieses Aufnehmen von 



*) Am nachdrücklichsten hat dies Herbart geltend gemacht. £r findet 
(VI, 314) den Ursprung der falschen Metaphysik darin, „dass man die 
Grundbegriffe der Erfahrung gerade so lässt, und für gut annimmt, wie 
sie der psychologische Mechanismus zuerst zu Tage fördert. Er besteht in 
der Unterlassungssünde, dass man zur wahren Metaphysik nicht fortschreitet. ** 

**) Man könnte hier an das Wort Plato's denken: roffovTt^ [xaXkoy 
tlaiv, oloi 0V7C oioyrai, ort ov;|fl otoytai (Theaet. 176 D). 



Erfahrang. 5 1 

aussen Erfahrung nennen, so ist das Gesammtergebniss, dass alles 
Erkennen aus der Erfahrung stammt, und dass es ebenso thörieht 
wie vergeblich ist, darüber mittelst Speeulation hinausgehen zu 
wollen. 

Das ganze ßäsonnement scheint einfach, ja allzu einfach, 
deim es könnte wohl einer sich darüber Bedenken machen, wie 
es denn möglich war, dass Männer, wie z. B. Leibnitz und Kant, 
eine so einleuchtende Sachlage verkannten; und einmal in solche 
Bedenken hineingekommen, könnte er sich dann leicht weiter zu 
fragen veranlasst fühlen, ob nicht mehr als die Verkennung 
greifbarer Thatsachen die verschiedene Deutung und Werthschätzung 
eben dieser Thatsachen Grund des Streites gewesen sei. Und 
so verhält sich die Sache in Wirklichkeit. Dass die Dinge sich 
äusserlich so darstellen, wie der Empirismus behauptet, geben 
auch die andern (wenn auch freilich mit einzelnen Verwahrungen) 
zu, aber dass dieses äusserlich Geschehende mit dem wesentlichen 
Geschehen einfach zusammenfalle, das scheint ihnen nicht von 
vom herein ausgemacht. Sie läugnen nicht, dass der Geist 
anfänglich, von aussen betrachtet, als leere Tafel *) erscheint, aber 
sie nehmen daran Anstoss, ein Wesen ohne irgend welche Thätigkeit 
zu setzen, und meinen auch, dass gar kein Wirken von aussen 
hineinkommen könnte, wenn es nicht durch ein inneres auf- 
genommen würde; dass der Geist im Verhältniss zu den Dingen 
nur leidend aufzunehmen seheint, entgeht ihnen nicht, aber genauer 
beti-achtet dünkt ihnen der Begriff eines reinen Leidens, indem 
er Wirkung ohne Gegenwirkung voraussetzt, unerträglich, und 
so sind sie darauf bedacht, durch tieferes Eingehen auf die 
Sache und schärfere Analyse der Processe auch ein Thun des 
Geistes in seinem Zusammensein mit den Dingen zu er- 



*) Von Seite specnlativer Philosophen Ut oft daranf aufmerksam 
gemacht, dass hier die Vorstellung den Geist im Gmnde als etwas körper- 
liches fasse, so z. B. von Nikolaus Taurellns *, anch Leibnitz meint in weiterer 
Fassung der Frage 223 a: Täme a-t-elle des fendtres, rassemble-t-elle ä des 
tablettes? est -eile comme de la cire? II est visible, que tons ceux qni 

pensent ainsi de Täme la rendent corporelle dans le fond. 

4* 



52 Erfahrang. 

• 
weisen *) ; die Gestaltung des schliesslich vorliegenden Gresammt- 

Inhaltes von einfachen Elementen her erkennen sie bereitwillig 
an, können aber nicht auf die Frage versichten, ob diese Grestaltung 
lediglich von aussen bedingt werde und die Verknüpfung des 
Mannigfaltigen nicht auch auf innere Gresetze hinweise; die Er- 
fahrung sind sie bereit so hoch wie möglich zu schätzen, aber 
es wird ihnen Problem zu erörteiii, was sie schon voraussetze, 
und zu fragen, ob sie selbst nicht schon zusammengesetzt und 
daher in verschiedene Factoren zu zerlegen sei. 

Aus allem dem entsteht ein ganz anderes Problem als dasjeiüge 
war, von dem der Empirismus ursprünglich ausging ; nicht darum 
handelt es sich, wie das Erkennen psychologisch betrachtet 
entstehe, und ob es von der Erfahrung anhebe und an die Er- 
fahrung geknüpft sei, sondera darum, woher das in der Erfahrung 
Erkannte ursprünglich stamme, und wie sich darnach die Ansicht 
vom letzthin Thatsächlichen zu gestalten habe. Der Streit bewegt 
sich also nicht um eine Feststellung des phänomenal Geschehen- 
den, sondern darum, wie das Geschehen selber endgültig zu 
beurtheilen, und wie auf Grund einei» solchen Urtheils das schliess- 
liehe Wirken und Sein zu fassen sei. Es ist daher durchaus 
verkehrt, wenn der Empiriker seine Gegner sich gegen jenes erste 
Faktische wenden und sie etwas bekämpfen lässt, was ex- 
perimentell erhärtet werden kann.**) Auch hier hat Kant die Sache 
auf den richtigen Ausdruck gebracht (s. VIII, 536), wenn er die 
Frage, ob alle Erkenntniss von der Erfahrung anhebe, als quaestio 
facti sorgfältig von der quaestio juris unterschied, ob sie auch 
allein von der Erfahrung, als dem obersten Erkenntnissgrunde, 
abzuleiten sei. — Wir lieben es nun heute auch bei diesem 



*) Die Empiriker sprechen immer davon, dass die Dinge gegeben 
seien, aber es mnss doch auch etwas sein, dem sie gegeben sind. Oder 
es heisst, dass es sich so und so in der Welt findet, aber wer and was 
ist denn der Findende? 

**) Der Gegensatz zwischen Locke und Leibnitz ist nicht so nn- 
versöhnlich wie er gewöhnlich gilt. Der eine kann zuerst, der andere zaletzt 
Recht haben. 



Probleme nicht, Kechts- und Thatfrage schroff auseinander- 
zureissen, aber daraus folgt denn doch noch nicht, daes sie 
einfach vermengt werden soUen. Jedenfalls nimmt durch das 
Aufwerfen der BechtBfrage die Forschung einen andern Inhalt 
und einen andern Charakter an. Ueber da^ Einzelne kann nun 
nicht mehr unmittelbar entschieden werden, sondern es muss sich 
. im Zusammenhange rechtfertigen, Art und Grund des Zusammen- 
hanges aher mllssen selbst in systematischer Betrachtung erörtert 
werden. 

Zunächst ändert sieh gegenüber der psychologischen Unter- 
suchung, die sieh mit dem empirischen Entstehen der Erkenntniss 
befasst, in der transscendentalen, weiche den Ursprung, und der 
metaphysischen, welche die letzte Bedeutung desselben ergründen 
möchte, der Ausgangspunkt der Forschung. Dort musste, bei 
dem empirischen Fortschreiten der Bildung ron Aussen nach 
Innen, von der Welt als einem Objectiven ausgegangen werden, 
hier, wo es sieh um den letzten Ursprung handelt, ist der Geist 
das Erste. Dort musste man femer einfach beobachtend schildern, 
was in dem Process vorgeht und bei dem Vorliegenden sieh be- 
friedigen; hier, wo es gilt, Greist und Welt auseinanderzusetzen 
und zu den letzten uns erreichbaren Thatsaehen vorzudringen, 
darf jenes nur als Erscheinung gelten und muss geprüft und 
umgestaltet sein, um anerkannt zu werden. Eine solche Be- 
stimmung der Aufgabe und die damit verknüpfte Umwandlung 
der beschreibend ^gregirenden Forschung in eine analytisch- 
systematische muss aber alle einzelnen Begriffe wesentlich ändern. 

Der Empiriker pflegt sich auf Thatsaehen zu berufen j d. h. 
auf „Gegenstände für Begriffe, deren objective Realität — bewiesen 
werden kann" (s, Kant V, 482), aber was wird denn überhaupt 
von diesem Begriff umfasst? Nur das einzelne Geschehen in der 
Aussenwelt? Oder gibt es auch allgemeine Thatsaehen, gibt es 
auch innere Thatsaehen ? Und ist Kant l'ilr einen pliautastisclien 
Schwärmer zu erachten, wenn er auch eine Vemunftidee, nämlieh 
die Idee der Freiheit, als Tliatsaclie an^eehen wiseen wollte?*) 
•) S. Kant V, 48a. 




54 Erfahrang. 

Dann aber, und das ist hier das Wichtigste, sind die Er- 
scheinungen, wie sie unmittelbar dem Bewusstsein vorliegen, 
schon reine Thatsachen? Wie jeder Forscher in seinem Gebiet 
nach seiner Art, so wird der Philosoph in der letzthin zusammen- 
fassenden und abschliessenden Untersuchung das behaupten, dass 
erst durch die Arbeit des Denkens aus den Erscheinungen die 
Thatsachen zu ermitteln sind*), dass diese Aufgabe nur in der 
Würdigung des Ganzen mit Erfolg behandelt werden kann, und 
dass die einzelnen Data nur durch den Zusammenhang ihre 
feste Bedeutung gewinnen.**) 

Aehnlich aber wie der Begriff der Thatsache gestaltet sich 
auch der der Verification um. Gewöhnlich wird dabei an eine Ver- 
gleichung des Vorstellungsinhaltes mit dem draussen liegenden 
Object gedacht, aber diese Bestimmung gentigt schon den ein- 
zelnen Wissenschaften nicht. In der Mathematik z. B. wird man 
nur durch die Consequenz des Denkprocesses selber, der das 
Problematische auf unmittelbare Einsichten zurückführt, sich tiber 
Wahrheit oder Unwahrheit vergewissem können.***) In der 
Philosophie aber, wo nicht nur die (Jesammtheit der Aussenwelt 
als solcher, sondern das Wissen überhaupt in Frage gestellt werden 
kann, werden sich ganz neue Probleme eröflftien, die nur von 



*) Mit Recht sagt Schelling (10, 228), dass in allen möglichen Unter- 
suchnngen die Aasmittlung der reinen, der wahren Thatsache das Erste und 
Wichtigste, aber auch zugleich das Schwerste ist 

*^) Der Ausdruck Thatsache ist abgesehen von anderem insofern ein 
unglücklicher, als er etwas als festbegründet und für sich abgeschlossen 
erscheinen lässt, das noch der Probe zu unterwerfen ist. Das Wort findet 
sich erst in der zweiten Hälfte des IS. Jahrhunderts (so z. B. in Lessing's 
Streitschriften gegen Grütze, bei Herder u. a.); noch Adelung wollte es 
verbannen als «unschicklich und wider die Analogie zusammengesetzt 
und „der Missdeutung unterworfen.* Fichte drang der Thatsache gegenüber 
auf den Begriff der Thathandlung. 

'^**) Der erste Philosoph, der sich eingehender mit dem Problem der 
Verification in der Gesammtwissenschaft beschäftigt zu haben scheint, Roger 
Baco, hat die Mathematik als Mittel der Verification der übrigen Erkenntniss 
und im besondem der Naturwissenschaft hingestellt, s. specula mathematica 
dist. I. 



Eriahmng. 55 

einer systematischen ForBcfaung aufg:eiiommen und so weit geführt 
werden können als uns Überhaupt möglicli ist. Die Meinung, hier 
dureh ieoÜrte Data principielle ■ Fragen lösen zu können, wird 
entschieden zurückzuweisen sein. 

Und nun endlich der Begriff der Erfahrung selber, aus der 
alle Erkenntniss vermeintlich stammt Soll das heiBsen, dass wir 
alles, was wir wissen, aus der im Verhältniss zur Welt sich 
gestaltenden und wirkenden Thätigkeit des Denkens gewinnen, 
so wird niemand etwas einzuwenden haben ; Versteht man darunter, 
dass die Thätigkeit immer an die> entgegenstehenden Objeete ge- 
bunden sei, so wird die Behauptung schon problematischer, und 
nieht nar ein Blick z. B. auf die Ethik ^), sondern auch auf die 
reine Mathematik könnte daran Zweifel erregen; soll aber gar 
behauptet wei'den, dass in dem Zusammensein der Geist alles 
von aussen ohne gestaltende Thätigkeit seinerseits letzthin erhalte, 
so haben wir nieht mehr eine Darstellung erscheinungsmässiger 
Vorgänge, sondem eine specifisch dogmatische These über ihren 
Gehalt**), eine These, deren gewöhnliche Beweisführung an einer 
steten petitio principii leidet. Denn dabei pflegt die Aussenwelt 
als eine gegebene und an den Geist fertig herantretende angesehen 
zu werden ; dieses aber, was dem unphitoeophisehen Bewusstaein 
als selbstverständlich erscheinen mag, steht ja eben in Frage, 



*) 8. Kant 111, 260: la Betracht der Natnr gibt ans Erfahrung die 
Regel an die Hand nnd ist der Qnell der Wahrheit, in Ansehung der 
sittlichen Gesetze aber ist Erfahmng (leider!) die Halter des Scheins, nnd 
es ist höchst Terwerfiich, die Gesetze über däs, was ich thn.n soll, von dem- 
jenigen herzunehmen oder dadurch einschränken za wollen , was gethan 

»*) Dabei ist anch der Sprachgebrauch, der Erfahrung nnd Vernunft 
einander gegenüberstellt, and das, was nai dnrcb die wissenschaftliche 
Thätigkeit Bedeutang fUr die Erkenntniss gewinnt, als ein ihr gegenüber 
fertig nnd fest gegebenes ansieht, irreleitend; mit Recht bemerkt in Besng 
darauf Boyle (the Christian virtuoso gegen Sohlnss) : When ne say, experieuce 
correots reasoQ, 'tis an iiDpropor wiiy of apeakin»;; siiice 'tis rc^tcriTi itaelf, 
that apon the intonuatiou of exporlence corrects the judgmeüt it had 
made before. 




56 Elf abrang. 

denn es handelt sich gerade darum, ob wir in dem Aufnehmen 
oft nicht etwas nur wieder erhalten, was wir selbst in die Welt 
hineingelegt haben, und ob nicht der Empiriker etwas vergisst, was 
doch auch mit zur Erfahrung gehört: den Beobachter. 

Ebenso mehrdeutig ist es, wenn verlangt wird, dass wir 
nicht über die Erfahrung hinausgehen sollen. Ist der Sinn, dass 
die Erscheinungen, so wie sie uns gegeben sind, unverändert zu 
lassen sind, so ist damit nicht nur die Philosophie, sondern 
jegliche Wissenschaft zerstört, denn ein jedes Wissen muss, indem 
es Gesetze und causale Verbindungen zu ermitteln und das Zu- 
sammengesetzte der Erscheinung aufzulösen, das Zerstreute zu 
verbinden sucht, über das unmittelbar Vorliegende hinausgehen 
und es umgestalten. Die constructiven Philosophen hatten voll- 
kommen Recht, wenn sie, diese Bedeutung von Erfahrung voraus- 
setzend, den Begriff der Erfahrungswissenschaft angriffen*) und 
geradezu einen Widerspruch darin sahen, die Erfahrung selbst, 
deren Wesen eben darin bestehe, nie auf ein Princip zu führen, 
zum Princip und zwar zum obersten in der Philosophie zu machen, 
s. Schelling, VI, 78; nur darin gingen sie fehl, dass sie einen 
solchen Begriff von Erfahrung irgend einem wissenschaftlichen 
Kopfe zutrauten. Natürlich soll es die wissenschaftliche Erfahrung 
sein, zu der man sich bekennt, aber nun entsteht die Frage, ob 
dieselbe nach dem eben Bemerkten nicht schon eine selbstständige 
Thätigkeit des Geistes voraussetze, und der Vorkämpfer einer 
solchen Erfahrung sich in eine Bewegung einlasse, die consequent 
verfolgt noth wendig auch der Philosophie eine eigne Aufgabe 
über der Erfahrung zuerkennen muss. Es geräth der Empiriker 
in das Dilemma, entweder bei festgehaltener Leugnung der Thätig- 
keit des Geistes sich auf die gemeine Erfahrung zurückgewiesen 
zu sehen, oder das in der Philosophie in Abrede zu stellen, wofür 
er in den einzelnen Wissenschaften eintritt, und die Folge davon 

*) So nennt Schelling III, 282 den Begriff einer Erfahrangswissensehaft 
einen „Zwitterbegriff, bei dem sich nichts Zusammenhängendes, oder der 
sich vielmehr überhaupt nicht denken lässt Was reine Empirie ist, ist 
nicht Wissenschaft, und umgekehrt, was Wissenschaft ist, ist nicht Empirie,* 



Erfahrung. 57 

ist ein stetes Schwanken in dem BegrilT der Erfahrung selber. Ist 
aber einmal nm* das Recht zugestanden, die Form des Gegebenen 
- umzugestalten, so ist der Frage nicht auszuweichen, ob nicht 
eine solche Umgestaltung (ganz abgesehen von der Belativität der 
Begriffe Form und Inhalt) auch materiell weiterführe, und sich 
also die Denkthätigkeit in gesetzmässigem Fortschreiten proble- 
matisch wie assertorisch über jene Grundlage erhebe. 

Immer aber bleibt das hier für uns die Hauptsache, dass 
Aufgaben und Ansprüche der Philosophie nur den Höhepunkt 
der gesammten wissenschaftlichen Arbeit ausmachen, so dass sie 
nicht als etwas ganz abenteuerliches abgewiesen werden dürfen. 
Das gilt aber vor allem in der neuem Wissenschaft, die eine 
weit freiere Stellung gegenüber dem unmittelbar Vorliegenden 
einnimmt und mittelst ihrer Analyse 'das ganze naive Weltbild 
umgeschaffen hat.^ Wenn nun die einzelnen Disciplinen die Frage 
weder allgemein stellen noch sie bis auf den letzten Grund ver- 
folgen, dieses eben aber die Philosophie unternimmt, so ergreift 
sie damit ein noth wendiges und durchgehendes Problem der Er- 
kenntniss und rechtfertigt erst die gesammte wissenschaftliche 
Arbeit.*) Sie selbst aber gewinnt dadurch erst eine klare und 
bestimmte Aufgabe, systematische Ordnung und eigne Methode; 
nun erst treten die Fragen durch die philosophische Behandlung 
in eine wirklich neue Sphäre ein ; die Grundbegriffe gestalten sich 
um; Erfahrung des Aeussem und des Innern, die sonst ausein- 
anderfallen, können nun zu einem Ganzen verbunden werden. Es 
hört die Philosophie auf, ein Anhängsel anderer Wissenschaften, 
eine blosse Krönung des Gebäudes oder gar ein Tummelplatz der 
Einfälle des gemeinen Verstandes zu sein, sie wird vielmehr die 
Wissenschaft der Wissenschaften, die recht eigentlich die Seele 
aller erkennenden Thätigkeit bildet und ihr eine innere Einheit 
^iebt. 

Vom Standpunkt des Empirismus aus aber kann folgerichtig 

*) Auch die specielle Art, wie in einer Zeilepoche jenes philosophische 
Problem behandelt wird, steht in ebger Verbindung mit der Eigenthümlich- 
keit der jeweiligen wissenschaftlichen Arbeit. 



58 Erfahrung. 

eine solche selbstständige Aufgabe der Philosophie und damit eine 
Philosophie als eigenartige Wissenschaft nicht aufrecht erhalten 
werden. Denn zum Begriff der Wissenschaft gehört doch wohl 
eine systematische Verbindung von Erkenntnissen unter Principien^ 
sowie eine specifische Methode. Der Empiriker aber muss entweder 
der Philosophie eine blosse Zusammenstellung der Ergebnisse der 
andern Wissenschaften zuertheilen, oder sie auf Beobachtung der 
psychischen Vorgänge, als auf ein specifisches Gebiet, einschränken; 
im erstem Fall hätte man gar keine Wissenschaft, im zweiten 
wenigstens keine Centralwissenschaft der Principien. Auf eine 
eigne Methode für die Philosophie scheint aber der heutige Em- 
pirismus nicht einmal Anspruch zu erheben , da er sich einfach 
zu den Methoden bekennt, welche man als den Naturwissenschaften 
eigenthümlich anzusehen pflegt. Offner aber als mit einem solchen 
Verzicht kann man den Verzicht auf die Philosophie als eine 
selbstständige Wissenschaft nicht wohl aussprechen. 

Dem entsprechend ist denn auch der moderne Empirismus,^ 
seinen bisherigen positiven*) Ergebnissen nach betrachtet, wenig 
über eine neue Formulirung und hypothetische Erweiterung natur- 
wissenschaftlicher Erkenntnisse hinausgekommen. Sobald er sich 
weiter von dem Boden der Naturwissenschaften entfernt, sieht 
er sich auf den gemeinen Menschenverstand angewiesen, und so 
könnte man wohl, ohne unbillig zu sein, sagen, dass, wenn auch 
der Empirismus sowohl Wissenschaft als Philosophie enthalte^ 
beides nicht zusammenfällt: was hier Wissenschaft ist, ist nicht 
Philosophie, und was Philosophie, ist nicht Wissenschaft. 

Dem entsprechend hat der Einfluss des Empirismus in der 
geistigen Bewegung der Gegenwart weniger in den specifisch 
philosophischen Leistungen seinen Grund als in Strömungen all- 
gemeiner Art Es wirkt vor allem eine Abneigung gegen alle 
speculative und systematische Philosophie, die, zunächst gegen 



*) Im Allgemeinen freilich ist die Negation weit überwiegend und die 
Empiriker können den constmctiven Philosophen für ihre Verirmhgen gar 
nicht dankbar genug sein. 



\ 



Erfahrang. 59 

Hegel und die construetiven Denker gewandt, dann weit über 
diesen Anläse hinausgebt. Weniger klare Einsicht als dunkles 
Gefühl liegt solcher Regung zu Grunde, es ist die Antipathie 
gegen ein abstractes und bloss formales Wissen , gegen das ge- 
waltsame Construiren aus angeblich reinen, in Wahrheit oft leeren 
Begriffen, gegen die ganze Entfremdung der Philosophie von der 
Positivität des Gegebenen. Dieser Vorwurf mag vornehmlich Hegel 
im Auge haben, er trifft im Wesen die ganze systematische Philoso- 
phie der Neuzeit, mit Ausnahme Kaufs. Durchgehend und zu- 
nehmend ist hier alles Sein auf Operationen des Verstandes zu- 
rückgeführt und mehr und mehr aller positive Inhalt der Welt 
dahin aufgelöst. Dagegen ist nun der Bückschlag eingetreten, 
der Durst nach einer realen und conereten Weltbegreifung ist 
mächtig geworden, und da er in der Philosophie nicht Befriedigung 
findet, hat er sich gegen sie gewandt und begünstigt alles das, 
was der unmittelbaren Erscheinung naheliegt. — Die zu Grunde 
liegende Tendenz halten wir für vollberechtigt und freuen uns 
ihrer von ganzem Herzen, aber soll sie Bedeutung und Bestand 
gewinnen, so muss sie sich einen Platz innerhalb der Philosophie 
erkämpfen und nicht in allen Vorurtheilen der gemeinen Auffassung 
stehen bleiben. So wie jetzt die Dinge liegen, mischt sich alles 
mögliche zusammen, alles was sich idealistischen Bestrebungen 
überhaupt abneigt, verbindet sich, um nicht diese oder jene 
Philosophie, sondern alle systematische Philosophie zu bekämpfen- 
Gegen solche Angriffe die Philosophie vertheidigen hiesse dieselbe 
herabsetzen ; nicht darauf kommt es schliesslich an, wie die Zeit 
über die Philosophie, sondern wie die Philosophie über die Zeit 
urtheilt; nur an einem Punkte möchten wir gegen ein Missver- 
ständniss kämpfen, das auch forschende Kreise ergriflfen hat: 
gegen das Missverständniss der metaphysischen Aufgabe. Der 
Ausdruck Metaphysik ist zu einem jener Schlagworte geworden, 
die ruhiges Nachdenken nicht aufkommen lassen. Alles, was es 
an Abstrusem, Willkürlichem, Leerem geben kann, wird auf einen 
solchen BegriiT gehäuft, und die Wirkung ist damit gesichert 
Nun ist allerdings der Terminus Metaphysik ein sehr unglück- 



50 Erfahrung. 

lieber, indem dadurch leicht die Vorstellung erwacht, als bandle 
es sich um ein jenseits und ausserhalb aller Erfahrung liegendes 
Wissen. Aber schon ein Blick in die Geschichte zeigt, wie wenig 
berechtigt es ist, dafür nur einen einzigen hervorragenden Denker, 
geschweige denn die gesammte Philosophie, verantwortlich zu 
machen. Einem Missverständniss entsprungen, dann von neuplato- 
nischer Seite auf das Transcendente übertragen*), ist der Aus- 
druck in dem Sinne von Ontologie ein Lieblingswort der Scholastik 
geworden und auch in der neuem Philosophie eben da, wo der 
scholastische Geist sich am längsten erhielt, in der wolffischen 
Schule, mit Vorliebe verwandt. Von hier aus hat, und zwar nicht 
ohne Entstellung, Kant sich den BegriflF der Metaphysik gebildet, 
den er bekämpft. Wenn nun aber nie ein hervorragender Denker 
eine Freude an dem Ausdruck gehabt hat, so könnte. man darin 
wohl ein Anzeichen erblicken, dass eine tiefere Aufgabe der Philo- 
sophie durch die AngriflFe auf die „Metaphysik" nicht getrolTen 
wird. Worauf alle systematischen Denker und solche voran, 

*) Der Ausdruck ging bekanntlich zunächst aus der Stellung der 
Schriften des Aristoteles hervor; wie schon Gassendi vermuthete, ist 
wohl Andronikus Ehodius, der Ordner der aristotelischen Schriften, als 
sein Urheber anzusehen. Dann aber bürgerte sich das Wort rasch zur Be- 
zeichnung der Disciplin überhaupt ein (ra fztzd zä gjvaixa, ^ fnzd id qwaixcc 
nqnyfjLttxda), die endlich durch den Neuplatoniker Herennius als Wissenschaft 
von dem über der Natur Liegenden verstanden wurde (s. Brandis, Abh. 
der Berl. Akad. 1831, p. 80: fxtrd zd, q)vaixd XiyoyTui cctisq (pvCEiag vnsQtiQTai 
xai vntQ ahiav xai Xoyoy Biaiv), Die Singularfonn metaphysica ist wohl 
erst im 13. Jahrhundert bei den Häuptern der Scholastik nachzuweisen. 
Uebrigens bedeutet Metaphysik im Mittelalter keineswegs eine Wissenschaft 
vom Jenseitigen, und selbst für Wolff trifft die kantische Ansicht von der 
Metaphysik nicht zu; s. Kant VIII, 576: ^Der alte Name dieser Wissenschaft 
fjiixtt xa (pvaixcc gibt schon eine Anzeige auf die Gattung von Erkenntniss, 
worauf die Absicht mit derselben gerichtet war. Man will vermittelst ihrer 
über alle Gegenstände möglicher Erfahrung (trans physicam) hinausgehen, um 
womöglich das zu erkennen, was schlechterdings kein Gegenstand derselben 
sein kann."* Die alte Metaphysik ist vielmehr im Anschluss an die aristot. 
Metaphysik die Lehre von den allgemeinen Bestimmungen des Seienden, 
weswegen von Clauberg dafür der Name Ontosophie oder Ontologie vorge- 
schlagen wurde, s. proleg. zur metaphysica de ente quae rectius ontosophia. 



£rfabrang. 6 1 

welche den schulmässigen Begriff der Metaphysik bekämpften, 
Werth gelegt haben, das ist eine selbstständige Principienlehre der 
Philosophie. Aus dem Ausdruck der Metaphysik kann man 
höchstens folgern, dass diese noth wendige Aufgabe sich in ge- 
wissen Köpfen falsch darstelle, nicht aber, dass sie an sich eine 
verfehlte sei. Ebenso gut, wie man dem systematischen Philo- 
sophen vorwirft, dass er das, was tlber der Welt liege, erforschen 
wolle, könnte man sagen, dass er das untersuche, was vor der 
speciellen Erkenntniss liegt, die allgemeinen Bedingungen der Er- 
kenntniss, richtiger aber ist es, hier alle Bestimmungen äusserer 
Art bei Seite zu lassen und die Aufgabe nach dem Wesentlichen 
und Begrifflichen zu bemessen. 

Der systematische Philosoph will in keiner Weise die Erfahrung 
missachten, nur kann er die Sätze „nicht ohne Erfahrung" und 
„alles allein aus Erfahrung" nicht einander gleichstellen. An ihrer 
Stelle wird ihm die Erfahrung in gleichem Umfange werthvoU 
sein, wie dem Empiriker, nur glaubt er auf eine weitere Frage 
nicht verzichten zu dürfen. Auch fällt es ihm nicht ein, durch die 
Sätze, zu welchen er gelangt, das in der Erfahrung Gegebene ver- 
drängen zu wollen; es bleibt vielmehr an seinem Platte unange- 
fochten, nur kann es ihm nicht als das letzte gelten, wohin das 
Denken zu gelangen vermag. Aber hier hat die Philosophie unter 
der Unsitte zu leiden, dass die Ergebnisse der Forschung, statt im 
Zusammenhang des Ganzen Würdigung zu finden, unmittelbar auf 
die einzelnen Phänomene bezogen werden ; der philosophische Be- 
griff scheint nun das evident Vorliegende verdrängen zu wollen, 
. und da natürlich dem gemeinen Verstände nichts thatsächlicher 
zu sein dünkt, als was der Mensch sehen und greifen kann, so 
erscheint der Philosoph als Utopist und Wolkenkuckucksheimer^ 
und jeder Gelegenheitsdenker glaubt die grössten Forscher aller 
Zeiten spielend widerlegen zu können. Aus einer solchen Be- 
ziehung der Ergebnisse philosophischen Forschens auf die unmittel- 
bare Erscheinung, sowohl auf theoretischem wie auf praktischem 
Gebiet, geht vor allem die Ueberhebung des gemeinen Verstandes 
über die Philosophie hervor, die nicht selten den iSpott der Denker 



62 Erfahrong. 

erregt hat. „Von jeher", meint Schelling (s. Werke II, 19), „haben 
die alltägliclisten Menschen die grössten Philosophen widerlegt; 
mit Dingen, die selbst Eindem und Unmündigen begreiflieh sind. 
Man hört, liest und staunt, dass so grossen Männern so gemeine 
Dinge unbekannt waren und dass so anerkannt kleine Menschen 
sie meistern konnten. Kein Mensch denkt daran, dass sie vielleicht 
alles das auch gewusst haben; denn wie hätten sie sonst gegen 
den Strom von Evidenz schwimmen können? Viele sind überzeugt, 
dass Plato, wenn er nur Locke lesen könnte, beschämt von dannen 
ginge; mancher glaubt, dass selbst Leibnitz, wenn er von den 
Todten auf erstünde, um eine Stunde lang bei ihm in die Schule 
zu gehen, bekehrt würde, und wie viele Unmündige haben nicht 
über Spinoza's Grabhügel Ti-iumphlieder angestimmt?" 

Alle solche UebergriflFe des geineinen Verstandes treffen die 
Systeme in dem Masse mehr als sie für die philosophische 
Forschung eine selbstständige Aufgabe heischen; je näher sie dem 
gewöhnlichen Weltbilde bleiben, desto eher dürfen sie auf Ver^ 
zeihung seitens jenes Verstandes rechnen. Dem Empirismus pflegt 
derselbe selbst ein gewisses Wohlwollen zuzuwenden, das freilich 
seine wissenschaftlichen Vertreter niclit verschuldet haben. Für 
die philosophische Behandlung der vorliegenden Frage hat diese 
ganze Parteinahme der Menge gar keinen Werth. Das transscen- 
dentale und metaphysische Problem ist ein so überaus schwieriges 
und setzt so viel wissenschaftliche und philosophische Arbeit 
voraus, liegt dazu auch der naiven Weltanschauung so fem, dass 
die Meinungen der Leute hier für den Philosophen genau die Be- 
deutung haben wie für den Astronomen die vulgären Vorstellungen 
von den Himmelskörpern und ihren Bewegungen. 

Aber die Verwirrung ist heut zu Tage über den Kreis der 
Halbdenkenden hinaus auch in den der wissenschaftlich Forschen- 
den gedrungen; aus den Argumenten, die hier selbst von Männern, 
die in den Einzelwissenschaften eine hervorragende Stellung ein- 
nehmen, für den Empirismus geltend gemacht werden, geht klar 
hervor, dass das philosophische Problem nicht in seiner Eigen- 
thümlichkeit verstanden wird. So wird z. B. daraus, dass in dem 



Erfahrimg. 63 

psychologisch - physiologischen Problem der Gestaltung unserer 
Baumvorstellungen die Wagschale sich zu Gunsten der empirischen 
Erklärung ' gegenüber der nativistisohen hinzuneigen scheint, ein 
Argument für den philosophischen Empirismus geschmiedet. Aber 
beide Fragen sind ja grundverschieden, das eine Mal handelt es 
sich um das psychische Entstehen und zum Bewusstseinkommen, 
das andere um den letzten Ursprung; man kann jenes psychologische 
Problem .durchaus im Sinne des Empirismus beantworten, ohne im 
transscendentalen Sinne ein philosophischer Empiriker zu sein. 
Die Gleichstellung beider Fragen zeigt ein starkes. Missverständ« 
niss kantischer Philosophie, gegen welches sich Kant wiederholt 
ausdrücklich verwahrt hat. Gerade er, der auf die Ursprünglich- 
keit der Erkenntnissformen den grössten Wei*th legte, hat die Frage, 
ob diese Formen als fertig und angeboren gegeben oder als erst 
im Leben sich entwickelnd anzusehen seien, von jenem Problem 
bestimmt geschieden und seine Sympathie für die später sogenannte 
empirische Erklärung unzweideutig ausgesprochen.*) 

Femer sind mannigfach die neueren Untersuchungen über die 
Principien der Geometrie, aus denen sich ergibt, dass unsere 
Baumanschauung eine bestimmte unter andern möglichen ist, so 
verstanden, als seien durch die Erkenntniss dieser Positivität die 
kantischen Lehren widerlegt und die Frage zu Gunsten des Em- 
pirismus entschieden, indem ja nur durch die Erfahrung jene Be- 
schaffenheit der Baumanschauung ermittelt sei. Aber für den 
Philosophen liegjt ja die Frage gar nicht darin, woher wir uns die 
Einsichten zum Bewusstsein bringen, sondern darin, woher sie ur- 
sprünglich stammen, und es ist etwas ganz anderes, etwas von 
dem Denken aus zu construiren, als es, nachdem es erkannt, aus 
geistiger Thätigkeit hervorgegangen zu begreifen. Dabei brauchen 
die Bichtungen, welche die Ursprünglichkeit der Erkenntnissformen 
vertheidigen, dieselben nicht im mindesten aus reinen Begriffen 
abzuleiten, sondern sie können eine specifische Beschaffenheit, 



*) Bei der Behandlung der Begriffe a priori und angeboren werden 
bestimmte Stellen dafür znr Anführung kommen. 



64 Erfahrung. 

die wir erst in der Erfahning erkennen, ohne jedes Bedenken 
zugestehen. Doch ich habe den Ausdruck zu verbessern, von 
Zugeständniss kann keine Rede sein, weil gerade von der systema- 
tischen Richtung aus jene Positivität zuerst behauptet wurde. Für 
Leibnitz war es ein besonders anziehender und in seinem System 
hochwichtiger Gedanke, das Wirkliche durchgehend als eine von 
verschiedenen Möglichkeiten zu fassen, bei Kant aber bildete die 
Ueberzeugung geradezu eins der treibenden Motive seines transs- 
cendentalen Idealismus, dass die bestimmte Beschaffenheit der 
Raumanschauung, darunter die drei Dimensionen, nicht aus einem 
allgemeinen Begriff des Raumes gefolgert werden könnte.*) Er 
würde daher eben die Forschungen mit besonderer Freude be- 
grüsst haben, durch die jetzt manche ihn glauben widerlegen zu 
können.**) Und überhaupt liegt nicht darin, dass der Gteist 
die eigenthümlichen Formen der Anschauung als ein specifisches 
erkennt, zugleich eine Erhebung über die Schranken? Ist es 
nicht einer der grössten Triumphe des Denkens, eine Geometrie 
ausbilden zu können, die von den specifischen Bedingungen unserer 
Anschauung unabhängig ist? — Bei den Empirikern bewegt sich 
hier durchgehend die Beweisführung im Cirkel , denn man beruft 
sich einfach auf den erscheinungsmässigen Vorgang; aber diesen 
zu prüfen und zu schätzen ist eben Problem, und das Er- 
gebniss dieser Prüfung könnte sehr wohl eine Umkehrung der 
ersten Erscheinung sein. Vielleicht mit einigem Recht meint 
Leibnitz (s. 591b): „II leur parait d'abord, que tout ce que nous 
faisons n'est qu' impulsion d'autrui; et que tout ce que nous 

*) S. II, 410: non dari' in spatio plures, quam tres dimensioneSy 
inter duo puncta non esse nisi rectam unicam; e dato in superficie plana 
puncto cum data recta circulum circnmscribere etc., non ex nniversali aliqua 
spatii notione conclndi, sed in ipso tantnm, velnt in concreto, cemi potest. 
**) Wie man übrigens sich auch zu diesem Problem stellen mag, 
die Frage nach dem Ursprung mathematischer Erkenntniss überhaupt ist 
damit nicht entschieden. Wir wären begierig, z. B. den Begriff des reinen 
Quantums aus der Erfahrung nachgewießen zu sehen, wenn man sich nicht 
mit leeren Redensarten, wie z. B. der Abstraction aus dem Gegebenen, 
begnügen will. Denn wie ist eine solche. „Abstraction*" möglich? 



Erfahmng. 65 

concevons vient de dehors par les seng, et se trace dans le 
vttide de notre esprit, tanquam in tabula rasa. Mais une m^ditation 
plus profonde nous apprend, que tout (meme les perceptions et 
les passions) nous vient de votre propre fonds, avec une pleine 
spontaneite." — Jedenfalls aber kann alles, was die wissenschaft- 
liche Arbeit an Ergebnissen erringen, was sie namentlich in Bezug 
auf die Entwicklung und die Positivität des Inhaltes geistigen 
Lebens herausstellen mag, ganz und gar von einer systematischen 
Philosophie anerkannt und hochgeschätzt werden, ja es kann nach 
unserer Ueberzeugung erst in einer solchen seine volle principielle 
Verwerthung finden. 

Die eben schon hinreichende Verwirrung der Begriffe wird 
nun durch die Art, wie man in gewissen Kreisen die Gegner des 
Empirismus darzustellen beliebt, noch gesteigert. Es hat nach 
manchen Auslassungen den Anschein, als wenn jeder Anhängei* 
einer systematischen Philosophie nichts anderes als Freund eines 
begrifflich construirenden Systems in der Art Hegel's sein könnte, 
wobei wieder das Bild einer solchen Philosophie in arger Weise 
entstellt wird. Aber wie man immer über Hegel urtheilen mag, 
mit welchem Rechte werden wir andern für seine Gredanken 
verantwortlich gemacht? Soll auch in der Philosophie eine solche 
Imputationslehre gelten, dass alle für etwaige Sünden eines büssen 
müssen? Oder sollen gar wir Nichtempiriker uns alle ins Mittel- 
alter zurückversetzen lassen und der Gunst, von der geistigen 
Bewegung der Neuzeit auch etwas zu lernen, durch einen Macht- 
spruch der Empiriker beraubt werden? Femer muss abgesehen 
von allen historischfen Zusammenhängen dagegen Verwahrung 
eingelegt werden, dass jeder, der eine selbstständige Bedeutung 
der Philosophie als systematischer Wissenschaft vertheidigt, von 
dem grossen Haufen als unklar, phantastisch und unverständlich 
hingestellt wird. Schon Leibnitz musste gegen die von Locke 
aufgebrachte Unart kämpfen, etwas den eignen Gedankengängen 
fernliegendes als unverständlich zu bezeichnen*) und damit bei 



*) Dem gegenüber verwendet der dilettantische Empirismus gern als 

Sacken, Geschichte und Kritik. ^ 



66 £rfahmng. 

Seite zu schieben, er kennzeichnet diese Art treffend, wenn ei' 
sagt (451 a): „Je remarque souvent que eertaines gens tächent 
d^luder ce qu'on leur dit par cette affection d'ignorance comme 
s'ils n'y entendaient rien ; ce qu'ils fönt non pas pour se blämer 
eux memes, mais ou pour blämer oeux qui parlent, comme si leur 
Jargon ötait non intelligible , ou pour s' 61ever au dessus de 
la chose et de eelui qui la debite, comme si eile n'ötait point 
digne de leur attention." Es darf hinzugefügt werden, dass der, 
welcher sich in dieser Weise der Sache tiberheben zu können 
wähnt, damit die Gemeinschaft wissenschaftlicher Arbeit aufgibt. 
Wenn man nach dßm allen das Bild sich vorstellt, das 
sich manche heut zu Tage von den „Metaphysikem" machen, 
jenen Männern, die verwegen über alle Schranken der Erfahrung 
ohne Compass hinaussteuem und ernster Arbeit abgeneigt das, 
was nur durch dieselbe errungen werden kann, in kühnem 
Schwung der Einbildungskraft erhaschen wollen, und die dabei 
noch sich hochmüthig über die wirklich Arbeitenden erheben, so 
seheint es, dass man über soviel Frevel nur Abscheu ^npfinden 
und nicht stark genug sich gegen die Gemeinschaft mit solchen 
Menschen verwahren könnte. Aber wenn man sich nun die Ge- 
sellschaft dieser Nichtempiriker und Antiempiriker näher ansieht, 
so findet man nicht bloss Männer wie Plato und Plotin, Spinoza 
und Hegel, sondern auch Cartesiüs und Leibnitz, Kant und Herbart, 
kurz so ziemlich alles, was in der Philosophie bedeutend gewesen ist, 
und da, fürchte ich, wird es immer noch manche geben, die es vor- 
ziehen, in Gesellschaft jener von den Hohenpriestern des gemeinen 
Menschenverstandes verdammt zu werden , als mit den von ihnen 
Gefeierten die Gunst des philosophischen Dilettantenthums zu-theilen. 



Waffe das „Selbstverständliche**) ein unzulängliches Mittel im Kampf um die 
Wahrheit. Denn dieses Selbstverständliche gehört entweder der Sphäre der 
naiven Weltanschauung an, die selber der Wissenschaft wieder Problem wird, 
oder aber es ist nur unbewusst gewordenes Ergebniss früherer wissen- 
schaftlicher Bewegungen. Die meisten Forschritte in der principiellen Er- 
kenntniss der Welt sind davon ausgegangen, dass einer an etwas „selbst- 
verständlichem" zu zweifeln begann. 



Erfahrung. 67 

Doch genug des Scherzes, man soll die Heiterkeit, welche 
spätere Jahrhunderte bei der Betrachtung dieses gespreizten, 
trockenemsten und grosse Probleme wie grosse Männer gleichmässig 
schulmeisternden Dilettantenthums empfinden werden, nicht 
anticipiren. Wir möchten vielmehr nach einer Seite hin unsere 
Darstellung gegen ein unliebsames Missverständniss schützen. Unter 
den Männern philosophischer Forschung pflegen manche den 
Empirikern zugezählt zn werden, die sich mit Recht gegen unsere 
Darstellung verwahren könnten. Wir sehen diese Männer an 
concreten und wichtigen Problemen in besonnener und kritischer 
Arbeit beschäftigt, die unsere volle Hochachtung hat, und die in 
ihrem Verlauf auch diejenigen einander näher bringt, welche sich 
zu Anfang fem standen. Mögen daher jene Männer uns gestatten, 
das Wort Fichte's anzuwenden: „Wer überflüssig findet, was wir 
sagten, der gehört nicht unter diejenigen, für welche wir es 
sagten." Was wir bekämpfen, ist jene antiphilosophische Richtung 
im allgemeinen Leben, welche die grossen Probleme des Denkens 
und Strebens verwirft, weil sie dieselben nicht versteht, welche 
dem Geist alle selbstständige und gestaltende Kraft in der Welt 
abspricht, und die nun doch einen philosophischen Mantel anlegen 
möchte, um so mit scheinbarem Rechte aus dem Mangel eine 
Tugend zu machen. Solche Strömungen direct wissenschaftlich 
zu bekämpfen, ist unmöglich ; wohl aber sollten alle philosophisch 
Forschenden ohne Unterschied der Partei für die Selbstständigkeit 
und Hoheit philosophischer Wissenschaft und ihre Bedeutung in 
dem System menschlicher Zwecke eintreten. Diese Bedeutung 
misst sich nicht nat^h der Summe einzelner Lehrsätze, die man 
jedem andemonstriren könnte, oder gar nach wunderbaren Ent- 
deckungen, die den gemeinen Verstand in Staunen setzen, sondem 
nach der Fülle geistiger Kraft, die dadurch entwickelt, der 
JRichtung derselben auf werthvoUe Ziele, die daher bestimmt, der 
ganzen Hebung des geistigen und wissenschaftlichen Standortes, 
die von da aus bewirkt wird. Damit solche Güter gewahrt bleiben, 
ist es nothwendig, an der ganzen Grösse der Aufgabe festzuhalten, 
wenn wir heute auch noch so wenig Glauben und wenig Kraft 

5* 



68 Erfahrung. 

haben, sie fördern zu können. „Denn wenn das Feuer in dir 
erlischt, ist es nicht überhaupt erloschen"*), und in keiner Weise 
dürfen die letzten Ziele der Menschheit von den Stimmungen des 
Tages abhängig gemacht werden. Was aber speciell das Erkennen 
anbelangt, so würden wir eine systematische Philosophie dadurch 
schon gerechtfertigt finden, dass nur durch sie es möglich wird, 
dem Vorliegenden gegenüber eine freie Stellung zu bewahren, die 
Erfahrung selber zum Problem zu machen und das Zufällige nicht 
von vom herein zu einem Nothwendigen zu stempeln. Hegel hat 
wiederholt hervorgehoben, dass das Erkennen einer Schranke 
die innere Erhebung übei" sie anzeige, aber der Satz lässt auch 
die Umkehrung zu, dass man über eine Schranke hinaus sein 
müsse, um ihrer in Wahrheit bewusst und eingedenk zu sein. 
Um also innerhalb der Erfahrung besonnen und umsichtig forschen 
zu können, ist eine Philosophie nothwendig, die nicht in der Er- 
fahrung abschliesst. 



*) Plotin 205 : insi oi<f' anoaßBvvvfjtivov rot kv aol nvqog ro oSioy 
TivQ aniaßn. 



< 




4 

A priori — angeboren. 

Ubique in natura aliquid agitur. ; z 

Kepler. 




Z- ^D 



. Der mit dem Problem der Erfahrmig eng zusammenhängende 
Begriff des a priori enthält in dem heutigen Gebrauch viel Dunkel- 
heit, die aufzuhellen vielleicht eine etwas eingehende geschichtliehe 
Betrachtung förderlich sein könnte. Die Ausdrücke a priori und 
a posteriori weisen letzthin auf die Sitte des Aristoteles zurück, 
das Allgemeine das (begrififlich) frühere, das Besondere das spätere 
zu nennen*), ein fester Sprachgebrauch gestaltete sich daraus 
aber erst in der zweiten Hälfte des Mittelal ters. Bei Albert dem 
Grossen finden wir den Gegensatz der Erkenntniss aus den 
Gründen und der aus den Folgen durch die Ausdrücke per priora 
und per posteriora bezeichnet; a priori^uad 8,_poateriori kommt 
nach Prantrs Angabe zuerst bei Albert von Sachsen, einem Gelehrten 
des 14. Jahrhunderts vor.**) Die Ausdrücke hielten sicfi^in 



*) S. nam. das 1 1 . Kap. des Buches J der Metaphysik und Trendelen- 
burg elem. log. Arist. § 19. 

**) Prantl führt (Gesch. der Logik IV, 78) folgende Stelle an, wo 
freilich der Ausdruck nicht gerade als ein neuer einzutreten scheint: 
demonstratio quaedam est procedens ex causis ad effectum et vocatur 
demonstratio a priori et demonstratio propter quid et potissima, — alia 
est demonstratio procedens ab effectibus ad causas, et talis vocatur 
demonstratio a posteriori et demonstratio quia et demonstratio non potissima. 
£s wird daher auch öfter der Erkenntniss a priori die durch Induction 
entgegengestellt. 




^ 



3!^^ 



J 



70 A. priori — angeboren. 

der mittelalterliclien Bedeutung unverändert bis ins 1 7. Jahrhundert, 
Luther (s. Tischreden Ausg. von Förstemann IV, 399) übersetzt a 
priori „von vomen her"*), a posteriori „von dem was hernach 
folget" ; Männer wie Kepler, Hugo Grotius, Descartes und Spinoza 
verwenden das Wort als einen herkömmlichen Schulterminus, 
aber die letztem empfanden es schon deutlich als etwas veraltetes, 
und auch directe AngriflFe**) blieben nicht aus. 

Mit Leibnitz aber begann eine Umwandlung der Begrijffe, 
wobei freilich, wie bei ihm durchgehend, die alte Form das Neue 
fast versteckte. Auch bei ihm ist die Erkenntniss a priori eine 
Erkenntniss aus den Gründen, da aber die letzten Gründe f&r 
ihn in der Vernunft selber liegen, so fängt der Ausdruck an, 
solche Einsichten zu bezeichnen, die in der erkennenden Thätigkeit 
des Geistes ihren Ursprung haben und bei denen daher Erkenntniss- 
und Sachgrund sieh vollständig entsprechen. A posteriori heisst 
dem gegenüber die Erkenntniss, welche der Erfahrung ent- 
stammt.***) Diese neue Bedeutung kämpft sich freilich erst 
durch die alte durch, aber die Wendung entspricht so sehr der 
gesammten Bichtung der Philosophie, dass an ihrem Siege nicht 



*) Noch im vorigen Jahrhnndert war diese Wendung die übliche. 
**) G^sendi meint z. B., man könne den Sinn der Worte einfach 
umkehren, da die Erkenntniss a posteriori die frühere nnd gewissere sei, 
und die a priori erst hervorbringe ; s. exercitationes parad. adv. Äristoteleos 
V: Quocirca non immerito qnispiam existimaverit , cum omnis notitia (et 
proinde demonstratio) qnae dicitnr a priori pendeat ac petatnr ex ea, 
qnae haberi dicitnr a posteriori, necessarinm esse hanc semper haberi et 
evidentiorem et certiorem illa ff. 

***) A priori findet sich z. B. bei Leibnitz, Erdm. Ausg. 80b, 99a, 
272b, 393a, 451b, 465a, 494b, 5l5b, 740b, 778b, Foucher I, 38, II, 184, 
253, 357, 361. Werke 778 b wird der philosophie expeiimentale qui procMe 
a posteriori entgegengestellt die Erkenntniss durch la pnre raison ou a 
priori. Am klarsten tritt die Eigenthümlichkeit der neuen Bedeutung 
hervor 393 a : partic^li^rement et par excellence on Tappelle raison , |si 
c'est la cause non senlement de notre jugement, mais encore de la v^rite 
mSme, ce qu' on appelle anssi raison a priori, et la cause dans les choses 
röpond a la raison dans les v^rit^s (diese Stelle gehört aber den nouveanx 
essais an, die bekanntlich erst später erschienen). 



A priori — angeboren. 71 

zu zweifeln war. — Demnach bezeichnen bei WolflF und seiner 
Schule a priori und a posteriori den Gegensatz von Vernunft- und 
Erfahrungserkenntniss, nur dass die principielle* Schärfung dieses 
Gegensatzes, die Leibnitz herbeigeführt hatte, wieder verloren 
geht. Denn a priori wird hier jede Einsicht genannt, die wir 
durch blosse Schlussfolgerung aus den schon innehabenden Er- 
kenntnissen gewinnen, ohne dass über den letzten Ursprung dieser 
Erkenntnisse etwas bestimmt wäre.*) Wolff sinkt also auch hier 
wieder in die Scholastik zurück. In den Schriften des jüngeren 
Kant findet sich dem gegenüber freilich an verschiedenen Stellen 
eine schärfere Fassung, die Leibnitz näher steht als WolflF**), 
aber mit voller Klarheit ward der Begriflf einer erfahrungsfreien 
Erkenntniss erst von Lambert ausgeschieden ***) ; eine ähnliche, 
wenn auch weniger präcise Bedeutung kommt bei Humef) 
vor, und es war demnach die kantische Fassung, wonach das 
a priori das dem Geist ursprünglich Angehörige bezeichnet, mehr- 
fach vorbereitet, ff) 

Diese kantische Fassung diente dann aber wieder zum 

Ausgangspunkt neuer Bewegungen. Indem die constructiven 

Philosophen den Dualismus seiner Lehre zu tiberwinden suchten 

^ und es unternahmen, die ganze Welt aus der Thätigkeit des 

*) S. psychol. empirica (in welcher Schrift vor allen andern wolf- 
fischen die vorliegenden Ansdrücke Verwendung und Erklärung finden) 
§ 434 : quod experiundo addiscimus, a posteriori cognoscere dicimur : quod 
vero ratiocinando nobis innotescit, a priori cognoscere dicimur. § 435: 
quicquid ex iis coUigimus, quae nobis jam innotuere, cum ante ignotum 
esset, id ratiocinando nobis innotescit, adeoque idem a priori cognoscimus, 
B. auch § 461. 

**) S. z. B. II, 134, 135, 136, 366, 386. 

*♦♦) Neues Organen (1764 erschienen) Dianoiol. § 639: Wir wollen 
es demnach gelten lassen, dass man absolute und im strengsten Verstände 
nur das a priori heissen könne, wobei wir der Erfahrung vollends nichts 
zu danken haben« 

t) S. philos. essays IV : If we reason a priori and consider merely 
any object or cause as it appears to the mind, independent of all Observation. 

tt) Freilich wird a priori von ihm nicht selten auch in laxerer Be- 
deutung verwandt. 



1 



72 A priori — angeboren. » 

Geistes zu entwickeln, bezogen sie das a priori durchaus auf 
diese Thätigkeit, und konnten nach der gesammten Stellung, 
welche sie derselben ertheilten, den Gegensatz des a priori und 
a posteriori nicht von letztverschiedenen Erkenntnissquellen, sondern 
nur von einer verschiedenen Art die Dinge zu betrachten ver- 
stehen. Sobald man dieselben aus der nothwendigen Thätigkeit 
des Geistes hervorgehen lässt, bat man ein Wissen a priori, 
wenn man sie als fertig vorgefunden und damit als zufällig 
betrachtet, eine Kunde a posteriori, eine Bestimmung, welche von 
allen den Bedenken, die sich einer solchen constructiven Philo- 
sophie entgegenstellen, mit betroffen wird*), und welche natur- 
gemäss den Eückschlag hervorrief, dass das a priori ein ohne 
Rücksicht auf die Wirklichkeit Aufgestelltes und daher nur sub- 
jectiv Gültiges ausdrücken sollte, wie wir es z.B. bei den Positivisten 
finden.**) Und dann endlich ist in neuester Zeit von Seite dar- 
winistischer Forscher das a priori dem Angebornen gleichgesetzt, 
in diesem Sinne aber als ein ererbtes vertheidigt. Nicht das In- 
dividuum erwirbt darnach alles aus der Erfahrung, aber das, was 
es von seinen Ahnen erhält, ist doch von diesen letzthin daraus 
geschöpft, so dass im Grunde alle Erkenntniss a priori auf die 
a posteriori zurückkommt.***) 

*) S. Fichte II, 355: „Die Wissenschaftslehre leitet ohne alle Rück- 
sicht auf die Wahrnehmung a priori ab, was ihr zufolge eben in der Wahr- 
nehmung, also a posteriori, vorkommen soll. Ihr bedeuten sonach diese 
Ausdrücke nicht verschiedene Objecte, sondern nur eine verschiedene 
Ansicht eines und desselben Objects; etwa so wie dieselbe Uhr in der 
Demonstration von ihr a priori, in der wirklichen Wahrnehmung a posteriori 
angewendet wird." Näher betrachtet stellen sich hier freilich manche 
Differenzen zwischen den einzelnen Denkern heraus, ja man könnte an 
dem Begriflf die feinem Unterschiede von ihnen untereinander sowie die 
Entwicklungsstufen der einzelnen aufzeigen. 

**) Bourdet, vocabulaire des principaux termes de la philosophie posi- 
tive (1875), S. 129: il y a plusieurs m^thodes: 1) la möthode a priori, 
metaphysique ou subjective , dans laquelle les- propositions qui servent de 
point de d^part, au Heu d'etre dMuites de l'exp^rienee, sont et restent 
purement rationelles. 

***) S. Häckel, natürl. Schöpfungsgeschichte, 4. Aufl. S. 636: Erkennt- 



A priori — angeboren. 73 

So spiegelt die Geschichte des Begriffes die Geschichte des 
Kampfes um die Erkenntniss, alle die rerschiedenen Formen, die 
er angenommen hat, haben Spuren hinterlassen, und es wirken 
in dem heutigen Gebrauch Scholastik und Leibnitz, Kant und 
Hegel in unklarer Mischung durcheinander. Nur insofern herrscht 
Kant vor, als sich an den Begriff, wenigstens in der wissenschaft- 
lichen Arbeit, vor allem die Frage nach dem Ursprung der Er- 
kenntnisse knüpft, jene Frage, die in dem Problem, ob dieselben 
eingeboren*) oder von aussen erworben, sich durch die ganze 
Philosophie zieht. Damit aber fallen auch alle Schwierigkeiten 
und alle Missverständnisse, welche sich an jenes Problem knüpfen, 
heute auf den Begriff des a priori. •_',- / ^ f-x,^Lv^ t^ 

Die eigentliche Frage war von jeher, ob die Erkenntniss aus ^ j ' 
dem Innern des Geistes stamme**) oder von aussen in ihn hinein- 
komme. Dem allgemeinen Inhalte nach war es die Ueberzeugung 
der meisten hervorragenden Denker, dass ein wesentliches und 
inneres Verhältniss des Geistes zu den Objecten Voraussetzung 
eines zutreffenden und gesetzmässigen ***) Erkennens sei. Aber 
die specifische Ausführung gab zu unendlichen Streitigkeiten und 



/V-iv 



nisse a priori sind erst durch lange andauernde Vererbung von erworbenen 
Gehimanpassungen aus ursprünglich empirischen „Erkenntnissen a posteri- 
ori" entstanden. ^ 

*) „Angeboren" ist für den vorliegenden Begriflf unbedingt zu ver- 
werfen, „an" welches das von aussen herankommende und an der Oberfläche 
beharrende (s. Grimmas Wörterb., „an bezeichnet die Oberfläche") aus- 
drückt, trifft hier durchaus nicht zu. Schon Paracelsus hat eingebom in 
dem hier verlangten Sinne. 

**) Den Ausdruck eingeboren (innatus) haben selbst im Mittelalter 
hervorragende Denker immer nur mit Vorsicht und unter Verwahrung gegen 
Missverständnisse verwandt, s. z. B. Boger Baco specula mathematica I, 3: 
Mathematicarum rerum cognitio est qua§i nobis innata. — Cum sit quasi 
innata et tanquam praecedens inventione et doctrina, seu saltem minus 
indigens eis, quam aliae scientiae. 

***) S. z. B. Plotin 481 : ^Eqrifxov d« tiav äXkutv ^tiaqrifjiattiiv ov dai 
vofAi^Hv, ei (ff fitj, iarai ovxitt TfX^ixoy av&e iniaffifjioyixoy, dXX ioa7i€Q av 
xa\ ti naig Xiyoi. 



74 A priori — angeboren. 

Irrungen Anlass. Das Innere erschien als ein fertig überkommenes, 
durch Erinnerung festgehaltenes und der Thätigkeit vorangehen- 
des. Bei dem Haupte der ganzen Richtung, bei Plato, ist jeden- 
falls das Bildliche der Vorstellungsform von dem begrifflichen 
Inhalt nicht scharf genug geschieden, in Folge des schon mit Aristo- 
teles eine Opposition eintrat. Er will nur eine dvvafjug avfi(pvzog 
xQiTixTj (s. anal. post. 99 b 35) anerkennen und verwendet wohl 
nicht zufällig, wo immer es sich um geistiges Leben handelt, 
nicht das Plato gebräuchliche ^in^vrog^ sondeni vielmehr (Svfig>vTog. 
Der philosophische Gegensatz aber, den beide Männer bilden, 
zieht sich nun durch die ganze Philosophie. Im Grunde sind sie 
darin einig, dass es sich im Erkennen um eine selbstständige 
Thätigkeit des Geistes handelt *), aber der eine lässt diese Thätig- 
keit voll und ganz in das Leben hineinfallen, während der andere 
alles, was hier geschieht, durch weitere Zusammenhänge und 
tiefere Beziehungen bedingt und bestimmt glaubt. Diese platonische 
Lehre war natürlich Missdeutungen und dem Eindringen von Vor- 
stellungsbildem weit mehr ausgesetzt: wo immer ein Sinken 
philosophischer Kraft eintritt, sehen wir den Begriff erstarren. 

Dem unphilosophisehen Bewusstsein ist es fast natürlich, 
alles, was im Geist geschieht, von aussen hineinkommen zu lassen, 
so dass selbst Richtungen, welche das Innere flir selbstständiger 
erachten, doch leicht das Bekämpfte nur in anderer Form wieder 
einführen. Denn ist es nicht nur eine andere Art des Empiris- 
mus, wenn man das aus der Erfahrung scheinbar nicht zu Er- 
klärende als anfänglich hineingekommen ansieht und aus dein 
immer wieder ursprünglich Geschehenden ein äusserlich Ueber- 
tragenes macht? Eben so unfasslich wie der BegriflF der inneren 
Thätigkeit ist aber derjenige der perpetuirlichen Thätigkeit Der 
Mensch ist so gewohnt, die Ruhe als das normale und die Thätig- 
keit als Unterbrechung derselben anzusehen, dass durchgehend 



*) Das aristotelisehe Bild von der tabula rasa (der lat Ansdrack dürfte 
nach Prantl, III, 261 zuerst bei Aegidius Romanus vorkommen) wird oft 
ganz missverstanden. 



A priori -— angeboren. 75 

ein gleichmässig Geschehendes der fiuhe gleichgesetzt wird und 
an Stelle eines fortwährenden Wirkens des Geistes irgend welche 
Eigenschaft oder Anlage oder ein anderes „Gegebenes" tritt. Wie 
immer daher auch die Philosophie versucht hat, ihren Begriflfen 
einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen, der allgemeine Gebrauch 
hat denselben stets in die Sphäre der gewöhnlichen Vorstellung 
hinscbgezogen. Bei innatus und angeboren wird zunächst nicht 
an Vererbung gedacht*); aus der ursprünglichen Sünde (peccatum 
originale) machten die Theologen eine Erbsünde **) ; wirklich und 
Wirklichkeit dient anfänglich (wie actualis und actualitas seit 
Duns Scotus) zur Wiedergabe des aristotelischen Begi'iffes der 
iviQY^^cc ***)', bis es nach und nach einfach der Existenz gleich- 
gesetzt wurde. 

Die neuere Philosophie, welche alles Sein von der Thätig- 
heit her bestimmt und diese Thätigkeit ganz in Welt und Leben 
hineinfallen lässt, hat gleichmässig gegen die platonische Auf- 
fassung der Erkenntnissf) wie gegen die Bestimmung von aussen 
her gekämpft ; jeder grosse Abschnitt in ihrer Geschichte ist durch 
Hervorkehren dieser Eigenthümlichkeit bezeichnet. Nicolaus von 
Kues verwarf ebenso die angebomen Ideen im Sinne der Plato- 
niker, indem er nur eine vis concreata (s. oj). I, 92 b) und ein 
Judicium concreatum (I, 83b) gelten lassen wollte, wie er sich 
gegen eine Vererbungslehre wandte ff), jeder Geist ist ihm ein 



*) S. z. B. Lucrez, der wohl znerst innatus in die Philosophie ein- 
geführt hat, II, 286 ; Eckhart, 434, 26 (daz ist ime [dem steine] angebom). 
*"') Tertallian wie Augustin haben peccatnm originale und denken an 
einen durch die geschlechtliche Fortpflanzung immer neu entstehenden Hang 
zum Bösen, Ambrosius hat aber schon den Begriff der Vererbung, den Kant 
mit Becht als die unschickUchste unter allen Vorstellungsarten bezeichnete. 
***) So „Wirklichkeit« bei Eckhart, der wohl das Wort gebildet hat. 
t) Wenn Proclus (Grenzer I, 281) sagt: ovx aiaiy ayqa€p« y^a/Ltjuarela 
ÖBXofASva rovg xvnovg i^ta^ev, dXXa yiyQanrai /nky ael, xal 6 y^a^paiv iy 
kavTip hxh so würde die neuere Philosophie für yiyqanrai yqaq>ETui setzen, 
tt) 11} 187b: Si anima esset a generante, omnia opera ejus essent 
naturalia et nullum morale opus posset habere (wo morale nach mittelalter- 
lichem Sprachgebrauch das Innere bedeutet). 



76 A priori — angeboren. 

selbstthätiger lebendiger Spiegel des Universums. *) Cartesius 
hat freilich den unglücklichen Ausdruck „angebome Ideen" nicht 
verschmäht, aber dass er darunter nichts im Geist fertiges ver- 
stand, hat er mehrfach hervorgehoben**), und dass der Geist als 
denkendes Wesen von aussen her entstanden sein sollte, schien 
ihm unbegreiflich.***) Kant endlich hat schon in der berühmten 
Dissertation sich gegen das Angeborensein der Vorstellungen von 
Zeit und Baum ausgesprochenf); die ürsprünglichkeit der Er- 
kenntniss von innen heraus war einer seiner leitenden Grundge- 
danken, und wenn er die Bestimmung des Geistes als einer reinen 
und fortwährenden Thätigkeit nicht klar genug herausgestellt hat, 
so ist dieser Begriff um so mehr von den constructiven Philo- 
sophen geltend gemacht. Auf keinen Fall darf man bei Kant an 
fertig im Geist vorhandene Einsichten denken, ff) 

« 

*) II, 103b: Nominamus intellectnm virtutem illam qnae ex se ipsa 
generat et producit sicnt prineipium motus. 

**) Von den verschiedenen Stellen, die man dafür anführen kann, 
theile ich nur die mit, welche mir am bezeichnendsten zn sein scheint, ad 
Voetium VIII : notandum est eas omnes res, quarum cognitio dicitur nobis 
esse a natura indita, non ideo a- nobis expresse cognosci ; sed tantnm tales 
esse , ut ipsas absqn^ nllo sensunm experimento ex proprii ingenii viribus 
cognoscere possimus. Sonst sind namentlich die notae ad programma wichtig. 
***) S. ep. I, 119: nequeo animum inducere quod illi me fecerint qua- 
tenus ego me considero ut cogitans quid ff. 

t) II, 413 heisst es in Bezug auf Zeit und Raum: conceptus uterque 
procul dubio acquisitus est, non a sensu quidem objectorum (sensatio enim 
materiam dat, non formam cognitionis hnmanae) abstractus, sed ab ipsa 
mentis actione, secundum perpetuas leges sensa sua coordinante, quasi 
typus immutabilis ideoque intuitive cognoscendus. Sensationes enim ex- 
citant hunc mentis actum, non influunt intuitum, neque aliud hie connatnm 
est, nisi lex animi, secundum quam certa ratione sensa sua e praesentia 
objecti conjungit, s: 400. Erscheint hier noch das Gesetz als etwas vor 
der Handlung feststehendes, so wird später alles in äie Thätigkeit selber 
hinein gelegt 

tt) S* uam. VI, 37: „Die Kritik erlaubt schlechterdings keine aner- 
schaffenen oder angebomen Vorstellungen; alle insgesammt, sie mögen zur 
Anschauung oder zu Verstandesbegriffen gehören, nimmt sie als erworben 
an. Es gibt aber auch eine ursprüngliche Erwerbung (wie die Lehrer des 



A priori — angeboren. 77 

Aber ich sehe der Frage entgegen, warum hier so viel ge- 
schichtliches Material zusammengehäuft wird ? Aus keinem andern 
Grunde geschah es, als um zu zeigen, dass die heute nicht seltene 
Neigung, das a priori dem Angebornen gleichzusetzen, weder dem 
grossen Erkenntnissprobleme gerecht wird noch das Ergebniss 
der geschichtlichen Gestaltung in sich aufgenommen, geschweige 
denn weitergeführt hat. Ist es schon verkehrt, das Angeboren- 
sein mit der alten Lehre von den eingebornen Ideen zusammen- 
zuwerfen, so ist noch entschiedener gegen jene Gleichstellung 
Verwahrung einzulegen. — Von Angeborensein sprechen wir bei 
der Uebertragung specifischer Eigenschaften und mögen heute 
einer solchen Uebertragung weit mehr als früher zuschreiben; 
aber wir gelangen damit nicht zu dem a priori, welches die 
ursprüngliche und wesentliche Lebensthätigkeit des Geistes und 
hier im besondern des Erkennens bezeichnet. Eine solche Thätig- 
keit nahm die neue Philosophie als nothwendig an, weil es ihr 
ein Unding schien, eine Substanz zu setzen, ohne ihr eine ur- 
sprüngliche Thätigkeit beizulegen; denn, wie wir_8ahen^ bildet 
die neue Wissenschaft den Begriff der Substanz erst von der 
Thätigkeit aus^^ die A nnahme eines leeren und ruhenden Dinges 
setzL-j ms in die schlimmsten Zeite n der Scholastik zurück. Im 
Anschluss daran möchte man nun im vorliegenden Falle fragen, 
was denn das Ding wäre, dem vererbt würde, wie es zu einer 
Thätigkeit überhaupt gelangte, und wie es auch nur sich uns 
bezeugte. Lässt man einmal alles und alles von aussen in den 
Geist hineinkommen, so hat es weder Sinn noch Berechtigung^ 
ihm noch eine besondere Existenz zuzuschreiben, vielmehr würde 
es sich dann empfehlen, in consequent materialistischer Weise 
den Geist durch äussere Vorgänge entstehen zu lassen und alles 
Fürsichsein zu leugnen. Und dann, wie sollte ein ursprünglich 
Leeres und Ruhendes sich auch nur etwas von aussen kommen- 
des aneignen ? — Doch das alles sind Fragen, die uns später bei 



Naturrechts sich ausdrückten), folglich auch dessen, was vorher gar noch 
nicht existirt, mithin keiner Sache vor dieser Handlung angehöret hat." 



78 A priori — angeboren. 

der Erörterung der Entwicklung beschäftigen werden, hier kam 
es nur darauf an, den Begriff des a priori seinem philosophischen 
Sinne nach gegen Missverständnisse zu schützen. 

In dem Kampf um diesen Begriff steht nicht in Frage ein 
vor der Erfahrung Erkanntes, denn es handelt sich nicht um ein 
zeitliches, sondern um ein begriflFliches Verhältniss, und daher 
nicht um ein anfängliches, sondern um ein ursprüngliches Er- 
kennen; ebenso wenig wird ein fertig im Geist vorhandenes er- 
stritten, denn wir kennen hier überhaupt nur ein strebend Wir- 
kendes ; auch eine ohne alle Erfahrung aus reiner Thätigkeit des 
/ Denkens gewinnbare Einsicht wird nicht behauptet, da der Geist 
' auch über sich selbst nur mit Hülfe erfahrungsmässiger Thätigkeit 
zum Bewusstsein gelangt; aber darum wird als um eine Grund- 
frage, nicht bloss der Philosophie, sondern aller Wissenschaft, ja 
des geistigen Lebens überhaupt, gekämpft, dass in der geistigen 
Thätigkeit ein wesentliches, ursprüngliches, gesetzliches anerkannt 
werde. Es zeigt ein Zurückbleiben hinter der Bewegung der 
neuern Philosophie an, wenn das Dilemma gestellt wird, ob die 
Erkenntnisiä im Innern fertig gegeben sei, oder von aussen ge- 
bildet werde, denn damit ist eben das ausser Acht gelassen, an 
dessen Gestaltung und Vertretung die hervorragendsten Denker 
der letzten Jahrhunderte ihre Kraft gesetzt haben. 



Immanent (kosmisch). 

quam res est contempta homo, 
nisi supra humana surrexerit. 

Seneca. 

Die jetzt geläufige Gegenüberstellung von immanent und trans- 
scendent stammt erst von Kant.*) Bis dahin bildeten immanens 
(permanens) und transiens einen Gegensatz, actio immanens z. B. 
heisst eine Thätigkeit, die innerhalb des Subjectes bleibt, transiens 
eine, die darüber hinaus geht.**) Aehnlich unterschied man auch 
eine causa immanens und transiens, und in dem berühmten Worte 
Spinoza's „deus est omnium rerum causa immanens, non vero 
transiens" ist neu nur die Negation, womit freilich die ganze Auf- 
fassung i^rincipiell umgewandelt wird. Jener Sprachgebrauch lässt 
sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen und ist in gelehrten 
Werken noch heute nicht erloschen.***) 

Der Ausdruck transscendent ward in der zweiten Hälfte des 
Mittelalters technisch für die allgemeinsten Bestimmungen ver- 



♦) S. z. B. III, 245: Wir wollen die Grundsätze, deren Anwendung 
sich ganz und gar in den Schranken möglicher Erfahrung hält, immanent, 
diejenigen aber, welche diese Grenzen ttberfliegen sollten, transscendente 
Grandsätze nennen. 

**) 8. Goclen, lexicon philosophicum unter actio: actio est immanens 
(seu Ivi^riaig) agentis intra se, transiens {noinüig) agentis extra se. Eckhart 
sagt 101 , 15: Itplichiu dinc diu sint üzwürkende, geistlichiu dinc sint in- 
würkende. 

*♦*) S. z. B. Volckmann, Lehrbuch der Psychologie. II. Aufl. II, 450. 




SO Immanent (kosmisch). 

wandt, die nach neuplatonischer Lehre über den Kategorien liegen 
und jeglichem Sein zukommen« Als solche galten zuerst die vier 
Begriffe ens, unum, verum, bonum, später traten res und aliquid*) 
hinzu, und in dieser Gestalt ging die Lehre durch die Jahr- 
hunderte. Auch das Wort transcendentalis kam von da aus auf, 
man sprach von einer veritas, unitas etc. transcendentalis. Die 
ganze Lehre war aber schon in der Uebergangszeit durch zahl- 
reiche Angriffe in volles Schwanken gekommen und die Ausdrücke 
wurden im 17. und. 18. Jahrhundert in mannigfachster Weise mit 
ziemlicher Willkür verwandt, bis durch Kant eine Fixirung eintrat. 
Was den Begi'iflf anbelangt, so ist die Eichtung auf eine 
immanente Welterklärung im wesentlichen allen Formen der neuem 
Philosophie und Wissenschaft gemeinsam, alle sind einig in der 
Bekämpfung der mittelalterlichen Art, das Weltgeschehen auf eine 
jenseits und ausser der Welt liegende Ursache zurückzufuhren. 
Nicht bloss eine theoretische Ansicht lag dabei zu Grunde, sondern 
überall wandte sich die der Welt entfremdete Menschheit ihr 
wieder lebenskräftig und lebensfreudig zu, um in ihr zu wirken 
und zu schaffen. Zu sich und der Welt hatte man wieder Ver- 
trauen gewonnen und fühlte sich stark genug, einer scheinbar 
fremden Beihülfe zu entrathen. Wissenschaftlich erreicht diese 
immanente Richtung ihren classischen Ausdruck in Spinoza, 
welchem Mann vor allen andern jene intellectuelle Charakter- 
stärke eigen war, die Gedanken, von deren Wahrheit er sieh 
überzeugt hatte, ihrem reinen Gehalte nach ohne Vermengung und 
Abschwächung darzustellen und damit das Geheimniss aller zu 
enthüllen. Was er aber verkündete, griff darum so gewaltig ein, 
weil es zugleich unmittelbar einleuchtend erschien und doch nach 
der geschichtlichen Lage ganz neue Bahnen eröffnete. Denn wie 
könnte der Mensch in seinem Denken und Streben letzthin sich 
der Welt (im weitesten philosophischen Sinne) überheben? Kann 
er doch, auch wenn er ein Jenseits bildet, demselben nur vom 
Diesseits aus einen Inhalt geben. Aber trotzdem ist eine Gefahr 



*) S. Prantl III, 245 



Immanent (kosmisch). gl 

unverkennbar. Wenn einmal ein solches Jenseits gebildet ist, 
löst es sich ab, erscheint als ein selbstständig gegenüberstehendes 
und wird als solches leicht zur Erklärung der Weligeschehnisse 
überhaupt oder doch einzelner besonders räthselhafter Vorgänge 
herangezogen. Da damit aber die Erscheinungen aus einem cau- 
salen und innem Zusammenhange heraustreten und nicht mehr 
auf ein in ihnen wesentliches zurückgeführt werden, was doch 
die entscheidende Aufgabe der Erkenntniss ist, so scheint eine 
solche transscendente Erklärung die wissenschaftliche Begreifung 
der Welt nicht nur hie und da zu durchbrechen oder überhaupt 
einzuschränken, sondern sie im Princip zu vernichten; ja sie ist 
um so entschiedener zu verbannen, als sie durch den Hinweis 
auf ein Jenseitiges den Schein einer Begreifung erweckt und 
damit den Trieb nach wirklicher Erkenntniss einschläfert 

Wie viel wahres in solchen Sätzen enthalten ist, wer wollte 
es verkennen? Die im Mittelalter vorhen-schende Stellung zur 
Welt wird durch die neuen Einsichten dauernd unmöglich ge- 
macht, und wenn die Religion an eine äusserlich -jenseitige 
Fassung gebunden wäre, so bestünde freilich zwischen ihr und 
der Wissenschaft ein unversöhnlicher Gegensatz. Jedenfalls ist 
für die gesammte neue Wissenschaft der immanente Charakter 
der Erklärung wesentlich und noth wendig, so dass jeder Angriff 
gegen diese Forderung als ein Angriff gegen sie selber anzu- 
sehen ist. 

Aber nun entsteht die Frage, was denn näher unter imma- 
nenter Erklärung zu verstehen sei. Dass die Gründe als inner- 
halb der Welt sich bezeugend aufzuweisen seien, und dass jeg- 
liches Einzelne im Zusammenhang mit dem Ganzen und nach 
den allgemeinen Gesetzen zu verstehen sei, das mag zunächst 
gesagt werden, aber wir müssen darauf bestehen, dass wenn der- 
artige Sätze irgend welchen werthvoUen Inhalt gewinnen sollen, 
darüber Klarheit sein muss, was denn eigentlich „Welt" bedeute. 
Damit aber befinden wir uns vor einem ungeheuren Problem. 
Denn so einfach dem naiven Bewusstsein dieser Begriff erscheinen 
mag, dass es auf wissenschaftlichem Gebiet anders liegt, zeigt 

Eucken, Geschichte und Kritik. Q 



S2 Immanent (kosmisch). 

ein flüchtiger Blick in die Geschichte. Jedes grosse System hat 
seinen eignen Weltbegriflf und die grossen Epochen der Greschichte 
zeigen dabei einen durchgehenden ausgeprägten Charakter. 

Den Alten war die Welt zuförderst der allumfassende Begriff, 
Geistiges und Leibliches, Ideelles und Sinnliches, Göttliches und 
Menschliches, Wirkliches und Mögliches ward von ihm um- 
schlossen*), erst spät und wohl unter dem Einfluss des Christen- 
thums bildete sich der Begriff eines Ueberweltlichen. **) Denmaeh 
war für die Erklärung ein Gegensatz des Inner- und Ausserwelt- 
liehen gar nicht vorhanden; es konnte freilich nichts von aussen 
hineinkommen, aber es war bei einer solchen Ausdehnung des Welt- 
begriffes weit weniger ausgeschlossen, als es in der Neuzeit der Fall 
ist. Für den Inhalt der Welt aber ist auf der Höhe griechischen 
Denkens die Auffassung entscheidend, welche in der Bezeichnung 
TCO (f flog zum Ausdruck kommt.***) Die Welt ist ein zusammen- 
hängendes, kunstvoll zu lebendiger Gestalt geformtes Ganze, ein 
(fvffTfjfia nach der Benennung der Stoiker. Die einzelnen Theile 
stehen nicht nebeneinander, etwa nur durch Gemeinsamkeit des Ge- 
setzes verbunden, sondern jedes hat eine gliedmässige Stellung und 
Bedeutung im Ganzen und erhält dadurch eine specifische Be- 
stimmung. Diese Auffassung greift bei den leitenden Denkern, 
namentlich bei Aristoteles, bis ins Einzelne der Forschung ein, 



*) S. z. B. Seneca nat. quaest. II : omnia qnae in notitiam nostram 
cadunt aut cadere possnnt, mundus complectitnr. 

**) vnsqxoäfxios und das entgegenstehende iyxocfxiog hat z. B. Pseudo- 
archytas, s. Mullach Frg. I, 574 b 6. Bei Proklus tritt der Gegensatz von 
kyKoafjuog und vm^Tioa fxiog sehr hervor, nachdem durch Plotin der antike 
WeltbegrifF wesentlich umgestaltet war. Bezeichnend ist auch für die letzten 
Neuplatoniker , dass sie den iyxoofxia die votita entgegenstellen, also das 
Intelligible als ein ausserweltliches fassen. 

***) Die philosophischQ Verwendung des Wortes wird bekanntlich auf 
die Pythagoreer zurückgeführt, diese Bedeutung scheint aber noch zu 
Xenophon's Zeit nicht im allgemeinen Gebrauch gewesen zu sein, s. Memorab. 
I, 1,11: 6 xa'kovfiivog vno ttay aocpiartoy xoafxog, xoa/Aixog hat zuerst Aristo- 
teles. — PliniuB nat. bist. II: quem xoafxov Graeci nomine ornamenti ap- 
pellarunt, eum nos a perfecta absoiutaque elegantia mundnm. 



Immanent (kosmisch). 83 

es sind z. B. je nach der La^^e im Kaum und gewissermassen 
selbst in der Zeit die Wirkformen verschieden, so dass der 
Blick vom Einzelnen immer auf das Ganze gerichtet wird. Dass 
aber mit allem Besondern auch das Menschliche von der grossen 
Weltordnung abhängig ist, gilt von vom herein als ausgemaclit 
und ist vielleicht von keinem nachdrücklicher bekräftigt als von 
Plato*), der doch sicherlich den ideellen Inhalt des menschlichen 
Seins so hoch wie möglich zu schätzen geneigt war. — Letzthin 
bricht dann freilich den Griechen die Welt in eine doppelte, eine 
rein geistige und eine sinnlich geistige, auseinander, so dass nun 
auch die Erklärung auf ein, wenn auch nicht äusserlich, so doch 
begrifflich transscendentes zurückzugehen gezwungen wird. 

Dem Christenthum tritt natürlich die Welt — als Gesammtheit 
alles Geschaffenen — in zweite Stelle ; ja insofern dies Geschaffene 
als von seiner Bestimmung abgefallen betrachtet wurde, konnte 
Welt und weltlich zur Bezeichnung des vom göttlichen Geist nicht 
Ergriffenen und ihm Widerstrebenden verwandt werden.**) Die 
Welt in jenem Sinne erhielt nun aber einheitlichen Zusammenhang 
wie Bedeutung erst durch Beziehung auf die ethisch-religiöse Auf- 
gabe des Menschengeschlechts, und was immer in ihr vorging, hatte 
nur durch diese Beziehung Werth. Auf dem ethischen Gebiete 
aber war das Bewusstsein einer ungeheuren Kluft zwischen Sein 
und Sollen, wie das Gefühl der eignen Ohnmacht diesem Zwiespalt 
gegenüber durchaus herrschend. Alles was die Welt überhaupt 
bot, konnte hier nicht gentigen ; von einem Ueberweltlichen allein 
durfte Hülfe erwartet; werden. Einer solchen Auffassung lag es 
nahe, Gott als einen jenseitigen der Welt gegenüberzustellen und 
sein Wirken als ein in sie eingreifendes zu betrachten. Der einmal 
geschaffenen Welt ward freilich eine Art von innerer Gesetzmässig- 
keit zugesprochen und jenes Eingreifen ausserge wohnlichen Fällen 
vorbehalten; aber ob mittelbar oder unmittelbar, letzthin kam 



*) S. z. B. Philebus 29 B. 

**) Aiigustin^ op. III. B, Ö6S c: Christus missus est ut mundus ex 
mundo liberaretur. 

6* 



S4 Immanent (kosmisch). 

alles Gescliehen auf ein Wunder zurück, überall stossen wir auf 
ein in die rationale Betrachtung nicht Aufgehendes, auf verbor- 
gene Zwecke, dunkle Beziehungen u« s. w., so dass Welt und Natur 
immer geheimnissvoU bleiben, wieweit wir auch immer im Forschen 
gelangen mögen. Die Wissenschaft scheint fast zur Hauptaufgabe 
zu haben, die menschliche Ohnmacht gegenüber dem göttlichen 
Allyermögen zum Bewusstsein zu bringen, wobei es dann wohl 
geschah, dass mindere Geister in vemunftfeindlicher Strebung um 
so geneigter waren, beständig die Grösse Gottes zu zeigen, je 
weniger sie ihre eigne Grösse beweisen konnten (s. Lichten- 
berg I, 279). 

Speculative Köpfe von selbststandigem theoretischen Interesse 
gingen freilich über das alles hinaus. Was den andern neben 
und über der Welt zu liegen schien, war ihnen der tiefere Grund, 
Wesen und Kraft der Welt selber. Der G^ensatz des Natürlichen 
und Uebematürlichen fiel ihnen in unsere Auffassung der Dinge 
hinein, der Mensch aber bildete .einen integrirenden Theil eines 
ihm unermesslichen Ganzen. Aber solche Gedanken sind auch 
bei Augustin, dem grössten christlichen Philosophen*), unzertrenn- 
lich mit positiv-theologischen verschmolzen, und wenn die Mystik 
hier auch einen kühnen Schritt weiter geht und den pantheistischen 
Systemen der Neuzeit scheinbar ganz nahe kommt, es bleibt die 
principielle und für die Art wissenschaftlicher Forschung ent- 
scheidende Differenz, dass die Mystiker die Welt in Gott, jene 
Philosophen dagegen Gott in die Welt aufgehen Hessen. Und wie 
hoch man diese speculativen Gedanken und ihren verinneniden 
Einfluss anschlägt, im grossen geschichtlichen Leben traten sie zu 
wenig selbstständig hervor, um jene Vorstellungswelt des naiven 
ethischen Bewusstseins umzugestalten, so dass es der Neuzeit vor- 
behalten blieb, den Kampf dagegen aufzunehmen. 

Der Weltbegriff dieser Zeit ist nun zunächst dadurch be- 
stimmt, dass nur das Wirkende überhaupt als seiend anerkannt 



*) Auch der Ausdruck Ghristiana philosophia im specifischen Sinne 
dürfte sich bei ihm zuerst finden, s. z. B. X, 408 G. 



Immanent (kosmisch). 85 

wird. Unter dem Jenseitigen, das man ausschliesst, ist vor allem 
das nicht im Wirken Bezeugte zu verstehen, gleichmässig fallen 
Theologie wie Metaphysik im alten Sinne. Positive Aufgabe aber 
wird es, das Mannigfaltige der Erscheinung auf stets nachweis- 
bare Grundkräfte zurückzuftlhren und die ganze Bestimmtheit 
jener in causaler Betrachtung von diesen einfachen Elementen her 
abzuleiten. In solchen Grundgedanken ist volle Uebereinstimmung, 
sei es dass man von dem Geist, sei es dass man von der 
Natur aus die Welt gestaltet. Dort soll die fortgehende Thätig- 
keit des Denkens alles hervorbringen und fortwährend das Her- 
vorgebrachte tragen, hier wirkend vorhandene Kräfte, nicht irgend 
welche fingirte und unverificirbare Annahmen zur Erklärung 
dienen. Jenes könnte man bis auf Nikolaus von Kues zurück- 
führen, hier findet sich dasjenige, was Newton vera causa nennt, 
begrifflich zuerst bei Kepler, von dem zuerst das Geheimniss 
der Natur selber abzulauschen und der Grund als fortwirkende 
Kraft zu begreifen gesucht wird.*) In Cartesius treffen beide Rich- 
tungen zusammen und erhalten bei ihm durch die neue Kategorien- 
lehre eine systematisch-philosophische Begrtfndung. 

Wenn demnach die Welt aus den in ihr wirkenden Grund- 
kräften erkannt wurde, so war es freilich nicht unmittelbar nöthig, 
über sie in der Forschung hinauszugehen. Und wenn man 
dennoch den Gottesbegriff festhielt, so weichen Motive und Inhalt 
von den früheren Zeiten so sehr ab, dass nur die Beibehaltung 
der alten Ausdrucksweise die Wandlung einigermassen verdeckt. 
Jener Begriff wird gebildet, um der Welt Grund, Einheit und 
Zusammenhang zu geben, was um so nothwendiger war, je mehr 
die einzelnen Dinge durch die Analyse der neueren Forschung sich 
von einander geschieden hatten; aber das alles sind formale 
Bestimmungen, gewissermassen HülfsbegTiffe , die das Denken 
schafft, um seine eignen Ansprüche zu befriedigen. Namentlich 



*) S. Apelt, Epochen der Geschichte der Menschheit, I, 243: Er war 
der Erste, welcher die Kunst erfand, der Natur ihre Gesetze abzufragen, 
während die Früheren nur Erklärungsgründe fingirten, welche sie dem 
Laufe der Natur anzupassen versuchten. 



^6 Immaneot ^kosnuBch). 

deutlicli zeigt sich dies darin, dass als wichtigstes Merkmal des 
Gottesbegriffes die Unendlichkeit angesehen wird. Diese Unend- 
lichkeit soll natQrlich, wie manchmal heiroigehoben wird, nieht 
quantitativ verstanden werden, sondern sie drfickt den reinen^ 
schrankenlosen, aller Bestimmtheit und aller Beschränkung voran- 
gehenden Begriff des Seins aus. So aber hat der Gottesbegriff 
keine andere Bedeutung, als dem Weltbegriff Vollendung und 
letzte Gültigkeit zu verleihen. 

Innerhalb dieser allgemeinen Auffassung findet sich natürlich 
manche Abweichung, doch auch da, wo am meisten Zusammen- 
hang mit den frühem Gestaltungen zu sein scheint, bei Leibnitz^ 
herrscht näher betrachtet das Neue ganz vor. Mag Leibnitz Gott 
eine überweltliche Intelligenz nennen*), er hat dann eben unter 
Welt nur die einzelnen Erscheinungen verstanden, insofern sie 
unverbunden nebeneinanderstehen, und die Sache kommt daher 
mehr auf eine begriffliche Distinction als einen wesentlichen Unter- 
schied hinaus. Im Grunde steht der Gottesbegriff Leibnitzens dem 
Spinoza's weit 'näher als dem des Christenthums. — Dass aber ein 
solcher Gottesbegriff für das religiöse Leben ohne jede Bedeutung 
ist, leidet keinen Zweifel, und ebenso ist er es natürlich für die 
Einzelwissenschaft, da in ihrer Forschung er nach fibereinstimmen- 
der Ueberzeugung zu einer besonderen Erklärung nirgend ver- 
wandt werden darf; nur bei dem Versuch einer philosophischen 
Begreifung des Weltalls stellt er sich als nothwendig heraus. 

Von einer transscendent - religiösen Ableitung der Erschein- 
ungen kann demnach keine Bede mehr sein. Schon die Ueber- 
gangszeit war sich darüber klar, Jordano Bruno setzt den Unter- 
schied des gläubigen Theologen vom wahren Philosophen daiin, 
dass jener in seinen Erklärungen über die Natur hinaufsteige, 
dieser sich in ihren Grenzen halte**); Kepler bezeichnet den 
Unterschied der eignen Ueberzeugung von der seines orthodoxen 

*) Immerhin iBt auch das bemerkenswerth, dass er lieber überweltlich 
als ansBerweltlich sagen will, s. z. B. 571a: Dien selon nons Intelligentia 
extramundana, comme Hart Capella Tappelle, on plntöt snpramnndana. 
**) S. della causa, principio et nno, 4. Dialog. 



Immanent (kosmisch). g7 

Freundes Fabricius, indem er sagt (I, 332); Tibi Dens in naturam 
yenit, mihi natura ad divinitatem aspirat, und indem Spinoza die 
Begriffe Gott und Natur (freilich im philosophischen Sinne) gleich- 
setzt (deus sive natura) und nur eine einzige Welt gelten lässt, 
musste alles, was man als übernatürlich Vor der vernünftigen 
Betrachtung zu rechtfertigen versucht hatte, nunmehr als ein 
widernatürliches entfernt werden.*) Die Begriffe der Ewigkeit 
des Seins und der Gesetzmässigkeit alles Geschehens verdrängen 
Begriffe wie Schöpfung und Wunder, und es erhält die immanente 
Weltbegi'eifung hier eine typische Gestalt. 

Die Welt aber, die also als Höchstes und Einziges gilt, wird 
nun als Ganzes dem besondern Sein gegenübergestellt. Dasselbe 
ordnet sich seinem Werthe nach jenem unter und fügt sich in 
seinen Wirkformen ihm ein. Die ganze Betrachtungsweise muss 
sich gegen früher ändern, kein Besonderes, und wäre es auch wie 
der Mensch in dem erfahrungsmässig Gegebenen das Höchste, 
darf auf sich das Geschehen beziehen, denn eben daraus gingen 
die zahllosen Irrungen der Vergangenheit hervor; vielmehr muss 
alles Einzelne vom Ganzen aus . beurtheilt werden. Die specu- 
lativen Denker, welche diesen Begriff des Ganzen strenger nehmen, 
glauben von ihm aus alles Einzelne begi*eiflich finden zu können, 
es verschwinden alle scheinbaren Widersprüche aus der Welt, 
wenn der Beobachter, nach Leibnitzens Ausdruck, das Auge in 
die Sonne stellt und von hier die Dinge ansieht. Die schwersten 
Probleme, auch des geistigen Lebens, glaubt man durch eine 
solche Veränderung des Standpunktes lösen zu können. Das Ganze 
aber, dem sich alles unterordnete, war nicht ein ästhetisches, wie 
im Alterthum, oder ethisches, wie im Christenthum , sondern es 



♦) S. tract theol. pol. VI, 27: Neque hie uUam agnosco differentiam 
inter opus contra naturam et opus snpra naturam; hoc est, ut quidam 
ajunt, opus, quod quidem naturae non repugnat, attamen ab ipsa non 
potest produci aut effici. Nam cum miraculum non extra naturam, sed in 
ipsa natura fiat, quamvis supra naturam statuatur, tamen necesse est, ut 
naturae ordinem interrumpat, quem alias fixum atque immutabilem ex Dei 
decretis concipimus. 



S8 Immanent (kosmisch). 

sollte ein metaphysisches sein, ward aber thatsächlich ein mathe- 
mathisches, sei es geometrischer, sei es arithmetischer Natur 
(Spinoza oder Leibnitz). Das einzelne gilt demnach letzthin nur 
als integrirender Theil einer Grösse , und wenn also jegliches als 
gleichartig gefasst ist, kann irgend welche specifische Bedeutung 
nicht mehr in Anspruch genommen werden. — Unabhängig 
aber von solchen speculativen Versuchen war gemeinsame Ueber- 
zeugung sämmtlicher Denker die Gleichmässigkeit alles Geschehens ; 
Zeit und Baum ändern daran nicht das mindeste, und in jedem 
Punkte 'ist ein Durchgehendes und Ewiges zu erfassen. Alles 
scheinbar specifische muss sich auf einfaches zurückführen und 
damit gleichen Ordnungen einfügen lassen. 

Die Verfolgung solcher Bichtungen musste auch die ganze 
Empfindung der Welt umgestalten. Bei aller äussern Erweiterung 
des Horizontes schienen die Dinge doch dem Wesen nach dem 
Menschen näher zu rücken, denn in Allem wirkte ja das Gesetz, 
was sein eignes Leben beherrschte. Alle Begriffe schienen sicli 
femer gegenüber dem engen Kreise, den man gesprengt hatte, zu 
erweitem, und da zunächst der Aufmerksamkeit entging, dass mit 
der Ausdehnung des Umfanges der Inhalt abnehmen musste, so 
dünkte reiner Gewinn davon getragen ; die Fülle concreten Lebens, 
welche die historischen Gestaltungen in ihrer Geschlossenheit ent- 
hielten, mochte nunmehr in das ganze Weltall sich ergiessen 
und es beleben. Grösser und freier schien so das Leben; wer 
woUte es der Zeit, die jene Ideen zum Durchbruch brachte, ver- 
denken, wenn sie sich ganz dem Neuen hingab und von der 
immanenten Erfassung der Welt eine durchgehende Wendung zum 
Bessern erhoffte? 

Erst nach und nach traten die Einschränkungen und Schwie- 
rigkeiten hervor. Vor allem ist das gewiss, dass eine Zweiheit 
der Welt auch hier sich geltend macht und vielleicht mehr geltend 
macht als je zuvor. Denn die Welt, die das wissenschaftliche 
Denken ausbildet, ist von der, welche der sinnlichen Wahrnehmung 
vorliegt, durchaus verschieden, und die Kluft wird um so grösser, 
je mehr sich das Denken seinen Zielen annähert. Das Gegebene 



Immanent (kosmisch). ' 89 

wird zerlegt und in neue Zusammenhänge gebracht, dadurch aber 
Inhalt und Verhältniss der einzelnen Dinge vollständig gegen die 
anfangliche Gestalt umgewandelt, so dass die Wissenschaft die 
Welt wesentlich anders zurückgiebt als sie dieselbe empfangen 
hat. Und je weiter man in der Hinleitung auf einfache Kräfte 
fortschreitet, desto mehr wird das Unmittelbare verlassen, und es 
scheint so eigenthümlicher Weise die Forschung die Welt uns in 
dem Masse femer zu rücken, als sie dieselbe uns erkennen lehrt. 
Jedenfalls steht die Welt der exacten Wissenschaft der Welt des 
naiven Bewusstseins mindestens so fremd gegenüber, wie es früher 
die Welt der künstlerischen Anschauung und des religiösen 
Glaubens gethan hatte. 

Aber auch innerhalb des Vorliegenden erwachsen Probleme, 
deren Beantwortung bis zum G^ensatze auseinander führt. Der 
gewöhnlichen Auffassung scheint Geistiges und Körperliches neben 
einander zu stehen, ein solches Nebeneinander lässt sieh hier aber 
letzthin nicht ertragen, innerer Zusammenhang oder gar Zurtick- 
führung des Einen auf das Andere muss daher erstrebt werden. 
Den Einen ist nun der Weltinhalt ein geistiger und speciell in- 
tellectueller, denn das ist von vom herein der neuen Zeit eigen- 
thümlich, dass das Greistige durch das Denken bestimmt wird. 
Die Gesammtheit des Vorliegenden soll darnach in Denk- und 
Erkenntnissformen verwandelt werden, es bildet die Welt einen 
vom Geist stets thätig erzeugten Gesammtprocess, dem sich alles 
Besondere als Stufe einfügt. Von hier aus ergibt sich für die 
Wissenschaft die höchste Aufgabe: das unmittelbar Vorliegende, 
roh Stoffliche wird ergriflfen und umgewandelt, das scheinbar 
Buhende in Fluss gebracht, in allem Aeussern ein Geistiges 
wiedererkannt; aber die Schranke bleibt, dass man über rein 
formale Bestimmungen nicht hinausgelangt und; wie es in den 
Systemen der constructiven Philosophen offenkundig vorliegt, auf 
Ergreifung alles Concreten verzichten muss. 

Auf der andem Seite gilt die äussere Natur, wissenschaftlich 
erfasst, als wahre Welt. Hier finden die specifisch neuen Kategorien 
ihre volle Verwerthung, mehr und mehr wird das Mannigfaltige 



90 ' Immanent (kosmisch). 

als Ergebniss einfacher Grundtliätigkeiten begi-iflfen, werden Ge- 
setze ermittelt, in denen sich alles Geschehen bewegt, wird durch 
den Begriff fortschreitender Gestaltung das Zusammengesetzte von 
dem Einfachen her auch thatsächlich gewonnen. So erhält hier 
die immanente Erklärung einen concreten Inhalt, es thut sich 
eine unendliche Fülle des Stoffes, ein überwältigender Reichthum 
von Gestalten der wissenschaftlichen Behandlung auf. Aber hier 
gelangt man nicht eigentlich zu einem Weltbegriff; das Einzelne 
steht in seinem Wirken nebeneinander, ohne dass das Zusammen- 
sein begriffen wäre; es stimmt in den Formen des Geschehens 
überein, ohne dass diese Uebereinstimmung innerlich verstanden 
und rechtfertigt wäre, so dass schliesslich der Begriff des Gesetzes 
in der Luft schwebt ; es bilden sich neue Gefüge und das Ganze 
schreitet vorwärts, aber nicht nach einer Noth wendigkeit des 
Ganzen, sondern aus dem zufälligen Zusammensein der einzelnen 
für sieh ziellos wirkenden Kräfte heraus. Kann so nicht einmal 
auf eignem Gebiet Gesetz und Gestalt wahrhaft verstanden werden, 
so bildet eine unübersteigliche Schranke das geistige Leben, ja 
es wird eben das nicht begriffen, was die ganze Wissenschaft 
trägt und bedingt: der beobachtende und forschende Geist selber. 
So mag die ganze Theorie innerhalb ihres Gebietes staunens- 
werthes und zweifelloses erreichen, es gilt das alles unter so viel 
Bedingungen und Einschränkungen, dass von einer letzten Er- 
fassung der GesammtWelt nun und nimmer die Rede sein kann. 
Es scheint aus dem allen zu erhellen, dass beide Riehtungen 
auf einander angewiesen sind und der Begriff der Welt über die 
einseitigen Auffassungen erweitert werden muss. Keiner der her- 
vorragenden speculativen Köpfe konnte sich dieser Aufgabe ent- 
ziehen , und eine Geschichte des Weltbegriffes in der neuern 
Philosophie würde Gesammtbewegung wie Eigenthümlichkeit der 
Einzelnen abspiegeln; der grossartigste Versuch aber liegt ohne 
Frage bei Leibnitz vor. Natur wie Geisteswelt sollen dadurch 
geeint werden, dass sie sich als Stufen der Auffassung einer ein- 
zigen Welt erkennen lassen. Nachdem ein jedes. für sich voll- 
auf und ohne Störung zur Ausbildung gekommen war, sollten 



Immane&t (kosmisch). 91 

beide erst in der letzthin zusammenfassenden philosophischen Be- 
trachtung und nach geschehener Umwandlung in Verbindung mit 
einander treten. Für diese Verbindung aber war von erheblicher 
Bedeutung, dass Leibnifz den Weltbegriflf insofern principiell er- 
weiterte, als nicht nur das in der Erscheinung Wirkende, sondern 
auch die latenten, dabei aber doch thätigen Kräfte von ihm 
umfasst werden. Das Vorliegende erschien so als Folge eines 
sich weiter und tiefer erstreckenden Geschehens, das hinzugedacht 
werden muss, um causalen Zusammenhang in die einzelnen Er- 
scheinungen zu bringen, und es entstalid nun die Frage, ob durch 
eine solche Umgestaltung des Weltbegriflfes es jodcht möglich 
werde, die Begriffe in eine Sphäre zu erheben, wo der Gregensatz 
von Natur und Geist überwindbar ist. Leibuitz hat daran seine 
ganze Kraft gesetzt, aber dass bei allen glänzenden Entdeckun- 
gen und allen Erweiterungen des Wissensgebietes, zu denen ihn 
dies Streben führte, es in der Hauptsache gelungen sei, das 
werden wir mit Kant verneinen müssen. Eine Einigung fand 
freilich statt, aber in einem ßeich der Schatten, der Ontologie, 
die concreten Bestimmungen blieben schliesslich doch unausge- 
glichen. In dem Grundbegriffe der Möglichkeit aber fallen die 
physikalische Bedeutung der Spannkraft und die logisch - meta- 
physische des (gesetzlich) Denkbaren trotz aller Versuche der 
Einigung immer wieder auseinander, und das Unternehmen, in- 
tellectuelle und sinnliche Welt zu verbinden, ist damit gescheitert. 
Die klare Erkenntniss der Unmöglichkeit, die Aufgabe von 
den gegebenen Prämissen aus zu lösen, ist bestimmend für die 
Gestaltung der kantischen Philosophie geworden. Der Gegensatz 
wird nun aufrecht erhalten, aber mit der gesammten Erkenntniss 
in das Gebiet der Erscheinung hinein verlegt. Damit ändert sich 
der ganze Weltbegriflf und die neue Kategorienlehre ist aufge- 
geben. Dinge an sich werden von den Erscheinungen getrennt, 
das Streben, die Mannigfaltigkeit der Wirkformen auf eine Grund- 
kraft zurückzuführen, ist verlassen, eine Melirheit von Vermögen 
bleibt neben einander stehen, die Bedeutung des Zusammenseins 
der Dinge wird erheblich herabgesetzt; kurz hier bahnt sieh ein 



92 Imnument (kosmisch). 

eingreifender Umschwung an, auf den näher einzugehen vrir uns 
aber hier rersagen dürfen, da im Grossen und Granzen f&r die 
wissensehaftliehe Arbeit die Auffassungen und mit ihnen die 
Probleme des 17. Jahrhunderts herrschend geblieben sind. Das 
darf darnach unbedenklich behauptet werden, dass auch m der 
Gegenwart es an einem concreten philosophischen WeltbegriflTe, 
dem die verschiedenen Gebiete und Seinsarten sich unterorden, 
gänzlich fehlt. Nicht blos Geistiges und Materielles, sondern auch 
Inhalt und Form fällt uns auseinander. Der eine denkt zunächst 
an dieses, der andere an jenes, und nur. das Wort verbirgt es 
einigermassen,.dass wir ganz verschiedenes denken, wenn anders 
wir fiberhaupt etwas dabei denken. 

Diesem Problem der Bestimmtheit des Inhaltes der Welt 
treten andere hinzu und bereiten der immanenten Erklärung 
Schwierigkeiten. Die einzelne Erscheinung soll vollständig von 
dem Durchgehenden oder vielmehr das als abgeleitet Geltende 
von dem Einfachen aus begriflFen werden; es fragt sich nur, ob 
sich alle besondere Gestaltung also fassen lässt und nicht eine 
Individualität von Gebieten und Einzelwesen anerkannt werden 
muss. Die Gefahr liegt hier namentlich für die naturalistische 
Richtung nahe, als kosmisches ohne weiteres das empirisch am 
meisten Verbreitete und von Anfang an in der Erscheinung Vor- 
liandene, ja das Einzelne vor aller Verbindung hinzustellen und alle 
specifische Gestaltung für zufälliges Nebenergebniss zu erachten, 
während vielleicht das nur an einzelnen Punkten Hervortretende 
für die letzte Auffassung der Welt eine entscheidende Bedeutung 
haben und das scheinbar Specifische zu einer Umgestaltung der 
Principien selber zwingen kann. Bei dem gewöhnlichen Verfahren 
erhielt man leicht statt des umfassenden Begriffes, der an die 
Stelle des eng Menschlichen treten sollte, das positive Gegentheil 
des Bekämpften : es sollte das unterhalb der menschlichen Sphäre 
Liegende, ja das Unorganische als das kosmische gelten, wie es 
denn eine durchgehende Gefahr neuerer Forschung ist , etwas 
deswegen schon für zutreffend zu halten, weil sein positives 
Gegentheil sich .als ungenügend erwiesen hat. 



Immanent (kosmisch). 93 

Eine nicht geringere Schwierigkeit macht für den Weltbegriff 
und die immanente Erklärung das Yerhältniss des in der Zeit 
Geschehenden zu den zeitlos wirkenden Grundkräften. Als Ent- 
wicklungsprocess 'gefasst scheint das Geschehen an die Zeit ge- 
bunden. Das Spätere setzt das Frühere voraus und nimmt es 
auf; damit aber wird es abhängig, so dass nun das Problem 
entsteht, wie mit der Unmittelbarkeit und Zeitlosigkeit der Grund- 
kräfte die bestimmten Gestaltungen vereint werden können. Auch 
die Erklärung geräth damit in's Schwanken, indem einmal das 
Gegenwärtige nur aus dem Vergangenen verstanden werden kann, 
und dann doch an einer unmittelbaren Verification festgehalten 
werden soll. Am deutlichsten tritt dieses Dilemma in dem hegelschen 
Systeme hervor. Principiell muss die Entwicklung als eine stets 
in sich zurückkehrende und somit zeitlose gefasst werden, dann 
aber treten doch die einzelnen Momente real auseinander, und es 
muss entweder die Zeit und alles in ihr Geschehende zum blossen 
Schein gemacht werden, was sofort neue Fragen heiTorriefe, oder 
aber der speculative Grundgedanke ist abzuschwächen, wenn 
nicht aufzugeben. Die naturalistische Eichtung aber hat an dieser 
Schwierigkeit insofern zu tragen, als die besondere Gestaltung 
entweder als zeitlos in den Gesammtdispositionen enthalten ge- 
dacht werden muss und dann mehr als ein unmittelbar Wirkendes 
als seiend anzunehmen ist, oder aber das später Hervortretende 
als ein ganz neues und causal nicht genügend verknüpftes er- 
scheint Es beharrt also das Dilemma, entweder sich auf "den 
Moment zu beschränken, oder die reine Unmittelbarkeit des Er- 
kennens aufzugeben, und es bleibt ungelöst jenes alte Problem des 
Verhältnisses von Geschichte und Ewigkeit. 

Nach dem allen ergibt sich leicht, wie über die heute wieder 
mit verstärktem Naclidruck geltend gemachte Forderung einer 
immanenten Erklärung der Welt zu urtheilen sei. Dieselbe ent- 
hält eine Wahrheit, welche ihrem allgemeinen Inhalt nach vor 
allem Streit und Zweifel anzuerkennen ist: nur was sich als 
wirkend bezeugt, darf als seiend anerkannt werden, und die Er- 



94 Immanent (kosmisch). 

klärung hat die Aufgabe, alles was Gegenstand der Erfahrung 
ist, auf solche wirkend bezeugte Kräfte zurückzuführen. Dass 
wir dieses fest im Bewusstsein halten und daher nichts als seiend 
anerkennen, was sich nicht in streng causaler Verknüpfung von 
jenem Ausgangspunkte her gewinnen lässt, das macht unsern 
gemeinsamen Unterschied von andern Zeiten, namentlich vom 
Mittelalter, aus. Aber alsbald entsteht die Frage, wie weit das 
Denken über das unmittelbar Vorliegende hinauszugehen gezwungen 
werde, um das letzthin und selbstständig Wirkende zu ergreifen 
und so statt zu einer blossen Umschreibung zu einer wirklichen 
Erklärung zu gelangen ; und dieser Frage gegenüber ist jede Ant- 
wort eine ganz bestimmte These, die sorgfältig begründet werden 
muss und sich keineswegs als durch jene allgemeine Wahrheit 
gedeckt ansehen darf. 

Wenn immanente Welterklärung hier soviel besagt, dass bei 
dem unmittelbar in der äusseren Natur Gegebenen Halt zu machen 
sei, so bleibt auf dem eigenen Gebiete, wie wir sahen, die ge- 
sammte wissenschaftliche Arbeit der Neuzeit, und überhaupt Ge- 
setz und Form, sodann aber alles Geistesleben unbegriflfen; und 
wenn hier der Physiker den anfänglichen Fehler leicht in der 
concreten Arbeit verbessert, so ist hingegen der Physikant geneigt, 
den Irrthum zu steigern und immanente Welterklärung gerade 
das Gegentheil von dem zu nennen, was der Ausdruck besagt. 
Er spricht von Immanenz, wo es sich um rein äusserliche Be- 
zieÜUngen handelt, von Welt, wo die Idee eines Weltganzen vor 
der überwältigenden Macht der zerstreuten Erscheinungen aufge- 
geben ist, von Erklärung, wo nur ein Nebeneinanderstellen äusserer 
Geschehnisse vorgeht. Soll aber die Forderung immanenter Welt- 
erklärung ausdrücken, dass das in Natur und Greist Vorliegende 
unmittelbar so, wie es sich gibt, das Mass der Wahrheit sei, so 
bleibt die Thätigkeit des Geistes und im Besondern die von ihr 
in der Neuzeit ausgehende Umgestaltung des Weltbildes ausser 
Acht. Wird endlich die Thätigkeit anerkannt, aber auf eine blos 
formelle Umbildung des „Gegebenen" eingeschränkt, so fragt es 



Immanent (kosmisch). 95 

sich, ob eine solche nicht nothwendig auch materiell weiter führe 
und der Welt des Denkens einen reichem Inhalt gebe als der 
Welt der Erscheinung. 

Solche Probleme und Schwierigkeiten, in die wir von Schritt 
zu Schritt mehr hineingerathen , dürfen natürlich das allgemeine 
Postulat immanenter Erklärung nicht abschwächen, aber die Frage 
scheint gerechtfertigt, ob der bestimmte Weg und die ganze Art 
der Behandlung, welche die neuere Wissenschaft eingeschlagen 
hat, zum Ziele hinreichen ; ob nicht weitere Ausgangspunkte ver- 
sucht, andere concreto Bestimmungen des Wirkenden mit heran- 
gezogen, andere Methoden dem entsprechend ausgebildet werden 
müssen, um vielleicht einen Schritt weiter zu kommen. Doch 
solchen Fragen thut man Unrecht, wenn man sie nur im Fluge 
streift. 



Monismus — Dualismus. 



Ich behaupte, dass einen wirklichen 
Gegensatz in seiner ganzen Schärfe 
darstellen ebenso vortheilhaft für die 
Wissenschaft ist als seine Identität 
darstellen. 

Schellin g. 

Da eine Hauptschwierigkeit flir einen universalen Weltbegriff 
und eine immanente Erklärung in dem Unterschiede körperlichen 
und geistigen Seins , bestand , so müssen alle Versuche , diesen 
Unterschied zu vermindern oder aufzuheben, erhebliche Folgen 
für die gesammte wissenschaftliche Arbeit haben; und es darf 
darum der naturwissenschaftliche Monismus der Gegenwart allge- 
meiner Beachtung sicher sein. 

Dem Ausdruck nach ist Dualismus älter als Monismus. Jenes' 
findet sich zuerst bei Thomas Hyde in der Schrift de religione 
veterum Persarum zur Bezeichnung eines religiösen Systems, worin 
neben dem guten Princip ein böses gesetzt wird, und es ward in 
diesem Sinne das Wort durch Bayle (s. den Art Zoroastre) und 
Leibnitz (s. Theodicee II, 144, 199) weiteren Kreisen vermittelt*) 
Den Gregensatz von Monismus und Dualismus bildet zuerst Wolff^ 
aber nicht in der Religionsphilosophie, sondern der Metaphysik. 
Monisten heissen ihm nämlich diejenigen Denker, welche nur ein 



*) S. z. B. Brucker (ed. II) I, 176: ex ratione systematis quod vocari 
ita seiet dualistici. 



Monismus — Dualisiuas. 97 

Princip, sei es geistiger, sei es körperlicher Art, annehmen, so 
dass sowohl die „Idealisten" wie die „Materialisten"*) darunter 
befasst werden, während Dualisten diejenigen sind, welche Körper 
und Geist als von' einander unabhängige Substanzen beti*achten. 
Ihnen wollte sich Wolflf selbst zugerechnet wissen. Das Wort 
Dualist gelangte in dieser Verwendung zu ziemlicher Verbreitung, 
(s. z, B. Kant, Kritik der reinen Vernunft, I. Aufl. (bei Harten- 
stein in, 599), Fichte 11, 88 ; eine andere Bedeutung s. Kant VI, 
360) ; Monismus dagegen fristete in philosophischen Wörterbüchern 
ein kümnierliches Dasein**), bis es als Bezeichnung der hegel- 
sehen Philosophie (s. z. B. Göscheis Monismus des Gedankens 
1832) zu weitester Verbreitung gelangte. Es war wieder einiger- 
massen zurückgetreten , als es von der neuem Naturphilosophie 
aufgenommen und zum Losungswort einer Lehre gemacht wurde, 
der Geistiges und Körperliches nicht als etwas getrenntes und auch 
nicht als von einander abgeleitetes, sondern als etwas in einem 
wesentlichen und unzertrennlichen Zusammenhange stehendes gelten. 
Die Materie erhält als ursprüngliche Bestimmtheit ein geistiges 
Merkmal, das im Lauf der Gestaltung sich bis zu vollbewusster 
Thätigkeit steigert. Der G^ist fällt dabei in den allgemeinen 
Weltprocess hinein und wird durch die physikalisch-mechanischen 
Gesetze desselben beherrscht. Wie demnach der Terminus Monis- 
mus so ziemlich in das Gregentheil der anfänglichen Bedeutung 
übergegangen ist, so ist auch die Werthschätzung umgeschlagen : 
während die Wolffianer sich gegen den Monismus nicht genugsam 
glaubten verwahren zu können, wird jetzt jene natui'philosophische 
Lehre fast nur bekämpft, um eine andere Form des Monismus 
dafür einzusetzen. Ein solcher Umschwung dürfte wohl als Zeichen 
dafür gedeutet werden, dass bei dem vorliegenden Problem ver- 
schiedene Gesichtspunkte möglich sind und verschiedene Motive 

*) üeber Idealismns s. nuten ansführliches , „Materialist'' finde ich 
znerst bei Boyle (so in der 1674 erschienenen Schrift the excellence and 
grounds of the mechanical phiiosophy). 

**) Bei Fichte II, 88 findet sich als Gegenstück von Dualismus Unitismus« 

Eacken, Geschichte und Kritik. 7 . 



9 g Monismns — Daalismns. 

sich durchkreuzen, und das finden wir bei näherer Prüfung voll- 
auf bestätigt. 

Schon für die erste Betrachtung, noch mehr aber für die 
wissenschaftliche Forschung ist das Geistige mit dem Körper- 
lichen so eng verbunden, dass jedes Auseinanderreissen als ein 
gewaltsames erscheint, dazu verlangt die Metaphysik Einheit des 
letzten Principes, und endlich will die ästhetische Anschauung 
sinnliches und geistiges nicht auseinanderfallen lassen. Dagegen 
scheint zunächst als gleichwiegender Grund nicht aufkommen zu 
können, wenn das Selbstgefühl des Geistes, das Bewusstsein eines 
einzigartigen Lebensinhaltes zu dem Anspruch auf eine gesonderte 
und ausgezeichnete Stellung in der Welt führt, aber ein solches 
Verlangen erhält eine Stütze durch die Analyse des specifischen 
Inhaltes beider Gebiete, die so tiefgehende Unterschiede heraus- 
stellt, dass eine einfache Verbindung oder Gleichsetzung unmög- 
lich zu werden scheint. So steht das Eine gegen das Andere, 
jedwedes stark genug sieh zu behaupten, aber zu schwach, das 
Andere endgültig zu unterwerfen. 

Bei den Griechen überwogen die Motive des Monismus, aber 
derselbe durchläuft bei ihnen sehr verschiedene Formen. Zu 
Anfang ist das Geistige dem Körperlichen nur als ein Merkmal 
beigesellt, bis mit Anaxagoras jene Scheidung eintritt, welche die 
Vorbedingung der sokratischen Schule ausmacht. Nachdem hier 
Plato dem Geistigen den Vorrang erstritten hatte, ward in der 
aristotelischen Philosophie ein speculativer Monismus ausgebildet, 
der beide Seiten zu umfassen sucht und der trotz mancher 
Schwankungen in der Ausführung als Höhepunkt griechisclien 
Denkens angesehen werden darf. Auch die spätem Schulen hielten 
am Monismus fest, nur ist darin, dass er bei den Stoikern ab- 
strakter, bei den Epicureern roher wird, ein Sinken unverkennbar. 
Die allgemeine Empfindung kam dem Dualismus entgegen, der 
theils an Plato anknüpfend, theils orientalische Einflüsse auf- 
nehmend, den Gegensatz von Geistigem und Körperlichem dem 
des Guten und Bösen annäherte, diesen aber aufs schärfste aus- 



Monisrnns — DaaliBmns. 99 

prägte.*) Jedoch dagegen erhob sich noch einmal der Drang des 
^ griechischen Geistes nach einer einheitlichen Weltbegreifung und 
schuf in der Lehre des Plotin ein System, worin das Körperliche 
dem geistig -intellectuellen Leben als eine Erscheinungsform und 
Stufe eingefügt wird. Aber diesen Gedanken eines spirituali- 
stischen Monismus kräftig durchzufahren, war eine absterbende 
Zeit nicht mehr fähig : eben bei dem Versuch, den G^ensatz des 
Geistigen und Körperlichen zu tiberwinden, bricht die Welt in 
eine ideelle und sinnlich - erscheinende auseinander und der Stoff 
drängt sich doch wieder als eine positive Macht, ja als die Macht 
des Bösen ein. Immerhin aber gelangte die griechische Philo- 
sophie gerade am Gegentheil dessen an, von dem sie ausgegangen 
war. Der zuerst in das natürliche Geschehen versenkte Geist 
hatte sich nach und nach zur Selbstständigkeit und Freiheit her- 
^ausgearbeitet und hielt daran unbeirrt fest; aber um in dem 
Kampfe diese Stellung zu behaupten, ward er immer mehr dahin 
gedrängt, die erscheinende Welt herabzusetzen, ja aufzugeben, bis 
sie sich endlich zu einem blossen Gleichnisse des wahren Seins 
umgewandelt hatte. Wenn irgend, so bewährte sich darin der 
Idealismus griechischen Wesens, eher die vorliegende Welt als 
die Bealität geistigen Lebens aufzuopfern, wie die speculative 
Kraft sich dadurch vielleicht am meisten bezeugt, dass trotz des 
ungeheuren Druckes, der damals auf dem Denken lastete, es doch 
nicht mit einer zwiespältigen Welt abschliessen wollte und in 
jsich selbst die letzte Einheit suchte. 

Dem Ghristenthum dürfte, insofern es den Geist als freie 
Persönlichkeit zur Quelle alles Seins macht, ein absoluter Monis- 
mus zugeschrieben werden; aber hier wie an manchen andern 
Punkten wird die allgemeine Ueberzeugung mehr durch die uns 
unmittelbar berührende Erscheinung als durch ihren letzten Grund 
bestimmt. In jener aber schien der Abstand des Körperlichen 
und Geistigen so gross, dass gewöhnlich der Mensch geradezu 



*) Plutarch, Isis und Osiris 45 (Ausg. von Parthey): del ykvhow \$inv 
jcal aQX^y M<fn€Q aya^ov xal xaxov rriy q>v0iy ex^^t^» 

7* 



i 



100 Monismus — Daalismns. 

als ein Zusammengesetztes {avvxB&kv^ compositum) bezeichnet 
wird. Es sehloss eben die Werthschätzung des ethisch-religiösen 
Inhaltes des Geisteslebens nicht nur ein Herabziehen desselben 
in ein blosses Naturgeschehen aus, sondern verbot auch eine zu 
enge Verknüpfung beider. Daneben gingen freilich manche 
Strömungen her. Auf TertuUian's Materialismus konnte sich ein 
Hobbes berufen, während für Augustin*) und die Mystiker allein 
das Greistige ein letzthin Seiendes bildete. 

Den Höhepunkt erreichte die Behandlung des Problemes aber 
in der Neuzeit. Für jedwede Richtung traten hier mächtige An- 
triebe neu ein und steigerten Heftigkeit wie Fruchtbarkeit des 
Kampfes. Der Monismus hatte dabei gewöhnlich einen Schritt 
voraus. Für ihn wirkte vor allem das Streben nach einer im- 
manenten Weltbegreif ung, wodurch die Anforderungen an Einheit 
und Zusammenhang des Universums so gesteigert wurden, dass 
zwei verschiedene Grundkräfte nicht neben einander ertragen 
werden konnten; es kam hinzu die wachsende Erkenntniss der 
Abhängigkeit geistigen Lebens von körperlichen Functionen, die 
Einsicht in die Verwandtschaft des menschlichen Lebens mit 
niederen Formen, die vom Stofflichen abhängig zu sein scheinen,, 
der Gredanke der Entwicklung, vor dem ein isolirtes Sein sich 
nicht behaupten kann. — Zunächst glaubte man nun durch 
einfache Verbindung das Problem Iqsen zu können, und es wai* 
schon im 16. Jahrhundert eine Auffassung in wissenschaftlichen 
Kreisen verbreitet, die manche Züge mit dem heutigen Monismus 
theilt. Allem Körperlichen sollte ein inneres Leben beigelegt und 
in allen natürlichen Vorgängen eine Analogie mit seelischer Thätig- 
keit angenommen werden. Paracelsus z. B. wollte in allen Dingen . 
eine Seele oder doch etwas, das „gleichförmig der Seel" **), er- 



*) S. Aagustin I, 254 D: intellectos in quo universa sunt vei ipse 
potius' universa. Vi, 96 C: colligitur non esse causas efficientes omnium 
quae fiunt, nisi voluntarias, illius naturae scilicet quae Spiritus vitae est. 
"**) Phil, ad Ath. 116: Zum mehrerem Verstand, was ein Element sey, 
ist ein Element nichts änderst dann ein Seel. Wiewol nit, dass sein Wesen 
sey wie ein Seel, sondern gleichförmig der Seel. Dann ein Underscheid 



• • • • ••" • • 



Monismas — DaaliBmas. 101 

kennen, and der eigentliche Apostel dieser neuen Naturphilosophie, 
Jordano Bruno, verkündete mit Begeisterung, dass auch das kleinste 
Körperchen. Seelisches in sich enthalte, und dass Körperliches und 
Geistiges auf eine einzige Wurzel zurückkämen.*) 

Gegen ein Beharren auf diesem Standpunkt wirkten indessen 
gewichtige wissenschaftliche Gründe, zunächst in der Physik, dann 
auch in der Philosophie. Die ganze exacte Naturerklärung hatte 
zur unerlässlichen Voraussetzung die Befreiung des Körperlichen 
von jenen inneren Merkmalen, die von dem scholastischen Aristo- 
telismus eingemengt wurden. Eben weil hier alles Wi^en auf 
innere Kräfte zurückkam und fortwährend die Eigenthümlichkeiten 
geistigen Lebens in die Natur hineingetragen wurden, konnte von 
einer wissenschaftlichen Erkenntniss im Sinne der Neuzeit keine 
Bede sein; die Grundgesetze dieses Erkennens gelten nur inso- 
fern, als alles Innere aufgegeben und die Natur als ein seelen- 
loses betrachtet wird. Um aber das durchzuführen, ist viel 
mühevolle Arbeit nöthig gewesen ; Männer wie Nicolaus Taurellus, 
Kepler, Galilei u. A. haben alle Mühe darauf verwenden müssen 
und sind nur Schritt für Schritt dem Ziel näher gekommen. Der 
menschliche Geist musste hier die Natur von sich entfernen und 
auf unmittelbare Verbindung mit ihr verzichten, welches Entsagen 
eine Kraft und Aufopferung verlangt, die wir verehrungsvoll zu 
bewundem haben. 

Es fügte sich nun, dass eben als in der Physik die analytische 
Arbeit in Galilei zu einem ersten Abschluss gekommen war, sie 
durch Cartesius auf die Philosophie überging. Bei ihm zuerst 
ward Körperliches und Geistiges principiell von einander ge- 
schieden, Bewusstthätiges und Ausgedehntes konnten, wenn auch 
im Wirken eng und gesetzlich verbunden, doch nicht auf ein 



ist zwischen der Seel des Elements und zwischen der ewigen Seel : die Seel 
der Element ist das Leben aller Geschöpff. 

*) Della causa II: spirto si trova in tntte le cose, e non ^ minimo 
corpusciüO; che non contegna cotal porzione in s^, che non inanimi. III, 
gegen Schlnss: in somma l'una e Taltra si ridnca ad uno essere et nna 
radice. 



102 Monismus — Dualismus. 

Wesen zurüekgefQhrt werden, so dass nicht eine Einheit der Natur 
(unitas naturae), sondern nur eine Einheit der Zusammensetzung 
(unitas compositionis) hier behauptet werden konnte. Descartes 
musste so urtheilen, wenn er der Grundüberzeugung seiner Philo- 
sophie treu bleiben wollte. Denn wenn darnach die Substanz nur 
aus dem Wirken erschlossen oder vielmehr zu ihm hinzugedacht 
wird, so kann ein Sein mit zwei ganz verschiedenen Kräften 
nicht ertragen werden. — Aber freilich konnte man andererseits 
in dem Zuge nach einheitlicher immanenter Weltbegreifung nicht 
wohl z^ei Kräfte im Wesen unverbunden stehen lassen, so dass 
nun die -mächtigsten Strebungen der neuem Philosophie mit ein- 
ander in Widerspruch geriethen. Jedenfalls war der naive Monis- 
mus des 16. Jahrhunderts zerstört und das Problem so gesteigert, 
dass nur von einer speculativen Umbildung des Erscheinenden> 
ein Fortschritt erhofft werden konnte. 

Unter den Lösungen stehen für uns die Spinoza's und 
Leibnitzens voran. Indem jener die Begriffe von Körper und Geist 
gegen Descartes fast unverändeii; liess, suchte er durch die Art, 
wie er ihre Stellung zu einander und zur Substanz bestimmte, 
die Schwierigkeiten zu heben. Sein Gedanke, Körper und Geist 
innerhalb des Weltbegriflfes wesentlich zu verbinden, ist dem all- 
gemeinen Gehalte nach so nothwendig und überzeugend, dass 
darüber das Verfehlte der Durchführung oft übersehen wurde. 
Für uns genügt es, daran zu erinnern, dass principielle Auffassung 
und eingehende Entwicklung nicht übereinstimmen. Nach jener 
hätte Spinoza das Geistige auf die absolute Substanz als Bewusst- 
seinsinhalt beziehen müssen, wodurch allerdings seine Philosophie 
Mystik geworden und die Verwandtschaft seines Substanzbegriffes 
mit dem mittelalterlichen klar hervorgetreten wäre; wenn sich 
dagegen in Wirklickeit jenem absoluten Sein die Körperwelt 
unterschiebt, so ist damit freilich ein concreter Inhalt gewonnen 
und eine Stellung auf dem Boden neuer Wissenschaft gesichert, 
aber das Cteistige ist seinem specifischen Wesen nach aufgeopfert*), 



Namentlich bezeichnend ist dafür, dass das Trägheitsgesetz als 



Monismns — Dualismus. 103 

und die gesammte Philosophie des Spinoza wird Naturalismus, ja 
Materialismus auf dem Grunde eines Mysticismus. Zum äussern 
Erfolge hat freilich diese anscheinende Versöhnung von Unverein- 
barem nicht wenig beigetragen. 

Leibnitzens Versuch steht schon deswegen über dem Spii^oza's, 
weil hier der Inhalt der Begriffe nicht einfach von einem andern 
Denker aufgenommen wird, sondern auf Grund selbstständiger 
Analyse weitere Bestimmungen erhält. Beim Köi-perlichen trat 
vor die Ausdehnung das Merkmal der Kraft, der Begriff des 
Geistigen aber ward so erweitert, dass er auch die unbewusste 
Thätigkeit mit umfasste. Und nun ward versucht, das Materielle 
als eine gesetzlich vorgehende Erscheinungsart des geistigen Seins, 
ein phaenomenon bene fundatum, zu fassen, die ganze äussere 
Welt als eine dem endlichen und darum verworren erkennenden 
Geiste sich darstellende Spieglung des geistigen Kosmos zu be- 
greifen. Damit werden alle physischen Bestimmungen den geistigen 
untergeordnet, selbst die Grundgesetze der Bewegung sollen aus 
der Idee der vollkommensten Welt abgeleitet werden. *) — Gegen 
diesen gigantischen Versuch spricht weniger die Unmöglichkeit 
den Ursprung des Sinnlichen aus dem Geistigen vorstellbar zu 
machen, denn es wird nie einer Theorie möglich sein, das 
unter wesentlich verschiedenen Bedingungen dem Erkennen Ge- 
gebene in eine einfache Eeihe zu bringen**), als dieses da- 
gegen entscheidet, dass bei solchem Versuche, das Geistige zur 



Grundgesetz alles Seins, auch des geistigen, aufgestellt wird, s. tract. tbeol. 
pol. XVI, '4: lex summa naturae est, ut unaquaeque res in suo statu, 
quantum in se est, conetur perseverare, idque nulla alterius, sed tantum 
sul habita ratione; eth. III, prop. 6. 

*) t>b2 b meint er : physicam necessitatem. sie explicui , ut sit conse- 
quens moralis. 

**) Die Widersinnigkeit einer solchen Forderung hat Leibnitz selbst 
klar ins Licht gestellt; s. 358b: vouloir que ces phant6mes confus de- 
meurent et que cependant on y d^m^le les ingrMiens par la phantaisie 
uieme, c'est se contredire, c*est vouloir avoir le plaisir d'etre tromp6 par 
une agr6able perspective et vouloir qu'en m^me tems Toeil voie la trom- 
perie, ce qui serait la gäter. 



104 Monismus — Dtialismns. 

alleinigen Weltmacht zu erheben, das Specifische seines Inhaltes 
verloren geht. Die Monaden sind schliesslich nach dem eignen 
Ausdruck des Philosophen nur „metaphysische Punkte", aber 
nicht mehr geistige Wesen ; die Vorstellung mit ihrem Zusammen- 
fassen der Vielheit in einer Einheit . ist nicht mehr ein psycho- 
logischer, sondern ein ontologischer Begriff. *) Hatte also Spinoza 
den concreten Inhalt des Geistigen der Natur untergeordnet und 
dajnit zerstört, so opferte Leibnitz Geist und Natur ontologisch- 
mathematischen Bestimmungen,* und wenn Spinoza's Begriffe dem 
Geistigen geradezu widersprachen, so trafen die leibnitzischen 
nur fßr eine abstrakte Fassung zu, von welcher der Weg zu den 
concreten Beschaffenheiten nicht zurückzufinden war. Darin dass 
Spinoza's Lehre bei ihrer Einseitigkeit einen bestimmt ausge- 
prägten Inhalt hatte, lag es zum guten Theil begründet, dass sie 
weit mehr einwirkte und den Gedanken des Monismus kräftiger 
zu vertreten schien. Denn das Concrete ist mit allen Irrthümem 
immer das geschichtlich Mächtige und Siegreiche. — Dazu kam, 
dass die Schule Leibnitzens, alleimeist die fliessenden und leben- 
digen Gedanken des Meisters erstarrend, aus seinem Monismus 
einen so geistlosen Dualismus machte, dass demgegenüber freiere 
und tieferdringende Geister den gleichsam wiederentdeckten, darum 
aber wie neu aufti-etenden und einer idealistischen Umdeutung 
zugänglichen Spinozismus als eine Erlösung begrüssen konnten. 
Wissenschaftliche und künstlerische Motive wirkten zusammen, 
eine innerste Abneigung gegen „das infame Zwei in der Welt" 
(s. Lichtenberg, verm. Schriften VIII, 151) hervorzubringen. 

Aber die Synthese , von der man sich, tiberzeugt hielt , war 
mehr erfordert als erwiesen, in der systematischen Philosophie 
blieb vielmehr das Bewusstsein zunächst durch das Misslingen 
der monistischen Versuche Spinoza's und Leibnitzens beherrscht. 
Die Hervorkehrung des specifischen Unterschiedes von Körper- 



*) Der Vorwurf Kant's (III, 231), Leibnitz habe die Erscheinungen 
intellectnirt, beruht auf einer mehr äosserlichen Auffassung desselben. Viel- 
mehr sind bei ihm letzthin Geist und Natur einem dritten unterworfen. 



Monismus — Daalismiui. 105 

lichem und Greistigem, ron Sinnlichkeit und Verstand, und die 
Erkenntniss der Unmöglichkeit, dieselben auf einander zurück- 
zuführen, hat die Gestaltung der kantisehen Philosophie in weitem 
Masse bestimmt Wenn sich ihm die Welt, wie sie als erscheinende 
gegeben ist, aus den beiden Factoren, als dem letzten uns zu- 
gänglichen, zusammensetzt, so ist damit freilich über deren reales 
Verhältniss endgültig nichts entschieden, aber da diese Frage für 
uns schlechthin transscendent war, so blieb die Differenz stehen, 
und die bewunderungswürdige Kraft, mit dem sie im Systeme 
durchgeführt war, musste alle bisherigen Formen des naiven wie 
des speculativen Monismus innerhalb der Wissenschaft zeratören 
und die Frage in ein drittes Stadium bringen. 

Aber es liegt einmal in unserer Natur begründet, dass die 
Analyse immer nur neue Versuche der Synthese hervorruft. Und 
eine Synthese ward nun von den deutschen Philosophen in 
külmster Weise unternommen, wobei sie darin übereinstimmten, das 
Materielle von einem Geistigen als dem letzthin Seienden und die 
{Jrscheinungswelt Hervorbringenden abzuleiten, während sie sonst 
weit auseinandergingen und an verschiedene Punkte derVergangeur 
heit Anschluss suchten. Wie man aber auch über die Ergebnisse 
dieser Bestrebungen urtheilen mag, thatsäehlich sind sie mit in 
die Krise der Philosophie hineingezogen und in ihrer Wirkung 
auf das allgemeine Bewusstsein gelähmt. Eine solche Lage kam 
dem Materialismus zu Gute, der, jeder wissenschaftlichen Philo- 
sophie gegenüber ohnmächtig, in der Zeit speculativer Ermattung 
stets sofort hervortritt,- eine Fülle von Erscheinungen für sich 
verwerthet und leicht damit einen Einfluss auf weite Kreise 
gewinnt 

Der gegenwärtige Monismus darf schon als eine Fortbewegung 
darüber hinaus betrachtet werden. Die Unmögliißhkeit klar er- 
kennend, aus der Materie, und sei sie noch so fein genommen, 
das Seelische durch Zusammensetzung hervorzubringen, will er 
ein geistiges Merkmal als allem Sein wesentlich anerkennen 
und führt dies näher dahin aus, der Materie überhaupt die Fähig- 
keit von Empfindung und Bewusstsein zuzusprechen, nach dieser 



V 



106 MoniBmuB — Dnalismiui. 

Erweiterung des Begriffes aber die Gesetze des materiellen Seins 
zu Weltgesetzen zu erheben. Dieser neue Monismus hat es nicht 
so sehr unternommen, in grossem historisohen Zusammenhange 
und nach kritisch- systematischer Methode die Begriffe des Mate- 
riellen und Geistigen einer neuen Analyse zu unterziehen, die 
allgemeinen Bedingungen, unter denen uns das Sein als körper- 
liches oder geistiges gegeben ist, zu erörtern, und erst in Verbin- 
dung damit alle jetzt vorliegenden Daten zusammenfassend zu 
verwenden, sondern für ihn sind bestimmend Gruppen und Zu- 
sammenhänge von philosophisch unbearbeiteten Erscheinungen, 
die einzeln meist schon früher bekannt und benutzt, nun durch 
eine Art von darwinistischer Weltansicht zur Verknüpfung ujid 
damit zu einer Gesammtwirkung gekommen sind. 

Voran steht hier die Erkenntniss des Gebundenseins der 
psychischen Vorgänge an physische. Die bequeme Vorstellung 
früherer Zeiten, das Körperliche nur als Werkzeug des Geistes 
zu betrachten, so dass dieser freischwebend seine Thätigkeit rein 
von innen heraus gestalte*), ist durch die Ergebnisse der Wissen- 
schaft hinfällig geworden. Mehr und mehr haben dieselben zu 
der Auffassung hingedrängt, dass für den Process, den das naive 
Bewusstsein als einen lediglich geistigen ansieht, das Körperliche 
von eingreifender Bedeutung sei, indem es vorkommenden Falls 
nicht bloss seinen Dienst versage, sondern auch positiv hemme, 
ja von sich aus (wie z. B. in Geisteskrankheiten erweislich) das 
Geistige in bestimmte Bahnen dränge. Und dabei fallt besonders 
in's Gewicht, dass nicht nur ein allgemeiner Zusammenhang fest- 
gestellt, sondern auch eine Abhängigkeit bestimmter geistiger 
Leistungen von körperlichen Functionen, wenn auch bis jetzt nur 
an einigen Punkten ermittelt, so doch weit darüber hinaus wahr- 
scheinlich gemacht ist. Darnach erweist sich das scheinbar Ein- 
fache und Selbstständige als zusammengesetzt und mannigfach 



*) Man könnte übrigens diejenigen , welche gern der Philosophie über- 
haupt diese Vorstellung zuschieben, ersuchen, einen einzigen bedeutenden 
Denker zu nennen, der mit derselben sich begnügt habe. 



Monisrnns — DnaJismas. 107 

bedingt, das Eigne und Innere tritt einen Schritt zurück, das 
Leben erseheint nicht als Darstellung eines im wesentlichen 
Fertigen, sondern als Bildungsprocess zu neuer Gestaltung. 

Dazu kam eine Aenderung der Stellung des menschlichen 
Geistes, im Ganzen und im Einzelnen. Die vornehme Isolirung 
Hess sich, nachdem mehr und mehr die Verwandtschaft mit niedem 
Stufen erkannt und gewisse Grundformen als allem Lebenden 
gemeinsam erwiesen waren, nicht länger aufrecht erhalten; die 
immer mehr beachteten Thatsachen der Vererbung stellten auch 
das Individuum in einen weitreichenden Zusammenhang und 
machten es dadurch abhängig*); wobei denn die „Entwicklungs- 
lehre" geneigt war, solche Auffassungen in das Universum hin- 
einzutragen und alles Höhere nicht nur als in causalem Zusammen- 
hang mit dem Niedem entstanden, sondern sogar als genetisch 
daraus entsprungen vorzustellen. 

Das alles birgt noch unendlich viel problematisches, Hypo- 
thesen und Beobachtungen gehen oft in fast unzertrennlicher Ver- 
mengung durcheinander, und der Wunsch eilt den Ergebnissen 
ni6ht nur weit voraus, sondern bringt sie von vom herein in sehr 
fragliche Zusammenhänge, aber trotzdem dtlrfen wir in dem 
Ganzen einen grossen und berechtigten Zug wissenschaftlicher 
Forschung nicht verkennen. Zu der begrifflichen Verwirrung 
haben nicht am wenigsten jene Idealisten beigetragen, die, wesent- 
lic*he und ewige Wahrheiten an enge und zufällige geschichtliche 
Gestaltungen knüpfend, diese Wahrheiten durch die geschilderten 
wissenschaftlichen Bestrebungen in den Grundlagen bedroht 
wähnten und nun jener Bichtung einzelnes zu bestreiten und 
gewissermassen abzudingen suchten. Oder aber sie hielten sich 
an die in solcher Forschung unvermeidlichen Lücken und riefen, 



*) Die Verwerthung der VererbungBerscheinungen für eine materia- 
listisch-monistische Theorie reicht bis anf die Stoa znrück, s. Eleanthes 
(Zeller, III, 1 [2. Anil.], S. 180): ov fjiovoy 6f4oioi xols yorsvai ytvofjts&a 
Ttata 70 (füifjia, aXka xai xctta rijy ^v^^y» toU' nä&eai^, xoig ijS-sai, xais 
&nx^iatffiv' <f<6fittT0ff (f£ ro ofAoiov ntn avofjioiov , ov^l (^f d<f(Ofjiarov' atofAU 



108 MonismuB — Daalismus. 

also sich an das Dunkle klammernd, das ganze Interesse der 
theoretischen Vernunft gegen sich wach. Jeder Fortschritt in der 
Bewegung, welche die Wissenschaft nun einmal verfolgt, war ein 
Sehlag für solche Tendenzen und erhielt dadurch scheinbar eine 
principielle Bedeutung, die in dem thatsächlichen Gehalt keines- 
wegs begründet war.*) 

Dem gegenüber sind sowohl die einzelnen Untersuchungen 
wie die Gesammtrichtung der monistischen Bewegung rückhaltlos 
anzuerkennen, das alte Verlangen, Körper und Geist in einen 
innigeren Zusammenhang zu bringen, als es der landläufigen An- 
sicht dünkt, ist durch mannigfache Gründe so gesteigert, dass es 
nothwendig auch in der Philosophie Ausdruck gewinnen und zu 
neuen Gestaltungen führen muss. Aber in dem Augenblick, wo 
die Frage als eine philosophische gestellt wird, muss i^ch die 
ganze Behandlung der Sache ändern. Denn wo es sich um eine 
Feststellung erfahrungsmässiger Vorgänge handelt, mag es geboten 
sein, das Erscheinende möglichst einfach .zusammenzufassen; wo 
aber eine Begreifung des Grundgeschehens angestrebt wird, kann 
die Erörterung nur im systematischen Zusammenhange der Philo- 
sophie vorwärts schreiten. Es ist ein anderes, für den gesetz- 
mässigen Zusammenhang körperlichen und geistigen Wirkens ein- 
zutreten, ein anderes, die Grundkräfte letzthin von einander abzu- 
leiten oder in ein wesentliches begriffliches Verhältniss zu bringen; 
jenes ist Problem der Naturwissenschaft und empirischen Psycho- 
logie, dieses dagegen der systematischeQ Philosophie. Auf jenem 
G«biet sind die Verdienste des Monismus unverkennbar, auf diesem 
jedenfalls fraglich. Die letzte Verbindung beider Betrachtungen 
ist unleugbares Postulat, die Yermengung ein offenbarer Fehler. 
Es ist einmal nicht selbstverständlich, die Verhältnisse des Er- 
scheinenden ohne weiteres auf das Wesen zu übertragen, da alles 

*) Wie aus manchen in Rede stehenden Erscheinungen in einem andern 
Zusammenhange ganz anderes erschlossen werden kann, als heute oft ge- 
schieht, zeigt z. B. Origenes c. Geis. IV, 84: oaa nXsiova Xiysi xtav aXoytay 
jCifoty lyxoifÄta, joCovtf^ nXsloy {»ay fi^ ^i^jn) avlec t6 tov nayra xoöfA^- 
oayrog Xoyov iqyov. 



Monismus — Dnalismns. 109 

Erscheinende an Bedingungen und Thätigkeiten unserer Natur 
geknüpft ist, und das Gegebene daher rielleicht umgebildet werden 
muss, um abschliessend anerkannt zu werden. Dieses trifft nun 
in hohem Grade den Begriff der Materie, da er, wenn auch inner- 
halb gewisser Schranken einfach aussehend, genauer betrachtet 
und geprüft sich offenbar als Erzeugniss geistiger Thätigkeit aus 
Erscheinungen des geistigen Lebens herausstellt. Und dabei treten 
in ihm Probleme, ja Widersprüche hervor, die zu einer Umwand- 
lung und damit über alles unmittelbar Vorliegende hinaus in das 
Gebiöt der Metaphysik treiben. 

Wer aber diese letzte Frage zunächst bei Seite lassen möchte, 
der müsste vom neuesten Monismus als philosophischer Lehre 
wenigstens das verlangen, dass er den nächstliegenden Fortschritt 
machte, sonst getrennte Gebiete in eine engere wesentliche Ver- 
bindung zu bringen und dadurch eine einheitliche Auffassung der 
Welt anzunähern. Es müssten also gemeinsame Begriffe gefunden 
werden, denen sich das Besondere unterordnete, oder es müsste 
doch eine innere Verknüpfung der verschiedenen Merkmale ange- 
bahnt werden, wenn über eine Zusammenfassung des Vorgehenden 
hinaus etwas für die philosophische Weltbegreifung gewonnen 
sein sollte. Nothwendige Vorbedingung dazu wäre eine neue 
eindringende Analyse der einzelnen Gebiete und eine Zurück- 
ftihrung des Mannigfachen auf durchgehende Wirkformen ; ja wie 
die Art der Synthese wesentlich durch die vorangehende Analyse 
bedingt ist, so bemisst sich die Bedeutung des Monismus zum 
guten Theile nach dem Dualismus, den er zu überwinden unter- 
nimmt. 

Aber eine scharfe Erfassung der Eigenthümlichkeit der 
Gebiete wird gewöhnlich bei den heutigen Monisten vergeblich 
gesucht ; für viele von ihnen scheinen sich die Begriffe von Geist 
und Materie in demselben Zustande des Ungeschiedenseins zu 
befinden wie bei den jonischen Hylozoisten, andere stehen Jordano 
Bruno nahe; wo am meisten Deutlichkeit der Begriffe herrscht, 
könnte man sich etwa auf Spinoza berufen. In der That bildet 
die spinozistische Theorie, losgelöst von dem speculativen Grund- 



110 Monismus — Dnalismns. 

gedanken Spinoza's, den philosophischen Gehalt des heutigen 
Monismus, so dass derselbe von allen den Bedenken und Ein- 
wendungen, welchen jene ausgesetzt ist, mitbetroffen wird.*) Da 
wir diese Frage schon mehrfach berührten, so möge hier nur noch 
auf das eine hingewiesen sein, dass die innere Welt der äusseren 
gegenüber so eigenartige, ja widersprechende Grundformen und 
Wirkgesetze hat, dass sie zu einer blossen Copie oder zu einer 
Parallele nie und nimmer gemacht werden kann, sobald über- 
haupt der specifische Inhalt gebührende Beachtung findet. Dort 
durchgehend ein Nebeneinander und Zusammengesetztes, hier ein 
Miteinander und innerlich Verbundenes, dort in einem gegebenen 
System alle Umgestaltung von aussen kommend, hier ein ziel- 
mässiges Streben, das im Lauf der Entwicklung Selbstständigkeit 
und Innerlichkeit gewinnt**), dort alles sich quantitativ abstufend, 
hier selbst bei den niedersten Formen Contrastempfindungen un- 
verkennbar ; — wie kann man so verscliiedenes einfach mit einander 
verknüpfen? Es genügt daniach nicht, den Geist so nebenbei 
anzuhängen, sondern der Inhalt der Gebiete ist umzuarbeiten, 
wenn der Monismus einen philosophischen Charakter erhalten soll. 
Einer solchen Forderung lässt sich nicht dadurch ^tgehen, 
dass das Geistige als möglich klein und fast verschwindend gesetzt 
wird; denn es bleibt bei aller Verschiedenheit immer etwas 
Eigenartiges, das alle Formen gleichmässig durchzieht Ueber 
jenes Verfahren ist demnach ähnlich zu urtheilen, wie über das 
mancher Materialisten, wenn sie gerade umgekehrt das Sinnliche 
möglichst subtil nahmen und nun endlich das Feinsinnliche in 
ein Geistiges umsetzten ; der Unterschied mag für die Einbildungs- 
kraft vermindert sein, für den Begriff beharrt er unerschüttert. 
Der Sprung vom Geist zur Materie ist hier ebenso gross wie von 
der Materie zum Geist, der Geist bleibt für diese Stufe der Betrach 
tung nach Schellings Ausdruck gleichmässig eine „ewige Insel". 



*) Es entgeht uns nicht, dass von einzelnen Forschem eine tiefere 
Fassung des Monismus erstrebt wird, in der Gesammtbewegung aber, die 
wir betrachten, tritt das vor den dargelegten Gestaltungen zurück. 
**) Pythagoreer nannten die Seele aQi&fÄos^ kavrov al^tav. 



Monismus — Dnalismas. Hl 

Aber nebendem gedenken wir nicht, auf die Anerkennung 
des besondern Inhaltes der höhern Formen zu verzichten. Dass 
ttberhaupt das geistige Leben sich zu einer solchen Innerlichkeit 
und Kraftfttlle aufzuschwingen vermag, wie es thatsächlich inner- 
halb der Menschheit der Fall ist, das allein genügt, um die 
naturalistisch - empiristische Form des Monismus zu widerlegen. 
Wie immer sieh dies gebildet haben mag, an wie viele Be- 
dingungen es geknüpft sei, und wie sehr es für unsere Betrach- 
tung im Universum verschwinde, wenn eine solche innere Welt 
auch nur an einem Punkte und in einem Momente des üniversal- 
lebens hervorgetreten wäre, so würde schon das gegen eine 
Theorie entscheiden, die das Geistige zu einem blossen Anhange 
des natürlichen Geschehens macht. — Die angestrebte Ausgleichung 
wird dazu auf einem solchen Wege keinenfalls erreicht. Denn 
wenn die Gesetze des mechanischen Geschehens sich, alles andere 
ausschliessend, zu Weltgesetzen erweitern, so ist im Wesentlichen 
alles das zugegeben, was nur immer der Materialismus verlangen 
kann. Denn nicht darauf kommt es an , irgend ein Geistiges in 
der Welt gelten zu lassen, sondern es in seinen Lebens- und 
Wirkformen zur Anerkennung zu bringen; werden dieselben 
preisgegeben, so ist das eine Glied des Gegensatzes dem andern 
einfach aufgeopfert. 

Wenn femer aber Bewusstsein und Empfindung (im weitesten 
Sinne genommen) der Materie als einem Ausgedehnten und Be- 
wegten hinzugefügt wird, so darf man wohl fragen, ob dies denn 
so einfach möglich sei? Es können doch nicht beliebig Be- 
stimmungen zusammengeklebt werden; vielleicht widersprechen 
sie sich in der vorliegenden Form oder sträuben sich wenigstens 
gegen eine unmittelbare Verbindung, so dass eine Umgestaltung 
durch philosophische Arbeit nöthig würde. Doch es wird uns 
eingewandt, dass es gar nicht darauf ankomme, ob die Begriffe 
uns widersprechend oder zusammenstimmend scheinen, da die 
Erfahrung die Thatsache der Vereinigung aufzeige, und man 
wirft etwa mit Lichtenberg (s. I, 54) die Frage auf: „Dürfen 
wir schliessen, was unserer Meinung nach nicht durch Dinge 



112 Monismus — Dualismus. 

geschehen kann, die wir kennen, muss durch andere Dinge 
geschehen als wir kennen?" Wir antworten: das keineswegs, 
aber sie müssen durch die Dinge in einem andern Sinn und mit 
anderer Bestimmung geschehen als sie sich ^ms zunächst darstellen. 
Die Begriffe von Bewusstsein und Ausdehnung sind ja nichts 
festes dem Denken gegenüber, sondern seine eignen Werke, 
und es ist nur eine Selbstkritik, wenn im Fortgange des Er- 
kennens die erste Gestaltung umgebildet wird, eine Selbstkritik, 
die allein zu dem Zwecke angestellt wird, um zu den wirklichen 
Thatsachen zu gelangen. Das ganze Problem, was seit Cartesius 
die grössten Denker yollauf beschäftigte, das Verhältniss und 
der scheinbare Widerspruch von ausgedehntem und bewusstem 
Wirken, ist es Iieute plötzlich verschwunden, oder stossen wir 
vielleicht nur deswegen nicht auf die Klippen, weil unser Schiflf 
weniger tief geht? 

Wir meinen, dass wenn die Bestimmungen so ruhig neben- 
einander beharren, majx eben den Dualismus, der entfernt werden 
sollte, wieder bekommt, nur ist er aus der Erscheinung in den 
Begriff verlegt, also dahin, wo er für das philosophische Denken 
am wenigsten erträglich ist."^) Jedenfalls wäre die ganze 
Kategorienlehre der neuem Philosophie, die auch die Grundlage 
der exaeten Naturwissenschaft ist, aufzugeben, wenn ein solcher 
Begriff eines Seins mit zwei grundverschiedenen Kräften geduldet 
werden sollte. Kurz, um das Merkmal des Bewusstseins aufzu- 
nehmen, müsste der Begriff der Materie wesentlich umgestaltet 
werden; damit aber wtfrden wir uns wiederum auf die Meta- 
physik hingewiesen sehen. 

Nebendem erregt auch der Umfang dieser monistischen 
Theorie einiges Bedenken. Mit welchem Hecht soll aller Materie 
Empfindung beigelegt werden? Aus naturwissenschaftlichen Gründen 
wohl kaum, vom philosophischen Standpunkt aber würde die 
Sache in ganz anderer Weise zu behandeln sein. Und was bleibt 



*) Man könnte daher an das Wort denken: ro enayoQ&tof^d aot fAtl^oy 
afjLaqtfifjia c/ee ^ o inayoQ^lg, (Plat. Protag. 340 D). 



MoniBmuB — Dualisrnns. 113 

bei einer solchen Ausdehnung über, das Gebiet des Lebendigen 
hinaus vom Geistigen über? Wenn irgend etwas, so eine gewisse 
Analogie mit der Empfindung, so dass wir wieder bei dem 
paracelsischen „gleichförmig der Seel" angelangt w&ren; aber 
mit welchem Becht darf man einen solchen Begriff als wirklich 
setzen ? Und was leistet ein solcher Begriff für dieJ wissenschaft- 
liche Arbeit? Wer wollte dem Forscher die Liberalität yerdenken, 
allem Materiellen eine Seele zu schenken, so lange das nur 
keinen Einfluss auf die Erklärung gewinnt; aber was nützt als- 
dann eine solche Seele? Gegen einen solchen Einfluss aber 
müssten Phy«iker und Metaphysiker gleichmäs^ig sich verwahren ; 
jener, weil er die Grundprincipien seiner exacten Wissenschaft 
gefährdet sähe, dieser, weil er die Frage von einem andern 
Standpunkt aus, mit andern Mitteln, und nach andern Zielen hin 
behandeln müsste. 

Kurz wir gestehen, zu viele Fragen bei dieser Form des 
Monismus unbeachtet und unbeantwortet zu finden, um von ihr 
grosses für den Fortschritt der Welterkenntniss erwarten zu können. 
Die letzte Principienfrage war gar nicht berührt, die specifische 
Bestimmtheit geistigen Lebens gelangte nicht zur Geltung, inner- 
halb der eignen Lehren aber zeigte sich ein Schwanken zwischen 
Physik und Metaphysik, das keinen Theil fördert Damit werden 
die exacten Untersuchungen, die dem Monismus als Ausgangs- 
punkt dienen, ihrem Bestände wie ihrer Bedeutung nach in keiner 
Weise angegriffen. Stärke und Verdienst der gesammten Sichtung 
liegt darin, das erfahrungsmässig Geschehende festzustellen und 
auf die daraus erwachsenden Probleme hinzuweisen ; hier hat sie 
unleugbar eine wichtige und schwierige Aufgabe zu erfüllen. Aber 
die Art, wie die Ergebnisse philosophisch verwerthet und die 
Erscheinungen zu letzten Wahrheiten umgewandelt werden, muss, 
wie wir sahen, den Widerspruch herausfordern. Denn statt einer 
eindringenden und umfassenden Verarbeitung sehen wir ein, philo- 
sophisch betrachtet, überrasches und an der Oberfläche haftendes 
Verfahren: ein Bau wird errichtet ohne genügende Prüfung der 
jGrundlagen, eine Synthese versucht, ehe die Analyse vollendet, 

Euckeu, Geschichte und Kritik. 8 



114 Monismiu ~ Dualismiift. 

die einzelnen Erscheinungen werden raseh verbunden, ehe Be- 
rechtigung und Bedingung solcher Verbindung erwiesen ist. Durch 
einen Machtspruch soll das alte Problem gelöst werden, bei dem 
so viele und verschiedenartige Erwägungen zusammentreffen. 
Solcher Kithnheit aber folgen mannigfache Gefahren auf dem 
Fusse. Das Ergebniss wagender Hypothese tritt auf mit dem An- 
sprüche exacter Forschung, specifische Theorien gelten als that- 
sächlich entschieden, wo doch sehr abweichende Deutungen mög- 
lich sind; vor allem aber, es wird vermengt, was zunächst 
auseinander 'ZU halten für Philosophie und Naturwissenschaft gleich 
wichtig ist: erfahrungsmässiger Bestand und philosophische Deutung. 
Der Wunsch erscheint als wohlberechtigt, dass* der Schritt von der 
Erfahrung zur Metaphysik entweder gar nicht oder ganz gemacht 
werde, denn halbdurchgeführte Richtungen haben von jeher, schon 
wegen der dadurch entstehenden Verwirrung der Begriffe, mehr 
geschadet als eigentliche Irrthttmer: veritas potius emergit ex 
errore quam ex confusione. 



Gesetz. 



Wissen, dass man weiss, was man 
weiss, und wissen, dass man nicht 
weiss, was man nicht weiss, siehe, 
das ist die wahre Wissenschaft. 

Gonfncins. 

Den Ausdruck „Gesetz" sehen wir von dem Gebiet des 
Handelns auf das Naturgeschehen übergehen, hier eine ausge- 
prägte neue Bedeutung gewinnen und in dieser die Verbreitung 
nach allen Richtungen anstreben. Jener Uebergang. scheint erst 
bei den Bömem stattgefunden zu haben, denn was die Griechen 
an ähnlichen Ausdrücken besitzen (wie z. B. die Bezeichnung 
Gottes als xoivog vofiog bei den Stoikern), triflft nur annähernd 
zu. und drangt nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch und das* 
allgemeine Bewusstsein ein. Der oft verwandte Ausdruck Natur- 
gesetz (6 (pvascog vofxog) aber bildet einfach den Gegensatz zum 
positiven Rechte (o ygamog vofxog). Der allgemeine BegriflF des 
Naturgesetzes ist freilich schon durch die vorsokratische Philo- 
sophie klar zum Bewusstsein gekommen und wird von Plato wie 
Aristoteles als selbstverständlich vorausgesetzt; was später mit 
Gesetz bezeichnet wird, ist hier in abstrakterer Fassung einfach 
Noth wendigkeit (ai^ayxiy).*) Erst bei Lucrez finde ich den Aus- 



*) Wenn z. B. Xenophon, Memor. I, 1, 11 unter den Problemen der 
frühem Philosophen aufführt : Ti^ftv avayttnig %xa<fxa yiyvsxni raiv ovqavioyv, 
so entspricht hier avayvtn unserem (Natur*) Gesetz. Aehnlich hat auch 

8* 



116 Gesetz. 

druck foedera naturae, foedus naturae*) und in Verbindung damit 
auch leges, welches letztere sich rasch einbürgerte und dauernd 
fast unangefochten blieb. Der Begriff ist damit dem menschlichen 
Verständniss unvergleichlich näher gerückt als durch das grie- 
chische ävdyxfi, indem nun das Naturg^schehen als analog dem 
Handeln des unter den Normen der Gremeinschaft stehenden 
Menschen erscheint. 

Wenn zu dem Begriffe die Wahrnehmung der Gleichmässig- 
keit des Geschehens und der Beharrlichkeit sich folgender Er- 
scheinungen äusserlich veranlassen mochte, so besagt doch „Noth- 
wendigkeit" oder „Gesetz" unvergleichlich viel mehr. Denn dabei 
wird jedes Geschehen als abhängig und bestimmt genommen und 
alles Einzelne in einen umfassenden Zusammenhang gebracht Das 
Nebeneinanderliegende erscheint als innerlich verbunden und da& 
Augenblickliche als Vertreter des Wesens, so dass ein jedes ge- 
Wissermassen als Function des Ganzen dasteht Da dies aber in 
keiner Weise durch Erfahrung gegeben ist, sondern nur dem 
Denken entstammen kann, so liegt dem Gesetzesbegriff ein ur- 
sprüngliches Urtheil und ein Postulat zu Grunde, das Zeiten und 
Denkern gemeinsam ist Aber die hier vorliegende Thätigkeit 
der Vernunft lässt sehr verschiedene Gestaltungen zu, ja bei jedem 
selbstständigen Denker hat Begriff und Verwendung des Gesetzes 
etwas eigenartiges, so dass sich die Aussicht in eine reiche Ge- 
schichte eröflftiet 

So wenig bei den Griechen, wie wir sahen, der Terminus^ 
Gesetz hervortritt, so war für ihre Weltauffassung der allgemeine 
Inhalt des Begriffes von hervorragender Bedeutung.**) Denn indem 



Plato den Plural, s. leges 967 A, wo der Gregensatz dudyxaig — ^layoiais^ 
ßovXf'ianüg gebildet wird. Aristoteles scheint den Plural in dieser Bedeutung 
nicht zu haben, während der Singular sehr oft vorkommt. 

*) Foedera naturae I, 586, II, 302, V, 310, foedus naturae V, 924, 
VI, 9ub, foedus und leges nebeneinander V, 57 flf. Auch Vergil hat leges 
und foedera so zusammen. 

**) Am meisten tritt der Begriff des Gesetzes in dem stoischen Systeme, 
hervor, hier zuerst finden sich seine Consequenzen vollständig entwickelt. 



Gesetz. 117 

sie das Universum als ein Ganzes und das Geschehen als einen 
Oesammtprocess ansahen, femer aber dies Geschehen als Dar- 
stellung eines ewigen und wesentlich unveränderlichen Seins be- 
stimmten, musste eine Nothwendigkeit mit festliegenden Normen 
alles einzelne umfassen und beherrschen. Wie dem Volksglauben 
das Fatum über den Göttern, so steht dem wissenschaftlichen 
Bewusstsein der Process vor der That, die Natur vor dem freien 
Handeln. Das Gesetz ist ihnen darnach etwas der Welt im- 
manentes, dem Wesen der Dinge unmittelbar anhangendes. Aber 
bei dem allen kann von einer gesetzlichen Begreifung der Natur 
im Sinne der neuem Wissenschaft nicht die Rede sein ; abgesehen 
von allen aus der Lage der einzelnen Wissenschaften entspringen- 
den Hemmnissen traten dem zwei allgemeine Gründe entgegen: 
die synthetische Auffassung der Natur, die zu kleinsten Kräften 
und ursprünglichen Wirkformen nicht durchdrang*), sowie die 
organische Anschauung vom Kosmos, welche jedem Punkte eine 
specifische Bedeutung beizulegen geneigt war und damit eine 
volle Gleichmässigkeit und üebereinstimmung des einzelnen Ge- 
schehens ausschloss. Es ist nicht zufällig, dass in dem Systeme 
des Aristoteles, wo jene beiden Tendenzen ihren classischen 
Ausdruck finden, ein bestimmter Begriff des Naturgesetzes so 
wenig hervortritt. Von Gesetzen, welche alles Vorgehen gleich- 
massig beherrschen, ist hier keine Rede, an mathematische For- 
mulimng kann gar nicht gedacht werden, und der Einfluss von 
platonischem Dualismus zeigt sich darin, dass der Forscher 
nicht selten sich damit begnügt, wenn die Normen nur annähernd 
zutreffen. 

Im Christenthum erhielt der Begriff des Gesetzes eine ganz 



*) Wie unerreichbar den Griechen die Aufgabe erschien, welche die 
neuere Physik auf ihrem Grebiete thatsächlich gelöst hat, s. z. B. Plato 
Timaens 68 D : e^ &i jig rovrar 1^^^ cttonov^EVog ßaaayov Xafißdyoi, z6 r^g 
€iyd-^(anipr}S xai d-ticcg ffvaitag ^yvorjXMg av tiri Sidfpoqov, oti d-sog [aIv t« noX- 
Xä iig ?r ^vyytEQayvvvai xai ndXiv f| kvog dg noXXd &iaXv€iy IxavMg Iniffrd- 
fXEVog ccfjtcc xai dvvccrog, dvd-Q(6n(ov dl ov&eig ov6ixiqa rovtiaP txavog ovrs iffti 
vvv oit eiaav&ig nax iffrai. 



1 1 g Gesetz. 

andere Stellung, Indem hier der Inhalt des Weltgeschehens ein 
ethisch-religiöser wird, tritt die freie That für den Process ein 
und mit der causalen Nothwendigkeit des Geschehens wird die 
Gesetzlichkeit aufgegeben. Die über das Geschick der Welt ent- 
scheidenden Thaten : Schöpfung, Sündenfall, Erlösung, Weltgericht, 
als gesetzlich bestimmt zu erweisen, hat in richtiger Consequenz 
innerhalb des Christenthums stets für anstössig gegolten, und 
ist, wo immer aus dem unauslöschlichen Durst nach eausaler Be* 
greifung gewagt, als ein vermessenes Unternehmen zurückge- 
wiesen. Luther kann nicht genug gegen das „enthusiastische", 
das „teuflische" „Quare" eifern, aber auch wenn er es uns nicht 
ausdrücklich verriethe, würde die leidenschaftliche Heftigkeit 
dieses Eifers uns hinreichend kundthun, wie schwer es ihm wurde 
die Ansprüche vernünftigen Erkennens abzuweisen. Freilich ent- 
stand der Conflict nicht eigentlich daraus, dass die freie That 
überhaupt vor dem Gesetz stand, denn wenn jene auf die Welt 
als Totalität bezogen und als sie innerlich durchdringend gefasst 
wurde, so konnte ein eausaler und innerer Zusammenhang ganz 
wohl aufrecht erhalten werden; aber das freie Handeln ward 
einmal als ein in die Welt hineinkommendes, unter ihre Formen 
fallendes und in ihre Bestimmungen eingreifendes gesetzt, und 
damit war allerdings sowohl der Zusammenhang durchbrochen, 
als die Wesentlichkeit und innere Zugehörigkeit des Gesetzes 
aufgegeben. Nach strenger Auffassung erscheinen die Naturgesetze 
als eine blosse Gewohnheit des göttlichen Handelns, und nach- 
dem also ihre Ursprünglichkeit und Innerlichkeit zerstört, können 
Ausnahmen im Dienste höherer Zwecke nicht weiter befremden. 
Aber es zeigt freilich die Zulassung solcher Ausnahmen, wie sie 
in dem gewöhnlichen WunderbegriflF vorliegt, den positiven und 
zufälligen Charakter der Naturgesetze in einer so schroffen Form, 
dass an diesem Punkte nothwendig die gesammte neue Wissen- 
schaft den Kampf aufnehmen musste. 

Der Neuzeit stand zunächst fest, dass das Denken nur mit 
einer einzigen wesentlichen Welt zu thun habe, weswegen jeder 
Eingriff von aussen abzuweisen sei. Dazu musste die Ueber- 



Gesetz. 119 

zeuguBg, dass wir überall nur ein Wirken ergreifen und das 
Wesen in das Wirken aufgeht, die Bedeutung der Farmen und 
Zusammenhänge des Geschehens in hohem Grade steigern. Am 
wichtigsten aber war die Lehre, dass die vorliegende Welt ein 
Ergebniss einfacher Kräfte bilde und als solches zu begreifen sei, 
denn daraus erwuchs die Forderung, die ursprünglichen und 
durchgehenden Formen jener Kräfte zu ermitteln, sorgfältigst 
festzustellen und dann zum Yerständniss der Mannigfaltigkeit zu 
verwenden. Da diese ursprünglichen Wirkformen aber nichts 
anders als die Gesetze sind, so ist ihre Erforschung eine hervor- 
ragende, ja die entscheidende Aufgabe des Erkennens. Das Gksetz 
ist der Punkt, worauf die Analyse hinweist, und wovon die Ent- 
wicklung ausgeht, und damit recht eigentlich Mittelpunkt der 
Wissenschaft Erst durch das Gesetz wird die erscheinende Welt 
auf die wesentliche zurückgeführt und das Mannigfache in Einheit 
und Zusammenhang verbunden. Der Forderung der neuem Wissen- 
schaft, die Vielheit als System zu begreifen, wird gentigt, indem 
jedes Einzelne sich als Ausdruck von Gesetzen herausstellt und 
die Gesetze selbst wieder einer umfassenden Einheit zustreben. 
Man darf daher sagen, dass was für Plato die Ideen, das der 
neuem Weltauffassung die Gesetze sind. 

Mit solcher principiellen Umbildung wird auch die Stellung 
des Gesetzes zu dem einzelnen Geschehen eine andre. Die Gesetze 
sind nicht Begeln, nach denen sich dasselbe nur im grossen und 
ganzen zu richten habe, sie wirken nicht an oder neben einem 
Stoffe, dadurch bedingt oder beschränkt, sondern sie drücken 
unmittelbar und schlechthin die Form des Wirkens auch in jedem 
einzelnen aus, so dass nicht der mindeste unerklärte Best bleiben 
darf."^) Wir sehen damit den Gegensatz des Allgemeinen und 
Einzelnen sich in den des Ursprünglichen und Abgeleiteten um- 
wandeln. Gegen das Allgemeine als ein durch Abstraction vom 
Einzelnen aus gewonnenes und ihm gegenüber sich geltend 



*) Sofort bei Nikolaus von Kues tritt das in dem immer wiederholten 
Verlangen der praecisio hervor. 



120 Gesetz. 

machendes, richtet sich der Kampf der Denker schon vor dem 
Höhepunkt der neuem Philosophie übereinstimmend: etwas in 
den Dingen wirkendes und sie ganz in sich aufnehmendes soll 
vielmehr erwiesen werden. Indem also für die Methodenlehre 
an die Stelle des Gegensatzes der Induction und Deduction der- 
jenige der Analyse und Synthese tritt, macht sich für den Gtesetzes- 
begriff eine wichtige Forderung zuerst mit principieller Schärfe 
geltend: das Verlangen einer bestimmten Formel. Denn nur 
dadurch wird es möglich, das Mannigfache den ursprünglichen 
Wirkformen zu unterwerfen und das Gegebene vollständig zu 
begreifen. 

Es war nach dem allen natürlich, dass die Denker den 
Begriff aufs höchste schätzten, obschon die reflectirende Be- 
trachtung in geradezu merkwürdiger Weise vernachlässigt wurde. 
Nachdem Cartesius durch seine gesammte Forschung die neue 
Auffassung zum Durchbruch gebracht und namentlich durch den 
Hinweis auf einfache Grundkräfte mit festen Wirkformen die neue 
Art des Gesetzesbegriffes gesichert hatte, trat Spinoza für die 
principielle Bedeutung des Neuen gegenüber den alten Gestaltungen 
mit der grössten Energie ein, während für Leibnitz das Verdienst 
in Anspruch genommen werden darf, den Begriff am weitesten 
ausgedehnt, ihn auf geistigem Gebiet unter Anerkennung des 
hier Specifischen vertreten und ihn endlich auch den indivi- 
duellen Kräften vindicirt zu haben. Weil ihm bei dem Gesetze 
das Merkmal der Wesentlichkeit und Ursprünglichkeit voranstand, 
so lag das Entscheidende nicht in der Bestimmung des ümfanges, 
und es konnte auch das Einzelne, insofern es nicht blos als 
erscheinendes und zusammengesetztes, sondern als grundhaftes und 
einfaches galt, seine selbsteignen Wirkformen besitzen, üeber- 
haupt bringt es die ganze Stellung des Gesetzes in der neuem 
Wissenschaft mit sich, dass seine Ausdehnung und Einschränkung 
von dem ürtheil über das letzthin Wesentliche in Geschehen und 
Sein abhängt. — Die Durchführung des Gesetzesbegriffes be- 
zeichnet nun aber den Gang der neuern Forschung, wobei das- 
jenige, dessen principielle Wahrheit und Bedeutung schon dem 



Gresete J21 

17. Jahrhundert vollständig klar war, sich erst selir allmählig in 
die einzelnen Gebiete hineingearbeitet hat*) und fortwährend neue 
Anforderungen an unö heranbringt. Die Verwei-thung des schon 
Gefundenen, die Ermittlung neuer Einsichten, die Verbindung des 
Zerstreuten und die letzte Richtung auf ein Ziel, alles das gibt 
der Forschung immer neue und stets fortschreitende Aufgaben. 
Aber es mtisste eigenthümlich zugehen, wenn ein so wichtiger 
und fruchtbarer Begriff nicht auch wieder neue Probleme hervor- 
riefe, und wenn er nicht manchen Missverständnissen ausgesetzt 
wäre. Zu letzteren verlockte von Anfang an der Ausdruck. 
Denn es ist unverkennbar, dÄss für den Begriff, den die neuere 
Wissenschaft bezeiclinen will, der Terminus Gesetz nicht recht 
zutrifft. Den Ausschluss der Willkür in dem Geschehen mag er 
richtig bezeichnen, aber die Ursprtinglichkeit und Wesentlichkeit 
gelangt gar nicht zur Geltung, und die Nothwendigkeit erhält 
eine schiefe Darstellung. Denn das Gesetz erscheint als eine vor 
und über dem Einzelnen fertige Norm, der sich alles besondere 
Geschehen fügen müsse, während es doch nur etwas in dem 
Einzelnen ist und dessen eigne Natur vertritt. Von einer äusser- 
lioh herankommenden Nothwendigkeit, einem Zwange, kann daher 
gar nicht die Rede sein, so dass die gewöhnliche schroffe Ent- 
gegenstellung von Gesetz und Freiheit (im Sinne von innerer 
Selbstständigkeit) sich als aus begrifflicher Verwirrung ent- 
sprungen erweist. Im grossen Ganzen aber ist das Gesetz etwas 
der Welt immanentes, in und mit ihr, nicht über und vor ihr 
sich erzeigendes ; weder steht es ^als allgemeines dem Einzelnen, 
noch als vorzeitiges dem in der Zeit Gegebenen voran, sondern 
zeitlos wirkt es in allem und durch alles hindurch. Demnach ist 
das Gesetz nur gültig als Form des Geschehens, nicht des 
Sollens. Es wirkt entweder einfach aus dem Wesen heraus oder 
gar nicht, während jede dazwischen liegende Ansicht den Fehler 
unserer Vorstellung bekundet, einzelnes und allgemeines gegen 



*) Man denke nur an das Gebiet des organischen Lebens , die Grenz- 
gebiete von Physik und Psychik, die Sprachwissenschaft u. s. w. 



122 Gesetz. 

einander zu isoliren. Und dieser Fehler wird nun durch den 
Terminus Gesetz, der immer die Analogie der Verhältnisse auf 
praktischem Gebiete nahe legt, gesteigert und gefestigt. 

Schon in der Uebergangszeit bemerken wir solche Missver- 
ständnissow Das Gesetz erscheint als eine unabhängig von den 
Dingen über der Welt wirkende Macht und als etwas absolut 
seiendes, ja es ist nahe daran, personificirt und Gegenstand einer 
andächtigen Verehrung zu werden. Jordano Bruno möchte auf dem 
Naturgesetze eine Art von ßeligion gründen*), eine ähnliche 
Vorstellung beherrscht das Denken Spinoza's, und auch in 
der Gegenwart werden die Naturgesetze oft wie eine Gott- 
heit gläubig hochgehalten. Namentlich wird nicht selten aus 
dem blossen Geschehen eine Norm für das Handeln abgeleitet, 
was doch nur durch Einschiebung eines Willens in jenes 
möglich wäre. 

Gegenüber dem allen muss daran erinnert werden, dass 
sowohl der Gesammtinhalt der Gesetze als die Form der Gesetz- 
lichkeit selber äusserlich betrachtet nur als ein thatsächliches, 
nicht als ein nothwendiges hingestellt werden darf. Gewiss kann 
man dabei nicht stehen bleiben, aber eine Vertiefung kann nur 
in dem Masse gelingen , als die Stellung der Vernunft in der 
Welt anerkannt wird, während jetzt eben diejenigen am meisten 
Wesens von dem Begriff des Gesetzes zu machen pflegen, die 
seine Bedeutung am wenigsten rechtfertigen können. 

Auch insofern ist alle Erkenntniss mittelst Gesetze beschränkt^ 
als die Kraft, deren WirkforiQen sie bilden, stets vorausgesetzt 
werden muss, so dass jene ganze Erklärung letzthin einen 
hypothetischen Charakter behält Wie weit es fördern könne^ 
die Grundbedingung der Kraft in die Erörterung hineinzuziehen, 
mag nach den verschiedenen Gebieten und Aufgaben der Forschung 
verschiedene Beantwortung finden, vergessen werden darf diese 



*) S. z. B. de universo et immenso 653. Das Höchste soll gesucht 
werden: in inviolabili intemerabilique naturae lege, in bene ad eandem 
legem instituti animi religione etc. 



Gesetz. 123 

Schranke nie. Mit Keolit hat Fichte (V, 108) auf den Unter- 
schied einer Erklärung nach Naturgesetzen und aus Naturgesetzen 
gedrungen, aber trotz aller Mahnung hat die Verwirrung immer 
weiter gegriflFen. Auf den verschiedensten Gebieten, wie z. *B, 
dem der Ethik, des politisch -gesellschaftlichen Lebens, der 
ästhetischen Auffassung u. s. w. wird die durchgehende und 
wesentliche Form manchmal der letzten Sacherklärung gleich- 
gehalten; was stets in bestimmten Formen sich vollzieht, soll in 
dieselben aufgehen. Das allgemeine Leben steigert, wie gewöhn- 
lich, die Einseitigkeit der Wissenschaft zur vollen Irrung, so dass 
dort der Gtewinn einer Formel die letzten Probleme zu lösen 
scheint und namentlich die Frage wegen der Kraft zurückdrängt. 
Mag aber in der Natur, wo dieselbe als eine gegebene und be- 
harrende gelten darf, die Erkenntniss des Gesetzes gentigen, um uns 
die Macht über die Dinge zu geben; auf dem Gebiete geistigen 
Lebens liegt eben in der Aufbietung der Kraft das schwerste 
Problem. 

Wenn also der Begriff des Gesetzes manche Frage her- 
vorruft, so vergessen wir andrerseits bisweilen, dass er selbst 
eine schwere Aufgabe stellt, welche die Forschung nur in all- 
mähliger Annäherung lösen kann. Denn ein anderes ist die 
Ueberzeugung von der Gesetzmässigkeit alles Geschehens, d. h. 
der ßückführbarkeit aller Erscheinungen anf ursprüngliche Wirk- 
formen von Grundkräften ) ein anderes die Erkenntniss der Be- 
stimmtheit dieser Wirkformen. Für dieses ist sowohl das Durch- 
dringen zu einem Primären wie die Aufstellung einer leitenden 
Fonnel unerlässlich.' Als höchstes Ziel winkt hier natürlich die 
exacte Begreifung aller Mannigfaltigkeit als Ausdruck eines Welt- 
gesetzes, aber wenn wir uns dem auch nur sehr allmählig nähern 
können, so darf wenigstens von der Forderung, innerhalb der 
einzelnen Gebiete zu dem Einfachsten zu gelangen, nicht nach- 
gelassen werden, und auf keinen Fall darf sich eine blos 
empirische Verbindung oder Aufeinanderfolge vielleicht sehr ver- 
wickelter Erscheinungen den Begriff des Gesetzes zueignen. 
Indem die Forschung hier mannigfache Stufen zu durchlaufen 



124 ' besetz. 

hat, ist es ron erheblicher Bedeutung, Ansprüche und Leistungen 
stets im Gleichgewicht zu halten. 

Alle diese Schwierigkeiten und Probleme steigern sich nun 
dadurch, dass auch bei dieser Frage innerhalb der neuem Welt 
sich eine Zweiheit geltend macht, da vom Geist wie von der 
Natur aus eine gesetzmässige Begreifung des Universums ange- 
strebt ist Dort scheint die Welt aus der schöpferischen Thätigkeit 
des Geistes hervorzuwachsen, alles mannigfa(3he stellt sich als 
Stufe eines geistigen Processes heraus, das Gesetz bestimmt in 
erster Linie den Gang dieses Processes und ist damit, um den 
nicht ganz zutreffenden Ausdruck zu verwenden, Entwicklungs- 
gesetz. Eine solche Auffassung, die in frtlhem Perioden manche 
Anknüpfung findet, tritt in den entscheidenden Umrissen schon 
bei Nikolaus von Kues hervor, ihren Höhepunkt hat sie aber 
in dem Systeme Hegels erreicht, wo sie in der dialektischen 
Methode auch eine allumfassende Formel gewonnen hat. 

Diese Richtung hat namentlich die Auffassung des intellec- 
tuellen Lebens bestimmt und insofern einen allgemeinen Einfluss 
gewonnen, als von hier aus die principielle Werthschätzung des 
Gesetzesbegriffes überallhin entlehnt wurde. Hier, wo die Vernunft 
schaffend und massgebend vor die Welt trat, konnte am ersten 
der Begriff des Gesetzes in strenger Fassung rechtfertigt werden. 
Aber auf die concreto Arbeit wirkte ohne Frage stärker der von der 
Naturwissenschaft ausgebildete und von ihr aus sich verbreitende 
Gesetzesbegriff. Nach der hier vorhandenen Grundauffassung sind 
zahllose einfache und gleichartige Einzelkräfte in dem Zusammen- 
sein der Welt nebeneinander gegeben. Ihre Wirkformen gelten 
gleichmässig in Zeit und Raum oder vielmehr zeit- und raumlos, 
weswegen nicht blos, wie früher, behauptet wird, dass unter 
gleichen Umständen stets ein gleiches geschehe, sondern auch, 
dass diese Gleichheit der Umstände durchgehend vorhanden sei. 
Die scheinbare Mannigfaltigkeit des Gegebenen fügt sich dem ein, 
indem dasselbe als ein Zusammengesetztes begriffen und in seine 
Elemente zerlegt wird. Um solcher Gedanken Durchführung zu 
ennöglichen, musste die organische Naturauffassung der Alten 



i 



Gesetz. 125 

durch eine mechanische ersetzt werden, in der alles Gesammt- 
wesen als Zusammensetzung erschien. 

In enger Verbindung damit steht, dass die Formel des Gesetzes 
hier als eine specifisch mathematische bestimmt wurde, was 
natürlich nur unter der Voraussetzung möglich ist, dass alle 
Mannigfaltigkeit des Naturgeschehens als auf rein quantitative 
Unterschiede zurückftlhrbar, nicht blos angenommen, sondern 
exact erwiesen sei. Für jenes trat schon Roger Baco ein, aber 
noch Nikolaus von Runs hielt eine bestimmte Einsicht in die 
mathematischen Verhältnisse des Universums für schlechterdings 
unzugänglich, und erst Kepler und Galilei haben Naturgesetze 
im strengen Sinne aufgestellt, bis dann als Endergebniss der 
hiehergehörigen Kämpfe des 17. Jahrhunderts Newton die Auf- 
gabe stellen konnte: missis formis substantialibus et quali- 
tatibus occultis phaenomena naturae ad leges mathematicas revo- 
care. Mit Aufstellung eines solchen Zieles aber musste sich die 
ganze Art der Naturforschung umwandeln. Vor allem war das zu- 
nächst Vorliegende begrifflich umzugestalten, um als Ausdruck einer 
einzigen Kraft angesehen werden zu können, und so hängt die 
mathematische Naturbegreifung aufs engste mit einer analytisch- 
systematischen Philosophie zusammen*), dann aber wurden auf 
jedem einzelnen Punkte der Forschung neue und grössere Auf- 
gaben gestellt. Was wir den exacten**) Charakter der neuern 
Naturwissenschaft zu nennen pflegen, beruht vor allem auf dieser 
mathematischen Bestimmtheit der Erkenntniss. Hier ist das 
Einzelne so vollständig in das Gesetz aufgenommen, dass es 
lediglich als Fall desselben gelten darf, eben damit aber erhält 
es als Mittel der Ergrtindung des Gesetzes für die Forschung 
einen ungemein gesteigerten Werth. Der Gegensatz des Einzelnen 
und Allgemeinen ist hier, soweit es überhaupt möglich ist, zur Aus- 
gleichung gelangt, es steht kein Allgemeines neben dem Einzelnen. 



*) Am deutlichsten tritt dies bei Cartesius hervor. 
**) Der Ausdruck „exact" ward im Mittelalter und namentlich in der 
üebergangszeit oft verwandt. In die neuem Sprachen ist er von Frank- 
reich aus gekommen. 



126 Gesetz. 

und kein Einzelnes ausser dem Allgemeinen; wo immer wir 
uns befinden mögen, arbeiten wir im Ganzen und für das Ganze, 
80 dass es kein Kleines mehr gibt und ein jeder Punkt sieh 
zum Unendlichen erweitem kann. Demnach darf in gewisser 
Hinsicht diese Art der Erkenntniss als Höhepunkt wissenschaft- 
licher Forschung und systematischer Begreifung überhaupt er- 
achtet werden. 

So sehen wir den G^setzesbegriflf sich im Lauf der Geschieht« 
immer schärfer ausprägen, immer bestimmtere Voraussetzungen 
stellen, immer grössere Anforderungen an die Forschung richten; 
gleichzeitig aber sich nach yerschiedenen ßichtungen verzweigen 
und auf den besondem Gebieten eigenthtimlich bestimmen. Alle 
die verschiedenen Gestaltungen wirken nun aber neben einander 
fort und erzeugen dadurch mannigfache Verwirrung. Der all- 
gemeine Begriff der Gesetzmässigkeit des Geschehens, die speci- 
fische Fassung der Neuzeit und die nähern Bestimmungen inner- 
halb dieser Fassung verschlingen sich in dem heutigen Gebrauch 
zu fast unauflösbarem Gewebe. 

Auf naturwissenschaftlichem Gebiet ward schon im 17. Jahr- 
hundert der Gesetzesbegriff weit über das ihm sicher erkämpfte 
Gebiet ausgedehnt, aber die Forscher hielten deswegen doch die 
Forderungen aufrecht, welche der Begriff stellt, und nur das kann 
bedenklich erscheinen, dass sie der Erfüllung derselben zu nahe 
zu sein glaubten; dann aber ward nach und nach der Begriff 
laxer verwandt, zunächst nicht so sehr in der eigentlichen Arbeit 
der Forschung, als in der Zusammenstellung und Verwendung 
ihrer Ergebnisse, heute aber ist es namentlich bei manchen An- 
hängern Darwins (nicht bei Darwin selber) üblich geworden, blos 
empirisch festgestellte Zusammenhänge von Erscheinungen Ge- 
setze zu nennen (Gesetze der Vererbung, Anpassung u. s. w.). 
Hierüber und damit um Worte zu streiten, scheint nun 
freilich pedantisch, aber die dabei naheliegende Gefahr ist zu 
gross als dass ein solcher Anschein vom Widerspruch abhalten 
dürfte. Bei der centralen Bedeutung des Gesetzesbegriffes für 
die neuere Forschung hat jede Laxheit in seiner Verwendung 



Gesetz. 127 

schwerwiegende Folgen, es ist sofort die Gefahr da, Problematisches 
und GewisBCB, Zusammengesetztes und Einfaches, Erscheinung 
und Erklämng zu vennengen, damit aber etwas in Fluss Be- 
griffenes zu verfestigen und das G^sammtbild des Zustandes der 
Wissenschaft zu entstellen. In ganz merkwürdiger Weisen scheint 
dabei der Name des Gesetzes zu blenden und auch den be- 
gründetsten Zweifel niederzuschlagen, als wirkte die autoritative 
Stellung, welche dem Gesetze auf praktischem Gebiete zukommt, 
hier fort. Es ist oft bemerkt, dass die Annahme falscher That- 
sachen den Fortschritt der Wissenschaften weit- mehr hemme 
als die Aufstellung falscher Theorien, aber am schädlichsten wirkt 
wohl die fälschliche Behauptung von Gesetzen, da hier die Festig- 
keit der Thatsache mit der Ausdehnung der Theorie sich verbindet. 
V Weitere Verwirrung entstand dadurch, dass der specifische 
Inhalt des Begriffes Naturgesetz als typisch für den Begriff des 
Gesetzes überhaupt hingestellt und damit die Aufgabe der wissen- 
schaftlichen Arbeit der andern Gebiete genau so wie bei der 
Naturforschung bestimmt wurde. Für eine solche Richtung ist 
bezeichnend das Streben, die Mathematik zum Werkzeug aller 
und jeder Erkenntniss zu erheben und selbst die Logik von ihr 
abhängen zu lassen. Von Roger Baco durch Nicolaus von Kues, • 
Kepler und Hobbes bis zu Leibnitz lässt sich hier eine fort- 
schreitende Bewegung verfolgen. Was Baco*) und Nicolaus von 
Kues dem Umriss nach aussprachen, ist bei Kepler**) und 
Hobbes***) schon genauer entwickelt und bei Leibnitz mit klarem 
Bewusstsein aller Bedingungen und Consequenzen durchgeführt. 
Er hat alles Mannigfache und scheinbar Entgegengesetzte als 

*) Specula mathem. 1,2: omnia praedicamenta dependent ex co- 
gnitione quantitatis , de qna est mathematica , et ideo virtus tota logicae 
dependet ex mathematica. 

**) I, 31: nt oculuB ad colores, auris ad sonos, ita mens hominis 
non ad quaevis, sed ad quanta intelligenda condita est. Die Zurückführung 
der Denkthätigkeit anf mathematische Operationen, s. VIII, 157 ff. Diese 
Stellen sind der Ansdrack einer Ueberzeugung , auf der das ganze philo- 
sophische System Kepler's ruht. 
***) S. z. B. Leviathan, cp. V. 



1 28 Gesetz. 

Stufen einer Reihe zu begreifen gesucht, und wo eine Vermittlung 
unmöglich schien, lieber zu dem Htiifsbegriff des Unendlichen*) 
seine Zuflucht genommen, als dass er sich in dem Grundgedanken 
erschtitterh liess. Und da er femer mit der Vorstellung zu 
einer uaiyersalen Grundkraft gelangt und alle Verschiedenheit auf 
Grade der Entwicklung der Vorstellung zurückführt, so scheint 
es möglieh, die Philosophie in eine derartige Mathematik zu ver- 
wandeln, wie sie dem Gedanken einer charakteristisehen Sprache 
zu Grunde liegt. Mit der leibnitzischen Philosophie ist freilich 
dieses kühne Unternehmen zurückgetreten, aber der Einfluss des 
Grundgedankens auf die einzelnen Disciplinen ist dadurch nicht 
gebrochen. 

Zu Gesetzen nach Art der eigentlichen Naturgesetze zu ge- 
langen, erscheint noch immer manchen als höchstes Ziel, während 
doch vor allem ausgemacht sein müsste, dass die besondere 
Beschaffenheit der Gebiete die Aufstellung eines solchen Zieles 
gestattet. Ja wenn es sicher wäre, dass sich überall das Vor- 
liegende als ein Zusammengesetztes fassen und vollständig in 
einzelne Elemente auflösen Hesse, dass das Gegebene als ein 
System beharrender Kräfte anzusehen wäre, dass alle Unterschiede 
letzthin quantitativer Art seien, und wenn wir dazu hoflfen dürften, 
dieses alles auch erfahrungsmässig feststellen zu können, dann 
wäre es freilich Aufgabe, eigentliche Naturgesetze anzustreben ; 
wo aber die Bedingungen nicht erfüllt oder uns wenigstens noch 
nicht herstellbar sind, oder auch wo geradezu andere Voraus- 
setzungen vorliegen,* da wird die aufgewandte Mühe nicht den 
entsprechenden Erfolg haben. Mögen einzelne Grenzgebiete von 
Geist und Natur solcher Betrachtung sich zugänglicher erwiesen 
haben, als man früher meinte, die Versuche, auch das Gebiet des 
eigentlich Seelischen dafür zu gewinnen, scheinen uns die 
principiell entgegenstehenden Bedenken keineswegs überwunden 
zu haben. 



*) Die Gegensätze verschwinden, sobald ein Glied nnendlich und zwar 
bei Leibnitz gewöhnlich nnendlich klein genommen wird. 



Gesetz. 129 

Man kann aber liier manche Bedenken haben, ohne des- 
wegen an der sti'engen Gesetzmässigkeit alles geistigen Ge- 
schehens irgendwie zu zweifeln*), nur das steht in Frage, ob 
der specifische Inhalt des Naturgesetzes Anwendung finde, und 
weiter auch, ob selbst die allgemeine Fassung des neuem Gesetzes- 
begriflFes der hier vorliegenden Eigenart Gentige leiste. Denn 
wenn auch dem Gesetzesbegriflf ein ursprüngliches und beharrendes 
Handeln der Veniunft zu Grunde liegt, so dürfen damit nicht die 
bestimmten geschichtlichen Fassungen gestützt werden, da sie 
einer specifischen Theorie von der Welt entspringen, nicht weiter 
gelten, als sie Aussicht auf Bestätigung haben, und daher einer 
hinreichend begründeten Ergänzung oder umbildenden Einfügung 
in ein grösseres Ganze sich nicht widersetzen dürfen. Wir müssen 
auch hier zu der Ueberzeugung stehen, dass die ganze Art der neuern 
wissenschaftlichen Arbeit nicht etwas selbstverständliches und aus- 
schliessend wahres, sondern nur eins unter anderen möglichen sei. 

Diese Probleme und Schwierigkeiten, welche der Gesetzesbegriflf 
auf psychischem Gebiete mit sich führt, treten in den Grundzügen 
schon im individuellen Leben hervor, in dem gesellschaftlichen 
imd geschichtlichen aber erhalten sie durch weitere Verbindungen 
und- Verwicklungen eine Steigerung. Der allgemeine Gedanke 
gesetzlichen Geschehens musste freilich auch hier geltend gemacht 
werden, und es lag darin schon ein nicht unerheblicher Fortschritt, 
aber der Weg von diesem Gedanken bis zur Eraiittelung be- 
stimmter Gesetze im eigentlichen Sinne war hier ein besonders 
weiter. Mögen in dem Zusammenwirken vieler Kräfte Massen- 
erscheinungen hervortreten, die eine gesonderte und relativ ab- 
schliessende Feststellung zulassen ; sobald man das Augenmerk 
auf das lebendige Ganze und auf die letzten Gründe richtet, 
wachsen die Schwierigkeiten in einem Masse, dass an eine For- 
mulirung von Gesetzen- zunächst noch gar nicht gedacht werden 



*) Namentlich darf nicht damit abgeschlossen werden, dass wir hier 
nur Kegeln, nicht Gesetze erkennen könnten, denn die Rßgel bedeutet nur 
eine Art und ein Stadium unserer Auffassung, während es in Wirklichkeit 
für die Wissenschaft keine Regeln, sondern nur Gesetze gibt. 

Eucken. Geschichte und Kritik. \) 



130 G«8etB. 

kann. — Indem im besondern das Gebiet des socialen Lebens 
einer Gesetze anstrebenden Betraehtnng unterworfen wurde, ge- 
staltete sich schon durch die Aufstellung dieses Zieles die An- 
sicht wesentlich um und Aufgabe wie Inhalt der Forschung ward 
überall gehoben, aber die Wahrnehmung, dass auch in dem zu- 
nächst zufällig und willkürlich scheinenden eine erstaunliche 
Gleichmässigkeit walte, dass scheinbar unabhängige Vorgange in 
bleibenden Verbindungen stehen, und dass durchgehend die 
Constanz mit der Erweiterung des Bepbachtungsgebietes zunehme, 
diese Wahrnehmung schien manche Forscher fast berauscht zu 
haben. Bein empirische Daten wurden als nothwendige Wahr- 
heiten, äusserst zusammengesetzte Voigai^e als einfache Grund- 
formen, der Durclischnitt als ein jedem Individuum wesentlich 
zukommendes verkündet; überall lag der Begriff des Gesetzes 
zu» Anwendung bereit, und nicht selten wurden bei umsichtsloser 
Verfolgung einzelner Betrachtungsreihen bestimmte Formeln mit 
einer Kühnheit aufgestellt, die sich fast nur nach dem Satze 
erklären lässt : in rebus dubiis plurima est audacia. Die mannig- 
fache Verwirrung näher zu beleuchten, zu welcher derartige Ver- 
suche, und im besondem das sog. Gesetz der grossen Zahl, gefbhrt 
haben, ist um so weniger Veranlassung, als die Sache für die 
Wissenschaft durch hervorragende Forscher vollkommen richtig 
gestellt ist*); aber freilich gehen die Irrthümer im allgemeinen 
Leben darum unbekümmert weiter und bringen hier ernstliche 
Gefahren mit sich. 

Auf den andern geistigen Gebieten gibt namentlich die Ver- 
wendung der vergleichenden Methode zu manchen Bedenken 
AnlasH. Seit Beginn der Neuzeit hat jene der Erkenntniss der 
Gesetze die grössten Dienste geleistet, indem sie durch Abstreifung 
des Zufälligen und Hervorhebung des Beharrenden zur Aufdeckung 
der Grundformen in geradezu unersetzlicher Weise beigetragen 
hat. Namentlich wo die Verwendung des Naturgesetzes Boden 



*) S. z. B. RUmelin: ^ lieber den Begriff eines socialen Gesezes" und 
Lexis „Zur Theorie der Massenerscheinnngen.'* 



Gesetz. 131 

gewinnt, sehen wir auch die vergleichende Methode alsbald ver- 
wandt, so dass es eine anziehende Aufgabe wäre, die allmählige 
Ausbreitung derselben zu verfolgen. Aber es fragt sich, ob das, 
was sie zu leisten vermag, auf rein geistigem Gebiet nicht 
vielleicht nur eine nebengeordnete Bedeutung hat, oder doch nur 
nach Erfüllung von Vorbedingungen Förderung gewähren kann. 
Denn hier verursacht es schon nicht geringe Schwierigkeit, das 
Feld des zu vergleichenden überhaupt nur gegen scheinbar ver- 
wandtes abzustecken, wenn auch mancher kühn zu vergleichen 
beginnt, ohne sich klar gemacht zu haben, was denn eigentlich 
verglichen werden soll; dann aber steht hier jede einzelne Ge- 
staltung in Verbindung mit einem Gesammtgeschehen, woraus sie 
loszulösen ist, ehe sie gewürdigt und für eine wirkliche Er- 
klärung verwandt werden kann; denn so wie das einzelne vor- 
liegt, kann sehr leicht äusserlich Uebereinstimmendes aus ganz 
andern Motiven hervorgegangen sein und umgekehrt scheinbar 
Abweichendes sich innerlich und wesentlich nahe stehen. Das 
blosse Herausheben eines Gemeinsamen gentigt hier also nicht, 
um einfache Grundformen zu erhalten, vielmehr ist dafür ein- 
dringende Analyse erforderlich, die eine stets begleitende syste- 
matische Denkarbeit verlangt. Nur in dem Masse, als dies ge- 
leistet wird, kann die Herantragung neuen Stoffes der Erkenntniss 
erhebliche Förderung bringen, und können wir dem Vorwurfe 
entgehen, nur deswegen den Blick auf die Fülle des Aeussem 
zu richten, um dem Hinabsteigen in die Tiefe zu entgehen. 

An diesem Punkte aber wie an den andern kommt die laxe 
Verwendung des Gesetzesbegriflfes weniger der Forschung inner- 
halb der einzelnen Gebiete als der nach aussen blickenden Zu- 
sammenstellung und Verwendung der Ergebnisse zu Schulden. 
Dort wird der eindringende Irrthum rasch entdeckt und die Auf- 
gabe in ihrer Reinheit hergestellt, hier schlägt die Verwirrung 
feste Wurzel, was höchstes Ziel ist, wird rasch vorweggenommen, 
und so kommt es, dass wir oft in dem Masse kühner mit dem 
GesetzesbegriflF umgehen, als wir den Dingen femer sind. 

9* 



Entwicklung. 



Xiyeiy, ntag ^xaaroy yivead-ai nicpvxB fifd- 
koy ^ ntag lariv. 

Aristoteles. 

Der Begriff der Entwicklung stellt einer gelegentlichen Be- 
trachtung geradezu unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. 
Dass die Menschheit in einer geschichtlichen Bewegung begriffen 
sei, scheint freilich unläugbar, ein Fortschreiten wird gern und 
leicht geglaubt, der Blick dehnt sich dann auf das Weltall aus, 
und auch hier ein Vorwärtsgehen aufzuweisen scheint nicht zu 
kühn. Aber wie viel Probleme stellt eine solche Idee , wenn sie 
genau bestimmt, wissenschaftlich durchgeführt und philosophisch 
rechtfertigt werden soll? Dazu fliesst in die Motive, welche die 
Behandlung bestimmen, das Verschiedenartigste ein: Postulate der 
Vernunft und specielle Erkenntnisse, bleibende Strebungen und 
vorübergehende Stimmungen, die ganze Richtung der Interessen 
und Arbeiten, alles wirkt zu dem mit, was sich schliesslich als 
Urtheil und üeberzeugung herausstellt. Da aber dies alles auch 
nur zu berühren die unserer Erörterung gesetzten Schranken weit 
übersteigen würde, so begnügen wir uns einige wenige Punkte 
hervorzuheben, die namentlich für di^ Arbeit der Gegenwart in 
Betracht kommen. 

Zunächst möge es unserer Gewolmheit entsprechend gestattet 
sein, dem Ursprung der Bezeichnungen nachzugehen. Einen be- 



Entwicklung. 133 

stimmten Terminus für Entwicklung scheint erst die neue Philo- 
sophie ausgebildet zu haben, und dass sie dies sofort zu Beginn 
mit voller Entschiedenheit thut, ist bezeichnend für die Bedeutung 
des Begriffes in ihr. Explicatio in dem philosophischen Sinne 
einer realen, nicht blos logischen Entwicklung ist ein Lieblings- 
ausdruck des Nikolaus^ von Kues, complicatio steht entgegen, 
wofttr Jordano Bruno, der Schüler des Nikolaus, meist implicatio 
setzt. Bei Nikolaus findet sich gleichgeltend, aber viel seltener 
auch evolutio, das in dieser Bedeutung scheinbar neu auftritt*); 
evolvi ftlr die Entwicklung der Vorstellungen hat wohl zuerst 
Kepler.**) Leibnitz setzt dann evolutio und involutio entgegen, 
in den französischen Werken ttberwiegt enveloppement und de- 
veloppement. Evolution ward, nachdem C. F. Wolff in der theoria 
generationis die Lehre der Epigenesis begründet hatte, specifische 
Bezeichnung der „Einschachtelungstheorie." 

Auswicklung und sich auswickeln tritt uns in philosophischer 
Verwendung zuerst bei Jacob Böhme***) entgegen; entwickeln soll 
nach Grimm zuerst bei Stieler vorkommen f), Baumgarten spricht 
von einem Entwickelt - und Eingewickeltwerden der Vorstellungen, 
überhaupt überwiegt zunächst die active Bedeutung, und nament- 
lich findet sich oft so Entwicklung eines Begriffes, Beweises, 



*) I, 89 a: linea est pancti evolutio. — Quomodo intelligis lineam 
pnncti evolutionem ? — Evolntionem id est explicationem. üebrigens konunt 
complicatio neben replicatio, femer involutus und convolutus auch bei 
Scotus Erigena vor. Im logischen Sinne findet sich der Gegensatz von 
involvere und evolvere schon bei den lateinischen Classikern; s. z. B. 
Cicero Top. 9: tum definitio adhibetur quae quasi involutum evolvLt id 
de quo quaeritur. 

♦*) V, 229: sensiones perceptionesque aliae naturales — opus habent 
motu, quo intercedente omnia, quae quantitatis causa confusae essent, per 
tempora succedentia evolvantur, ut singula sola sensibus accidant. 

*♦*) Die bemerkenswerthesten Stellen finden sich im 8. Kapitel der 
Schrift von der Gnadenwahl. 

t) Stieler, der deutschen Sprache Stammbaum 2530, führt nach Aus- 
wickeln (involutum evolvere) Herauswickeln (expedire se) an und setzt 
dann hinzu: Entwickeln idem est. 



I 

i 



134 Entwicklung. 

Lehrsatzes u. s. w. Die unserm Gebrauch gleichkommende Ver- 
wendung kann ich in weitenn Umfange zuerst bei dem Jüngern 
Kant nachweisen, er scheint freilich öfter Auswicklung als Ent- 
wicklung zu haben, dagegen zieht er entwickeln und auch six^h 
entwickeln (s. z. B. I, 212) vor. Durch Herder, der das Wort 
mit Bewusstsein und Vorliebe gebrauchte, und Tetens, der es 
wohl zuerst auf dem Titel eines Buches verwandte*), kam es 
in die allgemeine Eede und ist im 19. Jahrhundert so weit aus- 
gedehnt, dass es ziemlich abgenutzt und in der Wissenschaft, ab- 
gesehen von genau bestimmten Gebieten, fast un verwendbar ge- 
worden ist. 

Auch lässt sich nicht verkennen, dass der Ausdruck streng 
genommen gar nicht dem Begriff entspricht, den die Neuzeit be- 
zeichnet haben möchte. Denn bei Entwicklung wird im Grunde an 
ein von Anfang an mit bestimmten Eigenschaften und Kräften Aus- 
gestattetes gedacht, so dass das Spätere sich wie aus einem orga- 
nischen Keime herausentfaltet. Daher war es ganz angemessen, 
dass in jenen Zeiten, wo der Sinn des Wortes noch deutlicher 
vorgestellt wurde, der Entwicklung (Auswicklung) durchgehend 
eine Einwicklung entgegenstand. Die neue Zeit möchte aber die 
specifische Gestaltung eben nicht als fertig vorhanden und das 
Geschehen nicht nur als ein blosses Nachaussentreten fassen, 
sondern die Gestaltung soll sich ursprünglich und letzthin in dem 
Processe selber vollziehen. Die „Entwicklung" in diesem Sinne 
macht das Bindeglied zwischen dem vorliegenden Weltbestande 
und den einfachen Grundkräften aus und ermöglicht es, jenen von 
diesen aus zu verstehen. 

Eine solche Auffassung ist freilich erst nach und nach zur 
vollen Durchführung gelangt; die früheren Ausdrücke und Vor- 
stellungsbilder hafteten sich an das Neue, und wo sie es nicht 
innerlich hemmten, stöi-ten sie es doch in der Wirkung^*); dazu 



*) Sein Hauptzweck heisst : Philosophische Vessnehe über die mensch- 
liche Natur und ihre Entwickelung, 1777, 

**) Es gilt das namentlich von Leibnitz, der, exoterisch betrachteti 
ganz auf dem Standpunkt vergangener Zeiten steht, während schon evaß 



j 



Entwicklung. 135 

drängte sich immei* die uns unablegbare Vorstellung ein, als wäre 
das Entstandene schon vorher irgendwie versteckt vorhanden 
gewesen*); kurz die reinen Formen brechen sich langsam durch, 
aber sie sind, doch unverkennbar das Treibende in der Bewegung 
und sie bestimmen namentlich die Eigenthtimlichkeit der. wissen- 
schaftlichen Methode. 

Die genetische Methode ist allerdings ihrem allgemeinen 
Inhalt nach nichts neues, da sie von den griechischen Denkern 
aller Bichtungen verwandt und namentlich von Aristoteles auch 
der principiellen Bedeutung nach vollauf gewürdigt ist.**) Seine 
Politik wie die Schrift über die Entstehung der Thiere dürfen 
als mustergültiges Beispiel antiker genetischer Methode erachtet 
werden. Aber eben hier tritt der wesentliche Unterschied von 
der neuern Wissenschaft greifbar hervor. Im Anschluss an die 
platonische Auffassung steht das Sein vor dem Werden, der 
Typus ist ursprünglich und zeitlos vorhanden und bestimmt von 
Anfang an die Gestaltung***); das Ganze geht den Theilen voran, 



Richtigstellung seines Begriffes der Vorstellung gentigt, um ihn in anderm 
Licht erscheinen zu lassen. Wie wenig berechtigt die gewöhnlichen Vor- 
würfe gegen seine Entwicklungslehre sind , geht auch darau» hervor, dass 
er zuerst die Möglichkeit des einheitlichen Ursprunges der Arten einer 
Gattung aufgestellt hat, s. 317 a: peut-Stre que dans quelque tems ou dans 
quelque lieu de Tunivers les esp^ces des animaux sont ou etaient ou seront 
plus Sujets ä changer, qu'elles ne «out presentement parml nous, et plusieurs 
animaux qui ont quelque chose du chat, comme le lion, le tigre et le lynx, 
pourraient avoir ^t^ d'une m^me race et pourront ^tre maintenant comme 
des Bousdivisions nouvelles de Tancienne esp6ce des chats. 

*) S. Goethe 23, 269: „Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und 
gar versagt; daher wir, wenn wir etwas werden sehen, denken, dass es 
schon dagewesen sei. Desshalb das System der Einschachtelung kommt uns 
begreiflich vor." 

**) S. z. Bi polit. 1 252 a, 24 : «t drj xis «I «^/^i* i"« n^ay^uta (pvo/Ä^ya 
ßXi^fUv, foant^ iy rolff aXXo«^, Kai iy xovjois Kctkhaz «y ovtm d-^ioqiiiSBUv. 
Genetisch-causale Deünitioiien verlangt er de anima 413a, 13: ov fxoyov x6 
ort d(t Toy o^iajixoy Xoyoy d^Xovy, dXXd xcci t^y ahiccy £yvndQj[€iy r.ai 
i/n(paiytad-ai ff. 

*♦*) S. namentlich de part. anim. 640 a, 18: ^ yiyeaig eysxa r^f ovata^ 



\ :56 Entwieklimg. 

und die liöhere Stufe, als das normale, lehrt die niedere Ter- 
stehen, die als gehemmtes und noch nieht zur reinen Gestalt 
durchgedrungenes gilt 

An einer solehen Auffassung hat fiberwi^end das spatere 
Alterthum, die altchristliehe Zeit und das Mittelalter fes^ehalten, 
soweit sie sich überhaupt in speeulatiy-systematiseher Weise mit 
dem Problem beschäftigten.^) Daneben fehlt es freilich nieht an 
abweichenden Ansichten, im Mittelalter ist namentlich Abälard 
durch die Aufstellung des Satzes, dass alles Einfache ron Natur 
früher sei als das Vielfache**), und die Folgerungen, welche er 
daraus f&r die geschichtsphilosophische Auffassung von Ethik 
und Religion zieht, bemerkenswerth, aber erst nachdem die neue 
Philosophie das Wirken vor das Sein gestellt hatte, ward es mög- 
lich, die Methode, welche vom Werden aus begreift, als leitende 
zu erkennen und nach allen Seiten hin zu verwenden.***) Sie 



totiv , oaX ovx h ovaia tyexa Tijg yeyiatüjg, b, 1: intl d'iaji roiorroy, Tt^y 
yiyeaiy todl xai xoiavrny avfißaiyeiy dyayxäioy. 

*) Unter den Kirchenvätern hat namentlich Angnstin demselben ein- 
gehende Beachtung zugewandt, er vergleicht, und zwar vielleicht znerst, 
das gesammte Weltgeschehen mit der Entwicklung eines Baumes, s. z, B. 
III, 148 D. Die Auffassung der gewöhnlichen Orthodoxie dagegen vertritt 
Lactanz, wenn er sagt (Institut. II, 11): nihil potest esse in hoc mundo 
quod neu sie permaneat ut coepit. — Die Ueberzeugung, dass das Höhere 
das ursprüngliche Ziel der Bewegung sei und daher den Massstab für das 
Niedere bilde, tritt namentlich bei den platonisirenden und mystischen 
Denkern hervor. S. z. B. Eckhart 104, 32: Alles kornes natüre meinet 
weizen, alles Schatzes natüre golt, alliu geberunge meinet mensche. Hin- 
sichtlich der Con Sequenzen für die Erkenntnisslehre vergl. Boethius de cons. 
philos. V, 131. 

**) Dialogus inter philos. etc. cp. 4 : omne simplicius naturaliter prins 
est multipliciori. 

***) Es war neben Spinoza namentlich Tschirnhausen, der auf gene- 
tische Definitionen drang, s. medic. mentis pag. 67, 68 : omnis saue legitima 
seu bona definitio includet generationem. Was den Ausdruck anbelangt, 
so sprach man zunächst in der wolffischen Schule (s. z. B. Wolff, Ontolog. 
§ 263 ff.) von genetischen Definitionen, erst in der zweiten Hälfte des 
vorigen Jahrhunderts (z. B. bei Herder) scheint genetisch für die reale Er- 
klärunf^ aus dem Werden verwandt zu sein. 



Entwicklung. 137 

zeigt hier den Weg, das Vorliegende, welches als ein aus einfachen 
Kräften gestaltetes erscheint, auf seine Elemente hinzuführen und 
es dadurch begreiflich zu machen. Freilich kommt man hier zu 
letzten Punkten, die einer weitem Zerlegung widerstreben, aber 
als solche dürfen nur Kräfte angesehen werden, die sich fort- 
während lebendig bezeigen und deren Wirkformen tiberall er- 
griffen und jeden Augenblick erwiesen werden können. Das 
Dunkle und Geheimnissvolle schwindet also aus der Welt, oder 
wird wenigstens so weit wie möglich zurückverlegt; in allem 
erkennen wir wieder, was uns fortwährend umgibt. Wird damit 
einmal die Geschichte ein Mittel causaler Erkenntniss, so gewinnt 
sie selbst, indem sie alles fremde und starre abstreift, uns auf 
allen Stufen unser eignes wiederfinden lässt und damit einer syste- 
matischen Behandlung zugänglich wird. Ja, indem ^ich überall 
herausstellt, dass „das Alte neu und das Neue alt^ sei, scheint es, 
als ob der Gegensatz des Geschichtlichen und Ewigen hier, so 
weit es überhaupt erreichbar, überwunden sei. 

Wo immer eine solche Methode auf ein wissenschaftliches 
Gebiet tibertragen wurde, musste sie eine tiefeingreifende Um- 
wandlung hervorbringen. Das Nebeneinanderstehende trat in innem 
Zusammenhang und die gesetzmässige Erkenntniss bemächtigte 
sich des gesammten Stoffes; das Gegebene erwies sich als Stufe 
eines fortgehenden Geschehens und das scheinbar Todte erwachte 
zu vollem Leben. Da also die verschiedenen Grundtendenzen der 
neuem Wissenschaft hier erst ihre Bewährung und Bestätigung 
finden, so zeigt die gelingende Durchführung der genetischen 
Methode recht eigentlich den Sieg der specifisch neuern Forschimg 
an. Den ersten voUbewussten und systematischen Versuch bildet 
hier die Physik von Descartes*) ; im allgemeinen hat die Methode 



*) Claubei'g, op. philos. 755 beschreibt die von jenem verwandte Methode 
im ganzen zutreffend also: Hanc methodum Cartesiana physica tenens — 
considerat omnes res naturales non statim quales sunt in statu perfectionis 
8uae absolnto (nt vnlgo fieri solet ab aliis), sed prius agit de quibnsdam 
eanindem principiis valde siroplicibus et facilibus, deinde explicat, qnomodo 
paulatim ex illis principiis, suprema causa certis legibus opus dirigente. 



13S Entwicklung. 

ihre Bahn naturgemäss vom Aeussem zum Innem und vom Grossen 
zum Kleinen genommen. In der Naturerklärung hat sie von den 
kosmologischen und astronomischen Problemen den Weg bis in die 
Geheimnisse des organischen Lebens zu finden gewusst, und ähnlich 
waren es auf geistigem Gebiet zuerst die grossen Gestaltungen, 
die man aus dem Werden zu begreifen suchte, bis dann auch 
das Einzelleben in solche Betrachtung hineingezogen wurde.*) 
Je mehr sich aber diese Bichtung in das Einzelne hinein- 
arbeitete, desto weniger traten ihre allgemeinen Voraussetzungen 
in's Bewusstsein, so dass am Ende als selbstverständlich angesehen 
wurde, was doch auf einer specifischen Theorie von der Welt und 
unserer Stellung zu ihr beruht. Das Vorliegende muss sich verein- 
fachen und auf Grundkräfte zurückführen lassen, dieselben müssen" 
in gleichmässigen Wirkformen alle Gestaltungen hervorbringen, 
diese Gestaltungen müssen in eine einzige Beihe fallen, und dazu 
muss das alles von uns in dem offenliegenden Geschehen der Welt 
voll und ganz ergriffen werden können. Dies zusammen aber ist nicht 
so selbstverständlich, sondern müsste auf jedem Gebiete besonders 
erwiesen werden. Keinenfalls genüg-t es, irgend welche weniger 
verwickelte Formen aufzuzeigen und eine empirisch-geschichtliche 
Gestaltung von ihnen aus zu verfolgen, denn es ist nicht im 
mindesten ausgemacht, dass das Anfängliche mit. dem Ursprüng- 
lichen, die erste Erscheinung mit der Grundkraft zusammenfalle, 
und ebensowenig, dass in dem empirischen Geschehen die gesetz- 
liehe Gestaltung rein hervortrete. Denn in dem Vorliegenden 
haben wir ja ein Zusammensein anzuerkennen, in ganz bestimmten 
Verbindungen sind die Kräfte gegeben, wobei sie sich durch- 
dringen und durchkreuzen, hemmen und neubestimmen, dabei alle 
Ergebnisse früheren Geschehens fortführend und demnach ein so 
verschlungenes Ganze bildend, dass ursprüngliches Entstehen und 



oriantar et fiant, aut carte oriri aut fieri possint, donec tandem tales eva- 
dant, qnales esse experimnr dum consummatae et absolutae sunt. 

^) S. z. B. Beneke, pragm, Psychologie 41 : Es gibt unter den FormeB, 
die wir in der ausgebildeten Seele finden, keine einzige, die nicht erst ge- 
worden und durch eine längere Reihe von Entwickelnngen geworden wäre. 



Entwicklung. 139 

erstes Hervortreten vielleicht weit auseinander fällt und das ein- 
fache und wesentliche Geschehen vielleicht sich tief hinter dem 
verbirgt, was sich uns als nächstes gibt. Das empirisch Vor- 
gehende mag daKer als Ausgangspunkt der Untersuchung dienen, 
sowohl die wissenschaftliche Strenge der Forschung tlberhaupt, 
als der Werth genetischer Methode, würde aufs schwerste er- 
schüttert, wenn man dabei ohne weitere Prüfung abschlösse und 
die Dinge durch Feststellung ihrer Reihenfolge begriffen zu haben 
glaubte. Bei einer solchen unkritischen Gleichsetzung der ersten 
und letzten Beschaffenheit der Dinge würden die wichtigsten Auf- 
gaben neuerer Wissenschaft : eindringende Analyse und Ermittlung 
des Gesetzes in ernstliche Gefahr gerathen. Die blosse Kunde 
und Schilderung der „Entwicklung" darf nicht so alles Sinnen 
und Denken gefangen nehmen, dass darüber zu fragen vergessen 
wird, was sich denn entwickelt, und wie und wohin es sich 
entwickelt. 

Ferner dürfen wir nicht übersehen, dass die genetische Methode, 
wie sie alle die Probleme einschliesst, welche sich an den Begriff der 
Entwicklung knüpfen, so auch allen verschiedenen Formen, welche 
derselbe angenommen hat, zugänglich ist. Aus der bunten Mannig- 
faltigkeit der Neuzeit hebt sich hier namentlich ein Gegensatz deut- 
licher hervor. Auf der einen Seite lässt man die Welt aus der 
ursprünglichen Thätigkeit einer Grundkraft entspringen und setzt 
alles Einzelne als von der Einheit her gesetzlich bestimmt; auf 
der andern dagegen nimmt man viele nebeneinander wirkende 
Kräfte an, in deren Zusammensein sich erst allmählig die Gestaltung 
auspräge. Dort denkt man in erster Reihe an ein geistiges, hier 
an ein materielles Sein; dort geht man von der Einheit zur 
Vielheit, hier von dem Einfachen zum Zusammengesetzten ; dort 
haben wir eine Bildung von innen heraus*), hier dagegen eine 



*) S. Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte V, 2 : „— so, dünkt 
mich, spricht man uneigentlich, wenn man von Keimen^ die nur entwickelt 
würden, oder von einer Epigenesis redet, nach der die Glieder von aussen 
zuwüchsen. Bildung (genesis) ist's, eine Wirkung innerer Kräfte ff." 



1 40 Entwicklung. 

Zusammenfügung aus dem Aeussera*) ; dort ist das grosse Mittel 
der Fortbewegung der Gegensatz, hier scheint sie sieh in ein- 
fachem Aufsteigen zu vollziehen. 

Jene Auffassung ist seit Nikolaus von Kues namentlich von 
der speculativen Philosophie ausgebildet und hat bei Hegel, der 
alles Sein aus der Bewegung des Begriflfes hervorgehen lässt, 
ihren Höhepunkt erreicht; diese dagegen ist in klarer Gestalt 
zuerst von Cartesius**) vertreten und hat in neuester Zeit in einer 
specifischen Form durch die darwinsche Theorie allseitigen Ein- 
fluss erlangt. Ja diese Theorie beherrscht so sehr die Gedanken 
der Gegenwart, dass auf sie zunächst der Begriff der Entwicklungs- 
lehre im allgemeinen Sinn übertragen zu werden pflegt. 

Dieser Name ist, als begriffliche Verwirrung erweckend, vor 
allem zurückzuweisen. Denn wenn bei demselben etwas bestimmtes 
gedacht werden soll, so triflPt er selbst für den allgemeinen Begriflf 
der neuern Gestaltungslehre, wie wir sahen, nicht recht zu, sollte 
er aber auf eine specifische Theorie übertragen werden, so würde 
die speculative Fassung weit eher Anspruch auf ihn haben. In 
einer darwinistischen Philosophie aber könnte von einem innem 



*) Damit ist freilich noch nicht gesagt, dass in der Zusammenfügung 
nicht ursprüngliche und gesetzliche Dispositionen zum Ausdruck kommen 
könnten. Die Lengnung dessen würde jedenfalls der Theorie eine weit 
engere Fassung geben. 

*♦) So stellt er, freilich mit aller Vorsicht, princ. philos. Ili, 58 die 
Meinung auf, dass auch bei Annahme eines anfänglichen Chaos die £r- 
kläruDg des Vorliegenden möglich sei: vix aliquid supponi potest, ex quo 
non idem effectus (quamquam fortasse operosius) per easdem naturae leges 
deduci possit, cum enim illarum ope materia formas omnes quarum est 
capax, successive assumat, si formas istas ordine consideremus , tandem 
ad illam quae est hujus mundi, poterimas devenire; femer de methodo 24 
u. 25 : ut sine ulla in creationis miraculum injuria credi possit, eo solo res 
omnes pure materiales cum tempore quales nunc esse videmus effici potuisse. 
Charakteristisch ist hier neben anderm die Bedeutung, die der Zeit beige- 
legt wird. Leibnitz wandte sich entschieden dagegen (s. 144) und be- 
zichtigte deswegen Descartes des Naturalismus, s. r^fntation in^dite de 
Spinoza, p. 4S: Spinoza incipit ubi Cartesius desinit: in naturalismo. 



EntwicklUDg. 141 

Grestalten und einem fest gerichteten Fortschreiten nach ursprüng- 
lichen Dispositionen doch nicht wohl die Rede sein. 

Auf jene Theorie ihrem thatsächlichen Gehalt nach einzu- 
gehen, fällt ganz aus unserer Aufgabe hinaus, nur die Begriffe, 
namentlich sofern sie als universelle und philosophische gelten 
wollen, dürfen nicht übergangen werden. Die Stärke der Lehre 
liegt auch für die rein begriffliche Betrachtung ohne Frage 
darin, dass der Gedanke, die Grestaltung aus dem Zusammensein 
der Kräfte zu erklären, hier zur consequenten Durchführung kommt. 
Ein solcher Versuch gewährt auf dem naturwissenschaftlichen 
Gebiet den grossen Vortheil, dass nun eine genaue Feststellung 
und Prüfung der in Frage kommenden Erscheinungen möglich 
wird, während die Annahme innerer Kräfte auf diesem Felde in 
ein Dunkel verweist und von den Principien der neuern Natur- 
philosophie nicht umfasst werden kann. Es hat daher die Theorie 
schon deswegen, weil sie dem Streben nach causaler Erkenntniss 
mehr gewährt und sich leichter gesicherten Einsichten anschliesst, 
die Präsumption für sich, und die gewöhnlichen Vorurtheile sind, 
als meist auf einer nicht eben wissenschaftlichen Consequenz- 
macherei beruhend, zurückzuweisen. 

Aber natürlich wird die Theorie von all den Schranken und 
Gefahren des neueni Begriffes der Entwicklung mitbetroffen, ja 
aÄ einzelnen Stellen wird sie wegen ihres eigenthümlichen Ge- 
haltes in besonders hohem Grade getroffen. Die genetische 
Erklärung der Neuzeit hat, wie wir sahen, nur insofern wissen- 
schaftlichen Werth, als sie einen causalen Inhalt gewinnt, während 
die blosse Feststellung der Beihenfolge und die Schilderung der 
sich aufnehmenden Begebenheiten eine nothwendige Vorbedingung 
des Erkennens sein mag, aber ausschliessend hingestellt kaum nocli 
der strengern Wissenschaft angehört. Diese Gefahr ist nun aber 
hier, wo es sich um ein von aussen entgegentretendes handelt, 
besonders naheliegend. Um so mehr muss an der unerlässlichen 
Forderung festgehalten werden, auf jedem einzelnen Punkt wie 
in dem Gange der Gestaltung eine Gesetzmässigkeit zu erweisen, 
d. h. das vorliegende Geschehen als Ausdruck ursprünglicher 



142 Entwicklung. 

Wirkformen der Grundkräfte zu begreifen. Da aber die Gesetz- 
mässigkeit sich auf diesem Gebiet näher als eine mechanische*) 
bestimmt, so erwächst die Aufgabe, die genetische Erklärung 
in engster Verbindung mit der mechanischen zu halten und sie 
auf keinen Fall dieselbe verdrängen zu lassen. Eine solche 
Forderung aber bleibt manchmal ausser Acht. 

Zunächst wird nicht selten die neue Gestaltung als etwas 
eingeführt, das wie unversehens auf den Schauplatz tritt, während 
es nothwendig causal begründet sein muss. Mag die Polemik 
gegen jene alten Lehren, wonach das Neugeschehende als schon 
vorher versteckt vorhanden erschien, noch so berechtigt sein, es 
wird damit nicht die Auffassung mitbetroflfen, welche die neue 
Form aus dem Wesen der Grundkräfte ursprünglich hervorgehen 
lässt. Es ist das nicht zu entbehren, wenn anders wir nicht in 
eine Theorie des absoluten Werdens hineingerathen wollen, welche 
alle exacte Erkenntniss aufhebt. Nicht ein der Zeit nach voran- 
gehendes, wohl aber ein zeitloses ist einer wissenschaftlichen 
Begreifung der Welt nothwendig; ohne zu der aristotelischen 
Lehre, dass das Sein dem Geschehen vorangehe, zurückzukehren, 
muss man darauf bestehen, dass ursprüngliche Wirkformen in 
jedem einzelnen Vorgehen als sich bezeugend eiwiesen und dass 
insofern alles Wirkliche als ein Mögliches begriffen werde. -^ 
Daher muss Punkt für Punkt neben einer genetischen Unter- 
suchung, welche die Entstehung der bestimmten Gombinationen 
einsehen lehrt, eine mechanische Erklärung hergehen, welche 
dies Entstehen aus dem wesentlichen Wirken ableitet und das jedes- 
mal Geschehende als Ganzes für sich würdigt. Beide Aufgaben 
mögen sich mannigfach unterstützen, keine kann die andere er- 
setzen oder gar tiberflüssig machen. 

Was aber so von den einzelnen Punkten gilt, dehnt sich auf 
die Gestaltung als Ganzes aus. So wenig nach dieser Lehre von An- 
fang an eine innere Richtung auf ein bestimmtes Ziel angenommen 
wird, so muss doch nach allgemeinen Gesetzen das, was geschieht, in 



*) lieber den Begriff des Mechanischen s. den besondern Abschnitt. 



Entwicklnng. 143 

einer zusammenhängenden Folge und causalen Verknüpfung stehen. 
Man könnte als Anhänger dieser Lehre sagen, dass das wirkliche 
Geschehen nicht alle Möglichkeiten erschöpfe, und daes dasselbe 
nicht einfach aus den allgemeinen Eigenschaften der Grundkräfte 
erschlossen werden könne, sondern immer auf den geschichtlichen 
Process selber hinweise; aber daraus folgt doch nicht, dass das, 
was geschieht, nicht an ursprüngliche und wesentliche Formen 
gebunden sei. Es hat einen Grundgedajiken der neuem Wissen- 
schaft für sich, wenn man sich dagegen sträubt, die Gesammt- 
bewegung von Anfang an in eine specifische Richtung zu bringen, 
aber es wird darüber wohl vergessen, dass sich aus dem Allge- 
meinen selber Richtungen und ^ine Gesammtrichtung gesetzmässig 
gestalten müssen. 

Auch dadurch bringt eine nicht hinreichend strenge Behand- 
lung der Erscheinungen Verwirrung mit sich, dass sie die Frage 
nach dem Beharren und Sicherhalten des einmal Gewonnenen 
ungemein leicht nimmt. Auf Grund bestimmter Ursachen sind 
die Kräfte in Verbindungen gebracht, worin sie neue Formen 
bilden; sind dieselben nur einmal da, so scheint manchen die 
Aufgabe der Forschung gelöst, und man glaubt die Dinge sich 
ruhig überlassen zu können. Wenn aber, wie man annimmt, 
bestimmte Gestaltungen letzthin durch gelegentliche Einwirkungen 
entstehen, wie ist es da begreiflich, dass sie über diese Ein- 
wirkungen hinaus sich erhalten? Wird durch das Aeussere nicht 
ein ursprüngliches und wesentliches zum Wirken gebracht, so 
müsste im strengsten Sinne der Satz gelten : cessante causa cessat 
eflfectus, und wir müssten nur flüchtige und vorübergehende 
Formen im Naturgeschehen vorfinden.*) Da aber -die Dinge 
anders liegen, so müssen die treibenden Kräfte .entweder fort- 
wirken oder durch andere ersetzt sein, da ein bestimmter Zustand 
nur auf Grund des Beharrens der Kräfte sich erhalten kann, 
nicht aber etwas, wie es einmal ist, nun ohne Kraftaufwand 



*) Sobald man nnr den Begriff des Typus anwendet, ist jene Gelegen- 
heitslehre verlassen y wie sie an der ganzen Morphologie eine Schranke findet. 



144 Entwicklang« 

bleibt. Es steigern sich solche Probleme bei der Betrachtung des 
Wechsels individueller Bildungen, ja sie bieten der ganzen 
mechanischen Erklärung erhebliche Schwierigkeiten, und doch 
setzen sich manche einfach darüber hinweg, indem sie sich an 
den Begriff der Erblichkeit anklammern, als ob derselbe nicht 
alle Probleme in sich trüge. 

Diese ganze Geringachtung streng causaler Begreifung, die 
natürlich nicht so sehr den eigentlichen Forschem als den Gelegen- 
heitsdenkem zu Schulden kommt, stört ferner die Auffassung und 
Werthschätzung des Weltprocesses selber. Wenn das formbildende 
Geschehen nicht in einem gesetzlichen Zusammenhange erfasst 
wird, so ist alle Gestaltung etwas den Grundkräften zufälliges, 
nebensächliches und vorübergehend anhaftendes, so dass allein die 
einfachen Elemente unabhängig von aller Verbindung etwas 
Wesentliches in der Welt bedeuten, das gesammte Ergebniss des 
Processes aber als oberflächlich und letzthin nichtig dasteht. Ja 
je weiter die Bewegung fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich 
von dem eigentlich Bealen, desto mehr zufälliges nimmt sie auf, 
so dass eben die hohem Stufen als am wenigsten ursprünglich 
und damit auch als am wenigsten wissenschaftlich begreifbar 
gelten müssen. Die „Entwicklung" würde also zur Wirklichkeit 
und Wahrheit nicht hinführen, sondern von ihr entfemen. — Der 
Grund von dem allen liegt aber darin, dass das causale Denken 
nicht hinreichende Kraft hat, das Geschehen zu umspannen und 
niederes und höheres in den einen Weltprocess zu beschliessen ; 
die einzelnen Theile brechen auseinander, und wir erhalten ein 
blosses Nebeneinander, wo die Wissenschaft auf systematische Ver- 
bindung nicht verzichten darf. 

Alle diese Bedenken steigern sich nun in dem Masse, wie 
das ursprüngliche Gebiet der Forschung überschritten und eine 
philosophische Ansicht von der Welt versucht wird. Aber diese 
Versuche sind den Pflichten, welche die wesentlich veränderte 
Aufgabe bringt, zu wenig nachgekommen, als dass sich ein 
näheres Eingehen auf sie rechtfertigen Hesse : die entscheidenden 
Probleme finden sich kaum gestreift, das Weltbild der naiven 



£n twicklnng. 145 

Aaschauimg wird ungeprüft aufgenommen und die ganze Philo- 
sophie geht sehliesslieh darin auf, dass Ergebnissen und Methoden 
der Naturwissenschaften ohne weitere Rechtfertigung AUgemein- 
gtiltigkeit beigelegt wird. Von dem allen darf nur die Art, wie 
dieselben auf das specifisch geistige Gebiet übertragen werden, nicht 
unbeachtet bleiben, da hier eine charakteristische und nach der 
Zeitlage nicht machtlose Strömung anzuerkennen ist. 

Vor allem freilich steht das ausser Zweifel, dass durch An- 
regung jener naturwissenschaftlichen Forschungen .auch auf 
geistigem Gebiete manches in ein neues oder doch helleres Licht 
getreten ist. Die Erkenntniss der Veränderlichkeit von Gestal- 
tungen, die das naive Bewusstsein als fest gegeben ansieht, sowie 
die höhere Werthschätzung des Geschehens überhaupt und der 
äussern Factoren. im besondem musste die Grundauffassung vom 
Geistigen insofern ändern , als es nun nicht mehr als ein anfäng- 
lich vollständig bestimmtes und auf ein festes Ziel unablenkbar 
gerichtetes angesehen werden konnte. Die Bedeutung des Kampfes, 
für die freilich schon Heraclit, dann aber J.Böhme und Hegel einge- 
treten waren, ward nun durch concretere Fassung dem allgemeinen 
Bewusstsein näher gerückt als je; der in Zusammenhang damit ver- 
theidigte allmählige und langsame Fortschritt des geistigen Lebens 
fand mannigfache Bestätigung durch eingehende Specialforschungen, 
und von diesen und anderen Punkten eröffneten sieh manche 
Fernblicke, die über das jetzt schon deutlich übersehbare weit 
hinausreichen. 

Aber ein anderes ist es, innerhalb der Eigenthümlichkeit 
geistigen Lebens solche Gedanken zur Anerkennung zu bringen, 
ein anderes, dasselbe seiner wesentlichen Beschaffenheit nach von 
hier aus zu bestimmen. Für solche Versuche, seiner Auffassung die 
Analogie des Naturgeschehens zur alleinigen Bichtschnur zu geben, 
ist namentlich bezeichnend die Lehre, dass dem Innern aller 
Gehalt von aussen komme. Der Geist erscheint als leere Tafel^ 
welcher die Aussen weit gewisse Züge mittheilt; mag das nun 
plötzlich oder allmählig geschehen, letzthin hat alles denselben 

Eucken, Geschichte und Kritik. ]0 



146 Entwicklang. 

Ursprung, und selbst solches, whä als wesentlich zu gelten be- 
sonders berechtigt scheint, wie z. B. die Formen der Anschauung 
und des Denkens, soll von verschwindenden Anfängen aus durch 
gelegentliche kleine Weiterschiebungen zu der (}estalt gelangt 
sein, die uns jetzt vorliegt. 

Um solche Lehren begi-eiflich zu machen und im einzelnen 
durchzuführen, ist nicht geringer Scharfsinn verwandt worden. 
Zu einer causalen Betrachtung, meint man z. B., «gelangten wir 
dadurch, dass die Erscheinungen in gleichmässigen Zusammen- 
hängen und Folgen auftreten ; die Verknüpfung wird zur Gewohn- 
heit, diese wirkt über die einzelnen Fälle hinaus, imd die 
unbewusst gewordene Thätigkeit gilt endlieh für ein ursprüng- 
liches Gesetz des Geistes. Aehnlich werden die moralischen 
Strebungen und Empfindungen von aussen her zu begreifen gesucht. 
Der Trieb, welcher im Grunde nur auf Selbsterhaltung geht, 
kennt allein das NützHehe, aber im'Zusammenleben tritt die Noth- 
wendigkeit ein, viele Wesen zu erhalten und deshalb dem 
einzelnen eine Schranke zu setzen. An dieser Stelle wird dann 
entweder ein Instinct eingeführt und damit die Frage nur zurück- 
geschoben, oder man macht geltend, dass Erziehung, Strafgesetze 
u. s. w. das Nothwendige in der Form eines an sich Guten 
geben, der Mensch sich an eine solche Betrachtung gewöhne und 
endlich wie aus innern Drange thue, was ihm doch nur von 
aussen beigebracht ist. Die Methode der Erklärung kommt also 
hier und in andern Fällen darauf hinaus, dass die Wirkung des 
Aeussem auf das Innere sich über den unmittelbaren Anlass hinaus 
behauptet und nach und nach solche Festigkeit gewinnt, dass sie 
als ursprüngliche Grundform geistigen Lebens erscheint. 

Aber es fragt sich, ob eine solche Argumentation, die einzelne 
zu blenden scheint, nicht verschiedene Lücken und angreifbare 
Stellen habe, ob femer nicht selbst die Analogie des natürlichen 
Geschehens andere Auffassungen nahe lege. Ist vor allem nicht 
ein thätigkeitsloses Ding, wie der Geist als leere Tafel, etwas 
begrifflich unerträgliches? Denn wie kann von einem Sein ge- 



Entwicklung. 147 

sprochen werden, ohne ihm ursprüngliche Kräfte beizulegen?*) 
Kann ferner ein leeres und thätigkeitsloses eine Wirkung von aussen 
empfangen, und ist eine Wirkung ohne Gegenwirkung und damit 
ein Ergebniss, das nur einseitig bestimmt ist, überhaupt mög- 
lich?**) Wenn femer im Innern unleugbar eine wesentliche Um- 
wandlung des Yon aussen herankommenden vorgeht, so verlangt 
dieselbe eine wirkliche Erklärung und lässt sich nicht durch 
blosses Zurückschieben abthun. Wie der Inhalt eines Buches 
einmal nicht dadurcli * begriffen wird, dass man es bis iji's Un- 
übersehbare von einem andern abgeschrieben sein lässt, so kann 
auch an dieser Stelle von der Annahme eines ursprünglichen 
Geschehens durchaus nicht abgesehen werden. Mag ein solches 
unter mannigfachen Vermittlungen und Bedingungen in die Er- 
scheinung treten : dass der Geist irgend einmal etwas ganz anderes 
aus den Dingen macht, als sie dem äussern Blick bieten, das 
eben ist das Entscheidende, denn damit wird die Anerkennung 
eines wesentlichen und eigenai-tigen Thuns unerlässlich. Es sind 
nichts anderes als stete Zirkelschlüsse, welche diese Nothwendigkeit 
verkennen lassen. Bei der Causalität z. B. kann zunächst gefragt 
werden, ob nicht schon die psychischen Processe, . welche die 
Gewohnheit hervorbringen, eine gewisse ursacliliche Verknüpfung 
voraussetzen, jedenfalls wäre die bei uns geschehende Umbildung 
in einen noth wendigen Zusammenhang gar nicht möglich, wenm 
nicht auf das gewohnheitsmässig Aufgenommene selbst die caiu- 
sale Betrachtung Anwendung fände, wenn nicht die Gewohnheit 
selber als Problem ergriflfen und innerlich zu erklären versucht 
würde. Warum bleibt denn der Mensch nicht einfach bei ilir 
stehen wie das Thier? Nie und nimmer könnte der Geist, auch 



*) Leibnitz nannte den Begriff einer substantia incompleta ein mon- 
stmm in philosophia. S. ferner 223b: les puiBsances v^ritables ne sont 
jaraais des simples possibilitös. 

**) Allen solchen Einsendungen kann man freilich dadurch entgehen, 
dass man sich auf den Standpunkt des vollen Materialismus stellt, aber es 
fragt sich, ob dann nicht von anderer Seite gleichgrosse Schwierigkeiten 
erwachsen. 

10* 



148 Entwicklung. 

nur irrthümlich, darauf kommen, Gä«wohnheit in eausale Ver- 
bindung umzusetzen, wenn das nicht in seiner eignen Natur 
wesentlich begründet wäre. 

Aehniich verhält es sich mit den Werthurtheilen. Der Be- 
griff eines an sicli Werthvollen muss doch gegenüber dem Nütz- 
lichen überhaupt einmal ursprünglich gebildet sein, um an den 
einzelnen Menschen herangebracht werden zu können, und dasselbe 
muss irgend welchen Boden in seiner Natur finden, wenn es ihm 
nur eingeredet werden soll, ja es muss immer wieder neu ent- 
stehen können, um beharrend fortzuwirken. Aller Missbrauch, 
der sich an solche Ideen knüpfen mag, weist doch immer auf 
die Macht hin, welche sie von Natur für uns besitzen, und der 
Schein ist auch hier nur unter Voraussetzung einer Wirklichkeit 
verständlich. 

Mag überall noch so viel von aussen gekommen sein, das 
Problem der Einwärtswendung ist damit nicht gelöst Wie ist es 
möglich, dass das Fremde zu einer selbstständigen innem Macht 
wird, dass es sich von allen zufälligen Verbindungen ablöst und 
eine Herrschaft über das Ganze anstrebt? Wie oft oder selten das 
geschehen mag, ist für das Hauptproblem gleichgültig, dadui'ch 
dass es ein einziges Mal geschähe, wäre über eine Lehre, die 
das Innere schlechthin vom Aeussem abhängig macht, das Urtheil 
gesprochen. Auch das ist nebensächlich, wie viel dabei bewusst 
oder unbewusst (besser vielleicht unreflectirt) wirkenden Kräften 
zukomme, denn darin liegt der Kern, ob es im Geist geschehe 
oder nicht Die Vorliebe für das Unbewusste hängt oft mit dem 
Streben zusammen, die Sache möglich aus dem Gesichtsfelde zu 
bringen, und es scheint dabei fast die Ansicht zu herrschen, dass 
das, was wir nicht mehr beachten, überhaupt nicht mehr vor- 
handen und daher auch für die Wissenschaft kein Problem mehr 
sei. £in Problem los werden und es lösen würde darnach ziemlich 
gleichbedeutend sein. Wie viel Bedenken aber überhaupt eine 
solche Erklärung aus dem Dunkel, ein ix vvxTog yervär nach 
dem Ausdruck des Aiistoteles , mit sich bringt, das gehört nicht 
in diese Betrachtung. 



V - 



Entwicklung. 1 49 

Doch wir scheinen etwas zu übersehen, was für die richtige 
Beurtheilung dieser ganzen Erklärungsart wesentlich ist, den Um- 
stand, dass dieselbe die psychischen Gebilde in kleine Factoren 
zerlegt und damit für das, was als Ganzes ihr freilieh unzugäng- 
lich wäre, Ansatzpunkte gewinnt. Scheint hierbei der Anfang als 
ein verschwindender leicht zu erklären, so ergibt sich der Fort- 
schritt durch Hinzutreten neuer Theilchen und durch allmählige 
Zusammenftigung ; gewissermassen durch Addition wird schliess- 
lich das Ergebniss erreicht, was nun vorliegt. Gegen diese Auf- 
fassung selber aber erheben sich wiederum manche Bedenken, 
nicht so sehr hinsichtlich der behaupteten Thatsache, dass in einem 
langsamen Aufsteigen von kleinen Anfängen her der gegenwärtige 
Zustand erreicht sei, als aus der Art, wie dies Thatsächliche 
letzthin begriffen wird. 

Ein Kleines oder Vereinzeltes wird zu Anfang gesetzt, — ist 
damit das Problem im Grunde auch nur irgendwie verändert? 
Dass überhaupt Erscheinungen wie causale Verknüpfung und 
Werthurtheile auf irgend einem Punkte und in irgend welcher 
Ausdehnung möglich sind, lässt uns sofort in eine neue Welt ein- 
treten und führt einen wesentlichen Umschwung der ganzen Auf- 
fassung herbei. Es mag ein unvermeidlicher Fehler unserer Vor- 
stellung sein, ein Kleines für leichter begreiflich zu halten als 
ein Grosses, soll dieser Fehler zur Grundlage einer sachlichen 
Erklärung dienen? Dazu wird jeder, welcher der specifischen 
Natur menschlich-geistigen Lebens eingedenk ist, stets daran fest- 
halten, dass die vereinzelten Erscheinungen, wenn auch zunächst 
isolirt auftretend, doch in dem Ganzen ihre Wurzel haben und 
im Lauf der Gestaltung auch sich *in das Ganze auszudehnen 
streben. 

Und dieser Lauf der Gestaltung, — ist er wirklich so einfach 
zu begreifen, dass das eine zum andern hinzutrete und dadurch 
das Ganze vorwärts geschoben werde? Ist nicht, damit sich das 
viele verbinde, eine synthetische Thätigkeit nothwendig, und muss 
nicht diese der Geist selbst leisten, wenn anders nicht alles nur 
an ihm, nichts in ihm vorgehen soll? W'er immer das geistige 




150 Entwicklung. 

Leben auf jeder Stufe als einen Gesammtprocess und ein Ftir- 
sichsein begreift, in dem sich das einzelne gegenseitig durchdringt 
und das eine Zusammenhang mit dem andern sucht, der mag 
bereitwillig anerkennen, dass der ganze Process sich erst im 
Leben vollziehe, aber er wird darauf dringen, dass das Mannig- 
fache, damit sich jenes vollziehen könne, in eine wesentliche 
Einheit hineinfallen müsse. vVird aber dieses festgehalten, so 
fragt es sich doch, ob der geistige Fortschritt auch endgültig so 
zu begreifen sei, wie er sich zunächst äusserlich darstellt, ob hier 
nicht innere Gesetze aufzudecken und statt eines blossen lang- 
samen Anwachsens eigenthümliche Wendepunkte der Bewegung 
anzuerkennen seien. Von der Beantwortung aller dieser Fragen 
wird es abhängen, wie man die Gestaltung und das Gesammt- 
ergebniss geistigen Lebens beurtheilt. Wer Ursprünglichkeit und 
Gesetzlichkeit, in dem allen festhält, der wird die allmählige 
Bildung keineswegs für ein Zeichen einer geringeren Bedeutung 
im Weltgeschehen erachten. Das was vorgeht mag weniger 
staunenswerthes und seltsames für das naive Bewusstsein haben, 
der Wissenschaft wächst es in jener Auffassung. 

Dass aber bei diesen Problemen das Ziel mancher Unter- 
suchungen kein anderes ist, als die Sache dem gemeinen Ver- 
stände möglichst fasslich zu machen, das tritt namentlicli in 
der Methode hervor, die bisweilen durch den Namen der ana- 
lytischen ausgezeichnet wird. Ein Verfahren, das diesen Namen 
verdient, setzt umfassende Denkarbeit voraus, denn um die Er- 
scheinungen zerlegen zu können, muss man sich über leitende 
Gesichtspunkte, Richtungen, ja Kategorien vergewissert haben, 
und bis man dazu gelangt, muss viel durch systematische Thätig- 
keit geleistet sein. Jetzt aber wird nicht selten einfach das Ganze 
in die empirisch hervortretenden Theile auseinandergelegt, diese 
in ihrem Nacheinander aufgezeigt, zusammengesetzt, und damit 
glaubt man die Sache begriffen zu haben; das grosse Problem 
der Denker und Zeiten ist fast zu einem Kunststück, einer Sache 
der Geschicklichkeit und Geschwindigkeit geworden. Ob eine 
solche Auflösung in einzelne Elemente wissenscliaftlich möglich 



Entwicklung. - 151 

sei, ob diese angeblichen Elemente wirklieh selbstständige Grund- 
kräfte bilden, und ob durch ein blosses Zusammensein das Ganze 
geschaffen werden könne, darüber wird leicht hinweggegangen. 
Was in der Erscheinung zuerst hervortritt, gilt als treibende Kraft, 
was hier sich als einzelnes gibt, als schlechthin einfach, Be- 
stimmungen, die aus dem Ganzen entspringen, werden schon den 
Theilen beigelegt, und da die fertige Gestalt immer das Augen- 
merk richtet, so scheint alles ungemein einfach. Von causaler 
Begreifung und streng wissenschaftlicher Leistung ist also überall 
nicht die Rede, die Forschung hört eben an dem Punkte auf, 
wo das Problem anfängt ein wissenschaftlich - philosophisches zu 
werden. 

Ja insofern dem geistigen Leben alle Ursprünglichkeit und 
innere Gesetzlichkeit abgesprochen wird, kann von systematischer 
und causalev Begreifung der Innenwelt consequenter Weise über- 
haupt nicht mehr die Rede sein ; denn der Geist nimmt ja nui* 
als Behältniss auf, was von aussen hineinkommt, und ist von 
einem Geschehen abhängig, in dem nichts sein eigeju ist. Auf 
wirkliche Einheit und durchgehenden Zusammenhang geistigen 
Lebens, auf gegenseitiges Verständniss der Individuen und Zeiten, 
auf ewige Wahrheiten müsste damit verzichtet werden , womit 
auch die causale Bedeutung der genetischen Methode selbst ein- 
fach aufgehoben wäre. 

Dabei könnte, wenn nichts anderes, so doch dieses nach- 
denklich machen, dass mit der Gesetzmässigkeit des Innenlebens 
auch die der Erkenntnissformen zerstört und dadurch die Wissen- 
schaft selber mit ihrem gesammten Inhalt als Wissenschaft ver- 
nichtet wird. Denn da sie einmal in den Geist hineinfällt, so 
muss sie sein Schicksal theilen. — Natürlich würden in solches 
Schicksal auch die praktischen Aufgaben hineingezogen werden. 
Das von aussen in. den Geist Hineingekommene dürfte eine weitere 
Macht als die des psychischen Zwanges nicht beanspruchen, und 
diese Macht müsste als ein erschlichenes von der auf Wahrheit 
dringenden Forschung möglichst zerstört werden. Freilich würde 



1 52 Etttwieklmig. 

darin immittelbar ein Widerepmeh liegen, aber jedenfalls ist es 
widersinnig, an Aufgaben der Yemunfi festznfaalten, nachdem die 
Vemiinfi selber als wesentliches und arsprfingliches aus der Welt 
entfernt ist. 

Es fftUt uns freilieh nicht ein, für solche Yerirrungen ein- 
zelner Philosophanten in ii^end einer Wdse die darwinsehe 
Theorie und ihre Anhänger verantwortlich zu machen. Vielmehr 
bildet sie bei jenen nur die Einkleidung alter Lehren, die wir 
ihrem Keim nach bis zu den Sophisten zurilckYerfolgen können, 
die ihren mustergültigen Ausdruck aber in dem französischen 
Materialismus und Sensualismus des 18. Jahrhunderts gefunden 
haben. Wer alles inneres auf äusseres, alles ursprüngliche auf 
abgeleitetes, alles Ganze auf Theile und alles WerthyoUe auf 
blosse Naturtriebe in scharfsinniger und lebendiger Weise zurück- 
geführt sehen möchte, der wende sich zu jenen Mänuern; aber 
er möge dabei nicht vergessen, dass sowohl in Frankreich selbst 
die Bewegung über solche Gedanken hinausgegangen ist, als dass 
der grosse geistige Aufschwung Deutschlands in geradem Gegen- 
satz dazu erfolgt ist. Nicht irgend welche sonderartige Schul- 
theorien, sondern das ganze Bewusstsein einer geistig kräftigen 
und ursprünglich schaffenden Zeit hat sieh gegen jene Lehren 
gewandt, und eben die leitenden Persönlichkeiten haben dem 
(Gegensatz *den schärfsten Ausdruck verliehen. 

Für uns stehen hier obenan Kant und G^>ethe. Kant hat 
gegenüber jener Seheinanalyse eine Analyse, die diesen Namen 
wahrhaft verdient, zur Geltung gebracht; für ihn, der nicht des- 
wegen schon etwas als einfach anerkannte, weil es die erste 
Empirie als solches bietet, der vielmehr alles Gegebene und die 
Erfahrung selber in systematischer Forschung zerlegend prüfte, 
stellte sich heraus, dass eine ursprüngliche geistige Thätigkeit 
überall angenommen werden müsse, um das zu ermögliche^, was 
oberflächlich angesehen als einfaches und letztes gelten mochte.' 

Goethe aber hat die Nothwendigkeit einer innern und 
synthetischen Thätigkeit überall vertreten, wobei er die Hemmnisse 



£ntwicklaiig. 153 

hervorhob, die aus jener atomistiseh • sensualistischen Richtung 
selbst für den sprachlichen Ausdrack entstünden^), und die 
Schwierigkeiten und Widersprüche, worin sie sich verwickle, in 
seiner treffenden und anschaulichen Weise zeichnete. Wie un- 
mittelbar fttr die Gegenwart bestimmt erscheinen die Worte, mit 
denen er die Art jener Franzosen schildeit (s. Briefwechsel mit 
Schiller IV, 127): „Sie begreifen gar nicht, dass etwas im 
Menschen sey, wenn es nicht von aussen in ihn hineingekommen 
ist. So versicherte mir Meunier neulich: das Ideal sev etwas 
aus verschiedenen schönen Theilen Zusammengesetztes. Da ich 
nun denn fragte: woher denn der Begriff von den schönen 
Theilen käme? und wie denn der Mensch dazu käme ein schönes 
Ganze zu fordern? und ob nicht für die Operation des Genie's, 
indem es sich der Erfahrungselemente bedient, der Ausdruck zu- 
sammensetzen zu niedrig sey? so hatte er für alle diese Fragen 
Antworten aus seiner Sprache, indem er versicherte, dass man 
dem Genie schon lange une sorte de cr^ation zugeschrieben 
habe. — Und so sind alle ihre Discurse; sie gehen immer ganz 
entscheidend von einem Verstandesbegriff aus und wenn man 
die Frage in eine höhere Region spielt, so zeigen sie, dass 
sie für dieses Verhältniss auch allenfalls ein Wort haben, ohne 
sich zu bekümmern ob es ihrer ersten Assertion widerspreche 
oder nicht." 

Es ist ein deutliches Zeichen, wie wenig tief die Gedanken 
solcher Männer in das geistige Leben eingedrungen sind, wenn 
das, was sie nicht so sehr bekämpften als weit xmter sich 
liegend glaubten, nun wieder anspruchsvoll hervortritt und statt 
sofort allgemeine Zurückweisung zu finden, von nicht wenigen 
als ein neues und grosses gepriesen wird. - Das oft Widerlegte 



*) 50 y 244 : Wir glauben hier im Einzelnen , so wie im Ganzen , die 
Nachwirkung jener Epoche, zu sehen, wo die Nation dem SensnaliBmus 
hingegeben war, gewohnt sich materieller, mechanischer, atomistischer Aus- 
drücke zu bedienen; da denn der forterbende Sprachgebrauch zwar im 
gemeinen Dialog hinreicht, sobald aber die Unterhaltung sich in's Geistige 
erhebt, den höheren Ansichten vorzüglicher Männer offenbar widerstrebt. 



154 Entwicklung. 

aber immer wieder zu bekämpfen, thut vor allem Noth im 
Interesse der Idee der Entwicklung selber. Wenn die strengere 
wissenschaftliche Fassung bei ihr aufgegeben wird, und wenn enge 
Formen gewaltsam überall die Herrschaft an sich reissen, so wird 
sie nicht nur in ihrem segensreichen £influss auf die gesammte 
wissenschaftliche Forschung gehemmt, sondein auch innerlich aufs 
schwerste erschüttert. So erscheint es als Aufgabe aller derer, 
die sich auf den Boden der neuern Wissenschaft stellen, gegen 
die Gefährdung jenes Grundbegriffes aufzutreten. 



Causale Grundbegriffe. 



^ Nihil veritati praejudicare, sed 

hoc obtinere quod ipsins rei in- 
ducit natura. 

Cod. Justin. 

So sehr die causale Verknüpfung ein ursprüngliches und 
durchgehendes Handeln des Greistes bekundet, so hat doch die 
wissenschaftliche Ergründung der Welt zu verschiedenen Zeiten 
eine sehr verschiedene Richtung gehabt, und sind ferner die 
hierhergehörenden Begriffe erst nach und nach zu einer festen 
Ausprägung gekommen.*) Obwohl beides durch den Lauf der 
Zeiten eingehend zu verfolgen, eine wichtige und anziehende Auf- 
gabe wäre, so dürfen wir hier natürlich auf die geschichtliche 



*) Von den causalen Begriffdwörtern ist am ältesten dg^rj (principium, 
Quelle bei Wolff), indem sich dasselbe schon in dem ersten philosophischen 
Werke unserer Culturwelt, der Schrift des Anaximander tisqI ^qtv^eiog, fand, 
ahia tritt uns, nachdem es von Pindar u. a. verwandt war, in streng 
wissenschaftlicher Fassung zuerst bei Plato entgegen. Aristoteles schied 
dann bekanntlich die vier Arten der Ursache, während die Stoiker zuerst 
einen Terminus für Wirkung und Folge aufstellten (dxokovd^ia, InaxoXovd^ti- 
aig) und den Ausdruck ahmdrjg schufen, den die Lateiner, und zwar in 
diesem specifischen Sinne namentlich Augustin, mit causalis übersetzten. 
Causalitas findet sich erst auf dem Höhepunkt der Scholastik, z. B. bei 
Thomas von Aquino. Grund und Ursache, die schon bei Eckhart neben- 
einander vorkommen, werden zuerst von Wolff dahin unterschieden (s. z. B. 
deutsche Metaphysik I, § 29, II, § 13), dass Grund ratio, Ursache causa 
ausdrücken soll. 



156 Mechanisch — Organisch. 

Bewegung nur insofern hinweisen als dieselbe für das Verständ- 
niss der gegenwärtigen Lage nothwendig ist. Demgemäss werden 
wir uns damit begnügen, den BegriflFen des Mechanischen und 
Organischen, sowie der Teleologie in ihren Gescliicken einiger- 
massen naclizugehen. 



Mechaniscli — Organisch. . 

Der Ausdruck fi7i%avix6g (klug, erfindungsreich, listig), der 
z. B. bei Xenophon vorkommt, tritt bei Aristoteles wie ein festes 
Kunstwort auf, die Mechanik ist eine abgegrenzte Disciplin, deren 
Aufgabe in der unter seinem Namen gehenden Schrift Jiäher er- 
örtert wird.*) Das Wort ward von den spätem Lateinern auf- 
genommen und erhielt sich das Mittelalter hindurch, in unserer 
Sprache finde ich es zuerst bei Paracelsus verwandt 

Eine Erweiterung der Bedeutung nach der philosophischen 
Seite hiü hat erst Baco unternommen, indem er die Bewegung, 
welche bis dahin als gewaltsame (motus violentus) bezeichnet 
war, eine mechanische nannte. Cartesius aber bediente sich zur 
Kennzeichnung seiner Naturbegreifung gern der Analogie der 
Mechanik, verwendet aber den Ausdruck mechanisch im weitem 
Sinne nur an vereinzelten Stellen.**) In den allgemeinen Ge- 
brauch ist derselbe namentlich durch Boyle gekommen, der eine 
besondere Vorliebe für ihn hatte und ihn gern an die Spitze 
seiner Werke stellte. 

Das Wort organisch stammt von Aristoteles und bedeutet bei 
ihm zunächst nichts anderes als werkzeuglich. Es wird dabei 
namentlich an eine Verbindung verschiedenartiger Theile zu einer 
Grcsammtleistung gedacht, und wenn von einem organischen Körper 



*) Diese Schrift ist freilich wohl nicht acht, aber der Sprachgebrauch 
ist dnrch Stellen aus unbezwei feiten Schriften hinreichend bezeugt. 

♦*) Z. B. epist. 1, 67 wird das mechanicnm et corporeura dem Incor- 
porenm entgegengestellt. 



Mechanisch -— Organisch. 157 

gesproclien wird, so ist damit so wenig ein inneres Lebensprincip 
bezeichnet, «dass eine neue Bestimmung hinzugefügt werden muss, 
um dies auszudrücken. *) Von einem Gegensatz des Mechanischen 
und Organischen kann daher keine Bede sein. Dieser aristotelische 
Sprachgebrauch erhielt sich im wesentlichen unverändert durch 
Alterthum und Mittelalter.**) Auch bei Cartesius stehen sich 
organicus und Instrumentalis einfach gleich, erst bei Leibnitz tritt 
organisch und Organismus dgenthümlicher hervor, aber nicht um 
das dem Lebendigen wesentliche „innere Principe, sondern um 
die ihm zukommende bis in's Unendliche gehende Gliederung zu 
bezeichnen. Das Organische wird von dem Begriff des Mecha- 
nischen umfasst, der Organismus ist eine natürliche Maschine, 
die sich nur quantitativ von den künstlichen unterscheidet. Bei 
solcher Bestimmung blieb das 18. Jahrhundert zunächst stehen, 
durchgehend finden wir organische (natürliche) und Kunstmaschinen 
nebengeordnet, und noch unmittelbar vor der durch Kant eintreten- 
den Umwälzung steht Tetens zu dem leibnitzischen Gedanken, 
indem er sagt (Philos. Versuche über die menschl. Natur flf. II, 
475): „Die Organisation ist ein unendlich zusammengesetzter 
Mechanismus. Allein dieser Unterschied , so unendlich gross er 
ist, kann doch als ein Unterschied von Grösse und Vielheit be- 
trachtet werden." 

Auch in den früheren Schriften Kant's ist dieser Standpunkt 
noch nicht verlassen, und es darf nicht vergessen werden, dass 
ehe er die entscheidende Umgestaltung herbeiführte, auch von 
anderer Seite das Eigenartige des Organischen hervorgehoben war. 
So sagte z. B. Jacobi (Hume 172): „Um die Möglichkeit eines 



*) In der bekannten Definition der Seele, als ipteUxBia r, nquitri cia- 
iU«7oc (fvaixov oQyccvixov wird das innere Leben durch das (pvoixor bezeichnet. 

**) Innerhalb der Scholastik pflegten organische Theile (partes or- 
ganicae) definirt zu werden als partes compositae heterogeneae, Suarez sagt 
de anima I, 2, 6 : dicitnr corpus organicum, quod ex partibus dissimilaribns 
componitur. Organische Thätigkeiten sind solche, welche an bestimmte 
Organe geknüpft sind. 



158 Mechanisch — Organisch. 

organischen Wesens zu denken, wird es nothwendig sein, dasjenige 
was seine Einheit ausmacht zuerst: das Ganze vor den Theilen 
zu denken." Aber freilich blieb es Kant vorbehalten, den Gegen- 
satz in seiner ganzen Schärfe heiTorzukehren und das bis dahin 
graduell unterschiedene specifisch gegen einander abzusondern, da 
nun beim Organismus die gegenseitige Zusammengehörigkeit der 
Theile und damit die Selbstständigkeit und Innerlichkeit des 
Ganzen hervortrat.*) Durch die constructiven Philosophen, vor 
allem durch Schelling, ist dem also bestimmten Terminus die 
weiteste Verwendung gegeben, und es gelangte von hier der Gegen- 
satz des Organischen und Mechanischen in den allgemeinen Sprach- 
gebrauch**), durch welchen namentlich der Ausdruck organisch 
bei uns bis zu einer den Inhalt fast verflüchtigenden Ausbreitung 
gekommen ist. 

Es haben also die anfangs sich ganz nahe stehenden Aus- 
drücke im Lauf der Geschichte sich immer weiter von einander 
entfernt, bis sie endlich nach der Umwandlung des graduellen 
Unterschiedes in einen specifischen als Losungsworte eines wesent- 
lichen und uralten begrifflichen Gegensatzes gelten durften. Denn 
von dem Kampf dessen, was wir jetzt mechanische und organische 
Weltansicht nennen, weiss schon die alte Philosophie viel zu be- 
richten, und was die letzten Jahrhunderte hier neues gebracht 
haben, liegt nur in einer specifischen Fassung und ihrer exacten 
Durchführung. Da aber eben dadurch die Begriflfe eine Bedeutung 
für die wissenschaftliche Arbeit erhalten, so werden wir uns für 
unsem Zweck mit der Betrachtung der neuem Gestaltungen be- 
gnügen dürfen. 

Wenn Cartesius seine Begreifung der lebendigen Formen und 
der Naturvorgänge überhaupt in eine Analogie mit der mecha- 
nischen Kunstfertigkeit stellt, so sollte damit an erster Stelle aus- 



*) V, 388: Ein organisirtes Prodnct der Natur ist das, in welchem 
alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist. 

♦♦) Unter den neuern Philosophen hat namentlich Trendelenburg einen 
entscheidenden Gegensatz philosophischer Weltbegreifung durch jene Aus- 
drücke bezeichnet, s. logische Untersuchungen (3. Aufl.) II, 142 ff. 



Mechanisch — Organisch. 159 

gedrückt sein, dass alle Mannigfaltigkeit der Natur aus der 
Zusammensetzung gleichartiger bewegter Stoflftheilchen erklärt 
werden könne. Der Unterschied der lebendigen Bildungen be- 
stand nur in der unvergleichlich grössern Feinheit der Theile 
und Verwicklung der Zusammensetzung, so dass das menschliche 
und natürliche Formen in eine einzige Keihe fällt und der 
Mensch von sich aus das Wirken der Natur verstehen kann.*) 
Eine solche Lehre war vor altem gegen eine Erklärung aus 
innem Kräften und realen Qualitäten gerichtet, wie sie im Mittel- 
alter im Anschluss an Aristoteles üblich war. Darnach erschien 
die Natur als „inneres Princip der Bewegung", das Lebendige 
bestimmte die Gesammtauffassung der Welt, alle Bildung ent- 
stammte einer geheimnissvollen und unfassbaren Tiefe. Die Natur 
verliert nun diese Innerlichkeit und das in unmittelbarer Auf- 
fassung wie künstlerischer Anschauung als Eins Ergriffene löst 
sich dem schärfer eindringenden Blick in ein vieles auf, aber 
erst durch eine solche Entseelung und Zerlegung wird eine streng- 
wissenschaftliche Begreifung möglich und erhält zugleich der 
Mensch Ansatzpunkte und Hebel, um das natürliche Geschehen 
zu beherrschen und nach seinen Zwecken zu lenken. 

Diese mechanische Naturbegreifung unterscheidet sich von 



*) Um nur eine der hiehergehörigen Stellen anzuführen, s. z. B. princ. 
phil. lY; 203: nuUum aliud inter ipsa (sc. arte facta) et corpora natnralia 
discrimen agnosco, nisi quod arte factorum operationes ut plurimum per- 
aguntur instrumentis adeo magnis, ut sensu facile percipi possint : hoc enim 
requiritur, ut ab hominibus fabricari queant. Contra autem naturales effec- 
tus fere semper dependent ab aliquibus organis adeo minutis, ut omnem 
sensum effagiant. Et sane nnllae sunt in mechanica rationes, quae non 
etiam ad physicam, cujus pars vel species est, pertineant: nee minus na- 
turale est horologio, ex his vel Ulis rotis composito, ut horas indicet, quam 
arbori ex hoc vel illo semine ortae, ut tales fructus producat. Quamobrem 
ut ii qui in considerandis automatis sunt exercitati, cum alicujus machinae 
usum sciunt et nonnullas ejus partes aspiciunt, facile ex istis, quo modo 
aliae quas non vident sint factae, conjiciunt; ita ex sensilibus effectibus 
et partibus corporum naturalium, quales sint eorum caussae et particulae 
insensibiles, investigare conatus sum. 



160 Mechanisch — Organisch. 

dem Systeme Demokrits sowohl dadurch, dasssie deu in Beti-aeht 
kommenden Faetoren nur eine relative Gültigkeit beilegt als da- 
durch, dass sie die leitenden Gredanken zu einer alles Einzelne um- 
fassenden exacten Durchführung bringt.*) Durch jenes weist sie 
von Anfang an auf eine Ergänzung hin und bekundet sich mehr 
als eine Art, die Naturerscheinungen in einfachster Weise zu 
erklären, denn als eine Theorie ron der letzten Beschaffenheit 
der Welt, durch dieses gewinnt sie eine unmittelbare Bedeutung 
für die Arbeit der Wissenschaft,' von der sie denn auch raseh 
aufgenommen und überallhin getragen, wurde. Für die äussere 
Ausbreitung war namentlich Boyle thätig, der in der Zuspitzung 
der mechanischen Theorie so weit ging, dass er selbst den Aus- 
druck Natur verbannt und durch „kosmischer Mechanismus^ 
ersetzt wissen wollte**), die innere Befestigung des Begriffes 
förderte vor allen Newton durch die stärkere Hervorkehrung des 
Mathematischen. Auch an Gegnern fehlte es nicht, aber dieselben 
vermochten den Zug der Wissenschaft nicht aufzuhalten.***) 



*) Die wichtigste Stelle dafür findet sich princ. philos, IV, § 202: 
(Democriti philosophandi ratio) rejecta est, primo quia illa corpuscnla in- 
divlsibilia supponebat, quo noxqine etiam ego illam rejicio, deinde qnia 
vacaum circa ipsa esse fingebat, qnod ego nullam dari posse demonstro; 
tertio qnia gravitatem iisdem trihnebat, qnam ego nullam in nllo cor- 
pomm cum solum spectatnr, sed tantnm quatenus ab aliomm corpomm 
situ et motu dependet, atque ad illa refertur, intelligo; ac denique quia 
non ostendebat, quo pacto res singulae ex solo corpusculorum concarsn 
orirentur, vel si de aliquibus id ostenderet, non omnes ejus rationes inter 
se cphaerebant, s^iltem quatemus judicare licet ex iis, quae de ipsius opi- 
nionibus memoriae proditum est 

**) Boyle schrieb eine nicht uninteressante Abhandlung: the excellesce 
and grounds of the mechanical philosophy. Femer gibt es von Wolff eine 
epistola gratulatoria in qua vera philosophiae mechanicae notio explicatoi'; 
deren Inhalt aber recht dürftig ist. 

**^) Obenan steht hier Cudworth mit seiner Annahme einer plastischen 
Natur, s. nam. the true intellectual System of the universe (1678) I, 3, 19. 
In Deutschland trat u. a. Rüdiger für die Eigenthümlichkeit des Lebendigen 
ein, 8. z. B. iDstitutiones eruditionis seu philosophia synthetica pg. 109: 
physica vel me^hanica est vel vitalis. 



Mechanisch — Organifich. 161 

Von einem unmittelbaren Gegensatz der mechanisehen Er- 
klärung zur teleologiscben ist zuerst gar keine Bede, denn der 
Mechanismus bildet ursprtlnglicli nur die Form, nieht den Grund 
des Geschehens*), Boyle hält sogar bei einer strengen Durch- 
führung desselben eine nach Zwecken wirkende Ursache für 
unumgänglich nothwendig **) ; erst bei Spinoza findet sich das 
Mechanische in einem graden Gegensatz zum Uebematürlichen***), 
so dass nun dasselbe nicht nur eine Form dps Geschehens aus- 
drtlckt, sondern zugleich das Hineinfallen des Gruliides in eben 
dies Geschehen anzeigt. Da bei ihm femer die mechanische Er- 
klärung, wenn auch nicht dem Namen, so doch der Sache nach 
auch auf das geistige Gebiet übertragen wird, so kann man sagen, 
dass hier zuerst jene Sichtung eine absolute und universale Be- 
deutung bekommt, f) 

Gleichzeitig drang sie auch in der Arbeit der Wissenschaft 
weiter vor. Schon bei Cartesius findet sich der Beginn einer 
mechanischen Erklärung in der Psychologie, indem den Einzel- 
vorgängen eine gewisse Selbstständigkeit und Festigkeit der Ver- 
bindung zugeschrieben wird ff), und weim Spinoza und Leibnitz 
in der Auffassung und Werthschätzung des Seelischen weit aus- 
einander gehen mögen, schon der eine Umstand, dass sie beide 
die Seele als einen VorstQllungsmechanismus betrachten und als 



*) Mit Becht sagt Berkeley II, 457: the mechanical philosopher in- 
qnires properly conceming the mle and modes of Operation alone, and 
not conceming the cause. 

**) S. namentlich an inqniry into the final causes of natural things; 
erst nach und nach bildet sich der Grebrauch, den Finalursachen, denen 
von Alters her die Wirkursachen (causae efficientes) entsprachen, das 
Mechanische gegenzuordnen. Bei Leibnitz sind derartige Stellen noch ganz 
vereinzelt (s. z. B. Foucher II, 356), wahrend bei Kant allerdings von 
Anfang bis zu Ende Teleologie und Mechanismus einander entgegenstehen. 
***) S. Eth. I, appehd. : mechanica — divina vel supernaturalis ars. 
t) Nur das unterscheidet Spinoza von der später landläufigen mecha- 
nischen Philosophie, dass er das ganze Geschehen mit der einen Substanz 
umschliesst und also für Einheit und Zusammenhang Sorge trägt. 
tt) S. z. B. de passionibus XLV. 

Eucken, Geschichte und Kritik. \\ 



i 



162 Mechanisch — Organisch. 

automaton spirituale bezeichnen, bekundet die nahe Verwandt- 
schaft beider. Spinoza hat dann freilich den Grundgedanken 
ausgeprägter und einseitiger geltend gemacht, indem er das ganze 
Seelenleben in einzelne Factoren auflöst, sie alle auf intellectuelle 
Processe zurückführt und endlidi für die Cresammterklärung das 
Trägheitsgesetz massgebend sein lässt. 

Ueberall gewann die Analogie der mechanischen Natur- 
erklärung um so leichtem Eingang- und grossem Einfluss, als 
diese selbst 4o& einem allgemeinen Drange der neuen Wissenschaft 
hervorgegangen war und daher überall das Feld schon bereitet 
fand. Dies gilt namentlich von der Auffassung des menschlichen 
Gesammtlebens, wo schon in der Uebergangszeit mannigfach die 
Gesellschaftssysteme aus dem Zusammensein der Individuen, als 
ursprünglicher und dem Wesen nach unveränderlicher Kraft», ab- 
geleitet waren. Doch gewann nun jener Grundgedanke gesteigerte 
Bedeutung und eingreifende Macht. Hier stehen die Engländer 
voran. Locke streut die Gedanken aus, die von den andern er- 
griffen und systematisch verwerthet werden. U.eberall soll das 
Geschehen ausschliesslich aus dem in die Erscheinung hinein- 
fallenden Wirken von Einzelkräften verstanden werden, alle innem 
Zusammenhänge und dunklen Beziehungen schwinden, jegliche 
Einheit ergibt sich von der Vielheit aus und erhält sich durch 
sie. .Nach manchen Seiten wurden die Consequenzen dieser Lehre 
entwickelt, ihre grossartigste Durchführung und concreteste Ver- 
wendung bietet aber ohne Frage das System von A. Smith, wo- 
durch sie recht eigentlich zu einer Weltmacht geworden ist.*) 

Ueberall gewährte diese Erklärungsart eine Steigerung der 
causalen Einsicht, das scheinbar als Ganzes Vorliegende löste sich 
in einzelne und zwar uns vollbekannte Kräfte auf und ward, 
indem es von ihnen aus begriffen wurde, in die Entwicklung hin- 
eingezogen. Dazu gewann der Mensch eine weit grössere Macht 



*) Der Gebrauch des Ausdruckes „mechanisch'' über das Grebiet der 
Natur hinaus war übrigens jenen Zeiten fremd, jedenfalls war man sich bei 
einer Erweiterung des Bildlichen bewnsst 



Mechanisch — OrganiBch. 163 

über die Verhältnisse, indem er an den einzelnen Punkten seine 
Kraft einsetzen konnte. Aber trotz allen diesen Yortheilen konnte 
es tief erblickenden Denkern nicht entgehen, wie yiel neue Pro- 
bleme diese Lösung mit sich brachte und wie sehr dieselbe einer 
Ergänzung von anderer Seite bedurfte. 

Der erste Versuch, die mechanische Theorie, unter voller 
Anerkennung ihrei^ ausschliessenden Greltung innerhalb eines be- 
stimmten Gebietes, einem weitem Zusammenhange einzufügen, ist 
von Leibnitz gemacht. Innerhalb der Natur soll der Mechanismus 
in unbestrittener, auch die Formen des Lebendigen umfassender 
Herrschaft bleiben, aber einmal verlangen die Principien des 
Mechanismus selbst wieder Erklärung, welche nur von einer 
metaphysischen Weltauffassung geleistet werden kann*); sodann 
aber schien alle Zusammensetzung ein Einfaches, alle Beziehungen 
ein Fürsichsein vorauszusetzen, so dass es nöthig wurde, überall 
in der Welt Leben und damit ein immanentes Princip anzunehmen. 
Dem Mechanischen steht also nicht als eine andere Form des 
Naturgeschehens das Organische, sondern die über diesem liegende 
Innenwelt entgegen, und nur insofern das Organische mit dieser 
wesentlich und unzertrennlich verbunden ist, darf es einen Vorzug 
in Anspruch nehmen. Wenn dadurch freilieh natürliches und 
künstliches Gebilde eine ganz andere Art von Einheit erhielten 
und der von Kant aufgedeckte Gegensatz schon ganz nahe lag**), 
so fällt doch die Welt nicht in zwei Hälften auseinander, da nach 
der leibnitzischen Lehre alles Sein beseelt und der gesammte Sto£P 
bis in's Unendliche organisirt ist Das Mechanische stellt sich 



*) S. 161: omnia in corporibns fieri mechanice, ipsa vero principia 
mechaBiBmi ^eneralia ex altiore fönte proflnere, 155 a, Foncher II, 253. 

**) Am bezeichnendsten ist hierfür die von Jacobi (Hnme 115) ange- 
führte Stelle ans einem Briefe an Romond : l'nnit^ d'nne horloge dont vons 
faites mention est tont antre chez moi qne celle d'nn animal: celni-ci pqn- 
vant §tre nne snbstance doa6e d*nne vöritabie nnit^, comme ce qn*on 
appelle Moi en nons, au lien qn* nne horloge n'est antre chose qn*nn assem- 
blage. (Die Uhr ist das stehende Bild bei den Untersuchungen über die 
Principien der mechanischen Erklärung). 

11* 



164 Mechanisch — OrganiBch. 

letzthin überall als ein organisches heraus, so dass es sich bei 
diesem Unterschiede nicht sowohl um getrennte Glebiete, als um 
Stufen der Auffassung der Natur handelt 

Inhalt und Stellung der Begriffe erhielt dann eine weitere 
Umgestaltung durch Kant. Der Begriff mechanischer Verursachung 
ward auf alle Vorgänge, welche in die Zeit hineinfallen und unter 
dem Gesetze der Causalität stehen, ausgedehnt, so dass das 
Psychische mit eingeschlossen und die ganze Erscheinungswelt an 
jenes Gesetz gebunden wird.^) Aber mit dieser Ausdehnung ist 
natürlich zugleich die Beschränkung gegeben, dass der Mechanis- 
mus nicht auf die Dinge an sich übertragen werden darf, so dass 
freier Platz für die transscendentale Freiheit bleibt. Diese äussere 
Erweiterung des Begriffes ist in der Philosophie wie im allgemeinen 
Leben durchgedrungen, und es gilt darnach als entscheidendes 
Merkmal des Mechanischen die strenge Abhängigkeit der einzelnen 
Erscheinungen von einander.**) Die Schranke, welche Kant einem 
solchen Begriffe setzte, wird dabei oft aufgegeben, und auch durch 
die Vermengung dieser weitem Fassung mit der engem physi- 
kalischen erwachsen zahlreiche Missverständnisse. 

Die specifische Bestimmung, welche der Begriff des Organischen 
bei Kant erhielt, ward den constructiven Philosophen Veranlassung, 
demselben die weiteste Verwendung zu geben. Nach dem Vor- 



*) S. y, 101: „Eben am des willen kann man anch alle Noth wendig- 
keit der Begebenheiten in der Zeit nach dem Naturgesetze der Causalität 
den Mechanismus der Natur nennen, ob man gleich darunter nicht versteht, 
dass Dinge, die ihm unterworfen sind, wirklich materielle Maschinen sein 
müssten. Hier wird nnr anf die Noth wendigkeit der Verknüpfung der Be- 
gebenheiten in einer Zeitreihe, so wie sie sich nach dem Naturgesetze ent- 
wickelt, gesehen, man mag nun das Snbject, in welchem dieser Ablauf 
geschieht, Automaton materiale, da das Maschinenwesen durch Materie, oder 
mit Leibnitz spirituale, da es durch Vorstellungen betrieben wird, nennen'' ff. 

^ ♦*) Für die weitere philosophische Verwendung auf dem Gebiet des 
Innenlebens ist vor allen Herbart wichtig, ihm wird es Aufgabe (III, 255) : 
„Den Organismus der Vernnnft aufzulösen in seine einfachen Fibern, die 
Vorstellungsreihen, deren Entstehung nur aus der Mechanik des Geistes 
konnte erklärt werden." 



Mechanisch — Organisch. 165 

gange Fichte's knüpfte namentlich Schelling alle tiefere Begreifung 
an den Gedanken des Organischen, als des „unmittelbaren Ab- 
bildes der absoluten Substanz^, und trat überall für die Ursprüng- 
lichkeit und Ueberlegenheit des Organischen ein. Nicht nur für 
die Natur entschied dasselbe über die Gesammtbegreifung, sondern 
auch das geistige Leben ward ron hier aus zu verstehen gesucht. 
Eine „organische^"'') Bechts-, Staats- und Geschichtsauffassung 
ward hingestellt und konnte nicht genug gegenüber einer 
mechanischen, als welche aus blos äusserer Zusammensetzung 
erkläre, erhoben werden. Was man positiv wollte, ward mehr 
dunkel empfunden und gelegentlich ausgeführt, als begrifflich 
von vom herein festgestellt; vor allem war man geneigt, für die 
Selbstständigkeit des Ganzen und die Innerlichkeit des Geschehens, 
femer beim Staatssystem für die Eigenartigkeit der einzelnen 
Glieder, in der geschichtlichen Gestaltung aber für eine allmählige 
und gesetzliche Entwicklung nach Art des natürlichen. Wachs- 
thums einzutreten. Dabei war freilich mehr der Name und 
die bewusste Hervorkehrung des Gegensatzes neu als die Sache, 
ja man könnte sogar sagen, dass streng genommen die Gesammt- 
auffassung nur eine Bückkehr zu frühem Lebensformen bekundet, 
denen die specifische Eigenthümlichkeit der Neuzeit geradezu 
widerspricht. 

Alle griechischen Philosophen der idealistischen Sichtung 
sind darin einig, wie das Weltall, so zunächst den Staat, dann 
aber die menschliche Gesellschaft nach Art eines organischen 
Wesens vorzustellen, und es werden namentlich im spätem Alter- 
thum aus dieser Vorstellung ganz ähnliche Folgerungen gezogen 
wie bei den neuem Denkem.**) Auch im Christenthum ist, 
namentlich in den ersten Jahrhunderten, die Auffassung der 
Einzelnen als Glieder eines Organismus, den hier natürlich die 
Kirche bildet, oft und kräftig geltend gemacht; in der Neuzeit 



*) Yergl. für die organische Staatstheorie z. B. Schelling Vl^ 575 ff. 
**) S. z. B. Mark Aurel 7, 13: fjiiko^ sifil xov ix r^v Xoyixdy avatfi- 
fjiaros xtX. 



|g5 Mecliaiiiseh — OrgaDiaeh. 

dagegen hat das Individanm, als intelligibler Träger der Vemanft 
and Keim nnendlichen Lebens, eine so überragende Bedentong^ 
daes es keiner Gresammtgestsdtnng der Erseheinongswelt unter- 
geordnet werden kann. Das Individanm bringt alles ans sieb 
faerror und bewahrt seinen Sehöpfnngen g^enüber stets die 
Ueberlegenheit. 

So sehr daher in dem Bilde des Organischen eine allgemeine 
Wahrheit unbestreitbar anzuerkennen ist, nämlieh die Ablehnung 
einer blossen Zusammensetzung aus Elementen, die gegen die 
Verbindung innerlieh gleichgültig sind, so ist das Specifische, 
wenn es überhaupt klar entwickelt ist, als ein antikisirender 
Bückschritt aufs entschiedenste abzulehnen.^) Auch die Auf- 
fassung des geschichtlichen Lebens als eines ruhigen Heryoi^ehens 
und mühelosen Sichentfaltens wird, so sehr auch hier eine 
berechtigte Opposition anzuerkennen ist, dem positiven Grehalt 
nach nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Jene Auf- 
fassung mag der unmittelbaren Empfindung sich empfehlen, die 
eingehende Forschung zeigt überall eine mannigfache Complication, 
ein Hervortreten des Einzelnen und begrifflich Zufalligen, harte 
Kämpfe im Auf- und Abwogen. 

Dazu ist der von Anfang an unklare Ausdruck durch die 
immer weitere Ausdehnung**) so unbestimmt geworden, dass er 
sehr leicht ein Versteck unklaren Denkens wird und auf keinen 
Fall dem sieh Mittheilenden die Gewissheit gibt, entsprechend 
verstanden zu werden. Und da die ganze Verwendung des 
Bildes nur unter der Voraussetzung Sinn hat, dass das Organische 
uns als das ursprüngliche und leichter verständliche gilt, diese 



*) Auch von juristischer Seite hat es an Opposition gegen die or- 
ganische Staatstheorie nicht gefehlt, s. nam. van Krieken: „Ueber die sog. 
organische Staatstheorie*", doch sind solche Stimmen noch in der Minderheit. 
♦*) In eigen thUmii eher Vermengung ward jede Theorie , die -sich eine 
organische nannte, von vom herein höher gestellt, als wirl^te die höhere 
Schätzung des Organischen in der Natur hier ein. Es käme doch zuerst 
darauf an, ob die Analogie des Organischen zutrifft, und sodann, ob die 
darauf gestützte Theorie wirklich mehr leistet. 



MechaniBch — Organisch. 167 

Yoraussetzung aber jetzt keineswegs zutrifft, so erscheint es als 
wttnschenswerth , den Terminus wieder streng auf das specifisohe 
Gebiet des Naturgeschehens einzuengen. Hier fasst er wenigstens 
bestimmte Gruppen von Erscheinungen zusammen und leistet 
dadurch der Forschung rorbereitende Dienste, während bei der 
weitem Verwendung eben das Dunkle und Problematische zur 
Aufhellung dienen sollte. 

Aber auch auf naturwissenschaftlichem Gebiet trat rasch der 
Bflckschlag gegen die Ueberspannung des Organischen ein. Mehr 
und mehr fand durch die Fortschritte der Wissenschaft die Lehre 
exaete Bestätigung , dass die allgemeinen Gesetze der Natur auch 
die Formen des Lebendigen beherrschen, und dass daher zu einer 
Aussonderung specifisch organischer Kräfte keineswegs Veran- 
lassung sei. Die Eigenthümlichkeit der lebendigen Gestalt als 
eines ungemein verwickelten Systems und die Besonderheit 
mancher Erscheinungen auf diesem Grebiet brauchte deswegen 
nicht herabgesetzt zu werden, wenn nur Anerkennung fand, dass 
alles scheinbar Specifische in die allgemeinen Normen hineinfalle 
und sich als ein mittelst Verwendung durchgehender Kräfte be- 
wirktes erweise.*) Wenn aber das Organische nicht als ein 
Isolirtes, sondern nur als ein Theil des allgemeinen Geschehens 
gelten darf, so kann es nicht als ein fertig Abgeschlossenes An- 
erkennung verlangen, sondern wird selber zum schwersten der 
Probleme. 

So sehr jedoch dem Mechanismus innerhalb seines Gebietes 
die volle Herrschaft zuzuerkennen ist, so nothwendig wird es, 
sich den Umfang und Inhalt dieses Gebietes klar im Bewusstsein 
zu halten. Zunächst fragt es sich, ob der Mechanismus wie in 
der ursprünglichen Bedeutung nur eine Form des Geschehens aus- 
drücken oder ob er auch den Grund einschliessen soll. In jenem 
Sinne ist er eine exaete innerhalb der Naturwissenschaft zu 



*) Mit Recht bestimmte K. £. von Baer die Aufgabe dahin „die bil- 
denden Kräfte des thierischen Körpers anf die allgemeinen Kräfte, oder 
Lebensrichtungen des Weltganzen zurückzuführen.'* 



16g Mechanisch — Organisch. 

verificirende Theorie, in diesem dagegen enthält er ein Urtheil 
über das letzte Weltgeschehen, dort vermag er sieh einem weiter- 
reichenden philosophischen Systeme einzufügen, hier muss er 
eine ausschliessliche Herrschaft beanspruchen. — Dann aber fragt 
es sich , ob die mechanische Theorie sich auf .die Natur be- 
schränken oder die Greisteswelt mit umfassen will, in welchem 
Fall der Begriff natürlich so erweitert werden muss, dass die 
physikalische Verwendung nur als Specialfall gelten kann. Für 
die NaturforschuHg dürfte es sich empfehlen, an der engen 
Fassung des 17. Jahrhunderts festzuhalten*), da sonst das Ein- 
dringen fremdartiger Merkmale nicht abgewehrt werden kann, 
jede Laxheit aber mit der Methode den Inhalt der gesammten 
Wissenschaft beeinträchtigen muss. 

Indem für die Philosophie die Frage eine allgemeinere wird, 
tritt dieselbe zugleich in eine andere Art der Behandlung ein und 
treibt nothwendig zu einer Ergänzung hin. Vor allem stellt sich 
hier der Mechanismus dar als eine uns eigenthümliohe Art, die 
Welt zu begreifen, eine Begreifung, die an manche Voraus- 
setzungen geknüpft ist. Er erweist sich als die Macht, welche 
ein System von Beziehungen beherrscht, aber das den Beziehungen 
zu Grunde liegende und die Verbindung des Vielen zu dem System 
vermag er nicht nur nicht zu umfassen, sondern er muss, aus- 
sohliessend hingestellt, geradezu die Möglichkeit dieser Voraussetzun- 
gen zerstören. Wie hier der Weltgedanke selber ihm eine un- 
übersteigliche Schranke setzt, so zeigt er innerhalb der Welt sein 
Unvermögen, alles zu erklären, gegenüber der Thatsache des 
Lebens und Fürsichseins. Wer wollte auch hier der mechanischen 
Erklärung (im philosophischen Sinne) ihre Bedeutung absprechen, 
aber je genauer wir prüfen, desto mehr stellt sich heraus, dass 



"') Selbstverständlich hat durch die Weiterbildung der Lehren von 
Stoff, Kraft, Bewegung u. s. w. anch die physikaüsch - mechanische 
Theorie eine Weiterbildung erfahren, aber hier handelt es sich nm feinere 
Differenzen, die bei der gewöhnlichen Behandlung des Problems ausser 
Acht bleiben. 



Teleologie. 169 

sie überall einen Grund Toraussetzt, den sie nicht zu begreifen 
yermag. Die Form des Lebendigen mag daher mehr und mehr 
mechanisch verstanden werden, für die mechanische Erklärung 
des Lebens selber ist damit nicht das mindeste gewonnen.*) 



Teleologie. 

Den alten und seit Socrates in der Philosophie oft ver- 
wandten Begriff des Zweckes hat bekanntlich zuerst Aristoteles 
selbstständig behandelt und unter die vier Ursachen eingereiht, 
bei den Lateinern hat seit Cicero finis auch die technische Be- 
deutung angenommen, während mir causa finalis erst bei Abälard 
vorliegt und das Wort Teleologie erst von Wolff geschaffen ist.**) 
Die deutsche Sprache zeigt in der Verwendung der Ausdrücke 
eine merkwürdige Bewegung. Notker, nach seiner Art das Fremde 
möglichst genau nachbildend, übersetzt finis mit „ende^. Eckhart 
hat „ende", „zil" und „warumbe", „Ende" und „Ziel" herrschen 
auch bei den Philosophen des 16. Jahrhunderts vor. Daneben 
haben Luther, Böhme u. a. „Fürsatz", „Zweck", das ich in philo- 
sophischer Verwendung zuerst bei Böhme aufweisen kann, drängt 
im 17. Jahrhundert rasch die andern Ausdrücke zurück, so dass 
z. B. Clauberg finis allein mit „Zweck" übersetzt und auch 
Leibnitz in seinen deutschen Schriften durchgehend „Zweck" und 
, Endzweck" verwendet, ohne beides bestimmt zu scheiden. Seit 



"') Es ist namentlich Lotze*s Verdienst, Bedeutung nnd Schranke des 
Mechanischen gleichmässig hervorgehoben nnd dadurch leibnitzische Ge- 
danken erneuert zu haben. S. nam. Allg. Pathologie nnd Therapie als 
mechan. Naturwlssensch. 

**) S. philos. ration. sive logica cp. III, § 85: remm naturalium dn- 
plices dari possunt rationes, quarum aliae petuntur a causa efficiente, aliae 
a fine. Quae a causa efficiente petuntur, in disciplinis hactenus definitis 
expenduntur. Datur itaque praeter eas alia adhuc philosophiae naturalis 
pars, quae fii^es rerum explicat, nomine adhuc destituta, etsi amplissima sit 
et utilissima. Dici posset teleologia. 



170 Teleologie. 

Anfang des 18. Jahrhunderts tritt daneb^i „Absieht'' (das dem 
17. Jahrhundert noch fremd ist) und gelangt namentlich durch 
Wolff zu weiter Verbreitung, so dass es geradezu „Zweck" be- 
einträchtigte. Dann aber bildete sich seit Baumgarten der 
Sprachgebrauch, dass „Zweck" för den Begriff finis, „Endzweck"- 
für finis primus und „Absichf" f&r intentio (finis repraesentatio) 
rerwandt wurde, und diesen sehen wir im 18. Jahrhundert sich 
allmählig durchsetzen.^) In neuester Zeit haben endlich die 
zahlreichen durch das Wort „Zweck" veranlassten Missrerstand- 
nisse E. E. von Baer veranlasst, für die naturwissenschaftliche 
Forschung dem Ausdruck Ziel (zielstrebig) den Vorzug zu geben. 
Deutet nicht schon eine solche Geschichte des Wortes gewisse 
Probleme im BegriflFe selber an? 

Die Greschichte der Zwecklehre ist die (beschichte eines fort- 
währenden Kampfes ; könnte man daraus, dass jene Lehre immer 
wieder in Zweifel gezogen wurde, den problematischen Charakter 
des Begriffes folgern, so dürfte andererseits der Umstand, dass 
immer wieder Männer ersten Ranges sieh des Bestrittenen ange- 
nommen haben, als Zeichen dafür gelten, dass es sich hier nicht 
um einfache Verirrungen handelt, und dass der Kampf nicht 
so sehr zwischen Wissenschaft und gemeinem Verstände ala 
zwischen gleichbedeutenden wissenschaftlichen Richtungen selber 
geführt wird. 

Vor allem sind wesentlich verschiedene Gestaltungen der 
Zwecklehre auseinanderzuhalten, denn das hat vielleicht am 
meisten zur Verwirrung beigetragen, dass ganz andersartige Motive 
an diesem Punkte zusammentreffen. Dass zunächst, der Mensch 
als handelndes Wesen alles auf sich bezieht und alles Geschehen 
als Mittel für seine Zwecke fassen möchte, ist unvermeidlich, dass 
von da aus auch die denkende Auffassung der Welt beeinflusst 
wird, liegt nahe, dass dann aber die Wissenschaft einen solchen 
Einfluss streng zurückweist, • ist ebenso ihr Recht wie ihre Pflicht; 



*) Freilich führt noch Plattner, Philos. Aphor. II, 23, ,an, dass die 
Sprache bie WOrter Zweck tind Absicht „wie gleichdeatig** behandle. 



Teleologie. 171 

denn nur nach Zeratörung dieser Art von Teleologie wird eine 
wiseenBchaftliche Begreifung der Welt Überhaupt möglich. Un- 
vergleichlich höher steht die Teleologie des ethisch • religiösen 
BewuBstseina Hier ist es die Ueberzeugung von dem absoluten 
Werthe der Lebensaufgabe des vernünftig freien Wesens, welche 
auf diese Aufgabe alles Weltgeschehen beziehen läset Gegenstand 
dieser Zweckbetrachtung ist an erster Stelle immer das Individuum 
als sittliche Persönlichkeit. Die Stellung zu diesem Probleme ist 
Ton so vielen Voraussetzungen abhängig, dass es sich (üt die 
Philosophie empfiehlt, für ihre Forschung dasselbe zunächst ganz 
bei Seite zu lassen. Nar insofern von hier aus ein dogmatisches 
System der Physikotheologie aufgestellt wird, ist ein Conflikt mit 
der Wissenschaft unvermeidlich, doch lässt sich fragen, ob nicht 
die Zerstörung einer solchen Physikotheologie noch mehr im 
Interesse der Religion als in dem der Wissenschafl liege. ■ 

Aber Über dem allen darf nicht vergessen werden, dass es 
auch eine streng theoretische Zwecklehre gibt, eine Zwecklehre, 
die nicht aus alten Vorurtheilen fiberkommen ist und sieh so mit 
fortgeschleppt hat, sondern die im hellen Licht des Tages ent- 
stand, und die der Krkenntniss ergänzend und vertiefend erheb- 
liche Dienste leisten sollte. Wo immer unwissensehaftliehe oder 
doch dem wissenschaftlichen Bewusstsein nicht mehr genügende 
Formen der Teleologie zurückgedrängt sind, hat sich stets wieder 
eine neue und höhere Teleologie erhoben. Gegen und Für sind 
gleich bedeutende Kräfte aufgetreten, die Angreifer pflegten 
voran zu gehen, aber wenn sie die Sache erledigt zu haben 
glaubten, so hatten sie am Ende nar den Boden fßr neue 
Schöpfungen frei gemacht. Einem Empedocies und Democrit 
folgten ein Plato und Aristoteles, einem Descartes und Spinoza 
Leibnitz und Kant, ein deutliches Zeichen, dass wir hier ein 
Problem anzuerkemieu haben, zu dem der Mensch immer wieder 
zurückkehren muss, ohne es auf irgend einem Punkte der ge- 
schichtlichen Bewegung abschliessend lösen zu können, und 
dass es sich um eine Frage handelt, die an den Sohianken 
menschlicher Erkenntniss liegt und daher von jeder Verschiebung 



f 



1 72 Teieologie. 

derselben mitbetroffen wird. — Wenn dieses rein theoretiselie 
Problem ron den gewöhnliehen Angriffen g^en die Teleologie 
gar nieht berührt wird, so darf andererseits nieht verkannt 
werden, dass diese Fassong fBr das ethiseh-religiöse Postulat un- 
mittelbar gar niehts leistet, und daher ein praktisches Interesse 
hier zunächst überhaupt nicht in Betracht kommt 

Die erste uniyersale Zwecklehre ist von Aristoteles auf- 
gestellt. Und zwar steht sie bei ihm, der auch hier den Höhe- 
punkt griechischen Denkens bildet, im engsten Zusammenhange 
mit den Grundlagen der gesammten Philosophia Die Welt gilt 
als ein lebendiges und in sich geschlossenes (ranze, welchem 
alles Einzelne gliedartig sich einfQgt, sie strebt nicht etwas ausser 
ihr liegendes an, sondern lebt sich selber, indem innerlieh 
erfüllte Thätigkeit und Darstellung nach aussen in eins zusammen- 
* fallen. Von hier aus bildet sich die Ueberzeugung, dass alles 
einzelne im Universum von dem Zusammenhang aus zu verstehen 
sei, sowie dass keine Bewegung in's Ziellose verlaufe, sondern 
eine jegliche an einen Endpunkt gelange, wo sie in ein innerlich 
befriedigtes und darstellendes Wirken (ivs^ysia) übergeht Aristo- 
teles macht aber von jener Lehre nur insofern specifischen 
Gebrauch, als er alle Mannigfaltigkeit organischer Bildung durch 
einen einzigen Typus zu verstehen sucht Die normale Form ist 
als die höchste die menschliche, auf ihre Hervorbringung geht 
das Streben der Natur bei allem Gestalten, und wenn das Ziel 
auch wegen des widerstrebenden Stoffes meist nicht erreicht wird, 
so lehrt die von ihm ausgehende Betrachtung doch, das Viele in 
eine Reihe zu bringen und jedes Einzelne im Zusammenhange zu 
erfassen. Zu allgemeiner Verwendung aber kam der Gredanke, 
dass alle Bewegung auf ein festes Ziel gerichtet sei: selbst die 
Elemente streben nach einer bestimmten Stelle des Weltalls, um 
hier äusserlich zu Buhe zu kommen, tiirgends gibt es ein Wirken 
in's Unendliche, eine gradlinige Bewegung ohne Abschluss. In- 
dem sich nun auf dem organischen Gebiete dieser Gedanke mit 
dem der Ueberlegenheit des Ganzen vor den Theilen verbindet, 
gewinnt hier die Zweckbetrachtung einen besonders reichen 



Teleologie. 173 

Inhalt. Die ToUendete Thätigkeit des Ganzen ist das Ziel, worauf 
alles Besondere zu riehten und von wo aus es zu begreifen ist. 
Wie immer man über eine solche Teleologie urtheilen mag, sie 
hat zur Unterordnung eines unermessliehen Stoffes unter einheit- 
liehe Gesichtspunkte grosses beigetragen, ganze Disciplinen wie 
z. B. eine Art ron vergleichender Anatomie, eine Entwicklungs- 
geschichte u. 8. w. sind erst durch sie möglich geworden. Auf 
keinem Punkte aber bleibt sie gegen den damaligen Stand der 
Wissenschaft zurück. 

Ein principieller Gegensatz zwischen dieser Zwecklehre und 
den Grundströmungen der neuem Wissenschaft ist freilich unleug- 
bar. Jene hatte einmal zur Voraussetzung die platonische Ideen- 
lehre, wonach das Weltgesehehen als Darstellung zeitlos wirkender 
Formen in einem Stoffe erscheint; während den neuem Denkem 
Stoff und Form in eine Einheit und zwar in die Einheit des Pro- 
cesses zusammenfielen. Nicht eine Verbindung verschiedener Arten 
des Seins bringt den Process, sondem dieser vielmehr alles Sein 
hervor. Was immer an Gestaltungen auftreten mag, es gilt als 
in ihm sich ursprünglich bildend, und kann daher auch stets 
nur als vorläufiger Abschluss, nicht als letzter Endpunkt erachtet 
werden. Der aristotelische Begriff der iveqysia wird aufgegeben, 
in Geist und Natur geht der Drang in's Unendliche, treibt immer 
neues hervor und kann sich bei keinem Erreichten befriedigen. 
Das Wirken der Kräfte wird demnach unabhängig von festliegen- 
den Zielen, nur von Richtungen etwa könnte gesprochen werden, 
die aber in's Unendliche weisen. 

In engster Verbindung damit stand ein zweiter Grundzug: 
die Auflösung des organischen Zusammenhanges der Welt, die 
Anerkeimung der Unabhängigkeit des Einzelnen, dafür aber die 
Unterordnung alles Geschehens unter einfache und allbeherrschende 
Gesetze. Diese Gesetze sind es, die nunmehr zunächst die Einheit 
der Welt vertreten, sie erweisen sich unmittelbar in jedem 
Einzelnen, und was immer es an besondem Gestaltungen geben 
mag, das lässt sich auf sie zurückführen. Dass eine specifische 
Form die Naturkräfte in ihren Dienst nehme und die Bewegung 



174 Teleologie. 

zu sich hinlenke, daran darf nicht mehr gedacht werden. Und 
auch das Weltall als Gesammtes gilt nicht als ein geschlossenes 
Gkmze, das alles Besondere werkzeuglieh auf sich beziehe. So 
tritt an Stelle des Gegensatzes der Theile und des Ganzen 
der des Einfachen und Zusammengesetzten; statt dass bei 
Aristoteles das Ganze erst das Einzelne rerstehen liess, muss 
nun die Gestalt in die Elemente aufgelöst sein, um wissen- 
schaftlich begriffen zu werden. Es ist demnach zusammen- 
genommen der genetisch-analytische Charakter der neuem Wissen- 
schaft, welcher die aristotelische Zwecklehre principiell zer- 
stören muss. 

Wenn auch diese entscheidenden Gründe in den refleotirenden 
Angriffen gegen dieselbe oft wenig hervortreten, so haben sie 
doch die wissenschaftliche Bewegung der Art bestimmt, dass die 
Behandlung der Frage endgültig eine andere geworden ist. Wo 
immer der Zweck eine Vertheidigung fand, war er gegen die 
frühere Form wesentlich umgestaltet. Seine Anhänger zerfallen 
aber in zwei Classen, indem die einen ihn mit jenen neuem 
Grundgedanken so gut wie möglich verbinden, die andem da- 
gegen ihn als eben durch dieselben innerlich gefordert nach- 
weisen möchten. Unter jenen Männern nehmen Boyle und der 
jüngere Kant, unter diesen Leibnitz und der ältere Kant die 
hervorragendste Stelle ein. Boyle meinte, dass eine streng durch- 
geführte mechanische Theorie des Zweckes als eines Gegenstückes 
bedürfe, um die Bichtung der Bewegung zu den vorliegenden 
Gestaltungen und einer vernünftigen Ordnung der Welt begreif- 
lich zu machen*); je mehr Innerlichkeit und wesentlicher Zu- 
sammenhang aus dem Naturgeschehen entfernt war, desto noth- 
wendiger schien die Ergänzung durch ein Transscendentes. Aber 
diese Vertheidigung des Zweckes war mit einer Umgestaltung 
verbunden, indem Boyle den Begriff kosmischer Zwecke auf- 



*"; S. z. B. de ipsa natura sect. IV: Hamm antem partinm motum sab 
primordia rernm infinita sna sapientia ac potestate ita direxit, nt tandem 
(sive breviore tempore sive longiore, ratio definire neqnit) in speciosam 
hanc ordinatamque mundi formam coalnerint. 



r 



Teleologie. 175 

stellte*), denen sich BesehafiFenheit und Befinden der einzelnen 
Formen unterordnen müsse. 

War es hier die unmittelbar vorliegende Beschaffenheit der 
Welt, welche zum Gredanken des Zweckes führte, so ging der 
jüngere Kant einen Schritt weiter zu den Principien zurück. An 
der gewöhnlichen Teleologie schien ihm besonders bedenklich, 
dass hier die Zufälligkeit der Naturrollkommenheit erforderlich 
war, einen weisen Urheber zu erschliessen, und dass ihr daher 
alle nothwendige Ordnung in der Welt zum gefährlichen Einwurf 
wurde. Aber indem er darauf drang, dass alle besondere 
Gestaltung als nach allgemeinen Gesetzen sich nothwendig bildend 
begriffen werde, gaben ihm diese Gesetze Anlass, den Zweck mit 
neuem Inhalt wieder aufzunehmen. Die Thatsache, dass aus 
äusserst einfachen Kräften sich ein wohlgeordnetes Ganze mittelst 
gesetzlicher Entwicklung bilde, und dass die Vielheit scheinbar 
Yon^ einander unabhängiger Dinge zu einem Zusammenhange sicli 
verbinde, 'dünkt ihm ein entscheidender Grund dafür, dass das 
Ganze einem höchsten Verstände entspringe. Grade dass die 
Naturkräfte ohne Eingreifen eines Jenseitigen diese Welt hervor- 
bringen können, bezeugt die Vernunft als weltbeherrschend, Wohl 
ist alle Ordnung Folge der Nothwendigkeit, aber, meint er, „ist 
diese Harmonie darum weniger befremdlich, weil sie nothwendig 
ist? Ich halte dafür, sie sei es darum nur desto mehr" (II, 138), 
— Diese Lehre steht der gleich zu betrachtenden leibnitzischen. 
von der sie auch Einflüsse aufgenommen hat, ziemlich nahe, und 
sie darf wohl als höchste Form einer Ausgleichung zwischen 
wissenschaftlicher Naturbegreifung und religiöser Weltauffassung 
gelten, aber es bleibt im Zweck auch hier noch immer etwas 
vor und über der Welt liegendes, während die Forderung gestellt 
werden muss, dass er unmittelbar und innerlich mit ihr ver- 
knüpft sei. 

Dieses letzte nun, was geleistet werden musste, um ihn philo- 



"') S. namentlich final causes of natural things prop. IV: cosmical, 
primary and overruling ends. 



176 Teleologie. 

sophisch zu rechtfertigen, ward Ton Leibnitz und dem spätem 
Kant unternommen. Zunächst freilich yertheidigt auch Leibnitz 
die Zwecklehre als etwas der Erklärung aus Wirkursachen neben- 
geordnetes. Er hebt hervor, dass beides sich keineswegs aus- 
schliesse, sondern die teleologische Betrachtung gerade für die 
ätiologische erhebliches zu leisten vermöge, aber in diesen Be- 
trachtungen kommt er nicht weit über die gewöhnlichen Vor- 
stellungen hinaus, die Teleologie geht im wesentlichen in eine 
heuristische Verwendung auf, und es wird geradezu ausgesprochen, 
dass sie letzthin hinter der Aetiologie zurückstehe.^) Die eigentliche 
Bedeutung Leibnitzens für die Zwecklehre liegt vielmehr darin, dass 
er die teleologische und die rein physikalische Betrachtung in ein 
inneres und wesentliches Verhältniss gebracht hat Das Problem^ 
dessen Verfolgung ihn auf eine universale Zwecklehre führt, ist 
die Beschaffenheit der allgemeinen Gresetze selber. Dieselben 
gelten ihm wie die ganze Weltordnung insofern als etwas ^si- 
tives, als sie eine von verschiedenen Möglichkeiten verwirklichen, 
und es fragt sich nun, ob diese bestimmte Beschaffenheit sich 
nicht einem einheitlichen Grcsichtspunkt unterordne und auf ein 
einheitliches Princip hinweise. Und hier schien sich ihm nun aus 
mannigfachen Erwägungen zu ergeben, dass alle Gesetze des Ge- 
schehens von dem Grundprincip aus bestimmt seien, dass ein 
möglichst grosses Quantum von Kraft zur Existenz gebracht werde. 
Ueberall seien die kürzesten Wege zum Ziele eingeschlagen und 
die einfachsten Mittel zum Zweck gewählt**) Die Welt erscheint, 



*) S. für das aUes z. B. Werke 143 b n. Foncher II, 357. An letzterer 
Stelle heiBst es: Cependant je tronve qne la voye des causes efficientes, 
qni est pltis profonde en effet et en quelqne fa^on plns immediate et a 
priori , est en recompense assez difficile , qnand on vient en detail , et je 
croy que nos philosophes le plns sonvent en sont encor bien 61oign^s. 
Mais la voye des finales est plns ais^e, et ne laisse pas de servir sonvent 
a deviner des v6rit6s importantes et ntiles qn'on seroit bien long temps a 
chercher par cette antre ronte plus physiqne. Man kann dafür anführen, 
dass in der That manche wichtige Entdeckungen der neuem Wissenschaft 
auf diesem Wege gemacht sind. 

**") S. 1 47 b : semper scilicet est in rebus principinm determinationis 



/ 

t 



Teleologie. • 177 

weil durch dies Princip beheiTScht, als eine absolut Yollkommene 
und zweckmässige, wenn auch, da es sich nur um das Quantum 
des Seins, nicht um eine bestimmte Qualität handelt, mehr die 
Form der Zweckmässigkeit, als ein bestimmter Inhalt, mehr eine 
in's Unendliche yerlaufende Sichtung, als ein Zielpunkt der Be- 
wegung behauptet wird.*) Eine solche teleologische Betrachtung 
liegt nicht neben der ätiologisch-physikalischen, sondern sie um- 
fassend über ihr, sie ist nicht auf ein bestimmtes Gebiet, etwa 
das des organische^ Lebens, eingeschränkt, sondern sie bezieht 
sich auf alles Geschehen und zeigt sich am meisten fruchtbar an 
dem, was die gewöhnliche Behandlung als Axiom liegen lässt 
Eben die Grundgesetze der Bewegung, die ganze Art des causlEden 
Wirkens u. s. w. finden von hier aus Beleuchtung. Für die Special- 
forschung ergab sich von da die Maxime, überall die kürzesten 
Wege zu suchen, aber da das letzte Ziel die Gesammtleistung 
der Kraft im Weltall war, so konnte das Einzelne nur annähernd 
in diese Rechnung aufgehen, und war überhaupt eine Aufgabe 
gestellt, deren Lösung nur allmählig im Fortgang wissenschaft- 
licher Arbeit gelingen konnte. Indessen meinte Leibnitz, dass die 
Torliegenden Daten in Verbindung mit den Gründen der Vernunft 
genügten, um das Princip zu sichern, und den noch nicht gelösten 
Geheimnissen des Weltalls gegenüber die Verwendung des be- 
kannten Wortes zu gestatten: „Was ich davon verstehe, gefällt 
mir, ich glaube, dass mir auch das Uebrige gefallen würde, wenn 
ich es verstünde" (s. 548 a). 

Das zweckmässige Geschehen erscheint nun aber im Zu- 



qnod a maximo mininove petendnm est, nt nempe maximns praestetnr effec- 
tus minimo nt sie dicam snmtu. 605 b bemerkt er hinsichtlich der Frage, 
ob nicht dnrch blosse Nothwendigkeit dasselbe Ergebniss hervorgebracht 
werden könnte : Gela serait vrai, si par exemple les loix dn monvement, et 
tont le reste, avait sa sonrce dans nne n^cessit^ g^om^triqne de canses 
efficientes ; mais il se tronve que dans la derni^re analyse on est oblig4 de 
reconrir k qnelque chose qni dopend des canses finales on de la convenance. 

*) Im Gmnde ist bei Leibnitz die Welt nicht eine voUkommne, sondern 
eine sich znr Vollkommenheit entwickelnde. 

Eucken, Oeschichte und Kritik. \2 



178 • Teleologie. 

sammenhange der leibnitziBchen Philosophie als etwas in die Welt 
selbst hineinfallendes, da letzthin alles Geschehen auf ein inneres 
Vorgehen zurückkommt, dies aber durch die Form der Zweck- 
mässigkeit beherrscht wird. Da die Vorstellung, die elementare 
Grösse Leibnitzens , unmittelbar den Hang zu einer andern mit 
sich bringt und in nichts anderm das Streben besteht, so wird 
durchgehend der Zweck die bewegende Kraft, aus der Thätigkeit 
und Gesetz sich ergeben. Der Zweck beherrscht die Welt, weil 
er das geistige Leben beherrscht, das die Grundlage alles Seins 
ist. — Freilich ist dabei aus dem Zweekbegriff das specifisch 
Menschliche, die Beflexion, ganz entfernt, wir haben einen meta- 
physischen Begriff, dem sich die psychologische Fassung als ein 
Specialfall unterordnet, aber immerhin scheint das erreicht, dass 
das Menschliche nicht weggeworfen zu werden braucht, sondern 
in dem grossen Ganzen seine Stelle findet. 

Wir haben nicht zu fragen, welche Bedenken sich gegen eine 
solche Zwecklehre erheben, soviel ist gewiss, dass sie über die 
landläufigen Einwendungen erhaben ist Namentlich wäre es 
widersinnig, diese Theorie einer streng causalen Forschung ent- 
gegenzusetzen, da sie gerade aus dem Verlangen entspringt, etwas 
causal zu begreifen, bei dem gewöhnlich die Forscher abschliessen. 
Eben zur rollen Beseitigung des Zufalles aus der Welt schien 
die Zweckidee, welche alles aus einem Princip bestimme, unent- 
behrlich. Wollte man also dieser Lehre etwas vorwerfen, sa 
könnte man eher sagen, dass sie zu viel, als dass sie zu wenig 
wage. Ein unbegrenzter und unerschütterlicher Glaube an die 
Macht der erkennenden Veniunft war ihre nothwendige Voraus- 
setzung, und es war die Erschütterung dieser Voraussetzung, welche 
sie zurückdrängte, nicht die directen Angriffe der Gegner. 

Eine solche Erschütterung trat aber bei Kant ein, indem alle 
causale Verknüpfung als eine lediglich in's Subject fallende Form 
des Erkennens erachtet wurde. Wie immer daher, auch der Zweck 
bestimmt und angewandt werden mochte, er gelangte nicht darüber 
hinaus, eine Art unserer Auffassung zu sein. Im weitem aber 
zeigen sich in der Behandlung des Gegenstandes alle Eigenthüm- 



Teleologie. 1 79 

lichkeiten und Vorzüge der kantischen Methode. Zunächst wird 
eine scharfe Bestimmung des Begriffes unternommen. Zweck ist 
(s. V, 439) „die vorgestellte Wirkung, deren Vorstellung zugleich 
der Bestimmungsgrund der verständigen wirkenden Ursache zu 
ihrer Hervorbringung ist^, und als zweckmässig gilt darnach das- 
jenige (s. VI, 385), „dessen Dasein eine Vorstellung desselben 
Dinges vorauszusetzen scheint." Es leuchtet ein, wie viel enger 
und specifischer damit der Begriff bestimmt wird als bei Leibnitz, 
und zugleich, dass ein solcher Begriff jenseits des (xebietes des 
specifisch Seelischen nie anders als symbolisch verwandt werden 
kann. Nun aber leitet die Erfahrung unsere ürtheilskraft (s. V, 
378 ff.) „auf den Begriff eines Zwecks der Natur nur alsdann, 
wenn ein Verhältniss der Ursache zur Wirkung zu beurtheilen 
ist, welches wir als gesetzlich einzusehen uns nur dadurch ver- 
mögend finden, dass wir die Idee der Wirkung der Causalität der 
Ursache, als die dieser selbst zum Grunde liegende Bedingung 
der Möglichkeit der ersteren unterlegen", und insofern kann gesagt 
werden (s. V, 383); „ein Ding existirt als Naturzweck, wenn es 
von sich selbst Ursache und Wirkung ist." Anwendung aber 
findet dieser Begriff zunächst bei den organisirten Wesen, von da 
aber wird man noth wendig geführt (s. V, 391) „auf die Idee der 
gesammten Natur als eines Systems nach der Kegel der Zwecke ; 
welcher Idee nun aller Mechanismus der Natur nach Principien 
der Vernunft untergeordnet werden muss." Der letzte Grund 
davon ist aber, dass unser Verstand Allgemeines und Besonderes 
von einander trennt, das Besondere vom Allgemeinen aus gesehen 
als zufällig erscheint, und daher, um eine Verbindung herzustellen, 
der Zweck herangezogen werden muss, während für einen Ver- 
stand, der vom Synthetisch - Allgemeinen (der Anschauung eines 
Ganzen) zum Besondern ginge, ein solches Bedürfniss nicht ent- 
stehen würde. Der Zweck dient also für uns, die Lücke zwischen 
dem Allgemeinen und dem Besondem, dem Möglichen und dem 
Wirklichen auszufüllen. 

Wie weit diese Lehre mit der leibnitzischen verwandt ist, 
und inwiefern sie abweicht, ist klar. An begrifflicher Schärfe 

12* 



1 80 Teleologie. 

ist die kantiBche Fassung ohne Frage ebenso tiberlegen, wie sie 
an EinflusB auf die Gesammtforschung hinter jener zurücksteht ; 
auch hätte in der Ausführung des Grundgedankens Tielleicht 
schärfer hervortreten können, dass der Mechanismus genau so mit 
dem subjectiven Momente behaftet sei wie der Zweck, sowie 
dass jeder Fortschritt in der mechanischen Begreifung, weit ent- 
fernt die teleologische zurückzudrängen, sie vielmehr fordere. 
Denn mit jedem Fortschritt jener Erkenntniss wird die ^ Kluft 
zwischen Allgemeinem und Besonderm, Möglichem und Wirklichem 
grösser, und damit wird um so noth wendiger die Verknüpfung, 
welche der Zweckgedanke bietet. 

Die nachfolgenden Forscher suchten über die Voraussetzungen 
der kantischen Lehre hinauszugehen. Den hypothetisch an- 
genommenen anschauend erkennenden Verstand wagten die con- 
structiven Philosophen als wirklich zu erweisen, die Naturforscher 
aber waren bestrebt, den Zweckbegriff aus dem ihm zugesprochenen 
organischen Gebiete zu verdrängen, und nach manchen vergeb- 
lichen Versuchen gelangten sie jedenfalls einen Schritt weiter 
durch die Lehre Darwins, wonach es möglich schien^ das Zweck- 
mässige in der Welt ohne Zweck zu verstehen. Die Maxime 
Leibnitzens, alles aus den kleinsten Kräften zu erklären, konnte 
hier vollauf verwerthet werden, wie sich ja Darwin ausdrücklich 
auf die von Maupertuis formulirte lex minimi berief, aber diese 
Maxime war nun aus dem ursprünglichen Zusammenhange einer 
teleologischen Weltbegreifung losgelöst, — Nachdem also aus den 
Naturwissenschaften die Zwecklehre verbannt ist, für die philo- 
sophische Verwendung aber jegliches Interesse fehlt, so scheint 
sie endgültig aufgegeben, und die Anhänger der Teleologie müssen 
sich etwa zugleich mit denen der Astrologie aus der Gegenwart 
verwiesen sehen. 

Vielleicht kann schon die geschichtliche Betrachtung zu einer 
Milderung dieser von K. E. von Baer verspotteten „Teleophobie" 
beitragen. Vor allem ist nothwendig, dass die Gegner der Teleo- 
logie sich die wissenschaftlichen Formen derselben zum Object 
nehmen und nicht ihre Angriffe an Gestaltungen verschwenden. 



^ 



i 



Teleologie. 181 

welche nie dem Höhepunkt der ForBohung entsprochen haben. 
Die Betrachtung der wichtigem Formen, welche die philosophische 
Zwecklehre angenommen hat, zeigt uns vor allem den durch- 
greifenden Unterschied ron allen Fassungen des gemeinen Lebens. 
Von einer Beziehung auf specifisch menschliche Interessen war 
keine Rede, der Zweck ward nicht als besondere Eigen- 
thümlichkeit einzelner Gebiete, sondern für die gesammte Natur 
und Welt vertheidigt, der Mechanismus als Form des Geschehens 
ward überall vorausgesetzt und anerkannt'*'), die Zweckbetrachtung 
aber lediglich im Interesse einer causalen Erfassung der Welt 
unternommen. Und zwar ward dabei nicht irgend ein materialei^ 
etwa ausser der Welt liegender Zweck, sondern nur die Form 
der Zweckmässigkeit innerhalb der Welt im Interesse einer ein- 
heitlich-systematischen Weltbegreifung vertheidigt. Was für dieselbe 
der Zweck leisten soll, ist natürlich nach der Gesammtauffassung 
verschieden, aber die Thatsache, dass gerade die am tiefsten 
eindringenden Denker die durch die Forschung zerlegte Welt 
wieder glaubten zur Einheit zurückführen zu müssen, und dass 
sie in diesem Streben alle zum Zweck ihre Zuflucht nahmen, 
könnte uns als ein Zeichen erscheinen, dass es sich nicht um rein 
individuelle Verirrungen handelt. Auch das führt zu einem solchen 
Ergebniss, dass der. Zweck überall mit der Eigenthümlichkeit der 
ganzen Weltbegreifung in enger causaler Verbindung steht ; ja 
selbst einen gewissen Zusammenhang der Bewegung könnte man 
darin angedeutet finden, dass die frühem Formen von den spätem 
nicht gänzlich verworfen, sondem nur zu subjeotiven Maximen 
herabgesetzt sind. Was Aristoteles als real gültig verwandte, 
möchte Leibnitz als heuristisch werthvoU vertheidigen , und was 
Leibnitz selbst aufstellte, ist bei Kant und selbst bei den Gegnern 
des Zweckes in jenem Sinne aufrecht erhalten« 

Aus dem allen ergibt sich freilich auch, mit wie viel Schwierig- 
keiten und Bedenken eine solche philosophische Zwecklehre zu 

*) Der Mechanismns konnte überhaupt nnr insofern der Zwecklehre 
entgegengesetzt werden, als von seinen Yoranssetzungen ans alles Geschehen 
letzthin cansal begriffen werden sollte. 



182 Teleologie. 

kämpfen hat. Zunächst hat sie schon der Behandlung nach " 
darunter zu leiden, dass sie nicht in gelegentlicher Betrachtung, 
sondeiTi nur innerhalb eines Systems der Weltbegreifung Würdigung 
finden kann. Greift man sie als einzelnes Problem heraus, so 
können die leitenden Motive nicht zur Geltung kommen und jede 
positive Behauptung muss als willkürlich erscheinen.*) 

Aber auch ohne ein specifisches * Eingehen lässt sich Ver- 
wendung und Inhalt des Begriffes von vom herein angreifen. 
Die Zwecklehre dient dem Gedanken der Welteinheit, aber ist 
dieser Gedanke nicht selber höchst problematisch, ja unvollzieh- 
bar? Und mit welchem Rechte wird ein Begriff, der nur inner- 
halb eines engen Gebietes Geltung hat, über dasselbe hinaus in 
das Weltall hineingetragen? So beachtenswerth solche Bedenken 
sind, sich letzthin durch sie bestimmen lassen kann man nur, 
wenn man die durchgehende Eigenthümlichkeit unserer Einsicht 
und aller unserer Grundbegriffe verkennt, und die Last auf einen 
Punkt legt, welche von dem gesammten Streben zu tragen ist. 
Ueberall müssen wir bei der Bildung unserer letzten Begriffe 
von uns selbst ausgehen, und es handelt sich nur darum, an 
wesentliches unserer Natur anzuknüpfen. 

Aber eben eine solche Bedeutung wird dem Zweck abge- p 

stritten. Auch in unserm Leben erscheint er als etwas neben- 
sächliches, abgeleitetes, der Reflexion unterworfenes. Doch hier 
ist die Irrung leicht aufzuweisen ; der besondere Inhalt der 
bewussten Zwecke wird verwechselt mit der Form der Zweek- 
thätigkeit selber. Auf letztere aber kommt es uns hier allein an. 
So angesehen entsteht der Zweck nicht bloss nebenbei in unserm 
Leben, so dass er etwa aus der reflectirenden Thätigkeit hervor- 
ginge, sondern die Reflexion selbst setzt ihrer Möglichkeit nach 
den Zweck voraus, und wie immer auch auf ihrem Gebiet der 
Mensch in der Anwendung desselben irren kann: dass er über- 
haupt Zwecke zu bilden vermag, ja dass er in der Form des 



''') Darnach ist der Zweck in erster Linie kein naturwissenschaftliches, 
sondern ein philosophisches Problem. 



Teleologie. 183 

Zweckes denkt und handelt, und zwar weit über alle Reflexion 
hinaus, das ist die entscheidende Thatsache. 

Nun entsteht allerdings bei der Verwendung des Begriffes 
über das uns nächstbekannte Gebiet hinaus das Dilemma, dass 
wir entweder dem Weltbilde eine anthropomorphe Form geben, 
oder den Begriff durch abstracte Fassung mehr und mehr des 
Inhalts berauben; aber wir möchten fragen, an welchem Punkte 
philosophischer Forschung man glaubt diesem Dilemma entgeheti 
zu können. Unadäquat bleiben unsere Begriffe vom Weltall 
immer, wollen und können wir deshalb auf das Forschen 
verzichten? 

Die Verwendung des Zweckes hat dann freilich die besondere 
Schwierigkeit, dass sie einer alle Erscheinung übersteigenden 
Vemunftidee dient, denn sie wurde im Interesse eines einheitlichen 
Weltzusammenhanges unternommen, die Welt aber ist als ein 
Einheitliches und Ganzes eben nicht gegeben. Doch auch diese 
Frage wird sofort Theil einer weiteren, indem es sich hier 
schliesslich um das entscheidende Problem der ganzen Erkennt- 
nisslehre handelt : um das Verhältniss des Denkens zur Welt und 
um Inhalt wie Bedeutung seiner Thätigkeit. Je nach der Stellung 
^ zu diesem Problem muss die Verwendung der Zweckidee ent- 

weder als willkürlicher Einfall oder als Pflicht erscheinen. So 
ganz einfach aber ist es nicht, die Entscheidung zwischen diesen 
Gegensätzen zu treffen, namentlich wenn man nicht vergisst, dass 
eine verneinende Antwort auch eine Antwort ist. Würden wir 
uns aber für die Verwendung des Zweckes entscheiden, so dürfte 
freilich ebenso wenig vergessen werden, dass es sich nie um eine 
rund aufgehende Begreifung des Problemes, sondern nur darum 
handeln kann, mittelst des Begriffes der Zweckthätigkeit sonst 
unfassbare Zusammenhänge uns einigermassen näher zu bringen. 
Wenn wir uns aber einer Wahrheit nur durch Vermittlung an- 
nähern könnten, so stünde sie dem Grundgedanken nach damit 
noch nicht in Frage, und das Mittel dürfte nicht verworfen werden, 
wenn es jener Annäherung nur wirklich Dienste leistete. 

Zu allen diesen Schwierigkeiten treten andere hinzu und 



1 g4 Teleologie. 

yenriekeln die Frage mehr und mehr, aber auch ganz abgesehen 
davon, was wir in dem Kampfe darom positiv erreichen, das 
Problem hat schon deswegen ffir nns Werth nnd Bedeutung, weil 
es ans auf die Ergänzmigsbedfirftigkeit und Unznl^iglichkeit der 
Theorien hinweist, mit denen wir leieht unsere Vorstellungen von 
der Welt abschliessend Was immer aber unser Denken und 
Streben vor eingrenzender Enge bewahrt, das darf nicht ftlr 
dtwas unerhebliches erachtet werden. Denn für uns werthyoll 
sind nicht nur Einsichten, welche unserm Wiss^i neues hinzu- 
fügen, sondern auch solche, die den Besitz richtiger schätzen 
lehren und uns den Blick in das Weltall offen halten. 



# 



Oultur. 

vintri (f iyiore oinoci&evaicey. 

Plato. 

Wie der Begriff der Cultur weit mehr dem allgemeinen 
Leben als der specifischen Wissenschaft angehört, so war auch 
der Ausdruck lange im Umlauf, ehe er innerhalb der Philosophie 
genauere Bestimmung fand. Im spätem Alterthum wie von der 
Benaissance an ward die Bezeichnung cultura animi oft verwandt, 
wobei bis in*s vorige Jahrhundert das Bildliche weit lebhafter 
empfunden wurde als in der Gegenwart; eine Einfügung des 
Begriffes in ein philosophisches System versuchte aber erst Baco, 
indem er in der Ethik der Feststellung des höchsten Gutes die 
Untersuchung über die Art, wie der Geist zu ihm hinzuleiten sei, 
entgegensetzt und diese Lehre Cultur, ja Georgik des Geistes 
nennt. *) 

Während hier die Oultur als Theil der Ethik giJt, tritt sie 
später selbstständig neben dieselbe, so dass nun eine nähere 
Bestimmung des Verhältnisses beider erforderlich wird. In der 
deutschen Philosophie stehen sich hter zwei flichtungen gerade 



i') S. de augm. scient. YII, cp. 1: Partiemnr igitur ethicam in doc- 
trinas principales dnas ; alteram de exemplari sive ima^ine boni, alteram de 
regimine et cultura animi, quam etiam partem georgica animi appellare con- 
Bnevimns. lUa natnram boni describit, haec regolas de animo ad illas con- 
formando praescribit; s. cp. 3. 




186 Cultur. 

gegenüber, und zwar ist es wieder Kant, der den Unterschied 
aufs schärfste hervorkehrt. Denn indem er unter Cultur „die 
Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu 
beliebigen Zwecken überhaupt (folglich in seiner Freiheit)" ver- 
steht, bleibt offenbar die Festsetzung des Zweckes selber völlig 
offen und Cultur und Ethik fallen auseinander. Fichte dagegen 
verfocht auch hier die Einheit; indem er unter die Erhebung 
des Geistes zur Herrschaft über alles Gegebene die sittliche Auf- 
gabe befasste und. in dem Freiheitsbegriffe Form und Inhalt 
eng verband, ward es ihm möglich, der Cultur den gesammten 
Lebensinhalt unterzuordnen. Cultur ist ihm (s. VI, 86) „Uebung 
aller Kräfte auf den Zweck der völligen Freihfeit, der völligen 
Unabhängigkeit von allem, was nicht wir selbst,- unser reines 
Selbst ist.'^ Da aber diese Aufgabe ihm alles andere in sich 
schliesst, so hat „nichts in der Sinnenwelt, nichts von unsenn 
Treiben, Thun oder Leiden, als Erscheinung betrachtet, einen 
Werth, als insofern es auf Cultur wirkt" Religion, Wissenschaft 
und Tugend werden ausdrücklich zu den höhern Zweigen der 
Vemunftcultur gerechnet (VII, 166), auch den Staatszweck macht 
die Cultur aus (VII, 146), so dass der Staat, den der Philosoph 
vertheidigt, geradezu als Culturstaat bezeichnet werden kann.*) 
Wenn also die heutige Werthschätzung der Cultur zunächst 
auf Fichte zurückweist, so brachte dieser doch nur einen (Jedanken 
zum typischen Ausdruck, welcher dem ganzen Streben der Neuzeit 
zu Grunde liegt: den Gedanken, dass die letzte Aufgabe des 
Einzel- und Gesammtlebens darin bestehe,, alle in der Mensch- 



''') Dieser Begriff tritt zunächst der Auffassung des Staates als eines 
nur „juridischen Institutes" entgegen. Aber auch zum nationalen Staate 
stand der Culturstaat anfänglich in einem Gegensatz; s. VII, 2t2: „Welches 
ist denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europäers? 
Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter der- 
jenige Staat in Europa, der auf der Höhe der Cultur steht." Später lernte 
Fichte das Nationale höher schätzen , • wiewohl es ihm stets (auch in den 
Keden an die deutsche Nation) nur als Ausdruck eines allgemein Mensch- 
lichen werthvoll gewesen ist. 



Cultur. 187 

heit angelegten Kräfte voll zu entwickeln und in's Unendliche zu 
steigern und zwar zur Macht über Natur, Menschenleben und 
Welt und zur daraus quellenden Freude am Dasein. Darin dass 
diese Aufgabe als die wesentliche und allumfassende hingestellt 
wird, und alle besondem Zwecke sich ihr unterordnen, beruht 
vor allem die Eigenart des Lebens der Neuzeit. 

Auch der antiken Welt war freilich die Entwicklung der 
Kraft etwas erhebliches, ja wesentliches, es soll das im Menschen 
Schlummernde zur lebendigen Thätigkeit erweckt, das Formlose 
gestaltet werden; aber man denkt sich, wenigstens auf dem 
Höhepunkte des Griechenthums, die Bewegung immer auf ein 
von Natur feststehendes Ziel gerichtet und von Anfang an durch 
Ordnungen, welche auf dieses Ziel hinweisen, gelenkt. Von 
einem Fortschritt in*s Unendliche, von einer Entfesselung der 
Kräfte ohne Bestimmung der Richtung ist keine Rede. Die Er- 
ziehung, welche hier darin aufgeht, die Natur ergänzend zu 
unterstützen*), ist daher von Anfang an um Inhalt und Lenkung 
der Thätigkeit aufs eifrigste besorgt; alle Kraft, die sich nicht 
werthvoUen Zwecken unterordnet, erscheint geradezu als verderb- 
lich.**) Ueberhaupt aber bildet alle Entwicklung als nur an- 
strebend eine blosse Vorstufe zu einer in sich erfüllten und nach 
aussen sich darstellenden Thätigkeit ; diese gibt wie das Ziel, so 
auch das Mass der Bewegung. Alles dies gilt wie vom Einzel-, 
so vom Gesammtleben. Auch hier soll nicht alles entwickelt 
werden, sondern nur das, was zu der vollendeten Lebensthätigkeit 
zu gelangen vermag, so dass es unter den gegebenen Verhältnissen 
nur ein sehr kleiner Theil der Menschen ist, der zu einem vollen 
Sichausleben und dem daraus erwachsenden Genüsse des Daseins 
kommt. Auch der Menschheit Fortschritt geht nicht in's Unend- 
liche, sondern bewegt sich festen Zielen zu, um dann einer rück- 
läufigen Bewegung Platz zu machen. Das Unendliche gilt in 



*) S. Ariflt. Polit. 1337 a, l: naaa ri^^^ J^«* naidtia t6 nqoaXelnov 
ßovXitai rrjf (fvöstas ayanXrjQovv, 

**) S. z. B. Plato'B Staat VI, 491 flF., Aristoteles Politik I, cp. 2. 



188 Cultur. 

Leben und Lehre gleich dem Endlosen und Unbestimmten, dieses 
aber als Gegensatz des allumfassenden Werthbegrlffes der Ordnung 
geradezu als ein schlechtes. Diese ganze Auffassung wurde 
freilich im Sinken des Alterthums dadurch gefährdet, dass das 
Bewusstsein realer Ziele innerhalb der uns umgebenden Welt 
erschüttert würfle und in Folge des die Entwicklung einen mehr 
formalen Charakter annahm, aber wenn damit einseitigej- eine 
Lebensführung hervortritt, die wir etwa Cultur nennen könnten, 
80 fehlt eben das, was derselben in der Neuzeit die entscheidende 
Bedeutung gibt: die Kraft, alle Verhältnisse des Lebens zu um- 
fassen und eine Erneuerung des gesammten Weltzustandes an- 
zustreben. 

Dem Christenthum ist die Bichtung des WoUens und Handelns 
unvergleichlich werthyoller als die dabei entwickelte Kraft und 
vollendete Leistung, ja unzählige Aeusserungen der Kirchenyäter 
könnten der Auffassung Baum geben, als möchte man sich 
geradezu der Gutturaufgabe entgegenstellen. Aber im Grunde 
wollte man doch zunächst nur die Ueberlegenheit der ethischen 
Aufgabe hei*vorheben und die Zurückziehung von den mehr 
peripherischen Thätigkeiten auf die Innerlichkeit der Gesinnung 
rechtfertigen; es waren oft gerade die umfassendsten und ein- 
dringendsten Forscher, welche alles, was die blosse Ausbildung 
der Kräfte zu geben vermag, gegenüber der ethisch - religiösen 
Verwendung nicht tief genug glaubten herabsetzen zu können. 
Auch darf die bestimmte Art der damaligen innerlich hohlen und 
absterbenden Cultur bei solchen Aeusserungen nicht übersehen 
werden. Mehr aber als dies alles kommt in Betracht, dass das 
Christenthum insofem in einem wesentlichen Zusammenhange mit 
der Culturaufgabe steht, als es die versuchte Aufbietung aller 
Kraft voraussetzt, um dann mit lieinem Inhalt hervorzutreten. 
Erst wenn der Mensch in dem Kampfe um Wahrheit und Glück 
das Aeusserste versucht hat und bis in die innersten Tiefen 
erregt ist, und nun das Bewusstsein unübersteiglicher Schranken 
sich durchbricht, kann die Eigenthümlichkeit des Christenthums 
volles Verständniss und Würdigung finden. Wo immer daher 



Cultur. 189 

die Calturaufgabö zurückgedrängt und gering geachtet wird, da 
wird mit der Innerlichkeit selbst die innere Wahrheit des Christen- 
thums bedroht sein. — Aber da wesentliche Voraussetzung 
noch nicht integrirender Theil ist, so lag für die weitere Ent- 
wicklung die Gefahr nahe, die Culturaufgabe bei Seite zu lassen 
oder doch nur so weit anzuerkennen, als sie den eignen Zwecken 
unmittelbar diente ; eine principielle Anerkennung jener Aufgabe 
und eine innerliche Ausgleichung mit dem Christenthum ist that- 
sächlich im Lauf der Gtesehichte nicht erfolgt', die Cultur ist im 
Grossen und Ganzen wie ein eigenes Gebiet neben dem Christen- 
thum liegen geblieben, und von Seiten der Anhänger einer streng 
dogmatischen Fassung desselben ist oft eine Gleichgültigkeit 
gegen alle ausserhalb des „specifisch" religiösen Gebietes liegen- 
den Aufgaben zum Vorschein gebracht, ja zur Schau getragen, 
welche die Unfähigkeit dieser Fassung bekundet, die ganze Fülle 
menschlicher Lebensinteressen aufzunehmen und zu würdigen. 

Der Inhalt der Neuzeit hat sich in einem gewissen G^ensatz 
dazu gestaltet. Vor allem findet eine uneimessliche Erweiterung 
des Lebenskreises statt : nicht dieses oder jenes besondere Ziel 
darf alles Handeln in Anspruch nehmen, sondern was nur immer 
für den Menschen Aufgabe der Thätigkeit werden kann, das soll 
ergriffen und ausgeführt werden. Es ist überhaupt nicht eine 
bestimmte Beschaffenheit, die dem Handeln in entscheidender 
Weise Werth rerleiht, sondern das Handeln selber, die Entwicklung 
der Kraft, die Steigerung der Lebensthätigkeit ist die höchste 
Aufgabe, das Leben selber ist das Ziel des Lebens. Nichts darf 
ruhend und angelegt bleiben, und wenn es zum yoUen Wirken 
gebracht ist, so wird der Endpunkt sofort Ausgangspunkt neuer 
Bewegung, im Fortschreiten bilden sich immer wieder Vermögen 
an, so dass der Drang weitfer und weiter bis in's Unendliche 
geht. Demnach hat das neue Leben das Merkmal der Rastlosig- 
keit an sich, der Blick ist immer in die Zukunft gerichtet, das 
Verlangen nie befriedigt, so dass für den antiken Begriff einer 
in sich ruhenden Thätigkeit [(der aristotelischen „Energie") kein 
Platz mehr ist 



190 Cultur. 

Diese Lebensbestimmung will ursprttnglieh nicht den andern 
entgegentreten, sondern sie alle umfassen. Was immer an Kraft 
für die Erreichung irgend welchen besondem Zieles aufgeboten 
war, das soll anerkannt und aufgenommen werden, unter der 
Bedingung, dass es sich dem entscheidenden Streben nach Lebens- 
fülle unterordne. Aber damit erhält freilich das Alte eine wesent- 
lich andere Bedeutung, wie es namentlich an der ethischen 
Aufgabe hervortritt. Nicht um eine innere Wandlung, eine 
„ Wiedergeburt '^ , kann es sich hier handeln, sondern Yerroll- 
kommnung (se perfectionner) wird das Ziel, die YoUkommheit 
aber ist nicht anders als der Gehalt des Seins selber."^) Indem 
ähnlich auch die andern Aufgaben sich dem einen Streben nach 
Lebensfiille einfügen, soll alles verwendet, nichts als ein unnützes 
weggeworfen werden. Und da die zu erweckende Thätigkeit 
ihren Werth nicht so sehr in der äussern Leistung als in der 
innein Kraftanspannung hat, so muss die tiefste Tiefe ergriffen 
und alles Starre in Leben und Fluss gebracht werden. Sowohl 
nach aussen wie nach innen hat der strebend schaffende Greist 
eine Unendlichkeit vor sich, nicht nur treibt er eine ganze Welt 
aus sich hervor, sondern er nimmt sie stets in sieh zurück, so 
dass das Aeussere ein Iimeres wird, und er vor allem die eigne ^ 
Ueberlegenheit über die Dinge steigert.» Wenn in einem solchen 
Zusammenhange der Geist nach dem bezeichnenden Ausdruck des 
Nikolaus von Kues ein „universelles Samenkorn'' bildet, das sich 
zur Welt entfalten soll, so beruht in dem Fortschritt Inhalt und 
Glück fiir das Leben des Einzelnen wie des Ganzen. Ja selbst 
das Weltall haben wir uns in diesem Zusammenhang als in's 
Unendliche fortschreitend zu denken.**) 



*) Durchgehend setzen die leitendeb Denker der Neuzeit die Begriflfe 
perfectio und realitas gleich und Leibnitz sagt noch beBtimmtei : perfectio 
nihil aliud quam essentiae quantitas (147 b). Ueberhaupt aber werden alle 
Bestimmungen des Werthes auf die der Kraft zurückgeführt. 

**) S. Leibnitz (deutsche Schriften II,- 36): ^Der Creaturen und also 
auch unsere Vollkonunenheit bestehet in einem ungehinderten starken Fort- 
trieb zu neuen und neuen VoUkommenheiten." Bei Wolff und seiner Schule 



Cultur. 191 

Aber so sehr man in diese Gresammtbewegung alle besondem 
einschliessen und die Gulturaufgäbe als eine schlechthin universale 
erfassen möchte , thatsächlich sind es doch immer bestimmte 
Voraussetzungen, von denen die Thätigkeit beherrscht bleibt, und 
bestimmte Sichtungen, in denen sie sich bewegt. Es steht einmal 
unser Leben unter geistig-geschichtlichen Einflüssen, welche Ziele 
und Strebungen specificiren, so das es ebenso wenig wie eine all- 
gemeine Beligion eine Cultur ohne nähere Umgrenzung geben 
Kann. Es nimmt daher auch die neuere Cultur innerhalb des 
umfassenden Gedankens eine besondere Stellung ein, die erkannt 
und geprüft werden muss, ehe man ein Urtheil über den Werth 
jener wagen darf 

Zunächst fällt hier in's Auge die bewusste Ablehnung aller 
Transscendenz. Es soll die Entwicklung der Kraft ganz und gar 
in diese Welt hineinfallen und dieselbe durchdringen. Mag man 
die Welt als ein Ganzes der Vernunft oder als eine Summe der 
Erscheinungen fassen, darin ist man einig, dass auf sie sich alles 
Handeln beziehe und in ihr verlaufe. Was nicht in ihr erreicht 
wird, wird überhaupt nicht erreicht, und was hier nicht zur Ver- 
wendung kommt, ist schlechthin verloren; alle Forderungen der 
Vernunft müssen hier erfüllt, alle Hemmnisse beseitigt, alle Gegen- 



ward das höchste Gut bestimmt als perpetuus sive non impeditus ad ma- 
jores perfectiones progressns. — Der Begriff des Fortschrittes zieht sich durch 
das ganze Alterthnm, Plato und Aristoteles haben dafür die Ausdrücke 
Ini^ocK und ini^Mvai, weit mehr aber trat später das stoische nQoxonij 
hervor, das wir (z. B. bei Polybius) ganz ähnlich verwandt finden wie das 
heutige „Fortschritt*. Der Gedanke eines Fortschrittes in's Unendliche 
wird von den Neuplatonikem und Mystikern freilich vorbereitet, ist aber 
zur vollkommenen Durchführung erst in der neuen Philosophie, und zwar 
zuerst bei Nikolaus von Kues gekommexi. Den Höhepunkt aber hat diese 
Idee bei Leibnitz erreicht, s. z. B. 150 a: in cumulum etiam pulchritudinis 
perfectionisque universalis operum divinonim progressus quidam perpetuus 
liberrimusque totius universi est agnoseendus, ita ut ad majorem semper 
cultum procedat ff. — Der Ausdruck Fortschritt scheint übrigens erst in 
der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu einem festen Terminus ge- 
worden zu sein. 



1 92 Cnltur. 

Sätze ttber wunden werden. Ein Widerspruch, ja eine Differenz 
zwischen Vernunft und Wirklichkeit kann durchaus nicht ertragen 
werden. Durch das alles wird die Gesammtanspannung der Kraft 
für jeden Augenblick zur nothwendigen Aufgabe, und es erhält 
die neuere Cultur einen radical umwälzenden Charakter, wie sich 
dessen ihre Hauptyertreter auch klar bewusst waren. 

Als das eigentliche Substrat von Leben und Entwicklung gilt 
aber die Intelligenz. Wenn die neuere Psychologie alle geistigen 
Vorgänge auf Erkenntnissprocesse zurtlckftthren möchte*), wenn 
die praktische Philosophie Glück ^ und Tüchtigkeit vom Erkennen 
abhängen lässt, und die Metaphysik aus dem Denken die ganze 
Welt hervorbringen möchte, so kommt in diesen wissenschaftlichen 
Lehren nur eine allgemein -menschliche Ueberzeugung zum Aus- 
druck. Auch für diese ist das Wissen der Quell aller Macht und 
alles Guten, die Unwissenheit dagegen der Schwäche und des 
Bösen. Die Erkenntniss gibt uns Gewalt über die Natur, so dass 
wir alle ihre Kräfte in imsem Dienst ziehen und dadurch die 
eigne Macht in's Unermessliche steigern können; sie gibt uns 
aber nicht weniger Macht über uns und unser Geschlecht, dessen 
Geschick auf Grund der Einsicht in die leitenden Gesetze von 
uns aus gelenkt werden kann. 

Wenn nach dem allen als Aufgabe und Gewinn des Lebens 
die Steigerung der Erkenntniss gilt, so bestimmt sich der Fort- 
schritt, an den man glaubt, näher als ein intellectueller.**) Femer 
erhält das Wissen im neuern Leben eine ganz andere Beschaffen- 
heit- und Stellung als in frühem Zeiten. Es ist nicht ein ruhiges 
Anschauen der Welt, ein ^soaqsiv, sondem eine Umwandlung der- 
selben, um sie in die eigne Machtsphäre aufzunehmen. Der Satz, 
dass Wissen Macht sei, wird jetzt in einem weit bezeichnenderen 
Sinne ausgesprochen als je zuror; die Forderung, dass Theorie 
und Praxis durch ein engeres Band verknüpft werden, geht seit 



*) Schon Nikolaus von Knes sagt I, 91b: ego meutern intellectnin 
eBse affirmo. 

**) S Nikolaus von Knes (II, I88a): posse semper plus et plus intelli- 
gere sine fine, est similitudo aetiernae sapientiae. 



Cultur. 193 

dem 16. Jahrhundert durch alle Systeme und erweitert sich mehr 
und mehr dahin, dass Wissen und Leben in eins zusammenfallen 
sollen. Damit wird auch der Platz der Wissenschaft innerhalb 
der geschichtlichen Entwicklung ein anderer. Mag ftir das Alter- 
thum der Satz HegeVs im Ganzen zutreffen, dass die Eule der 
Minerva erst im Dunkel ihren Flug beginne, in der Neuzeit trägt 
die Wissenschaft die Fackel voran, es wird nicht das, was sich 
unbewusst im geschichtlichen Leben gebildet hat, nachträglich be- 
griffen und vor der Vernunft rechtfertigt, sondern die Wissenschaft 
steckt die Ziele von sich aus und verlangt dann, dass die Durch- 
führung im Leben nachkomme. 

Alle Forderungen aber, die sieh aus der Culturidee ergeben, er- 
halten dadurch ein besonderes Gewicht, dass sie für jedes Individuum 
in vollem und gleichem Umfang geltend gemacht werden. Es handelt 
sich einmal im Leben der Neuzeit nicht um einen einfachen 
G^sammtprocess, dem sich das Einzelne als Glied oder Moment 
vollständig einfüge, sondern ebenso, wie wir bei der theoretischen 
Weltbegreifung den Gegensatz des Einzelnen und Allgemeinen in 
dem Begriff des Gesetzes überwunden sahen, ist auch praktisch 
das Einzelne nicht etwas unter oder an dem Ganzen, die be- 
sondem Wesen sind vielmehr nach Leibnitzens bezeichnendem Aus- 
drucke partes totales, ein jedes trägt die ganze Welt in sich, 
indem es eine vernunfterflillte Kraft bildet, die sich zum Unend- 
lichen erweitert. Das geschichtliche Leben vollzieht sich also 
nicht über den Einzelnen, sondern in ihnen, in jedem Individuum 
verläuft der gesammte Weltprocess, so dass wir eine Unendlich- 
keit unendlicher Welten erhalten. Eine Voraussetzung dieser Auf- 
fassung ist die Ueberzeugung von der wesentlichen Gleichheit 
aller Individuen, und dafür treten denn auch die Forscher ent- 
schieden ein.*) Nicht minder noth wendig ist die Voraussetzung, 

— ■ ■■■ / 

*) Am einfachstesL spricht den allgemeinen Gedanken vielleicht Car- 

tesius ans, wenn er sagt (de methodo zu Anfang) : Kationem qnod attinet, 

qnia per illam solam homines samns, aeqnalem in omnibns esse facile credo. 

Der hier angeführte Grand ist auch für Flchte^s Lehre von der Gleichheit 

alles dessen „was Menschengesicht trägt** massgebend. 

E n c k e n , G eschichte und Kritik. ] 3 



194 Cultur. 

dass die Bewegung des Individuums der des Weltganzen entsprecte, 
und dass dasselbe bei aller empirischen UnvoUkommenheit sich 
doch immer auf der richtigen Bahn befinde. Kein Satz steht 
der neuem Culturidee feindlicher entgegen als die Lehre von 
einem radicalen Bösen. 

Waren aber jene Voraussetzungen zugegeben, so eröffnete 
sich mit ungeheuren Aufgaben der Blick in eine unabsehbare 
Feme. War nun der Einzelne der eigentliche Träger des Lebens, 
so kam es darauf an, ihm das Gesammtergebniss der Cultur zu 
tlbermitteln , vor allem aber ihm alle Früchte der intellectuellen 
Arbeit zugänglich zu machen. Von einer isolirten Stellung ein- 
zelner hervorragender Denker und einer esoterischen Art der Er- 
kenntniss konnte daher nicht mehr die Bede sein, vielmehr galt 
als Pflicht, die Helle von den Höhen in die Thäler zu tragen und 
überallhin Aufklärung und Bildung zu verbreiten.*) 

Es ist nicht nöthig eingehend darzuthun, wie grosses die 
Menschheit dieser gerammten Culturidee verdankt, wie die ganze 
Art des Lebens dadurch umgewandelt, all unser Denken und j 
Empfinden von da aus bestimmt ist, so dass selbst die, welche i 
sich entgegenstellen möchten, überall den Einfluss des Bekämpften I 
verrathen, und das Alte, für das sie etwa eintreten, unvermerkt I 
umgestalten. Sollte man aber die hervorragendsten Punkte be- ' 
zeichnen, so würden die Steigerung der Macht des Menschen über 
die Natur und Welt und die Befreiung und Erhebung des Individuums 
obenanstehen. Möchten auf diese Güter ernstlich diejenigen ver- 
zichten, welche von der neuem Cultur fast nur sprechen, um an 
ihr Ausstellungen zu machen? i 

Und doch, kann man leugnen, dass die Durchführung und | 
Verwerthung der leitenden Gedanken zu immer weitem Problemen, | 
Verwicklungen, ja Katastrophen geführt hat, und dass wir uns 
auch jetzt, so übertrieben manche Befürchtungen für die unmittel- 



*) Der Ausdrack Bildung ist in dem hiehergehörigen Sinn recht jnng, | 
erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts beginnt er von dem Körper- 
lichen auf das Geistige tibertragen zu werden. 



Cultur. 195 

bare Gegenwart sein mögen, in einer die ganze Culturwelt um- 
fassenden Krise befinden? Es war ein innerer (xegensatz, von 
dem die Gefährdung der neuem Gultur ausging: das Yerhältniss 
des, wir möchten sagen, inteliigiblen Individuums der Idee und 
des empirischen der Erscheinung. Indem jenes nicht hoch genug 
erhoben werden konnte, ward die Kluft immer grösser, bis die 
Brücke auseinander riss, und das empirische Individuum nun 
seinen Theil für sich verlangte und zu rechnen anfing, welchen 
Yortheil ihm denn die neue Lebensbestimmung bringe. Hatte es 
aber einmal so die Frage gestellt, so war die Antwort gegeben. 
Die neue Gulturidee mit ihren unermesslichen Aufgaben verlangt 
ebenso eine Yereinigimg vieler Kräfte zur gemeinsamen Arbeit 
wie eine durch die Geschlechter und Zeiten hindurchgehende 
Thätigkeit; was immer davon das zeitliche Leben des Einzelnen 
zu fassen vermag, ist dem Ganzen gegenüber verschwindend und 
verringert sich in eben dem Masse, als das Ganze fortschreitet. Und 
zwar gilt dies besonders gegenüber einer vorwiegend intellectu- 
ellen Bestimmung der Lebensaufgabe, ohne dass die hier zur Ab- 
hülfe aufgebotenen Mittel erhebliches nützen könnten. Wenn z. B. 
dem Einzelnen dasjenige, was er nicht innerlich zu durchleben 
vermag, in den fertigen Ergebnissen mitgetheilt werden soll, so 
leuchtet ein, dass dabei gerade das verloren geht, wodurch der 
neuem Zeit das Wissen werthvoU wird: die eingreifende und 
umbildende Kraft Wollte aber gar der subjective Verstand des 
empirischen Individuums die der Gesammtvemunft erstrittenen 
Hechte für sich in Anspruch nehmen und alles auf den Augen- 
blick und das ihm Dienliche beziehen, so war mit der Gesammt- 
arbeit und der geschichtlichen Grundlage die Cultur selber dem 
Wesen nach zerstört Diese Gefahr tritt schon bei Bousseau 
deutlich hervor, sie wächst in dem Masse, als die idealistische 
Bichtung, welche den Menschen als Theilnehmer einer inteliigiblen 
Welt fasst, zurückgedrängt wird, und sie bleibt in ihrer ganzen 
Tragweite dem Blick nur deswegen verborgen, weil das empirische 
Individuum zunächst ja in Folge der geschichtlichen Gestaltimg 
einen Beichthum an Interessen und Empfindungen allgemeiner 

13* 



196 Cultur. 

Art in sich trägt, der nun als ihm für sich zukommend er- 
achtet wird. 

Femer aber hat der Glaube an die Allmacht des Intellec- 
tuellen manche schwere Erschütterung erlitten. Wir sehen hier 
ab von den Schwierigkeiten, welche sich Punkt fftr Punkt der 
wissenschaftlichen« Durchführung des Grundgedankens entgegen- 
stellten, auch im allgemeinen Leben ist Zweifel und Misstrauen 
in stetem Wachsen, so sehr man äusserlich die alte These 
aufrecht erhält Den vertrauensvollen Glauben der Zeit hat die 
Lehre, dass durch Hebung der „Bildung" alle Schäden der Mensch- 
heit geheilt werden könnten, nicht mehr für sich. Man versucht 
es dann freilich oft, alle Schuld der Halbbildung beizumessen^ 
und in dem Masse als diese herabgesetzt wird, Lob auf da» 
wahre Wissen zu häufen, aber zunächst fixirt man so einen Gegen- 
satz, der den ursprünglichen Bestrebungen der Neuzeit nicht nur 
fern liegt, sondern geradezu widerspricht*); dann aber dürfte 
sich wohl die Frage erheben, woher denn diese Halbbildung 
stamme, von der in dem Umfange andere Zeiten nichts wussten» 
Aus dem allen aber würde das Problem erwachsen, ob nicht in 
der einseitig intellectualistisch^n Lebensbestimmung selber der 
Grund der Missstände liege, wobei der Zweifel natürlich nicht 
gegen das Wissen an sich, sondern nur gegen seine ausschliess- 
liche und alle andern Aufgaben zurückdrängende Herrschaft ge- 
richtet wäre. 

Das alles führt ungeheure geistige Kämpfe herauf, die 
um so tiefer eingreifen und erschüttern, je mehr die neue Zeit 
darauf bestehen muss, alles in der uns umgebenden Welt zum 
Austrag zu bringen. Indem alles in ein einziges Geschehen hin- 



*) GrosBe Zeiten haben eben das Eigenthtimliche , dass auch das Un- 
voUkommne von der Idee erfasst und gehoben wird. Die scharte Scheidung 
einer „falschen** und „wahren** Fassang zeigt schon die beginnende Krisis 
an, wie überhaupt diese Scheidung oft nnr die Absohwächnng oder gar 
das Aufgeben der ursprünglichen Ueberzeugung verdeckt. Man ist gewöhn- 
lich in Begriff, eine Inconsequenz zu begehen, wenn man so eifrig auf die 
„wahre** Form des Principes dringt. 



Cultur. 197 

einfällt, und dieses als letzthin abschliessend gilt, muss jede Lüeke 
zum Mangel, jeder Gegensatz zum Widerspruch werden. 

Je mehr aber durch ein solches Hervortreten von Mängeln 
und Widersprüchen die Kraft der Culturidee beeinträchtigt wurde, 
«lesto mehr wuchs die Gefahr einer Einengung des ursprünglichen 
Lebenskreises, die Gefahr, dass mannigfaches, was derselbe zu 
Anfang mit umfasste, später als fremdes, ja feindliches ausge- 
schieden wurde. Vor allem sollten zu Beginn und auf der Höhe 
Oeist und Natur die gleiche Anerkennung finden, wie denn auch 
in der Wissenschaft eine speculative und inductive Richtung zu- 
sammenwirkten. In der Berührung und gegenseitigen Steigerung 
beider Tendenzen liegt nicht zum wenigsten der Grund der ge- 
waltigen Eraftentwicklung der Neuzeit, so dass dieselbe in ein 
Jähes Sinken gerathen musste, sobald die eine. dieser Tendenzen 
in Denken und Leben zurückgedrängt wurde. 

Dazu fühlte man sich in der Zeit aufstrebender Kraft stark 
^enug, auch die Ergebnisse früherer Gestaltungen in den eignen 
Lebensplan aufzunehmen. Vielleicht stand man selbst zum Alter- 
ihum trotz der mangelnden exacten Erkenntniss in einem mensch- 
lich engem Yerhältniss als wir in der Gegenwart, jedenfalls 
aber wollte man den Inhalt des Ghristenthums sich aneignen und 
zur Ergänzung wie Vertiefung des Lebens verwerthen. Es ist 
eine, wir können nicht anders sagen als unwürdige Behauptung, 
die Stellung, welche Männer wie z. B. Spinoza, Locke, Leibnitz 
zum Ghristenthum einnahmen, aus blosser Rücksicht gegen die 
herrschende Macht zu erklären, statt einen innem Grund dafür 
zu suchen, weswegen Denker aller Richtungen, bei aller Ver- 
schiedenheit der Auffassung des Christenthums, auf es selber 
nicht verzichten wollten, ja grosse Kraft daran setzten, es mit 
den neuen Ideen eng zu verknüpfen. Aber während damals der 
Drang dahin ging, den eignen Kreis so weit wie möglich zu er- 
weitem und in allem Fremden ein durch die Einheit der Vernunft 
Verwandtes zu erkennen, trat bald das entgegengesetzte Streben 
ein, das Specifische und damit den Gegensatz hervorzukehren, die 
Culturbewegung verengte sich bei aller äussern Ausdehnung 



198 Cultur. 

innerlich mehr und mehr und nahm gegenüber den andern Lebens- 
formen jenen oppositionellen Charakter an, der nun einmal 
auf geistigem Gebiet durch die Eingrenzung des Horizontes end- 
gültig weit mehr dem Träger selbst schadet als demjenigen, gegen 
welchen der Kampf gerichtet ist 

Diese Entwicklung vollzog sich ohne Frage nicht durch 
Willkür oder gar Bosheit der Individuen, sondern mit innerer 
Noth wendigkeit; aber eben deswegen bleibt es eine Thatsache 
von der grössten Bedeutung, dass der Culturgedanke sich mehr 
und mehr verengt und, was schlimmer ist, veräusserlicht hat. 
Denn je mehr ausgeschieden wurde, je mehr die Gegensätze 
verschwanden, desto weniger Veranlassung war, in die Tiefe hinab- 
zusteigen und durch Einwärtswendung die Probleme zu lösen. Wie 
unendlich viel weiter, freier und tiefer hat z. B. ein Mann wie Leibnit^ 
Aufgabe und Inhalt der Cultur bestimmt, als es heute auch von 
ihren am meisten berufenen Vertretern geschieht? Wir werfen 
andern Zeiten oft Enge und Einseitigkeit vor, und das nicht ohne 
Recht, aber mit der Enge war nicht selten die Tiefe des Lebens 
verknüpft, und ist nicht schlimmer als alle Beschränkung die 
Veräusserliehung, die nur darum viel zu umfassen vermag, weil 
sie nichts in die Innerlichkeit des Lebens aufnimmt? 

Es ist unvermeidlich, dass eine solche Lage, welche die Er- 
rungenschaften jahrtausendlanger Kämpfe gefährdet zeigt, auch 
Zweifel gegen die Culturidee selber wachruft, und dass nun alle 
Missstände und Entartungen der Zeiten und Individuen jener Idee 
selbst schuld gegeben, alle specifische Gestaltung dem allgemeinen 
Begriffe beigelegt, ja die bleibenden Schranken und Gebrechen 
menschlichen Lebens auf jenes Grundstreben zurückgeführt werden. 
Solchen ungerechten und oft kleinlichen AngriflFen gegenüber wird 
es dann Aufgabe, wie für die Bedeutung der Cultur, so für den 
ursprünglichen Inhalt der Neuzeit einzutreten. Wo immer auch die 
Schranken der Cultur überhaupt und der neuem im besondem 
liegen mögen, keine eingreifende Gestaltung von Leben und Welt 
ist möglich ohne jene Entwicklung der Kraft, in welcher die 
Neuzeit ihr Ziel sah, ohne eine Richtung des Individuums auf 



Cultur. 1 99 

das Weltganze mit der Fülle seines Inhalts. Auch die ethische 
Aufgabe, welche nicht selten der Cultur entgegengestellt wird, 
kann im Gresammtleben der Menschheit nur da Fortgang nehmen. 
Wo sich dem Handeln ein reicher, ja universaler Inhalt bietet, 
durch den das Individuum seinem ganzen Wesen nach ergriflfen, 
innerlich geweckt und in thätiger Arbeit über sich selbst gehoben 
werde. Wo. die Entwicklung der Kraft nicht versucht wird, da 
bleibt alles, was an den Menschen herankommen mag, ihm ein 
äusserUches, und auch das Lebensvollste erstarrt, wenn es nicht 
von Lebendigem aufgenommen wird. 



Individualität. 



Llndividnalit^ enveloppe rinfini. 

Leibnitz. 

Auch bei der Behandlung des Principes der Individualität 
mag es gestattet sein, zunächst einen Blick aitf die Grcschichte von 
Wort und BegriflF zu werfen, Indiriduus gilt seit Cicero als Ueber- 
setzung des aristotelischen AiiaiQsrog oder auch des demokriteischen 
ärofiog, so dass es zur Bezeichung dessen dient, was nicht mehr 
zerlegt werden kann*); ihm entgegen steht von Anfang an 
dividuus. Diese Bedeutung bleibt auch im Mittelalter die vor- 
wiegende**) ; aber es kommt schon im Ausgang des Alterthums 
die Verwendung auf, welche später herrschend geworden ist Im 
begrifflichen Anschluss an Porphyrius nennt Boethius individuum 
aas Einzelne als einzigartiges***), welcher Sprachgebrauch in den 
logisch -metaphysischen Untersuchungen des Mittelalters sich er- 
hielt und nach und nach ausbreitete, zur weitem und allgemeinen 
Greltung aber erst durch Leibnitz gekommen ist. 

*) S. z. B. Seneca de provid. 5 : qnaedam separari a qnibnsdam non 
possnnt, cohaerent, individna snnt. Notker tibersetzt individnus mit „nn- 
spaltig*". 

""") Man mnsB sich daher hüten, die mittelalterlichen Ansdrttcke durch- 
gehend im neuem Sinn zu verstehen. 

***) S. Commentar zu Porphyr, (edit. BasiL 1570, pg. 65): individuum 
antem plnribus dicitnr modis. Dicitnr individuum quod omnino secari non 
potest, ut nnitas vel mens; dicitur Individuum quod ob soliditatem dividi 
nequit, ut adamas; dicitur individuum cujus praedicatio in reliqua similia 



IndividnalitÄt. 201 

Den dabei zu Grunde liegenden Begriff haben zuerst die 
Stoiker ausgebildet und vertreten, aber die Epicureer und Skeptiker 
nahmen sofort den Begriff auf, jeder freilieh um ihn zu seinen 
Zwecken zu verwenden. Den Stoikern ist die Lehre von der 
individuellen Verschiedenheit aller Wesen integrirender Theil 
einer systematischen Weltauffassung. Aus Aet Idee der Voll- 
kommenheit des Universums ergab sich der Satz, dass alles 
einzelne verschieden sei und ein jedes etwas eigenartiges, ja 
unersetzbares zum Ganzen beitrage. Dass sie diesem Gedanken 
mit der stärksten Anspannung den schärfsten Ausdruck gaben, 
entsprach ihrer ganzen Art: nicht zwei Haare und nicht zwei 
Blätter, geschweige denn zwei lebendige Wesen sollten einander 
gleich sein.*) — Die Epicureer standen dagegen fiir die Be- 
deutung des Individuums ein, um die Unabhängigkeit des Einzelnen 
zu rechtfertigen, während die Skeptiker den Begriff einer in- 
dividuellen (geistigen und körperlichen) Verschiedenheit als Waffe 
gegen die Möglichkeit einer allgemeingültigen Erkenntniss ver- 
wandten. 

In der principiellen Fassung geht dann die neuplatonische 



non convenit, nt Socrates: nam cum illi sunt caeteri homines similes, non 
convenit proprietas et praedicatio Socratis in caeteris, ergo ab üb qaae de 
tino tantnm praedicantnr genns differt, eo quod de pluribus praedicetnr. 
Ans Porphyrins führt Prantl I, 629 an: aro/xa Xiysrai ra roiavra, 07» 1^ 
idiori^tmy cvyicrijxsy ixactoy, toy to ad'qousfxa ovx ay in ccXkov riyog nore ro 
avro yiyoiro tmy xara fiiQo^ und aus Boethins ebendaselbst: incommunica- 
bilis Piatonis illa proprietas Platonitas appelletur. Wie wenig Veränderung 
jene Bestimmung im Lauf der Zeiten erfuhr, geht daraus hervor, dass noch 
Jacob Thomasins, der Lehrer Leibnitzens, definirte: individnum est quod 
constat ex proprietatibus qnarnm coUectio nnmquam in alio eadem esse 
potest — Individualis ist ein mittelalterliches Wort, es kommt z. B. bei 
Adelard von Bath vor, s. Prantl II, 141. 

*) S. z. B. Cicero acad. qnaest. II : dicis nihil esse idem quod sit aliud, 
stoicnm est quidem nee admodnm credibile, nullum esse pilum omnibus 
rebus talem, qualis sit pilns alins, nullum granum etc. Seneca ep. It3, 15: 
nuUüm animal alteri par est, circumspice omnium corpora: nulli non et 
color proprins est et fignra sua et magnitudo. 16: tot fecit genera foliomm : 
nullum non sua proprietate signatnm. Plinins nat. bist. lih. VIT. 



202 Individualität. 

Schule einen erheblichen Schritt weiter. Nicht nur wird bei 
Plotin die Besonderheit der Einzelwesen in einer alle Erfahrung 
tibersteigenden Weise aus der Verschiedenheit der schaffenden 
Vemunftacte begründet und damit die neuere Form der Lehre 
angebahnt*), sondern es wird auch bei ihm und mehr noch 
seinen Nachfolgern der Satz aufgestellt, dass jedes einzelne in 
eigenthümlicher Weise innerlich die ganze Welt enthalte und 
darin die Aufgabe des Lebens habe, dieses innerlich angelegte 
zur vollen Entwicklung zu bringen. Die alte Lehre, dass die 
kleine Welt ein Abbild der grossen sei, erhielt dadurch be- 
stimmteren Gehalt und gesteigerte Bedeutung.**) 

Das Mittelalter wandte der ganzen Frage ein vorwiegend 
logisch - metaphysisches Interesse zu. Am hervorragendsten sind 
hier die Untersuchungen des Duns Scotus über das Verhältniss 
des Allgemeinen zum Besondem, des Noth wendigen zum Con- 
tingenten, und es hat die Art, wie hier die Unabhängigkeit und 
Positivität des letztern verfochten wurde, nachweisbar einen un- 
mittelbaren und tiefgehenden Einfluss auf Leibnitz ausgeübt. 

Die Neuzeit stellt durch Nikolaus von Kues den Begriff der 
Individualität sogleich in den Vordergrund. Mag jener sich im all- 
gemeinen den Neuplatonikem ansehliessen, so sind doch wichtige 

*) S. Plotin, 540. 

**) Die Lehre, dass jedes in jedem enthalten sei, ist mit ausdrücklicher 
Beschränkung auf das physikalische Gebiet bekanntlich zuerst von Anaxa- 
goras aufgestellt, während die Auffassung, dass das einzelne lebendige 
Sein, vor allem das menschliche, ein Abbild des universalen biete, ihre 
Wurzel in der platonischen Philosophie hat Der Gegensatz des iJLiyas 
didxocfiog und fiixqog diaxocfiog findet sich schon als Titel demokriteischer 
Schriften, s. ferner Aristot. phys. 252b, 24: «e cTlr ^qiqi tovro dvyatoy y^yi- 
cd-ai, xi X(oXv€i ro aixo cvfjiß^yai xal xaxa ro nay; ei yaQ kv /äixq<^ xoCfÄ^ 
yiystai, xal iy fueyaXcp. Plotin führt die platonische Lehre weiter (s. z. B. 
284 G: €<ni xal noXXa 17 %}wx^ xal navra xal ta avta xal xa xaxto av f^iXQ'' 
Ttatftjg ^tiirig xal Icfxly Bxaaxos xo<SfjLo$ yotjxog:) und fügt die Bestimmung der 
individuellen Verschiedenheit hinzu , für die dann weiter Porphyrius und 
Proklus eintreten, ^. z. B. Proklus (Cr. III, 103): nayxa iy näaiv. oixiiiag 
^'iy €xa<fx(p. Das Wort Mikrokosmus {fiixqoxoüfios) ist erst nach dieser 
begrififlichen Weitergestaltung und überhaupt sehr spät gebildet. 



Individualität. 203 

Fortbildungen und Neuerungen unverkennbar. Einmal tritt der 
Begriff der unendlichen Entwicklung des Individuums weit mehr 
heraus und gelangt die Selbstständigkeit und Innerlichkeit desselben 
zu grösserer Anerkennung*); dann aber erhält der Gredanke der 
individuellen Besonderheit mit veränderter Begründung eine neue 
Gestalt. Die Einzelwesen sind deswegen verschieden, weil wenn 
sie gleich wären, sie einfach zusammenfallen würden, eine Be- 
weisführung, die nur in dem Ba,u einer alles Sein als ein 
innergeistig -begriffliches fassenden Weltanschauung Berechtigung 
hat.**) Indem endlich aber das Ganze, worin das Einzelne steht, 
als ein stufenweise ansteigendes gedacht wird, erscheint jedes 
Einzelne als ein eigenartiges und unvertretbares, und weist doch 
zugleich auf das Andere und Ganze hin, da die eine Stufe nicht 
ohne die andere sein kann. 

Jordano Bruno, der zuerst den Ausdruck Monaden für die indi- 
viduellen Einheiten als solche verwendet, vermittelt den Uebergang 
zu Leibnitz, bei welchem darnach manche Anregungen zusammen- 
treffen, und das Bedeutende nicht in dem liegt, was gewöhnlich 
zuerst in die Augen fällt. Mehr als ein einzelnes Neue ist es die 
consequente Verfolgung und der systematische Ausbau der sonst 
vereinzelten Gedanken, der Versuch einer präcisen Fassung und 
endlich die allseitige Verwerthung des Principes der Individualität, 
welche seine hiehergehörigen Untersuchungen auszeichnen.***) Von 

*) Es zeigt sich dies z. B. in der hier feststehenden Bezeichnung des 
Geistes als eines lebendigen Spiegels des Weltalls, welches Bild von Eckhart 
entlehnt sein dürfte, s. 326, 39 : als in einem Spiegel widerschinet maniger- 
leie bilde, wSre aber in dem Spiegel ein enge, daz mühte alliu diu bilde 
sehen als einen widerwnrf stner gesihte, s. auch 142, 26 ff. Dass das Ein- 
zelne sich in das Ganze verlieren solle, wird bei Nikolaus nachdrücklichst 
abgelehnt, s. I, 92a: Si in una camera mnltae ardeant candelae et camera 
ab Omnibus illnminetur, manet tarnen Inmen cnjaslibet candelae distinctnm 
a lumine alterins. 

**) S. I, 210 b: non possnnt esse plara esse praecise aeqnalia, non 
enim tunc plara essent sed ip^nm aequale. Die erste Aufstellung des sog. 
principinm indiscemibiliam kommt also Nikolaus von Kues und nicht 
Leibnitz zu. 

***) Freilich ergibt sich bei dem allen auch viel specifisch Neues, aber 



204 Individualität. 

frühster Jugend an ist Leibnitz für jenes Princip eingetreten*), 
zu allen wichtigem Problemen hat er es in Beziehung gesetzt 
und für ihre Lösung genützt und es so recht eigentlich in die 
gesammte wissenschaftliche Arbeit eingeführt Mit ihm tritt der 
Begriff aus der Schule in das allgemeine Leben hinaus und wird, 
nun im Vordergrunde des Bewusstseins befindlich, Gregenstand 
mannigfacher Kämpfe, die bis auf die Gegenwart fortdauern.**) 
Diese wissenschaftlichen Forschungen stehen, wenn auch 
nicht in unmittelbarer Abhängigkeit, so doch in einem innem 
Zusammenhange mit dem allgemeinen Verlangen, das Individuum 
im Gresammtleben des Volksthums und der Menschheit zur Geltung 
zu bringen. Lange bevor bei den Griechen das Individuelle 
theoretische Erörterung und Kechtfeii;igung fand, hatte es sich im 
Gesammtleben durchgesetzt; die volle Unterordnung, ja Auf- 
opferung des Einzelnen, die im platonischen Staat zum Ausdruck 
kommt, ist schon aus der Opposition gegen eine für verderblich 
erachtete Zeitströmung hervorgegangen und trägt daher mehr den 
Charakter sittlicher Energie und gesinnungsvoller Consequenz als 
den ruhiger und einfacher Hingebung an ein Objectives, wie sie 
sich bei den grossen Männern der vorhergehenden Periode findet. 
Aristoteles sucht dann auszugleichen, indem er innerhalb des 
Ganzen dem Einzelnen freiem Spieli*aum und eine gewisse An- 
erkennung***) gewährt, die Stoiker wollten, wie wir sahen, dem 
Individuellen einen Platz innerhalb des Weltsystems sichern; 



dies herauBasnheben und zu würdigen, ist eher Sache einer streng philo- 
sophischen Betrachtang. 

*) Seine erste philosophische Abhandlung ist bekanntlich die dis- 
putatio metaphysica de principio individni. 

**) Begrifflich sind dabei übrigens die spätem Vorkämpfer der Indivi- 
dualität, wie Herbart, Schleiermacher, der ältere Schelling, nicht über 
Leibnitz hinausgekommen, so dass alle Behandlang des Problems aaf ihn 
zurückgehen muss. 

***) Für seine Auffassung vom Yerhältniss des Einzelnen und Ganzen 
im Staate ist namentlich bezeichnend die Stelle Pol. 1263 b, 31: ^el fuey 
yctQ i\yai mos fxiav xae rriv oixiay xai jrjy noXiy, ak^ov nayrmg, ttni fihy 
ya^ wi" ovH tarai TiQoiavacc noXig, tart. d'tog tatai- fxiv, iyyvg d^ovact tov fjt^ 



Individnalität. 205 

aber unbekümmert um solche Entgegnungen und Veimittlungen 
der Philosophie ging das allgemeine Leben in der Geltendmachung 
des Individuellen weiter und weiter, wenn auch freilich nur so weit, 
dass es eine Macht neben den Gesammtordnungen, nicht aber 
über ihnen oder gegen sie erlangte. Wie feste Schranken bei 
allem freien Spielraum hier waren, zeigt am deutlichsten das 
Verhältniss des antiken Staates zum Christenthum ; andererseits 
aber wurde das Princip der Individualität so weit ausgedehnt, 
dass selbst eine so milde Natur wie Quintilian seine Ueber- 
spannung in der Erziehung bekämpfen musste.*) 

Im Lauf der Jahrhunderte sehen wir endlich parallel mit 
dem Verfall des öffentlichen Lebens in den geselligen Beziehungen, 
im Verhältniss der Geschlechter und in der Stellung des Menschen 
zur Natur immer mehr ein innerliches Leben frei werden und 
dabei die individuelle Empfindung vorantreten, aber wenn eine 
solche Strömung auch stark genug war, dem Einzelleben in 
Stimmungen und Gefühlen eine neue Welt aufzuschliessen, so 
war sie nicht fähig, auf die Gestaltung des gesammten Lebens- 
inhaltes umformend zu wirken. Ein solches blieb der Neuzeit 
vorbehalten, deren Bildungen durch manche, oft fast unsichtbare 
Fäden mit den Ergebnissen der absterbenden Antike zusammen- 
hängen. 

Die Stellung des. Christenthums zum Probleme der Indivi- 
dualität zutreffend dazulegen ist nicht ohne Schwierigkeit, da sich 
hier verschiedene Motive entgegenstehen. Vor allem muss in dem 
Zusammenhange einer Weltauffassung,, der das Sittlich - Eeligiöse 
den einzigen Inhalt und Zweck von Welt und Leben ausmacht, 
das in jedem Einzelnen innerlich Geschehende das Allentscheidende 
werden und damit das Individuum eine unermesslich gesteigerte 
Bedeutung erhalten. Eine durchgehende Ueberzeugung der 
Kirchenlehrer war in bewusstem Gegensatz zum Alterthum, dass 



TioXiff elvai iaxai )[üqiav noXig, iaansQ xScv ii xig xriv avfxtfvaviav noiriamv o^o- 
€p<ayitty tj tov qvd-fjiov ßaaiv fxiay, s. auch 1264b, 17. 

*) S. instit. erat. II, 8 : an secnndum sni qnisqne ingenii natnram do- 
cendus sif. 



206 Individualität 

jeder Einzelne Gegenstand der göttlichen Fürsorge sei, weswegen 
auch die Kirche jedem Einzelnen ihre Thätigkeit zuwenden müsse. 
Durch die während der ersten Jahrhunderte allgemein festge- 
haltene Lehre von der unbegrenzten Willensfreiheit wird auch 
der Form des Handelns nach dem Einzelnen eine Selbstständigkeit 
gesichert, und in der Idee einer organischen Verbindung der 
Individuen innerhalb eines umfassenden Ganzen gelangt die speci- 
fische Eigenthümlichkeit zur Anerkennung.*) Andererseits spricht 
aber gegen die Annahme eines absoluten Werthes des Individuums 
schon die Lehre von der Ewigkeit der Verdammniss, und dass 
in jener Zeit von einem Rechte des Einzelnen gegen das Ganze 
überhaupt nicht die Rede sein kann, bedarf keiner Erörterung. 
Sobald der Einzelne von der Gesammtordnung abweicht, gilt er 
als ein irrender und zur Wahrheit (selbst durch Zwangsmittel) 
Tsurückzubringender. Durchgehend steht das Ganze vor dem 
Einzelnen, es theilt sich, Glauben und Gehorsam fordernd, ihm 
als objective Macht mit, so dass alles, was im Individuum 
vorgeht, nur in der Aneignung eines über seine Willkür er- 
habenen Inhaltes bestehen kann. Es ist keine Erlösung des 
Einzelnen möglich, ohne dass die Erlösung für die Gesammtheit 
als weltumfassende That geschehen wäre und geschähe, „dass der 
Gegensatz an sich aufgehoben ist, macht die Bedingung, Voraus- 
setzung aus, die Möglichkeit, dass das Subjekt auch für sich ihn 
aufhebe" (Hegel Xn, 228). — Ob beide EicTitungen zu einer 
vollen Ausgleichung gekommen sind, ist nicht nur fraglich, 
sondern scheint schon deshalb eher verneinend beantwortet werden 
zu müssen, weil thatsächlich die Anerkennung des Individuellen 
immer mehr zurückgedrängt wurde. Niemand hat dazu mehr 
beigetragen als eben der Mann, der, wie in der ganzen Erfassung 
von Welt und Leben, so auch in der Aneignung des Christen- 
thums seine eigne Individualität zur vollsten Geltung gebracht 
hat : Augustin. 



*) AUes in Allem dürfte nnter den Kirchenvätern Origenes das Princip 
der Individualität am meisten znr Geltung gebracht haben. 



Individualität. 207 

Freilich fehlt auch im Mittelalter eine Gegenströmung nicht 
Unter den einzelnen Persönlichkeiten tritt in hervorragender Weise 
Abälard in Leben und Lehre für das Recht der Individualität 
ein und er hat namentlich durch seine Theorien von dem Grewissen 
und der Grcsinnung bleibendes dafllr geleistet; als Gesammt- 
richtung wirkt die Mystik, die nicht auf die Innerlichkeit des 
religiösen Lebens dringen konnte, ohne den ganzen Lebensprocess 
weit unmittelbarer in den Einzelnen hineinfallen zu lassen.*) — Aber 
es blieb doch der Keformation, und vor allem Luther, vorbehalten, 
das religiöse Leben der einzelnen Persönlichkeit als Grundlage 
des gesammten Ghristenthums anzuerkennen und damit dem 
Einzelnen die volle Unabhängigkeit principiell zu sichern.**) Nur 
darf nicht vergessen werden, dass die Freiheit, welche Luther so 
energisch verlangt, nicht dem Menschen schlechthin, sondern 
nur dem Christen erstritten wird, so dass sie feste Voraus- 
setzungen und eine inhaltliche Bestimmtheit hat. Eine abstracte 
und vage Freiheit findet an Luther keinen Vertheidiger. 

Der Neuzeit dagegen ist nun allerdings die Individualität 
und die individuelle Freiheit des Menschen als Menschen Grund- 
lage des gesammten Lebens. Jeder soll die ganze Welt auf 
seine Innerlichkeit beziehen, aufnehmend sie sich aneignen und 
das innerlich Gestaltete dann nach aussen zur Geltung bringen. 



*) In charakteristischer Weise sagt Eckhart (3, o) : Ez sprichet sanctus 
Aagnstinas, daz disiu gebnrt (nämlich Gottes in der Seele) iemer geschehe. 
Sd si aber in mir niht geschihet, was hilf et mich daz? Aber daz si in mir 
geschehe, da Itt ez allez an. Aehnlich wie Luther (de übertäte Christiana) 
verlangt, ut non tantnfa sit Christus, sed tibi et mihi sit Christus. 

**) Obenan steht hier die Schrift de libertate Christiana. S. femer de 
capt. Babyl. de sacr. bapt.: Neque papa neqne episcopus neque uUus ho- 
minnm habet jus nnius syllabae constituendae super Christianum hominem, 
nisi id fiat ejnsdem consensu; qnicquid aliter fit, tyrannico spiritu fit De 
matrim.: Qnis dedit hominibus hanc potestatem? Este, fnerint sancti et 
pio zeio dncti, quid meam libertatem vexat aliena sanctitas? Quid me 
captivat alienus zelus? Sit sanctus et zelotes, quisqnis volet et quantum 
Übet, modo alteri non noceat et libertatem mihi non rapiat. 



208 Individttalität. 

Es findet damit eine Befreiung von allen Schranken und eine 
Erweiterung des Lebenskreises statt, welche im Grunde die äusser- 
liche Weiterspannung des Welthorizontes noch übertriflFt Wie in 
der Naturbegreifung der Blick nach Zerschlagung der einengenden 
Sphären sich in's Endlose erging, so zerbrach auch hier alles, 
was den Menschen mit seinem Wirken in geschlossene Kreise 
gebannt hatte ; auch hier sollte jeder ein unermessliches sich zur 
Aufgabe stellen, aber hier konnte die Unendlichkeit, in die sich 
dort der Einzelne verlor, in dem „universellen Samenkorn'' des 
vernünftigen Wesens ergriffen und erlebt werden. Statt einer 
Welt haben wir so unzählige Welten, so dass der Lebensproeess 
der Menschheit sich unvergleichlich steigert. 

Und dazu ist es noch weniger die Ausbreitung als die Verr 
tiefung, welche das Neue von dem Alten scheidet. Indem das 
Individuum die Welt in sich aufnimmt, soll es sie auf ihre eigene 
Innerlichkeit und Wesentlichkeit zurückführen, das Aeussere wird 
umgewandelt, belebt, vergeistigt, das geistige Leben selber da- 
durch erfüllt und gekräftigt, so dass das eiqe mit dem andern 
gewinnt und sie zusammen im unendlichen Process fortschreiten. 
Die Tiefe hat hier ebenso wenig eine Grenze wie die Weite. 

Dem also begriffenen Individuum kann keine in der er- 
scheinenden Welt vorliegende Ordnung eine Schranke setzen. 
Denn als Keim des Unendlichen und Träger wie Umwandler des 
Universums ist es allen noch so werthvoUen Gestaltungen ebenso 
unvergleichlich überlegen wie das Unendliche dem noch so ge- 
steigerten Endlichen. Weder Staat noch Kirche kann die Zwecke 
des Wesens erschöpfen, das unmittelbar in sich die ganze Vernunft- 
weit hat. Statt dass jene Ordnungen als Organismen erscheinen, 
welche den Einzelnen als Glied umfassen, werden sie vielmehr 
vom Individuum aus gebildet und gehalten, als dem Funkte, 
wo das Unendliche und Ewige in das Erscheinende eingeht. Soll 
eine Form des Zusammenlebens gefunden werden, so kann es 
nur die der Gesellschaft sein, in der alles auf den freien, wenn 
auch nicht innerlich unbestimmten Willen der Einzelnen zurück- 



Individualität 209 

kommt Auch Staat und Kirche erscheinen jetzt einfach als Arten 
der Gesellschaft.*) — Ja die Freiheit des Individuums geht so 
weit, dass es ein ihm zwingend Gegenüberstehendes überhaupt 
nicht anzuerkennen vermag. Es hat das Gesetz seines Lebens 
in sich selbst und treibt aus dem eignen Wesen die Formen des 
Handelns hervor, so dass ebenso wie bei dem gesetzlichen Gre- 
schehen in der Natur der Gegensatz des Einzelnen und Allgemeinen 
als aufgehoben erscheint. 

Aber eine solche Erhebung des Individuums war ursprüng- 
lich an ganz bestimmte Voraussetzungen gebunden. Jeder Einzelne 
erscheint als Theilnehmer einer intelligiblen Vemunftwelt, und nur 
die Stellung in dieser vermag den unendlichen Werth zu recht- 
fei-tigen, den man ihm zuspricht. Es ist darnach nicht das 
empirische, sondern das intelligible Individuum, das Individuum 
als Idealbegriff, wofür jene Auffassung zutrifft. Als solches aber 
ist dasselbe nicht ein fertiges und abgeschlossenes, sondern ein 
sich entwickelndes und in's Unendliche steigerndes, nicht ein 
isolirtes und sich Welt und Menschen entgegensetzendes, sondern 
ein sie umfassendes und in seinen Kreis aufnehmendes. Mag 
das Individuum immer nur sich selbst leben, es kann dies nach 
seiner Grund bestimmung nicht thun, ohne die ganze Welt mitzu* 
leben, und wenn es das Eecht und unter Umstanden auch die 
Pflicht hat, sich allen gegebenen Ordnungen entgegenzustellen, so 
kann dies nur geschehen, weil es in der Yernunftwelt eine feste 
Stellung hat, und weil von hier aus seine Freiheit erfüllt und 
gerichtet wird. Es ist nicht die reflectirende Willkür der sub- 
jectiven Vernunft, . welche das Lesben beherrscht, sondern das 
Gesetz der objectiven Vernunft, deren Inhalt mit dem Weltall 
zusammenfällt 

Eine solche Auffassung mag das Princip der Individualität 
gegen die gewöhnlichen Angriffe schützen, an einem schweren 
innem Problem, ja Conflict hat sie selber ohne Zweifel zu tragen: 
an der thatsächlich vorhandenen Differenz des Empirischen und 



*) Es tritt das principiell namentlich klar bei Locke hervor. 

Enoken., Geschichte und Kritik. t4 



210 Individualität 

IntelligibleiL In der Erscheinung ist nun einmal das Individanm 
eins neben andern, abhängig, besehränkt, ja sich selbststtchtig' 
absondernd und gegen die Vemunftaufgaben verschliessend. Nun 
soll es sich freilich entwickeln, erweitem, steigern, und es wird 
aufs strengste festgehalten, dass auch das scheinbar Wider- 
vemänfdge nur eine niedere Stufe des Vernünftigen ausmache, 
und dass es kein radical Böses gebe, aber auf jeden Fall bleibt 
die Kluft zunächst rorhanden und das Empirische ist im Leben 
unbestreitbar eine Macht Wie soll, um nur eins herauszuheben, 
von hier aus ein Zusammenleben der Menschheit nach yemünftigen 
Principien ermöglicht werden? Kann eine Socialethik, für welche 
Antike und Ghristenthum gleichmässig eintreten, hier noch auf- 
recht erhalten werden, und droht nicht der Zusammenhang mensch- 
lichen Lebens und Handelns auseinander zu fallen? 

Dazu ist der Abstand zwischen intelligiblem und empirischem 
Individuum eben in der Neuzeit grösser geworden als je zuvor. 
In dem Masse wie jenes erhoben, ist dieses herabgesetzt Während 
im Alterthum es möglich war, dass ein einziger Mann, wie Aristo- 
teles, das gesammte Wissensgebiet umspannte, muss sich in der 
Neuzeit selbst ein Leibnitz damit begnügen, Giimdzüge festzu- 
stellen und Aussichten in die Feme zu entwerfen, und wird fort- 
während der Antheil des Einzelnen am Gesammtbesitze kleiner. 
Denn mag der Einzelne noch so rascli fortschreiten, weit rascher 
bewegt sich das Ganze vorwärts. — Femer wird die technische Herr- 
schaft des Menschen über die Natur, worin wir eine unterscheidende 
Eigenthümlichkeit der Neuzeit erkannten, nur dadurch herbei- 
geführt, dass sich der Einzelne in Reih und Glied stellt und an 
seiner Stelle nur seine Arbeit venichtet. Wenn Franklin den 
Menschen ein werkzeugschaflfendes Wesen (a tool-making animal) 
nennt, so leuchtet ein, wie sehr dabei die Gemeinschaft der Arbeit 
vorausgesetzt wird. Denn was anders vermag auch das bedeutendste 
Individuum, als an einzelnen Punkten wenige Schritte vorwärts 
zu thun, dabei alle früheren Leistungen voraussetzend und ver- 
werthend. In dem Leben und Treiben der Fabrik tritt ein Problem 
nur besonders greifbar hervor, welches dem ganzen neuem Leben 



I* 



Individualität. 211 

gemeinBam ist: durchgehend ist die Grefahr, ja die Noth wendig- 
keit, dass der Einzelne sieh als Theil eines grossen Mechanismus 
erkennen und auf das Ganze verzichten muss. Das Gesammt- 
ergebniss mag so unermesslich gesteigert werden, die Frage lässt 
sich nicht zurückdrängen, wem es denn eigentlich geistig-innerlich 
zu Gute komme ? — Auch in der Gestaltung des socialen Lebens 
ist die Abhängigkeit des Einzelnen eine weit grössere geworden. 
Neben die freie Gesellschaft tritt daher in's Bewusstsein die wirth- 
schaftHehe Gemeinschaft, worin das Individuum gebundener er- 
scheint als je zuvor durch die Ordnungen von Staa( und Kirche. 

Aber abgesehen davon, dass solche Probleme erst nach und 
nach hervorgetreten sind, haben sie selbst da, wo sie dem Be- 
wusstsein gegenwärtig waren, in der Zeit aufstrebender Entwick- 
lung mehr dazu gedient, die Kraft aufs äusserste anzuspannen 
als vor dem Wagniss zurtlckzuschrecken. Auch wo man das 
Missverhältniss von Vernunft und Erscheinung zugab, schien ein 
Verzweifeln nicht im mindesten rechtfertigt, denn aus dem Wider- 
spruche des Unendlichen und Endlichen erwuchs ja eben die Auf- 
gabe von Welt und Leben, und alles Geschehen hatte keine 
andere Bedeutung als jenen Widerspruch im fortgehenden Process 
zu überwinden. 

Doch nun entstanden weitere Verwicklungen dadurch, dass 
eine andere Auffassung vom Individuum sich mit der eben dar- 
gelegten verband, eine Auffassung, die in einer streng physikalisch- 
mechanischen Begreifung der Welt ihre Wurzel hat. Hier gilt 
das Individuum als das erfahrungsmässig allein Gegebene, an dem 
als Träger sich alles andere Geschehen vollzieht. Es ist das 
unveränderliche Atom, aus dem sich alle weitere Gestaltung auf- 
baut, auf das alles zurückkommen muss, wenn es irgend welche 
Bealität in der Welt besitzen will. Die Bedeutung ergibt sich 
hier also nicht aus der Beziehung auf ein Vernunftreich, und von 
der Anwendung eines Werthbegriffes kann folgerichtig nicht die 
Bede sein, sondern nur soweit das Einzelwesen existirt und als 
Kraft wirkt, darf es Anerkennung finden. Macht und Kecht müssen 

hier als vollständig zusammenfallend gedacht werden. Von hier 

14* 



*2 1 2 Indmdn&lität 

auH angesehen erscheint die Grestaltong der G^neinisehaft als ein 
physikalisch -mechanisches Problem, es gilt die einzelnen Kräfte 
in ein solches Verhältniss zn bringen, dass sie sich gegenseitig 
möglichst wenig stören, während ideale Aufgaben hier keine Statte 
finden. 

Solche Theorien, die wir bei Hobbes, dem consequentesten 
Staatsphilosophen der Neuzeit, eingehend entwickelt finden, mögen 
in den Grundlagen angegriffen werden, einer begrifflichen Ver- 
wirrung leisten sie nicht den mindesten Vorschub. Eine solehe 
entstand aber in weitestem Umfange dadurch, dass auf dieses 
empirisch-atomistisehe Individuum die ganze Werthschätzung fiber- 
tragen wurde, welche f&r den Idealbegriff eines sich in's Unend- 
liche steigernden Mikrokosmus ei^ämpft war. Bas einzelne Indi- 
viduum gilt, so wie es vorliegt, als werthvoll; unabhängig von 
aller Verbindung in Gemeinschaft und Geschichte, ja ohne Zu- 
sammenhang mit einer intelligiblen Welt erscheint es doch als 
vemunfterfttllt und wie der Grund, so das Mass aller Wahrheit; 
der normale Zustand, der bei der frühem Auffassung dem Streben 
als Ziel vorschwebt, dünkt hier von vorn herein gegeben, und 
die ganze? Ordnung des Lebens baut sich auf diese Voraus- 
setzung auf.^j 

Die Folgen einer solchen Idealisirung der Erscheinung* 
sind leicht zu überschauen. Die Vergötterung der Zufälligkeit 
der einzelnen Individuen muss nothwendig schliesslich zu einer 
Herabminderung, ja Zerstörung der Vemunftaufgaben führen und 
allen ideellen Inhalt des Lebens in ernstliche Gefahr bringen. Das 
Individuum erscheint nun als etwas, das überall absolute Aner- 
kennung und Genuss des Daseins verlangen, und unabhängig von 
aller Bestimmtheit und Thätigkeit Rechte und Ansprüche geltend 
machen dürfe**), ja alles Willkürliche und Niedrige kann sich 



*) Bis auf die Gegenwart ist für das ganze praktische Leben, wie 
z. B. tür die Erziehung und namentlich die Gesetzgebung, es bezeichnend, 
normale Menschen und normale Verhältnisse als gegeben vorauszusetzen. 

**) Für die Gegenwart ist es bemerkenswerth, dass die Priorität der Rechte 



Individualität. 213 

durch das Princip des unendlichen Werthes der Individualität 
decken, während doch nur jener IdealbegriflF sich mit Recht 
darauf berufen konnte. Feiner muss die hier vertheidigte absolut 
inhaltlose und subjective Freiheit, als letztes Princip hingestellt 
nicht nur diese oder jene, sondern jede vernünftige Gestaltung 
des Gesammtlebens unmöglich machen, und wenn sie auch 
ihre auflösende Kraft zunächst an dem ihr als fremd lieber- 
kommenen bezeigt, so muss sie sich schliesslich am zerstörendsten 
gegen die Ideen wenden, durch deren Entstellung sie eine ge- 
schichtliche Macht geworden ist 

Darüber soll freilich nicht verkannt werden, dass diese Ideali • 
sirung des Empirischen zunächst der Anspannung aller Kräfte 
diente, die Menschen glaubten ernstlich an ihre Vollkommenheit 
und entnahmen diesem Glauben Motive zu grossen Handlungen, 
aber bald musste der Widerspruch hervortreten und die innere Un- 
wahrheit des Ganzen sicK geltend machen. — Die Keime jener Be- 
griflFsverwirrung gehen bis in die Anfänge der Neuzeit zurück, bei 
Spinoza tritt sie schon greifbarer hervor, bei Locke aber wird sie 
Grundlage der gesammten praktischen Philosophie und äussert 
von hier aus nach allen Kichtungen Einwirkungen. Doch fand 
bei den Engländern der Gedanke des absoluten Werthes und der 
absoluten Freiheit des Individuums von den geschichtlichen Ge- 
sammtgestaltungen her so viel Ergänzung und Milderung, dass 
die vollen Consequenzen nicht hervortraten. Es blieb Bousseau 
vorbehalten dieselben nach allen Seiten auszuführen. Hier ist 
in geradezu classischer Weise und in vollendeter Form die Be- 



vor den Pflichten nicht selten ganz unverhohlen, wenn auch offenbar ohne 
jede Ahnung der sich daraus ergebenden letzten Consequenzen verkündet 
wird, 8. z. B. Bourdet, vocabulaire des principaux termes de la philosophie 
positive p. 55: les religions, soit r^v^l^es, soit metaphysiques , placent les 
devoirs avant les droits ; mais la science exp^rimentale les pose inversement. 
Pour eile, les prörogatives personelles sont le fait n^cessaire de la vie et 
de la civilisation. Solche Begriffsverwirrung darf aber weder einem Ein- 
iselnen noch einer Schule zum besondern Vorwurf gemacht werden, da sie 
ein £rgebniss der Gesammtbewegung ist. 



214 IndividuaHtät. 

Ziehung defi geBammten Weltinhaltes auf die Innerlichkeit des 
empirischen Individuumfi durchgeführt, aber es tritt auch klarer 
als iigend wo anders der Widersinn hervor, dem isolirten Einzel- 
wesen Strebungen und Empfindungen zuzuschreiben, die erst im 
Gesammtleben und in Folge einer langen allmähligen' Gestaltung 
ausgebildet sind. 

Mit dem Höhepunkt, den diese Lehren bei Rousseau und der 
seine Gedanken in's Praktische umsetzenden französischen Revo- 
lution erreichten, trat naturgemäss der Bflckschlag ein. Von ver- 
schiedenen Punkten aus ward ein (regenwirken rersucht. Der 
deutsche Idealismus war bei aller sonstigen Verschiedenheit darin 
einig, gegenüber der Zufälligkeit des empirischen Individuums 
die Nothwendigkeit und Allgemeingültigkeit der Vemunftzwecke 
aufrecht zu erhalten; im allgemeinen Leben wuchs die Aner- 
kennung der Gresammtgestaltungen, mochte man sich nun für Staat 
oder Kirche entscheiden, und es ward das Verlangen nach einer 
mehr socialen Ordnung des Lebens und E[andelns immer mächtiger. 
Aber so sehr wir hier in der Kritik und in einzelnen abstracten 
Sätzen zusammengehen mögen; sobald es sich um ein positives 
coneretes System gegenüber dem Bekämpften handelt, führen die 
Wege auseinander und eröffnen sich Schwierigkeiten über Schwierig- 
keiten. Der Socialismus im engem Sinn darf als ein aus folge- 
richtiger Consequenz jenes Individualitätsprincips hervorgegangener 
Rückschlag und insofern als eine auf dem eignen Boden der 
Neuzeit erwachsene geschichtliche Macht anerkannt werden, aber 
er hält die Verwirrung des Intelligiblen und Empirischen fest, 
ja steigert sie, und thut den tiefem geistigen Bedürfnissen so 
wenig Genüge, dass er bei aller Berechtigung im Einzelnen weit 
davon entfemt ist, das hier vorliegende Problem zu lösen. Eben- 
sowenig aber wird die Lösung von einer Anspannung und Ideali- 
sirung des mittelalterlichen Kirchenbegriffes oder des antiken 
Staatsbegriffes erwartet werden können. 

Jene Gestaltungen reichen einmal nicht aus, die Fülle und Tiefe 
des Lebens zu umfassen, das die neue Zeit dem Individuum eröffnet 
hat; das sich die Welt zum Inhalt Gebende kann nicht wieder 



• 
/ 



Individualität. 215 

in engere Formen zurückkehren, und das in unergründliche Tiefe 
Dringende kann nicht in Gliederungen der erscheinenden Welt 
sein Wesen erschöpfen. Und ebenso wenig wie der Gedanke des 
unendlichen Werthes des Individuums als eines vemunfttragenden 
Ganzen verloren gehen kann, kann er an zweite Stelle treten. — 
So steht unsere Zeit mitten in dem Widerspruch und Kampf, und 
wird^ dadurch um so mehr aufgeregt, als derselbe unmittelbar in 
das Leben des Einzelnen hineinwirkt. 



Humanität. 



1/koBBe B'eBf u aage w bete: et 
le Balkcw wemt qve qvi vent faire 
Tzm^ fiüt b bete. 

PascaL 

E» ist nicht ohne Schwierigkeit dem B^riff der Homanität 
eine nmgreaxto Fnaeang abzugewinnen. Denn wissensehafUiehe 
und populäre Bestimmnng. engere und weitere Bedeutung gehen 
in dem Gebrauch fast unmerklich in einander fiber, und es ist 
nieht zum geringsten Theil Folge solchen Schwankens, wenn es 
der Aufmerksamkeit entgeht, wie viele Probleme an dieser Stelle 
liegen. Ffir unsere Betrachtung scheiden sich namentlicb zwei 
Fassungen, ohne deswegen ausser Verbindung mit einander zu 
stehen : die Humanität als eine specielle Tugend im Systeme der 
sittlichen Lebensaufgaben und die Humanität als allumfassendes 
Prineip, welches das Handeln und Empfinden beherrscht 

Eine deutliehe Ausprägung und allgemeine Bedeutung haben 
beide BegrifTe erst erhalten, als das antike Leben schon im Sinken 
war« Der später verwandte Terminus ^ikavd-Qtonia findet sich 
freilich schon bei altem Schriftstellern, aber erst bei den Stoikern 
gewinnt er den hier in Betracht kommenden specifischen Sinn.*} 
Es musftten eben die engem Lebensformen, welche den Menschen 
bis dahin vorwiegend in Anspruch genommen hatten, wenn auch 



*) (fikay^domog und q)ikav9^Qomia diente anfanglich nur zur Bezeichnung 
eine» freundlichen Benehmens gegen die Menschen (so namentlich yon den 
Göttern); wie wenig wissenschaftliche Bedeutung der Begriff hatte, zeigt 
schon dies, dass bei Aristoteles das Substantiv ffdayd^qtama nie vorkommt. 



Humanität. 217 

nicht zerstört, so doch weit genug zurückgedrängt sein, um an 
dem Menschen das Menschliche als das Wesentliche erscheinen 
zu lassen. — Bei den Stoikern beruhte die Werthschätzung des 
Menschen auf seiner Stellung zur Vernunft, aber sehr bald ward 
der in einem solchen Zusammenhang gebildete Begriff auch von 
andern Seiten ergriffen, in andere Beziehungen gebracht und damit 
umgewandelt. Im spätem Alterthum gingen die verschiedenen 
Fassungen mit all ihren Problemen und Verzerrungen ähnlich aus- 
einander und durcheinander wie in der Neuzeit 

Nun aber trennt sich die Geschichte der engem und der 
weitem Fassung. Dass sich aus dem Verhältniss von Mensch 
zu Mensch gewisse Aufgaben und Empfindungen ergeben, das 
konnte, nachdem es einmal klar herausgestellt war, natürlich 
nicht wieder verloren gehen ; dass aber dies Verhältniss als 
das die ganze Lebensthätigkeit durchdringende und leitende an- 
gesehen wird, das ist an gewisse Voraussetzungen der Welt- 
begreifung gebunden und daher als ein CharakteriRtisches der 
Zeiten zu erachten. 

Jedoch auch bei der Humanität in jenem engem und 
principiell allgemein anerkannten Sinne zeigt sich, sobald die 
nähere Bestimmung des Inhaltes in Frage kommt, so viel Ab- 
weichung, dass man geradezu entgegengesetztes unter den Begriff 
bringen konnte. Zunächst ist schon der' Ursprung dieser Humanität 
ein zwiefacher: nämlich einmal die Ueberzeugung von dem 
einzigartigen Werthe des Menschenwesens, dann aber ein Complex 
von Empfindungen, welche sich in dem Zusammenleben der 
Menschen bilden. Für jene Ueberzeugung wird die ganze Auf- 
fassung der Welt und der Stellung des Menschen in ihr in Betracht 
kommen ; je nachdem hier der Mensch im Ganzen erscheint, wird 
er auch dem Mitmenschen werthvoll sein, so dass darnach der 
Inhalt der Humanität wie ihre Bedeutung unter den menschlichen 
Aufgaben verschieden wird und in die geschichtliche Bewegung 
eingeht. Immer aber ist das aus solcher Humanität gewirkte 
Handeln durch festliegende Gesammtzwecke bedingt und bestimmt, 
und gemeinsam' ist femer aller Mannigfaltigkeit die Auffassung 



21 S Hamanität. 

der Humanität als einer Pflicht, der Mensch tritt fär das ein, web 
ihm selber Werth verleiht, indem er die andern Yemunftwesen 
achtet und fordert 

Aber nicht minder dienen rein natürliche Triebe der Humanität. 
Es ist die Gleichheit der Lebensbedingungen, der Geschicke und 
Empfindungen, die das, was den einen betrifft, auch ftir den 
andern unmittelbar etwas werden lässt. Spinoza hat scharfsinnig 
dargelegt, yrie aus dem allgemeinen Mechanismus des psychischen 
Lebens heraus sich sympathische Gefühle und Handlungen er- 
geben müssen, und wenn auch dem von ihm Gewürdigten vielleicht 
noch Einflüsse von andern Seiten sich verbinden, so braucht 
doch jener Boden des blossen Empfindungsgetriebes nicht verlassen 
zu werden, damit die Humanität eine Macht für den Einzelnen 
und das Ganze werde. 

Diese Humanität der Empfindung hat nicht von vom herein 
einen bestimmten Inhalt und eine daraus erwachsende feste Auf- 
gabe, sondern sie lässt die Dinge an sich herankommen, um da 
und dort einzugreifen, wo sie am meisten angeregt wird. Und 
es ist nicht so sehr der thätige Mensch, der ihre Theilnahme 
wachruft als der leidende, nicht das vernünftige, durch Zwecke 
gelenkte Wesen, sondern das empirische Individuum mit allen 
seinen Zufälligkeiten und Mängeln, die hier nur als Schwächen 
erscheinen. Die Bedeutung dieser dem Mitleid nahe verwandten 
Art der Humanität besteht vor allem darin, die Forderung der 
Vernunft, zum Menschen ein menschliches Verhältniss einzunehmen, 
dem Einzelnen innerlich nahe zu bringen und mit seinen natür- 
lichen Trieben zu vermitteln, femer auch daidn, gegen etwaige 
Einseitigkeiten der begrifflichen Auffassung ein Gegengewicht zu 
bilden; aber ausschliessend hingestellt würde sie in's Unbestimmte 
und Formlose verfallen, wie wir denn sicher sein können, der 
grössten Verworrenheit der Begriffe zu begegnen, wo diese Art 
der Humanität zum Ausgangspunkt der Lebensführung gemacht 
werden soll. Auch eine geschichtliche Macht ist die Humanität 
nie von diesen Empfindungen aus geworden, da dieselben bei aller 
Bedeutung für das individuelle Leben doch zu • sehr eines be- 



Humanität. 219 

harrenden und gemeinBamen Inhaltes entbehren, um für die 
GresammtverhältniBse etwas erhebliches leisten zu könneiL Ja 
alles Zufällige und Fehlerhafte kann sich unter den Schutz jener 
Empfindungen flttchten und in dem Masse Anerkennung fordern 
und erhalten, dass eine solche Humanität geradezu der sittlichen 
Ordnung und den Gesammtzwecken der Menschheit feindlich ent- 
gegentritt. 

In den geschichtlichen Gestaltungen verweben sich natür- 
lich beide Arten der Humanität, wobei bald die eine bald die 
andere mehr hery ortritt, der specifische Inhalt aber stets vor- 
wiegend von der Idee gegeben wird. Eine Verfolgung dieser 
Gestaltungen liegt freilich ausserhalb unserer Aufgabe, nur dürfen 
wir in dem Bestreben, etwaige Verwirrung der Begriffe aufzu- 
decken, nicht unterlassen, auf den wesentlichen Unterschied der 
christlichen und der neuern Humanität hinzuweisen. 

Dem Ghristenthum besitzt der Mensch nicht von Natur eine 
unbestreitbare Würde, sondern er gewinnt alle Bedeutung erst 
durch das Verhältniss zu Gott, so dass auch in dem Zusammen- 
leben er nur als präsumtives Mitglied des Gottesreiches Gregen- 
stand der Werthschätzung und thätigen Fürsorge werden kann. 
Wie die ganze Ethik, so ist auch die Humanität des Ghristen- 
thums von dem religiösen Grunde nicht abzulösen. Letzter Zweck 
humaner Thätigkeit muss daher die Gewinnung des Einzelnen 
für die ethisch - religiöse Aufgabe sein, weswegen sie sich vor 
allem an das Innere wendet, hier umgestalten und neuschaffen 
möchte. Was das Aeussere anbelangt, so wird Unglück und 
Elend als ein in der sündigen Welt nicht aufzuhebendes erachtet ; 
es kann daher nicht der Versuch gemacht werden, es gänzlich zu 
beseitigen, sondern nur da, wo es das Eiuzelleben geradezu ge- 
fährdet und niederdrückt, in den Folgen aufzuheben. An diesem 
Punkte aber kommt eine reiche Fülle von Empfindung zum Aus- 
druck, und es erweist sich das Christentlium hier weit milder 
und weicher als die Idealisten des sinkenden Alterthums.*) 



♦) Es tritt das z. B. in der Art hervor, wie die Kirchenväter, nament- 



220 Humanität. 

Indem die Neuzeit hingeg^en den Mensehen der gemeinsamen 
Vernmift wegen hochstellt, muss die Humanität sich von aller 
Abhängigkeit befreien und vor die andern Aufgaben treten, und 
indem femer als Lebensinhalt die Entwicklung und Bethätigung 
aller Kraft gilt, muss diese Zeit es dem Einzelnen gegenüber f&r 
Pflicht erachten, ihn in solche Thätigkeit hineinzuziehen, alles 
in ihm Angelegte zu Verwirklichung zu bringen, die äussern 
Mittel zu gewähren, durch welche das Handeln bedingt ist, und 
alle Hemmnisse wegzuräumen, die ihm entgegenstehen. Dabei 
wird innerlich der Einzelne als von Natur in normaler Sichtung 
sich bewegend angesehen, so dass nicht eine Umwandlung, sondern 
nur eine Steigerung des Lebens in Frage stehen kann. Aber 
darum darf man der neuem Humanität noch nicht den Vorwurf 
machen, dass sie nur die äussern Verhältnisse in's Auge fasse, 
vielmehr sollte ursprünglich alles Aeussere nur dem innem Leben 
dienen, bis dann freilich nach und nach die gefahrdrohende 
Wendung eintrat, dass von der Fürsorge für das Aeussere und 
von der Wegräumung äusserer Hemmnisse alle Glückseligkeit 
erwartet wurde. Was aber diese Hemmnisse anbelangt, so sollen 
sie nicht nur hie und da bekämpft und in ihren Folgen abge- 
schwächt werden, sondern sie erscheinen als ein in der vernünftigen 
Welt durchaus nicht sein sollendes und durch angespannte Thätig- 
keit in der Wurzel zu vernichtendes. Daher wird den üebeln der 
Welt entgegen eine weit umfassendere und eingreifendere Thätig- 
keit entfaltet als je zuvor. Ueberall aber ist letzter Zweck dieser 
Thätigkeit nicht das Leiden zu lindem, wie es im Christenthum 
der Fall ist, sondern Thätigkeit und Wohlsein positiv zu steigern. 

Während hier aber über aller Verschiedenheit eine ethische 
Aufgabe gemeinsam und vom Streite unberührt bleibt, beruht 
die weitere Fassung des BegriflFes, wonach das Menschsein 
und die daraus erwachsende Bestimmung des Handelns als 
wesentlicher Lebensinhalt selber erscheint, nicht nur auf einer 



lieh die lateinischen, die Principien der christlichen Armenpflege gegen 
die Stoiker vertheidigen. 



Humanität. 221 

specifischen Weltanschauung, sondern sie ist auch an geschicht- 
liehe Voraussetzungen gebunden. Die Bedeutung der besondern 
Zusammenhänge, in welche sich sonst der Einzelne gestellt sieht, 
muss zurückgetreten sein, damit für die allgemein menschliche 
Vemunftaufgabe Platz werde, und es muss die Forderung der 
Vernunft durch allgemeine Strebungen und Empfindungen auf- 
genommen und gestützt sein, um zu einer das Gesammtleben 
beherrschenden Macht zu werden. Es müssen grosso gemeinsame 
Zwecke und Geschicke sein, durch welche sich. die Menschheit 
im Weltall als eins begreifen und fühlen lernt, wodurch die 
Einzelnen sich auf einander angewiesen und zur Gemeinsamkeit 
des Handelns getrieben sehen. 

Solches finden wir bestätigt in jenen beiden Epochen, wo 
die Humanität eine beherrschende Stellung im Leben einnahm: 
im sinkenden Alterthum und in der aufstrebenden Neuzeit Dort 
fand der Gedanke der Philosophen seinen Anhalt in der that- 
sächlichen Universalität des Culturlebens. Aber die Idee der 
Humanität hat hier nicht so sehr von sich aus eine eingreifende 
Umgestaltung des G^sammtlebens hervorgebracht, als sie darin 
ihre Bedeutung besitzt, die Ergebnisse der engem Lebenskreise 
von dem ursprünglichen Boden loszulösen, zu erweiteni und über- 
allhin zu tragen. Den Inhalt des antiken Lebens zu einer 
universalen Macht zu erheben, darin lag ihre Aufgabe. Deswegen 
aber hat sie vom antiken Standpunkt betrachtet einen vor- 
wiegend abstraeten Charakter, ja sie hat dort unmittelbar mehr 
zur Auflösung des Bestehenden als zur Neubildung beigetragen, 
und sich erst im Christenthum, für welches sie eine noth wendige 
Voraussetzung ist, mit schaffenden Mächten enger verbunden. 
— Je mehr aber der Inhalt des antiken Lebens zerstört und 
der Glaube an grosse objective Aufgaben der Menschheit im 
Weltall erschüttert wurde, desto mehr wird" die Humanität eine 
blosse Lebensstimmung, desto mehr ist es das Bewusstsein ge- 
meinsamen Elendes und aligemeiner Hülfsbedürftigkeit, welches 
die Menschen einander nahe bringt. 

Die Humanität der Neuzeit ist dagegen Eigenart einer auf- 



222 Humanität. 

strebenden Welt, neue und grosse Aufgaben sind dem Leben er- 
öffnet, denen gegenüber alles zurücktritt, was sich in den be- 
sondem Gebieten zu bilden vermag; nur die Menschheit als 
Ganzes kann es unternehmen, die Welt zu erkennen, in unsere 
Maehtsphäre aufzunehmen und unseren Zwecken zu unterwerfen. 
Der Mensch muss dem Menschen die Hand reichen und Aller Arbeit 
muss sich zu einer Gesammtleistung verbinden, um solchen Zielen 
näher zu koinmen. In diesem Zusammenhange ist die Humanität 
vor allem schaffendes Princip, sie schreitet nicht vom Besondein 
zum Allgemeinen vor und löst dabei alle specifischen Formen auf, 
sondern sie treibt von einem umfassenden Grunde alles Besondere 
hervor und bestimmt es von da aus, baut auf und gestaltet. 
Durch diese Thätigkeit aber wird mit der Stellung des Ganzen die 
des Einzelnen unvergleichlich gesteigert ; von dem Wesen, welches 
innerlich und äusserlich die Welt beheiTscht, bildet, ja schafft, 
kann nicht hoch genug gedacht werden, so dass die Forscher m 
der That kaum Worte finden können, um solcher Schätzung einen 
angemessenen Ausdruck zu verleihen. 

Bei so engem Zusammenhang der Idee der Humanität mit 
der Eigenthümlichkeit der neuem Weltbegreifung war es unver- 
meidlich, dass jene in alle Gonflicte hineingezogen ward, in welche 
diese gekommen ist. Näher darauf einzugehen ist um so weniger 
noth wendig, als sich hier im wesentlichen dieselbe Entwicklung 
wiederholt, die wir bei der Betrachtung des Principes der 
Individualität verfolgt haben. Auch hier finden wir zunächst eine 
Vermengung des Intelligiblen und Empirischen, in Verbindung 
damit eine Veräusserlichung der Idee, nach und nach ein Hervor- 
brechen des Widerspruches, und endlich einen unerträglichen Conflict 
zwischen dem Gehalt der Lehre und des Lebens. Die Art, 
wie die Stellung des Menschen im Weltall begriffen wird, stellt 
zu der Werthschätzung auf praktischem Gebiet in schreiendem 
Widerspruch. Für jenes kommt weniger in Betracht, dass der 
Mensch seiner physischen Organisation nach mit den andern 
lebenden Wesen in eine Eeihe gebracht und als unter allgemeinen 
Gesetzen stehend gefasst wird, denn damit wäre für die letzte 



Humanität. 223 

Weilhschätzung auch nicht das Mindeste entschieden, als vielmehr 
dieses, dass der Idealbegriflf von der Menschheit und vom Menschen 
und die Zugehörigkeit zu einer intelligiblen Welt, wenn glicht 
aufgegeben, so doch erschüttert ist So bleibt nur das Einzel- 
wesen der empirischen Erscheinung, mit engbeschränkter Kraft, 
der Selbstsucht unterworfen nnd auch das Höchste gewöhnlich in 
die Kleinlichkeit seiner privaten Zwecke hinabziehend. 

Und wenn wir nun doch nicht darauf verzichten mögen, die 
ganze aus dem Idealbegi*iff der Menschheit entspringende und in 
ihm allein begründete Werthschätzung auf solchen empirischen 
Zustand zu übertragen, so ist dies theoretisch angesehen nichts 
anders als an den Consequenzen festhalten, wo die Prämissen 
aufgegeben sind; praktisch aber entsteht die Gefahr, die Zu- 
fälligkeit der Erscheinung zu verherrlichen und den Gedanken 
der Humanität zur Beschönigung alles Verkehrten und zur Ab- 
Schwächung aller grossen Aufgaben der Menschheit zu verwenden, 
sowie durch ihn Ansprüche zu erwecken und Werthschätzungen 
zu rechtfertigen, zu deren Grundlagen der Inhalt des Lebens 
vielleicht in geradem Gegensatz steht. 



Realismus — Idealismus. 



Non qnia difficilia sunt non 
audemns, sed qnia non andemns 
difficilia snnt. 

Seneca. 

Der Terminus Idee hat eine lange und weebselyolle Geschichte, 
welche die entscheidenden Wendungen der Philosophie ziemlieh 
vollständig abspiegelt. Eine specifische Bedeutung erhielt iisa 
bekanntlich zuerst bei Plato, indem es zur Bezeichnung der Foimen 
dient, die allem Sein zu Grunde liegen und als ein, wenn auch 
vom Geist erfasstes, so doch nicht erst in ihm entstandenes gelten. 
In diesem Sinn blieb aber der Ausdruck specifischer Schul- 
terminus, so dass er immer mit bestimmter Beziehung auf Plato 
verwandt wurde. 

Gegen Ausgang des Alterthums trat mit der ganzen Umwand- 
lung der Weltanschauung die Aenderung ein, dass die Ideen als 
ursprünglich im Geiste Gottes existirend gedacht wurden und also 
eine wesentlich geistige Beschaffenheit erhielten. Philo ist der- 
jenige, bei dem sich diese Umgestaltung zuerst nachweisen lässt, 
manche Kirchenväter schlössen sich an, und die neue Wendung 
drang vollständig durch, nachdem auch auf dem Boden der grie- 
chischen Philosophie die Umbildung der Idee in ein rein geistiges 
durch Plotin vollzogen war. 

Darnach gelten dem Mittelalter die Ideen zunächst als Ur- 
bilder der Dinge im göttlichen G^ist (Eckhart pflegt zu übersetzen 



Kealisnms — Idealismus. 225 

„vorgende bilde *^), an denen der Menseh nur durch sein Verhältniss 
zu Gott Antkeil hat Nach und nach aber vollzog siel), und zwar 
namentlich durch den NominaliBmus hindurch, der Uebergang zu 
einer subjectiv-mensehlichen Fassung.*) In diesem Sinne scheint 
in der Volkssprache das Wort zuerst in Frankreich gebraucht zu 
sein (es findet sich z. B. schon bei Montaigne id6e etwa gleich- 
bedeutend mit Vorstellung) ; eine specifische Ausprägung fand es 
aber mit dem Beginn der neuern Philosophie, indem es von 
Descartes und nach seinem Vorgange von andern zur Bezeichnung* 
alles unmittelbar vom Geist Ergriffenen und somit als Ausdruck der 
einfachsten psychischen Grösse verwandt wurde.**) Doch musste 
von Anfang an abgewehrt werden, »dass das Wort blos auf sinn- 
liche Vorstellungsbilder bezogen wurde. Wolflf tibersetzte Idee 
mit Vorstellung, wodurch es bei uns von Anfang au geschmälert 
und nach und nach in jenem Sinne für die wissenschaftliche 
Sprache bis auf einzelne Wendungen, z. B. auf das von Locke 
stammende „Ideenassociation", verloren gegangen ist 

Nachdem es im 18. Jahrhundert nicht an Versuchen einer 
engern und das Wort auszeichnenden Bestimmung gefehlt hatte, 
setzte von Kant ausgehend sieh eine neue Richtung siegreicli 
durch. Indem er unter Idee einen nothwendigen Vernunftbegriff 
verstand, dem kein congruirender Gegenstand in den Sinnen ge- 
geben werden kann, knüpfte er gewissermassen wieder an Plato 
an, nur dass, was diesem ein thatsächliches vor dem Geist ge- 



*) S. z. B. Goclen, lexicon philosophicum unter idea: ideae sumiintur 
nonnnnquam pro conceptionibus seu notionibus communibus. 

**) S. Cartes. responsiones III 5: ego passim ubique ac praecipue hoc 
ipso in loco ostendo me nomen ideae sumere pro omni eo, quod imme- 
diate a mente percipitnr, adeo nt cum volo et timeo, quia simnl percipio 
me velle et timere, ipsa volitio et timor inter ideas a me numerentur, usus- 
que 8um hoc nomine, quia jam tiitum erat a philosophis ad formas per-, 
ceptionum mentis divinae significandas. — Spinoza ethic. II, def. 3: per 
ideam intelligo mentis conceptum, quem mens format, propterea quod res 
est cogitans. — In England hat nach dem Vorangehen anderer, z. B. Cud- 
worths, namentlich Locke die neue Bedeutung durchgesetzt ^ und zwar 
nicht ohne Kampf; in unserer Sprache hat es z. B. Leibnitz so verwandt. 

EHcken, Geschichte und Kritik. |5 



226 RealismiiB — Idealismus. 

wesen war, ihm in den Geist selber hineinfiel, und dass dasjenige, 
was früher eine über allem Werden liegende Form des Seins 
bildete, nunmehr darin aufging, treibende Kraft und Gesetz des 
Handelns zu sein. Die spätem Denker verfolgten die hier ein- 
geschlagene Richtung weiter, und wenn dabei auch ein jeder an 
dem Begriff seine Eigenthümlichkeit zur Geltung brachte, so ist 
doch dem allgemeinen Inhalt nach tiberall der beherrschende Ein- 
fluss der kantischen Bestimmung unverkennbar. Die meisten 
andern Völker sind dagegen bei dem Sprachgebrauch des 17. und 
18. Jahrhunderts stehen geblieben. 

Es sind darnach vier Hauptabschnitte in der Geschichte 
des Terminus zu unterscheiden. Was zuerst Grundbegriff einer 
ästhetisch - metaphysischen Weltbegreifung gewesen war, geht in 
eine religiöse über und erhält darin eine rein geistige Bedeutung. 
Und nun wird nach und nach das der weltleitenden Macht Zu- 
kommende auf das denkende Einzelwesen übertragen, bis endlich 
der Ausdruck auf eine subjectiv- psychologische Bedeutung ein- 
geschränkt ist. Dann aber tritt eine Gegenbewegung ein, indem 
ein universell und objectiv Wirkendes innerhalb des Geistes als 
treibende Macht Anerkennung findet. 

Der Bedeutung von „Idee" folgt natürlich die von „ideal". 
Dasselbe findet sich zuerst in der Blüthezeit der Scholastik, bei 
Albert, Thomas u. a., im Sinne von urbildlich. Wenn hier auch 
nicht selten „real" entgegengesetzt wird, so 'soll damit doch 
nicht das Ideale zu einem Eingebildeten erniedrigt werden.*) 
Aber nun vollzog sich derselbe Umschwung wie bei dem Haupt- 
begriff, und namentlich seit Gassendi traten, wie Idee und Reali- 
tät, so ideelles und wirkliches in Gegensatz. Doch ward im 
specifischen Gebrauch der Schule auch das gesammte geistige Sein, 
insofern es aus Vorstellungen (Ideen) bestehe, ein ideelles ge- 
nannt, und von da aus das Partei wort Idealist zur Bezeichnung 
derer gebildet, die im geraden Gegensatz zu den Materialisten 



*) Realis finde ich zuerst in Abälard's Dialektik, realitas ist eine 
Schöpfang des Dnns Scotns. 



Realismus — Idealismus. 227 

alles Sein auf Vorstellungen zurückführen und die Existenz 
äusserer Dinge leugnen.*) 

An diese Bestimmung knüpft Kant an, aber an Stelle des 
„materialen oder psychologischen^ Idealismus setzt er den trans- 
scendentalen (auch formalen oder kritischen) Idealismus, wonach 
„alle Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung nichts als Er- 
scheinungen, d. i. blose Vorstellungen sind, die so, wie sie vor- 
gestellt werden, ausser unseren Gedanken keine an sich gegründete 
Existenz haben" (s. III, 346/7). Durch Fichte erhielt dann der 
Idealismus vorwiegend die Eichtung auf das Praktische, indem er 
ihn als die philosophische Ueberzeugung fasst, welche die Be- 
stimmungen des Bewusstseins aus dem Handeln der Intelligenz 
erklärt Den Gegensatz dazu bildet der Eealismus und mehr 
noch der Dogmatismus, dem die erscheinende Welt als ein unab- 
hängig vom Geist seiendes gilt. Diese fichtesche Bedeutung ist 
auch gegenüber manchen abweichenden Bestimmungen der spätem 
Philosophen für die allgemeine Auffassung und Verwendung mass- 
gebend geblieben. Jedenfalls überwiegt jetzt die Beziehung auf 
das praktische Gebiet vor der rein theoretischen Bedeutung.**) 

Nehmen wir diesen nun vorherrschend gewordenen Sinn 
auf, so muss die Geschichte des Idealismus Eichtung und Inhalt 
des menschlichen Handelns zu einigem Ausdruck bringen. Wesent- 
lich und gemeinsam mag für alle Arten die Ueberzeugung sein, 
dass der Mensch sich im Erkennen und Handeln mehr durch eine 
dem Geiste gegenwärtige Welt als durch die sinnlich gegebene 
Erscheinung bestimmen lassen solle, aber dieser Gedanke erhält 
im Lauf der Geschichte sehr verschiedene Formen, unter denen 
drei besonders hervorragen. 



*) Einen festen Sprachgebrauch machte daraus namentlich Wolfif, indem 
er „drei schlimme Secten unter denPhilosophis" zählte, nämlich die „Sceptici^ 
Materialisten und Idealisten "* (s. von seinen Schriften 583). Leibnitz dagegen, 
bei dem mir der Gegensatz von Materialisten und Idealisten zuerst entgegen- 
tritt, verwendet die Ausdrucke in einem weniger specifischen Sinne, da 
er Plato den grössten Idealisten nennt, s. 186 a. 

**) Beachtenswerth ist auch die Scheidung der Ausdrücke „ideal'' und 

, ideell«. 

15* 



228 BealiBmiu — IdealiBmiiB. 

Dem aDtiken IdeaUsmns ist die Welt der reinen Gkstalten 
etwas objectiv yorbandenes und sieh in der Erseheinimg thatig 
bezeugendes, so dass nicht erst der Greist sie hervorzubringen hat ; 
die idealen Mächte wirken von- Ewigkeit zu Ewigkeit durch die 
ganze Welt hindurch, aber mit ihnen ist auch anfangslos der 
Gregensatz des Stofflichen vorhanden, der nie und ninmier ver- 
schwinden kann. Das Ideale stellt sieh in der Welt dar und 
bildet in allem Gesehehen die wesentliche und werthvolle Kraft, 
aber es vermag nicht die Welt ganz zu sich hinzubilden und 
vollständig in sich aufzunehmen. Es zu erkennen, anzuerkennen 
und im Handeln unbeirrt zu vertreten ist unsere Aufgabe, während 
die Forderung, die Ideen in der Welt zur vollen Verwirklichung 
zu bringen und die Erscheinung ganz und gar nach der Vernunft 
zu gestalten, der Antike fem liegt. 

Dem Chrißtenthum ist der Gegensatz zweier Welten nicht 
ursprünglich und ewig, sondern entstanden, nie anerkannt und 
wenigstens theilweise wieder aufzuheben. Vorgänge einer hohem 
Welt tiberwölben und umschliessen auch zeitlich das erscheinungs- 
massige Geschehen und bezeugen sich sichtbar in ihm, aber 
innerhalb dieser Welt ist der G^ensatz nicht aufzuheben, ja 
das Böse gilt als das empirisch mächtigere, so dass die Auf- 
gabe hier weniger darin liegt, das Bestehende nach den ethischen 
Forderungen umzubilden, als sich innerlich über den Druck des 
Feindlichen zu erheben und sich durch alles scheinbar Wider- 
sprechende nicht in dem Glauben an die Eealität des Höhern 
erschüttern zu lassen. 

Bei allem Unterschied dieser beiden Arten des Idealismus 
lässt sich eine Gemeinsamkeit wesentlicher Züge gegenüber der 
Neuzeit nicht verkennen. Auch der Lebensstimmung nach machen 
es beide möglieh, mit allem Kampf und Schmerz die sichere 
Euhe des Besitzes zu veibinden. Jener frühere Idealismus hat 
niclits von der unruhigen, hastig drängenden, dabei bange zweifeln- 
den und sehnsuchtsvollen Art, die wir jetzt oft von dem Begriff 
nicht trennen können. ' 

Es hat eben der Idealismus der Neuzeit von Anfang an einen 



BealiBmuB — IdealiBmus. 229 

<lurchaus eigenthtimlichen Charakter. Auch hier ist ein Gegensatz 
TOrhanden: der Gegensatz dter Vernunft und der Erscheinung, 
«iner intelligiblen und einer empirischen Welt. Aber dieser Gegen- 
satz fällt in ein einziges Universum hinein, die Vernunft ist nichts 
über der Welt schwebendes und nur in sie hineinwirkendes, 
sondern sie liat hier ihre Heimat und macht auf eben den Platz 
Anspruch, den die Erscheinung einnimmt. Bei solchem Zusammen- 
treflfen in einem Punkt wird der Gegensatz geradezu zu einem 
Widerspruch, der schlechterdings aufgehoben werden muss, und 
der Process der Aufhebung dieses Widerspruches ist recht eigent- 
lich der Inhalt des Weltgeschehens. 

Das Ideale ist also nicht etwas nur urbildliches, das mau 
sich mit dem Bewusstsein zum Ziele machen darf, es nie erreichen 
zu können, sondern eine ganz in die Erscheinung strebende Kraft, 
€8 ist nicht so sehr ein werthhaftes, als ein in Wesen und Wirken 
machtvolleres. Dazu tritt das Geistige, welches sich durchsetzen 
und alles von sich bestimmen möchte, nicht als ein Fertiges an 
die Welt heran, um sich darstellend oder schaffend zu bezeugen, 
sondern es entwickelt sich selber und gelangt erst allmählig zur 
Herrschaft, indem es von einer Stufe zur andern fortschreitet. So 
wird das Streben gleichmässig innerlich unermesslich gesteigert, 
wie es weit kräftiger als bei den frühem Formen des Idea- 
lismus in das Gegebene eingreift. Da nicht die mindeste Kluft 
zwischen Vernunft und Erscheinung stehen bleiben darf, so muss 
die ganze Welt ergriffen, umgebildet und zu einem Geistesreich 
gestaltet werden: alles Vernünftige wirklich und alles Wirkliche 
vernünftig zu machen, das ist die immer wiederkehrende und 
überall durohklingende Forderung. Etwas als vernünftig erweisen 
und als verwirklicht fordern, das erscheint hier und hier zuerst 
als unmittelbar zusammenfallend. 

Während daher früher der Idealismus stets in Gefahr war, 
die gegenseitige Abhängigkeit des Innern und Aeussem zu ver- 
kennen und den sichtbaren Zustand der Welt unverändert zu lassen, 
ja während die Anpreisung der innem Erhebung über die Welt 
von Alters her ein bequemes Mittel war, unliebsame Forderungen 



230 Bealismus — Idealismus. 

abzuweisen, galt es nun als unumgängliche Aufgabe, eben die 
erscheinende Welt zu einer Stätte der Vernunft zu machen, überall 
die Bedingungen für ein vemunfterfttlltes Leben herzustellen und 
das dem Entgegenstehende wegzuräumen.*) 

Den unermesslichen Einfluss dieser Gesammtrichtung auf die 
einzelnen Lebensgebiete brauchen wir nicht zu verfolgen, da die 
ganze neue Geschichte davon Zeugniss ablegt Zu dieser Gesammt- 
leistung aber verbinden sich die beiden Strömungen, die wir so 
oft im neuem Leben mit und gegen einander wirken sahen. Die 
Hochstellung der Vernunft als des eigentlichen Weltinhaltes und 
die innere Anspannung der Kraft mag auf die, natürlich weit 
über die Philosophenschulen hinausreichende, speculative Richtung 
zurückkommen ; für die Ergreifung der Erscheinung und ihre Ver- 
knüpfung mit der Vemunftaufgabe steht die empirische voran. 
Dort erwächst die Gefahr, sich mit einer blos theoretischen Um- 
wandlung der Welt zu begnügen, hier dagegen liegt es nahe, sich 
auf die Thätigkeit am Aeussem zu beschränken und ohne tiefere 
Einsicht in das Wesen der Vemunftaufgabe ihre unmittelbare Ver- 
wirklichung in der Erscheinung zu verlangen. 

Aus diesem letztem bildet sich nun die eigenthümliche Form 
des neuem Badicalismus, die im Lauf der Zeit immer mehr 
Boden gewonnen hat. Freilich ist der neuere Idealismus von 
Haus aus radical, denn er will die Forderungen der Vemunft 
ganz und ohne Abzug in der Welt durchführen und nicht das 
mindeste vemunftlose bestehen lassen, aber er fasst diese Aufgabe 
ursprünglich in solcher Tiefe, dass der Schwerpunkt in die innere 
Entwicklung fällt, und sobald das geschieht, folgt natürlich, dass 



*) S. Fichte, Reden an die deutsche Nation (Werke VII, 379): Der 
natürliche, nur im wahren Falle der Noth aufzugebende Trieb des Menschen 
ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden, und ewig dauerndes 
zu verflössen in sein irdisches Tagewerk ; das Unvergängliche im Zeitlichen 
selbst zu pflanzen und zu erziehen, — nicht bloss auf eine unbegreifliche 
Weise, und allein durch die, sterblichen Augen undnrch dringbare Kluft 
mit dem Ewigen zusammenhängend, sondern auf eine dem sterblichen Auge 
selbst sichtbare Weise. 



Bealismus — Idealismus. 231 

die Erreichung des Zieles nicht in einem gegebenen Augenblicke 
möglieh ist, sondern den ganzen Process des Weltgeschehens ein- 
nimmt — Nicht daraus darf irgend einer Richtung ein Vorwurf 
gemacht werden, dass sie ihre Ziele zu rücksichtslos verfolgt und 
zu grosse Energie daran setzt, denn wie man in der Durch- 
führung von Vernunftaufgaben auf noch anderes Eücksicht zu 
nehmen habe und zu viel Energie aufbieten könne, das ist nicht 
wohl abzusehen; vielmehr liegt darin der Fehler, dass die Auf- 
fassung zu sehr veräusserlicht und das Ziel lediglich oder doch 
überwiegend nur in die Gestaltung der äussern Lebensverhältnisse 
und Beziehungen gesetzt, das Innere aber als etwas sich nebenbei 
ergebendes angenommen und daher gewöhnlich vernachlässigt wird. 
Nun freilich erscheint das zu Erreichende als eine äussere Leistung, 
die zu verzögern nicht der mindeste Grund vorhanden ist, so 
dass allerdings von den gegebenen Prämissen aus der Badicalismus 
allein die Consequenzen richtig zieht. Aber bei aller äussern 
Kraftentwicklung, die er herbeiführt, bleibt die Tiefe des mensch- 
lichen Wesens unberührt und die Gesammtheit der Lebensinteressen 
unbegriflfen. Wenn aber die eigenthümliche Art des vernünftigen 
Daseins und Wirkens keine Anerkennung findet, so kann man 
philosophisch betrachtet sagen, die ganze ßichtung führe ihren 
Namen vom Gegentheil, da sie nie auf die letzte Wurzel 
zurückgehe. 

Im Lauf der Geschichte ist jedenfalls innerhalb dieser 
Richtung dieWerthschätzung des Innern in eben dem Masse zurück- 
getreten, wie das Verlangen einer sofortigen Durchführung der Ideale 
dringender geworden ist. Es sind nämlich hier nicht so sehr die 
Ansprüche gesteigert als ihre Stellung zum Gegebenen eine andere 
geworden ist. Man kann von diesem Standpunkt aus in manchem 
kaum mehr verlangen und sich auch kaum schärfer ausdrücken 
als es z. B. von Thomas Morus geschieht, aber seine Utopie liegt 
neben der Welt, während dann die Idealbilder sich ihr mehr und 
mehr nähern und sie endlich ganz einzunehmen verlangen.*) 



") Die Denker sahen daher grosse Umwälzungen mit voller Klarheit 



232 Realismiis — Ideal iflonis. 

Pör uns ist ferner bemerkenswerth der Widerepmeh, der 
bei dieser Riehtimg zwiscben Inbalt und Form besteht. Denn 
dem Inhalt naeb kann hier eine idealistisebe Weltbegreif ong, als 
welehe die Voranstellong des Greistigen im Mensehenleben wie 
im Universum zur unerlässliehen Voraussetzung hat, durcbaus 
nicht anfrecbt erhalten werden, und doeh werden zweifeUos die 
Ziele in der Form des Idealismus angestrebt, und es finden sieh 
sogar vielleicht verhältnissmfissig hier mehr Idealisten im sub- 
jectiven Sinne als bei ii^end welcher andern Sichtung. 

So viel man aber auch theoretisch einwenden mag, es 
kann nicht geleugnet werden, dass der neuere Idealismus immer 
mehr die Form des Badicalismus in dem eben bezeichneten Sinne 
angenommen hat; was nicht in diese bei aller Kraftaufbietung 
verengende und veräusserlichende Bewegung einging, ist meist 
auch in dem Grundgedanken jenes Idealismus selber wankend 
geworden.*) Von da aber hat sich Zweifel und Abfall immer 
weiter ausgedehnt und zu einer allgemeinen Gegenbewegung 
geführt, welche nicht selten die Bezeichnung „Realismus^ ffir sieh 
verwendet Die Wirklichkeit soll hier dem Streben Mass und 
Ziel setzen; wo immer Idee und Erfahrung in Widerspruch 
gerathen, soll letztere den Ausschlag geben; aller Fortschritt soll 
durch die gegebenen Verhältnisse begrenzt werden und daher ein 
allmäliliger sein. 



voraus. Schon Leibnitz sprach von der allgemeinen Bevolntion, womit 
Kuropa bedroht sei (s. 387 a), und Bousseau sagte ganz bestimmt: nons 
approchoDS de l'^tat du crise et du si^cle des r^volutions (Emil, Bach III.) 

*) Worin der Grund davon liegt, haben wir nicht zu erörtern, nur die 
Ansicht möchten wir als die oberflächlichste zurückweisen, als sei die 
^anze Erschütterung nur dadurch hervorgerufen, dass einzelne Parteien in 
der Durchführung der neuern Grrundgedanken „zu weit" gegangen seien, 
und also die ganze Schuld auf die »Ausschreitungen" des Badicalismus 
zurückkomme. Denn so viel man auch gegen die neuere Cultur einwenden 
mag, so gering ist sie denn doch keineswegs zu schätzen, um annehmen 
zu dürfen, dass sie durch solche äussern Momente hätte in ernstliche Gefahr 
gerathen können. Dieselben hätten nimmer Einfluss erlangen können, wenn 
nicht das Innere zu einer Krise geführt hätte. 



'» 



Realismns — IdealismtiB. 233 

För das letztere könnten die grossen Idealisten selber schein- 
bar als Zeugen angerufen werden, wenn nur ausgemacht wäre, 
dass die Nichterreiolibarkeit der Idee lediglich in der Unermess- 
liehkeit ihres Inhaltes den Grund hätte, und es nicht unsere 
eigne Schwäche ist, welche uns das Ziel fein rückt. Und wenn 
es heisst, dass Ideal und Wirklichkeit nicht in Widerspruch ge- 
bracht werden dürfen, so wäre das nur unverfänglich, wenn 
über den Begriff der Wirklichkeit kein Zweifel waltete. Ist das 
augenblicklich in der Erecheinung Vorliegende darunter verstanden? 
Dann muss jeder dazu in Widerspruch kommen, der nach Zwecken 
handelt und strebt. Und bedeutet femer Wirklichkeit die Welt 
mit dem Greist oder ohne ihn? Die gewöhnliche Art der Gegner 
des Idealismus ist es, die Welt als ohne das Geistige fertig hinzu- 
stellen und das Bestehende dann dem Streben als unüberwindliche 
Macht entgegenzuhalten, aber in dieser Annahme wird ja eben die 
entscheidende These vorausgesetzt. Aller Idealismus geht von der 
Ueberzeugung aus, dass das Geistige thätig und gestaltend in die 
Erscheinung einzugreifen und von sich aus die Lage der Dinge 
zu ändern vermöge, welche Ueberzeugung der neuere Idealismus 
noch dadurch steigert, dass er den Geist als ein fortwährend 
wachsendes und in's Unendliche entwicklungsfähiges betrachtet. 
Wo sollte ein solches Wesen feste und untibersteigbare Schranken 
finden? Wo sich ihm gegenüber ein Aeusseres schlechthin zwingend 
geltend machen? 

Ein solcher Glaube ist der Besitz aufstrebender Zeiten. Die 
Völker und Individuen wagen es im Bewusstsein innerer Kraft, 
den Verhältnissen entgegenzutreten und die Welt zu einer Werk- 
stätte des Geistes zu machen. Nicht das Gegebene bildet hier 
das Mass des Möglichen, sondern man will eben über jenes 
hinaus, und das der reflectirenden Betrachtung geradezu unmög- 
lich Scheinende wird hier in kühner That gewagt und gewonnen. 
Denn jener Betrachtung muss alles Grosse vor der That unfass- 
lich sein, indem das Alltägliche und Gewöhnliche die Vorstellungen 
bestimmt. Auch dasjenige, was schliesslich Widerstand leistet 
und Hemmung hervorruft, wirkt in solchen Zeiten nicht von 



234 Realisrnns — Idealismus. 

vorn herein abschwächend auf die Bestimmung der Aufgabe^ 
sondern macht sich erst in dem Handeln und Kämpfen geltend. 
Und letzthin unterliegt der Mensch lieber äusserlich als dass er 
sich innerlich gefangen gäbe; denn auch in dem Untergange 
rettet er das, was dem Leben Gehalt und Würde gibt und ilin 
selbst in eine intelligible Welt erhebt. 

Anders dagegen, wenn das geistige Leben einer Periode den 
Höhepunkt tiberschritten hat, wenn die Unzulänglichkeit des speci- 
fischen Lebensinhaltes gegenüber, der universalen Aufgabe der 
Vernunft zu klarem Bewusstsein gekommen ist, wenn die von 
Anfang an vorhandenen Gegensätze sich bei dem Schwinden 
umspannender Kraft als Widersprüche erweisen und auseinander- 
fallen. Dann erscheint das Aeussere rjesengross, der Druck 
der Verhältnisse unüberwindlich, der Geist mit allem was er 
unternehmen kann, verschwindend. Nicht die Welt ist also eine 
andere geworden, sondern wir sind verändert, die Dinge sind 
gewachsen, indem wir kleiner wurden; aber unwillkürlich suchen 
wir die Schuld ausser uns und möchten das als schlechthin un- 
möglich erklären, wozu wir nicht mehr die Kraft finden.*) 

Und wenn wir einmal den Glauben an die eigne Kraft 
verloren haben, sind wir in der That schwächer und jeder weitere 
Zweifel und Misserfolg steigert diese Schwäche. Die reflectirende 
Klugheit, die Tugend des Greisenalters, zeigt uns haarscharf die 
Widersprüche in den Ueberzeugungen und das Unmögliche in 
den Handlungen ; je genauer wir zusehen, desto mehr scheint das 
Entgegenstehende zu wachsen, die eigne Kraft zusammenzu- 
schrumpfen; alles Menschliche wird klein, Personen und Motive, 
und es ist auch thatsächlich klein von diesem Standpunkt an- 
gesehen, nur dass der Standpunkt selber nicht ausreicht, irgend 
ein Lebendiges, Treibendes, Schaffendes in der Welt zu verstehen. 

"') Im sinkenden Alterthum hat namentlich Seneca diesen Gedanken 
hervorgehoben , s. ep. 116 8: noUe in causa est , non posse praetenditur^ 
sowie die oben angeführte Stelle. Unter den neuern Denkern ist vor allen 
Fichte gegen die bequeme Unterwerfung unter das Gegebene aufgetreten^ 
ß. z. B. Vr, 70 ff. 



RealismuB — Idealismus. 235 

Dass nun die Ideen zu abstrakten Gedanken, ja schliess- 
lieh zu willktlrliehen Yorstellungsbildern herabsinken, ist ebenso 
wenig zu verwundem, als dass ihre Gegner glauben, sich tlber alle 
diejenigen erheben zu dtlrfen, welche sie in irgend welcher Form 
festhalten. Aber mit solchen Zeitströmungen ist natürlich über 
die letzte Bedeutung der Ideen in Geschichte und Leben nichts 
entschieden. Ftlr das, was hier grosses vorgeht, bleiben sie un- 
bedingt die leitende Macht, und zu jeder Zeit wird die Eichtung 
letzthin die Bewegung bestimmen, welche ihren Inhalt als durch 
eine Idee gefordert zu erweisen vermag und in dieser Ueber- 
zeugung für ihn eintritt. 



■ .p 

k. 



Optimismus — Pessimismus. 



Tu aadeu dicere, hoc et illud 
est in mando malum, chjub ex- 
plicare, diBsolvere neque originem 
yaleas neqne cansam? 

Arnobins. 

Ueber den Ursprung der Ausdrücke Optimismus und Pessimis- 
mus yermag ich nur ungenügende Auskunft zu geben. Optimismus 
ist das frühere, indem es schon in der ersten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts zur Bezeichnung der leibnitzischen Lehre von der besten 
Welt verwandt zu werden pflegte, während Pessimismus erst in 
diesem Jahrhundert entstanden und namentlich durch Schopen* 
hauer in Umlauf gekommen zu sein scheint. 

Auf die mannigfachen und schwankenden Bedeutungen ein- 
zugehen, welche die Ausdrücke im heutigen Sprachgebrauch 
besitzen, dürfte für uns keine Veranlassung sein, nur ist es Yon 
Erheblichkeit, zwischen der Verwendung im System der Philo- 
sophie und im allgemeinen Leben sorgfältig zu scheiden. Dort 
handelt es sich vornehmlich um ein theoretisches Urtheil üb.er 
Bedeutung und Werth des Weltganzen, hier dagegen um eine 
Schätzung des Looses der Menschheit oder gar des Einzellebens, 
so dass die Antwort dort von dem gesammten Inhalt der Philo- 
Sophie, hier dagegen von der Stellung der Menschheit zu ihren 
Lebensaufgaben abhängen wird. 

Wie viel Bedenken sich gegen jenes erste Unternehmen er- 



Optimismus — Pessimismus. 237 

heben, ist ebenso einleuchtend wie dieses, dass die Frage nur 
nach gewissen Voraussetzungen aufgeworfen werden kann. Nur 
in dem Zusammenhange einer Weltbegreifung, welche eine Einsicht 
in das Wesen der Dinge und die letzten Gründe des Geschehens 
erhofft, kann sie überhaupt Platz finden ; der Umstand aber, dass 
sie thatsächlich in allen System der Art eine hervorragende Stelle 
einnimmt, lässt vermuthen, dass es sich hier nicht einfach um 
eine logisch - dialektische Spielerei handelt. Vielmehr liegt hier 
der Drang zu Grunde, das was die theoretische Vernunft als 
Wesen der Welt hingestellt hat, auch vor der praktischen als ein 
werthvoUes zu rechtfertigen, und also eine in die Vernunft selbst 
hineinfallende Zweiung zu überwinden, die ebenso zunächst un- 
vermeidlich wie letzthin unerträglich ist. So sehr die ontologische 
und die timologische Betrachtung der Dinge auseinander zu 
halten sind, so wenig man unmittelbar von der einen zur andern 
gelangen kann, ja so sehr der Versuch, beide einheitlich zu ver- 
knüpfen, als ein übermenschliches Unternehmen gelten mag: da 
nun einmal beides in eine Welt hineinfällt, so wird das Denken, 
sofern es überhaupt an seiner höchsten Aufgabe festhält, auch 
auf jenen Versuch nicht verzichten können, und es wird durch 
alles Misslingen nur zu neuen Wagnissen sich angetrieben fühlen, 
Es gibt so angesehen nicht eine Ali; des philosophischen Optimis- 
mus, sondern ebenso viele als es Versuche einer adäquaten 
Erkenntniss der Welt gibt; jede grosse Gesammtrichtung recht- 
fertigt im Grunde sich selbst, indem sie das von ihr als das 
Wesentliche hingestellte zugleich als das WerthvoUe erweist. 

Eine gemeinsame Voraussetzung liegt freilich ihnen allen zu 
Grunde: die Ueberzeugung, dass letzthin das Gute mit dem 
Sein wesentlich verknüpft sei, und das Böse nicht etwas sub- 
stantielles, sondern nur etwas an den Dingen und in ihrem 
Zusammensein sich bildendes ausmache. Diese Voraussetzung, 
welche alle Bedenken gegen den philosophischen Optimismus 
sofort wachruft, ist schon bei Plato in dem Satze zum Ausdruck 
gekommen, dass das wahrhaft Seiende (ro ovzcog ov) mit dem 



238 OptimismnB — PessimismiiB. 

Guten zusammenfalle, und von da zieht sich die Lehre durch die 
(jeschichte, dass das Böse nur als eine Priyation anzusehen sei.*) 

Aber diese allgemeine Ueberzeugung erhält nun in jedem 
grossen System der Weltbegreifung einen eoncreten Inhalt, der 
die £igenthümlichkeit desselben ausdrückt Bei den Griechen 
hat durchgehend der Optimismus einen ästhetischen Charakter, 
die Welt ist gut, ja vollkommen, weil sich tiberall in ihr Mass 
und Ordnung, Zusammenhang und Gleichgewicht bekundet Schon 
vor der sokratischen Schule finden wir eine solche Ueberzeugung 
ausgesprochen*), Plato und Aristoteles brachten sie zur vollen 
Durchführung**), und sie erhielt sich durch die ganze griechische 
Philosophie und Weltauffassung, tiberallhin mit ihr sich verbreitend. 

Nur insofern vollzog sich eine Fortbewegung, ja ein Um- 
schwung, als mit dem Hervortreten der Widersprüche in Welt 
und Leben es nothwendig wurde, aucli den Dissonanzen ihr Eecht 
zuzuerkennen . und daher die Harmonie, wenn anders man sie 
überhaupt festhalten wollte, über die unmittelbare Erscheinung 
hinaus zu verlegen. Schon bei den Stoikern findet sich die Lehre, 
dass auch das dem Guten Entgegenstehende zur harmonischen 
Ergänzung innerhalb der Gesammtheit nothwendig sei; schliess- 
lich aber hat Plotin in grossartigster Weise die Lehre ausgeführt, 
dass eine vollendete Harmonie schroffe G^ensätze enthalten 
müsse, die sich erst für die Betrachtung vom Weltstandpunkte 



*) Den prägnantesten Ausdnick hat dieser Lehre Angastin gegeben, 
vor allem in dem enchiridion ad Lanrentinm de fide, spe et caritate. Nach 
seiner Bezeichnung ist das Böse nicht causa efficiens, sondern nur causa 
deficiens. 

**) S. namentlich Diogenes von Apollonia (Frg. 4 bei Mullach): ov 
ytiQ av ovTta dedaa&ai oloy re rjy äyev yoriaiog, taaxB xal ndyviav fxirqa l/€iv, 
^eifjioiyog re xai d'iQtoff xal yvxtog xal ifjti^tjs xai v€t(Sy xal ayifxfoy xal 
evdiifoy, Kai rd dXXa et tts ßovXezai iyyoifCd-ai, ev^iaxoi dy ovno dua^i- 
fueya, d>g dyvcxoy xdlXiCta, 

***) Bei Aristoteles heisst es vom Leben geradezu eth. 1170 a, 19: xo 
(^y xiüy xa^ avio dyaS-tay xal ^ditay. wqusfiiyoy yaQ, ro ^toQUFfniyoy r^r 
xdya&ov q>v<SB(ag. 



Optimismus — Fessimismns. 239 

vollständig in die Einheit auflösten. Die verschiedenen Künste 
bieten zahlreiche Beispiele, auch ein Thersites gehört zum Epos, 
das Gemälde kann nicht ganz in Licht gemalt sein, und das 
musikalische Kunstwerk muss Dissonanzen enthalten. Wenn aber 
die Harmonie der Welt für uns etwas unfassbares bleibt, so kann 
sich Plötin a^uf das Wort Heraclifs berufen, dass eine verborgene 
Harmonie höher sei als eine oflfenbare. 

Der geschichtliche Einfluss dieses transscendent- ästhetischen 
Optimismus reicht weit über die griechische Welt hinaus, ja in 
dieser Form hat sich der Grundgedanke allen spätem Systemen 
anzupassen vermocht. Indem Augustin die Welt als Selbst- 
darstellung des göttlichen Seins fasste, trat ihm der Begriflf der 
.Ordnung als allumfassend vor das Gute, Wahre und Schöne, und 
schien das Böse für die letzte Betrachtung zu verschwinden. Mit 
besonderer Energie erklärte sich sodann Scotus Erigena für diese 
Ali; von Optimismus, auch die Scholastik eignete sich dieselbe an, 
und Leibnitz war bestrebt, sie durch weitere Analogien vorstell- 
bar zu machen.*) 

Das Christenthum hätte nach seiner Grundauffassung von der 
Welt einen ethischen Optimismus zu vertreten gehabt, nach dem 
die Weltordnung sich als eine solche erwiese, welche in voll- 
kommenster Weise die sittlichen Gesetze verwirklichte. Dabei 
würde dann der Gegensatz einer strengem und mildern Auf- 
fassung hervorgetreten sein, der sich in dem alten Streit be- 
kundet, ob die Welt um der Ehre oder der Güte Gottes willen 
geschaffen sei, ob Gerechtigkeit oder Liebe letzthin entscheide, und 
jedenfalls wäre hier der Optimismus recht eigentlich zur Theo- 
dicee**) geworden. An Anklängen solcher Versuche fehlt es nicht. 



*) S. z. B. 548 b : c'est comme dans ces inventions de perspective, 
oü certains beanx desseins ne paraissent que confusion, jusqu' ä. ce qu'on 
les rapporte ä leur vrai point de vue, ou qü'on les regarde par le moyen 
d'un certain verre ou miroir. — Ainsi les d^formit^s apparentes de nos 
petits mondes se r^unissent en beant^s dans le grand. 

♦*) Der Ausdruck Theodicee scheint dagegen erst von Leibnitz zu 
stammen. 



240 OptimiAmiiB — Pessimismus. 

aber für das allgemeine Bewusstsein war das Uebel zu sehr ein 
Reales und yor allem die sittliche Schuld zu sehr ein absolut 
nicht sein sollendes, um die Einfügung in einen sie rechtfertigmiden 
Zusanunenhang zuzulassen. In der Besorgniss, durch solche 
Speculationen den Gegensatz des Guten und Bösen abzuschwächen, 
begnügte man sich gewöhnlich damit, die nächstliegenden Ein- 
wendungen zurückzuweisen, während die principielle Frage als 
etwas die Kraft menschlicher Vernunft übersteigendes abge- 
lehnt wurde. 

Die Neuzeit dagegen, mit ihrem unbedingten Vertrauen auf 
die Macht der Vernunft in der Welt und im Menschengeiste, 
wandte dem Probleme ihre Tolle Kraft zu. Einig war sie 
von Anfang an darin, das Werth volle nicht in irgend einer 
specifischen Qualität, sondern in der Fülle von Kraft und Leben 
selber zu suchen, aber die beiden Grundrichtungen, denen wir so 
oft begegnet sind, machen sich auch hier geltend und treiben 
einen zwiefachen Optimismus hervor: einen logischen und einen 
physikalischen. Dort wird die Welt dadurch rechtfertigt,, dass 
sie sich der tieferdringenden Betrachtung als ein Werk der 
Vernunft selber herausstellt. Die Vernunft ist aber hier ihrem 
Wesen nach eine theoretische, und die Welt erscheint deswegen 
als die beste, weil sie in das Denken aufgeht Darnach sind es 
im Grunde die formalen Bestimmungen des Denkens, die sich als 
weltbeherrschend erweisen, und nur indem jeglicher reale Inhalt 
auf sie zurückgeführt oder Tielmehr ihnen aufgeopfert wird, gelingt 
es, das Wirkliche als vernünftig und das Vernünftige als wirklich 
darzuthun. Was hier das Denken als wesentlich hinstellt, gilt darum 
auch als gut, und etwas als nothwendig erweisen bedeutet soviel 
als es letzthin rechtfertigen.*) Diese Riclitung findet ihre Haupt- 
vertreter in Spinoza und den deutschen constructiven Philosophen, 
vor allen darf Hegel als ihr Höhepunkt betrachtet werden. 



*) S. Hegel VIII, 193: „Wesentlich und gut sind ohnehin gleichbe- 
deutend;'* Fichte VII, 14: „Nothwendig, und daram gut." II, 135: .Die 
sittliche Welt ist nicht die beste, sondern sie ist die einzig mögliche nnd 
durchaus nothwendige Welt, d. h. die schlechthin gute.** 



Optimismus — Pessimismus. 241 

Gregen die hier stattfindende Einssetzung des Logischen und 
Timologischen kämpfte Leibnitz mit aller Energie, aber wenn er 
jener Kichtung eine Vermengung von verschiedenartigen Begriflfen 
Schuld gibt, so fragt sich, ob die von ihm versuchte Lösung nicht 
demselben Vorwurf ausgesetzt sei. Wenn wir in der Theodicee 
durch die bunte und nicht widerspruchslose Fülle des zur Ver- 
theidigung der eignen Ansicht angehäuften Materials zu dem 
Leibnitz eigenthtlmlichen Kern durchdringen, so stellt sich seine 
Lehre ganz anders heraus als sie dem ersten Blick scheinen 
könnte. Ihm ist die Welt die beste, weil sie am meisten Sein 
zur Wirklichkeit kommen lässt, am meisten lebendige Kraft ent- 
wickelt. Alle Vollkommenheit besteht in der Quantität des Seins, 
die Vervollkommnung ist Steigerung derselben und alle Lust 
Empfindung der Vollkommenheit und Vervollkommnung. So sehr 
er dabei bestrebt ist. Sein und Kraft dem allgemeinsten Begriff 
nach zu bestimmen, so schiebt sich doch immer das Vorstellungs- 
bild der physischen Kräfte ein, wie dies schon daraus her- 
vorgeht, dass ihm die Gesammtheit als Summe erscheint. Das 
Viele ist so verbunden, dass im Ganzen die grösste Kraftauf- 
bietung stattfindet und damit im Weltall eine Art „metaphysische 
Messkunst" ausgetlbt wird.*) Alles solcher Auffassung schein- 
bar Widersprechende schwindet vor der Erwägung, dass nicht 



*) Unter den zahlreichen hiehergehörigen Stellen drückt den leibnitzi- 
Bchen Grundgedanken wohl am dentlichsten ans de remm orig. radic. (Wke. 
147 b): Hinc vero manifestisBime intelligitnr ex infinitis possibilinm combi- 
nationibus seriebnsque possibilibus existere eam, per quam plurimum essen- 
tiae seu possibilitatis perducitnr ad existendum. Semper scilicet est in 
rebus principinm determinationis quod a maximo minimove petendum est, 
nt nempe maximus praestetur efifectns minimo ut sie dicam snmtu. £t hoc 
loco tempns, locus, ant ut verbo dicam, receptivitas vel capacitas mnndi 
haberi potest pro sumtu sive terreno in qno quam commodissime est aedi- 
ficandnm, formarnm autem varietates respondent commoditati aedificii mnl- 
titndinique et elegantiae cameramm. Et sese res habet nt in ludis qnibns- 
dam cum loca omnia in tabula sunt replenda secundum certas leges, ubi 
nisi artificio qnodam utare, postrcmo spatiis exclusus iniquis plura cogens 
relinquere loca vacua, qnam poteras vel volebas. 

Eucken, Geschichte und Kritik. 1(5 



242 Optimismus — Pessimismus. 

irgend welches Einzelne, sondern nur das Ganze entscheidend in 
Beti'acht kommen kann, und dass im Zusammenhang dieses Ganzen 
oft die Combination Ton einzeln betrachtet geringem Dingen mehr 
zu leisten vermag als die von grossem.*) Auch das Böse wird 
hier damit rechtfertigt, dass die es enthaltende Welt mehr Kraft 
verwirkliche und daher besser sei, als eine Welt ohne das Böse. 
Dieser Versuch einer Vertheidigimg des Universums hat weit 
über die schulmässige Form hinaus Einfluss auf die Wissenschaft- 
liehe Bewegung gehabt. Das Gesetz des kleinsten Kraftaufwandes 
ist schon bei Leibnitz von daher abgeleitet, Männer wie Lessing 
und Herder hielten den Grundgedanken werth, bis zur Gegenwart 
haben sich manche hervon-agende Forscher an ihn angeschlossen, 
und selbst im Darwinismus könnte man eine Art Ausführung von 
ihm erblicken. 

Wie viel sich gegen alle diese Formen des philosophischen 
Optimismus im allgemeinen und in jedem besondem Falle ein- 
wenden lässt, gehört nicht hierher, für die erste Betrachtung wird 
das Bedenken besonders schwer wiegen, dass alle Lösungsversuche 
ein volles Aufgehen des Einzelnen in das Ganze voraussetzen, 
während doch die Einzelwesen der Welt eine andere Art der 
Selbstständigkeit in Anspruch nehmen müssen, als sie Theilen 
eines Kunstwerks, Momenten eines logischen Processes oder 
Gliedern einer Summe zukommt. Bei jeder besondem Form des 
Optimismus aber wird die philosophische Kritik das Einseitige 
und Ungenügende der Begriflfe und Sätze gegenüber der uni- 
versalen Aufgabe darthun, und sie wird wenigstens insofern 
gegen dieselben alle zerstörend wirken, als sie in dogmatischer 
Weise eine letzte Enträthselung des Geheimnisses bieten wollen. 

Im Zusammenhang mit einer solchen Kritik hat auch der 
theoretische Pessimismus unzweifelhaft eine Berechtigung. Mag* 



*) S. deutsche Schriften I, 412: Ein geringes Ding zu einem geringen 
gesetzet kann oft etwas bessers zu Wege bringen, als die Zusammensetzung 
zweier andern, deren jedes an sich selbst edler als jedes von jenen. Hierin 
stecket das Geheimniss der- Gnadenwahl und Auflösung des Knotens. Duo 
irregularia possunt aliquando facere aliquid reguläre. 



Optimismus — Pessimismus. 243 

er auf das Mangelhafte der begrifflichen Bestimmungen in jenen 
abschliessenden Systemen hinweisen, mag er das in Erfahrung 
und Empfindung unmittelbar Vorliegende entgegenhalten, er ver- 
tritt eine wohlbegrtindete Opposition ; aber die Sache nimmt schon 
eine andere Gestalt an, wenn er deswegen glaubt, die optimi- 
stischen Versuche ihrem Wesen nach würdigen, letzthin widerlegen 
und sich selbst als der Wahrheit näher stehend über sie er- 
heben zu können. Denn die tiefem Beweggründe jener Versuche 
pflegen ihm zu entgehen, und seine stärkste Waffe ist der Hinweis 
auf die jeglichem Optimismus entgegenstehende Erscheinung. Nun 
aber beziehen sich alle jene Systeme gar nicht auf die erste Er- 
scheinung, sie behaupten nicht, dass das unmittelbar Vorliegende 
sich als ein Vernünftiges darstelle, sondern nur dieses, dass in 
dem Weltgeschehen sich letzthin ein Vernünftiges durchsetze und 
verwirkliche. Aber um zu demselben zu gelangen, muss man 
sich vielleicht weit über die Erscheinung erheben, ja in einen 
Gegensatz dazu treten, so dass philosophische Optimisten, wie 
2. B. Plato oder Augustin, sehr wohl der Empirie gegenüber als 
Pessimisten gelten können. Jedenfalls brauchen solche Männer 
nicht erst bei unsem modernen Pessimisten in die Schule zu gehen, 
um sich über den Ernst des Lebens belehren zu lassen. Auch die 
deutschen Idealisten, voran Fichte, dachten von der Welt der un- 
mittelbaren Erscheinung nicht überschätzend *), und wenn Leibnitz 
als unbedingter Optimist ausgerufen und als Typus eines salchen 
hingestellt wird, so liegt das nicht sowohl an seiner philoso- 
phischen Theorie vom Weltall, als an dem Zusammentreffen der- 
selben mit einer rein individuellen Eigenthümlichkeit, dem Streben, 
die Dinge möglichst von der guten Seite zu nehmen. 

♦) S z. B. Fichte 11, 97: „Von der unmittelbaren Wirklichkeit- kann 
man übrigens oft nicht schlecht genug denken. So niedrig man oft ihr 
Bild nimmt, so übertrifft es doch die Erfahrung. Wer aber von der Mensch- 
heit nach ihrem allgemeinen Vermögen schlecht denkt, der lästert die 
Menschheit und verurtheilt nebenbei sich selbst," V, 537: „Da die Sachen 
einmal stehen, wie sie stehen, ist das Elend noch das allerbeste von allem, 
das in der Welt ist." Dass ferner bei Hegel Erscheinung und Wirklichkeit 
sehr bestimmt unterschieden werden, das sollte nicht so oft vergessen sein. 

16* 



244 Optimismiu — Peanmumna. 

Gewiss ist der OpHmiBmiiB angreifbsr, aber er ist es im 
Gmnde doeh nur desw^en, weil er sich tai eine nnsere Kräfte 
Qbereteigende Aufgabe wagt, und weil er flir die Lösong eioes 
in die Unendlichkeit weisenden Problemes den Bahtnen unvermeid- 
lich zu eng nimmt, aber damit tbeilt er nur das Schicksal aller 
Vernimftideen, die gleichmässig rom Standpunkt der Dächstliegen- 
den Erscheinung und des räsonnirenden Verstandes widerlegt und 
verspottet werden können. Mag man sieb in der witzig frivolen 
Weise eines Voltaire oder in der bitter derben eines Sohopenhsuer 
gegen den Optimismus wenden und im Einzelnen noch so viel 
Richtiges vorbringen, das Grundstreben wird von allen solchen 
Angriffen nicht getroffen. 

Wenn nun aber gar der Pessimismus sieh zu einem philo- 
sophischen Systeme ausbilden und die Lehre von der schlechtesten 
Welt positiv verfechten möchte, so muss gesagt werden, dass ein 
derartiger Versuch alle Gefahren und Irrungen des Optimismus 
tbeilt, o)ine sieh aus einem Grundstreben der Vernunft zu recht- 
ferttgen und durch Zusammenfassung einer Fülle von Ersehei- 
nungon unter ein positives Frineip fruchtbar zu erweisen. Wenn 
der OptimisinuB Werthbegriffe auf das Weltganze anwendet, so 
hat dies wenigstens insofern einen Sinn, als er von dem Postulate 
eines wesentlichen Zusammenhanges von Sein und Vernunft aus- 
geht, aber wie man bei einer Trennung beider überhaupt dazu 
kommen soll, solche BegrifTe in das Universum einzutragen, ist 
nicht wohl zu verstehen. Man mag immer wieder demonstriren, 
dass im Leben des Einzelnen, der Menschheit, ja aller empfinden- 
den Wesen das Elend überwiege, was wäre damit für das Ganze 
dargethan, in dem dieses alles äusserlich verschwindet?*) Alle jene 
fassen Optimisten haben das Geschick der Menschheit dem des 
Weltalls eingefügt und unterworfen, und wenn speciell Leibnitz 
meint, dass UnvoUkommenbeiten der einzelnen Gebiete ftlr das 



') Der PeBaimiBnms vermag demjenigen,- was einer Wettlischätiiing 
'elt am luöiBten Schwierigkeit maelit: dem (scheinbar) GleichglUtigeD, 
■enigci' liiiziikomnien als der OptimismnB, 



i 



Optimismus — Pessimismus, 245 

Wohl des Ganzen erforderlich sein könnten, so würde ihn viel- 
leicht sein Gefühl, aber nicht seine Philosophie hindern, alles 
menschliche Elend für eine solche im Interesse des Ganzen noth- 
wendige UnvoUkommenheit zu erklären.*) Kurz eine weitere 
Bedeutung als die einer Reaction gegen den Optimismus vermag 
dem Pessimismus ate Theorie nicht zuerkannt zu werden. Die 
ganze Frage nach dem Werthe des Weltgeschehens kann an- 
gegriffen werden, ist sie aber einmal aufgeworfen, so vertritt der 
Optimismus das positive Interesse der Wissenschaft. 

Völlig verschieden aber vom Optimismus und Pessimismus 
als philosophischer Theorie ist Pessimismus und Optimismus als 
Empfindung und Ueberzeugung im allgemeinen Leben. Denn hier 
handelt es sich nicht um eine Werthschätzung des Weltganzen, 
sondern um die Beurtheilung des in der Menschheit Vorgehenden 
und die Auffassung unseres Verhältnisses zu unsem Aufgaben und 
Zielen. Solche Fragen werden gelegentlich zu allen Zeiten auf- 
geworfen werden und je nach Natur und Lage der Individuen 
verschiedene Beantwortung finden; dass sie für die Gesammtheit 
in den Vordergrund treten imd alle Erscheinungen in ihren 
Gesichtskreis ziehen, das zeigt selbst schon einen bestimmten 
Wendepunkt in der geschichtlichen Bewegung an. 

Denn die Reflexion über den Werth des eignen Thuns und 
Geschickes ist dem menschlichen Leben nichts ursprüngliches. Wie 
der Einzelne, so wird auch die Menschheit in der Zeit aufstreben- 
der Entwicklung und gelingenden Schaffens so sehr durch die 
Thätigkeit erfüllt, dass es zu vielem Nachsinnen über den eignen 
Zustand gar nicht kommt. Diese Frage setzt schon ein Anhalten 
der Thätigkeit, ein gewisses Uebergewicht reflectirender Betrach- 
tung über kraftanstrengendes Wirken voraus, sie geht ebenso aus 



*) Den Pessimisten gegenüber tritt er der Auffassung des Maimonides 
bei (s. 582 b): que la canse de leur erreur extravagante est, qu'ils s'imagi- 
nent que la nature n'a 6t^ faite que pour eux, et qu'ils comptent pour 
rien ce qui est distinct de leur personne, d'oü ils inf^rent que quand il 
arrive quelque chose contre leur gr^, tout va mal dans Tunivers. 






246 OptimürnnB — PesaimiBmaB. 

einer gewissen Erschlaffung und Zweiflung hervor, wie sie ihrer- 
eeits dieselben steigert. Die einmal begonnene Bewegung pflegt 
dann raseh weiter zu gehen. Je mehr die Schaffenskraft erlahmt, 
desto mehr wird der Blick für alles hemmende und störende ge- 
schärft, desto mächtiger wird das Gegenwirkende auch thatsäeh- 
lich, desto rascher wächst die Kluft zwischen Aufgabe und Ver- 
mögen. Der Zweifel heftet sich dabei zunächst an die besondern 
Gestaltungen, aber er greift bald weiter, alle Probleme und Wider- 
sprüche des Lebens treten hervor, und in allem macht sich die 
Antinomie geltend, welche aus dem SfissTerhältnisB endlicher Kraft 
zu unendlichen Aufgaben entspringt. Auf einVollkommnes, Granzes, 
Allumfassendes ging das Streben, während nun Überall die 
Schranken vor Augen treten, und auch das höchste, was erreichbar 
ist, dem Ziel kaum näher zu führen scheint. In solcher Lage 
wiegt auch das Unerfreuliche der besondern Umstände schwerer, 
imd nun steigert sieh vorübergehendes und bleibendes ; die Auf- 
gabe der Ewigkeit lastet auf dem Moment, und der Moment 
scheint sich mit seinem Leide in die Ewigkeit auszudehnen. Wer 
kann es befremdlich finden, wenn unter solchem Druck keine 
Freude an Thätigkeit und Leben aufzukommen vermag? 

Wo das Bewuestsein einer solchen Kluft zwischen Ideal und 
Wirklichkeit für Denken und Handeln bestimmend wird, da hat 
der Pessimismus seine Stätte. Denn ein Missverhältniss zwischen 
jenen beiden erkennt auch der Idealismus an, aber da ihm der 
Abstand keine feste Grösse und das Hemmende nicht unüber- 
windliche Macht scheint, so ergibt sich für ihn nur Veranlassung 
zu mn so grösserer Kraftaufbietung. Der Pessimismus aber hält 
die Kluft für nicht zu verringern, so dass der Mensch nun 
rathloB vor ihr stehend in Leben und Handeln ermatten muss. 

Aber ein solcher Standpunkt enthält in sich einen Wider- 
spruch. Pessimismus ist nur so lange möglich, als überall 
ein Ideal gesetzt wird, mag es dann für unerreichbar erklärt 
weiden; es muss iigend etwas Werthvolles in der Welt gehen, 
wenn das Leid tlber das Entbehren gerechtfertigt sein soll. Der 
Pessimist verhält sich hier ähnlich wie der Skeptiker, der auch 



Optimisinns — Pessimismus. 247 

den Begriff der Wahrheit bildet und uns nur den Zugang zu ihin 
versperrt. Beide muss die Folgerichtigkeit des Denkens und 
Lebens dahin führen, entweder das Ideal und damit alles Interesse 
an ihm aufzugeben, oder es in irgend einer Form neu zu ge- 
stalten, die eine Annäherung ermöglicht. In jener Mittelstellung 
lässt sich auf die Dauer nicht verharren. 

Nach dem Allen ist der Pessimismus nicht ein fest und ein- 
fach bestimmtes, sondern er durchläuft mannigfache Stufen, nach 
denen auch seine Werthschätzung verschieden sein muss. Zunächst 
ist er nur ein zweifelnder Idealismus und als solcher ein geradezu 
nothwendiges Moment eben der kräftigsten üeberzeugungen, aber 
nun verfestigt sich die Ungewissheit, der Zweifel wird positiv, 
das Ideal rttckt immer ferner imd wird endlich zu einem blossen 
Schattenbilde. So bleibt die empirische Welt und der empirische 
Mensch allein über, und wenn nun doch von dem Anspruch 
auf ein WerthvoUes nicht nachgelassen werden soll, so muss 
sich überall ein Widerspruch geltend machen. Nach der Norm 
der Vernunft gemessen, die nun nicht mehr weltdurchdringende 
Macht ist, erscheint alles Vorliegende klein und kleinlich, man 
vermag die Geringfügigkeit alles von uns je zu erreichenden dar- 
zuthun, sowie zu zeigen, dass durchgehend niedere Motive den 
Menschen beherrschen, wenn er auch mit steter innerer Heuchelei 
sich vor sich selbst und andern als durch edleres geleitet darstellen 
möchte; und man mag mit allem dem Recht haben, man hat es 
immer nur für jenen widerspruchsvollen Standpunkt, den man 
einnimmt. 

Aber die Bewegung geht dann rasch noch einen Schritt 
weiter, indem an Stelle der Frage nach der Bedeutung des Lebens- 
inhaltes die nach dem Glück tritt. Man fangt an nicht so sehr 
auf das zu achten, was man denkt und handelt, als auf das, was 
man empfindet und erlebt; es wird versucht Lust und Schmerz 
im Leben gegeneinander a1)zumessen, wobei die Antwort schon 
deswegen nicht zweifelhaft sein kann, weil das werthvoUste im 
Leben, die Thätigkeit, ausser Acht bleibt, und weil der Mensch 
mit ihr die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Verhältnissen 



248 Optimismns — PessimismaB. 

preisgibt. In Wahrheit hat das, was an uns herantritt, nicht für 
sich einen unabänderlichen Weii;h, sondern auf denselben wirken 
ein die Bescliaffenheit des Aufnehmenden, der Zusammenhang, 
in den das Einzelne gebracht wird, die Kräfte, welche es wach- 
ruft*) Wenn also der letzte Werth sehr weit von dem ersten 
abweichen kann, ja sogar eine gewisse Umkehrung (natürlich in 
eausal-gesetzlichem Zusammenhange des Innenle^bens) möglich ist, 
so erscheint es als verkehrt, das uns äusserlich Zustossende für 
sich entscheiden zu lassen. Alles was die einzelnen Individuen 
betriflft, blieb im Lauf der Geschichte wesentlich unverändert, 
hatte es also wohl nicht besondere Gründe, wenn gewisse 
Zeiten dies Geschick der Einzelnen so in den Vordergrund stellten? 
Nicht nur haben Individuen wie Völker im härtesten Kampf 
gegen widerstrebende Verhältnisse sich die Freude am Leben 
erhalten, sondern es haben gerade grosse Schicksale, weil sie den 
Menschen bis in's Innerste aufregten und alle Kräfte entwickelten, 
am sichersten vor dem Pessimismus bewahrt. 

Wird aber einmal der Geist als leidend betrachtet und nicht 
das Handeln, sondern das Empfinden als über unser Leben be- 
stimmend angesehen, so ist freilich der Pessimismus einzig be- 
rechtigt, und es ist verkehrt, dann noch mit ihm über kleine 
Dinge zu markten. Denn dass in dem Mechanismus der Empfin- 
dungen Unlust und Schmerz leicht den Sieg über die Lust davon- 
tragen, und das Leben so betrachtet sich als ein stetes Schwanken 
zwischen Langeweile und Schmerz herausstellt, das ist von Alters 
lier zur Genüge dargethan. Kur wird man auch diese Thatsache 
anders, ja geradezu entgegengesetzt deuten können, als es im 
landläufigen Pessimismus geschieht Ueber die Kleiiilichkeit der 
dieser Form zu Grunde liegenden Voraussetzungen aber darf kein 
Wort verloren werden. 

Damach besteht im grossen geschichtlichen Leben nicht so 

•) S. Angustin de civit Dei I, 8: una eademque via irmens bonos 
probat, porificaty eliquat ; malos damnat, vastat, exterminat. Unde in eadem 
afflictione mali Deum detestantnr atqne blasphemant; bonl antem precan- 
tur et laudant. Tantnm interest, non qaalia, sed qualiBcanqne patiatnr. 



Optimismus — Pessimismus. 249 

sehr ein Gregensatz zwischen PeBsimismus und OptimiBmus als 
zwischen Zeiten einer pessimistischen Beflexion und einer er- 
ftülten Thätigkeit Von Optimismus könnte nur etwa danü die 
Eede sein, wenn die Menschheit mit vollem Bewusstsein ihre 
Kraft den Aufgaben für gewachsen hielte oder sie gär über- 
schiessend glaubte, aber wenn auch derartige Momente im ge- 
schichtlichen Leben vorkommen, indem bis dahin zurückgedrängte 
Kräfte für die Thätigkeit frei werden und gegenüber einer ent- 
sagenden Stimmung die Macht der Menschheit verkündet wird, so 
sind das naturgemäss vorübergehende Momente. Denn sehr bald 
wird die Aufgabe die Kraft vollauf anspannen und jenes Gefühl 
des Ueberschusses zurückdrängen. Will man aber Optimismus 
die Connivenz gegen alles Geschehende nennen, die bequeme Zu- 
rechtlegung der Ereignisse, um nur nicht zum Handeln Veran- 
lassung zu haben, so ist eine solche geistige Stumpfheit freilich 
niedriger als die niedrigsten Formen des Pessimismus, weil sie 
ein Erlöschen selbst der Reactionsfähigkeit des Menschen anzeigt, 
und man könnte hier mit Marc Aurel fragen, welchen Grund es 
noch habe zu leben, wenn selbst das Bewusstsein des Fehlens 
verloren gegangen sei*); aber hier handelt es sich im Grunde 
nicht mehr um eine üeberzeugung vom Leben, sondern um ein 
Aufgeben aller Üeberzeugung, so dass auch die wissenschaftliche 
Betrachtung damit nichts zu thun hat — Wie also bei den 
theoretischen Systemen der Pessimismus nur einen Rückschlag 
gegen die Versuche einer optimistischen Weltbegreifung bildet, so 
bedeutet umgekehrt auf praktischem Gebiet der Optimismus nur 
ein Uebergangsstadium , in dem sich eine Reaction gegen vor- 
wiegend pessimistische Ueberzeugungen vollzieht. Was man ge- 
wöhnlich als Optimismus und Pessimismus einander entgegenstellt, 
berührt sich gar nicht: das eine gehört der Wissenschaft, das 
andere der Lebensstimmung, jenes dem Denken, dieses der Em- 
pfindung an. 



*) S. Marc. Aurel 7, 24 : ei yccQ xal rj avyaiad-rjaig rov äfxaqxdviiv oixn- 
C€Tai, rig eri rov C^v alria; 



250 Optimismus — PesBimismns. 

Nach dem allen i&t der Pessimismus im Gesammtleben nicht 
als eine wissenschaftliche Theorie, sondern als ein geschichtliches 
Moment zu verstehen und zu würdigen, und es wird ihm von 
solchem Standpunkt aus eine grosse Aufgabe in dem Auf- und 
Absteigen der geschichtlichen Mächte nicht abzustreiten sein. Jede 
besondere Weltbegreifung und Lebensgestaltung wird sich gegen- 
über der Gesammtaufgabe des vernünftigen Wesens in ihrem Ver- 
lauf als zu eng herausstellen, und wird daher im Fortgang der 
Bewegung als besondere und abschliessende Form aufgelöst werden 
müssen. Im Aufsteigen des geschichtlichen Lebens mag der 
Mensch die G^sammtheit seiner Strebungen in dieses Besondere 
hineinlegen und in der schaffenden That den Gegensatz des End- 
lichen und Unendlichen überwinden, denn darin eben besteht das 
Wesen classischer Zeiten, dass in dem Vorliegenden ein Ewiges, 
Universales erfasst, beides in eins verschmolzen, und Idee und 
Erscheinung, Inhalt Und Form in untrennbarer Einheit ergriffen 
werden. Aber im weitem Fortgehen und Sichherausarbeiten muss 
das Ungenügende hervortreten, müssen die Widersprüche und 
Conflicte sich geltend machen und damit die Zersetzung beginnen. 
Hierbei bringt der weltgeschichtliche Process das Tragische mit 
sich, dass gerade die Erfüllung des unabweisbaren Verlangens, 
den besondem Lebensinhalt vor der denkenden Vernunft zu recht- 
fertigen, die Zerstörung einleitet. Denn indem man ihn als einen 
allgemeingültigen erweisen möchte, muss der Gegensatz des Speci- 
fischen und Allgemeinen, des Begrenzten imd Universalen zum 
Bewusstsein kommen, und damit die Wendung zu jener absteigen- 
den Bewegung eintreten, die wir oben zu verfolgen suchten. 

Hier hat nun ohne Frage der Pessimismus eine grosse Auf- 
gabe, insofern er die Unendlichkeit und UnerfüUbarkeit der Ver- 
nunftaufgabe gegenüber allen endlichen Formen vertritt. Die 
Reflexion und Kritik, welche er hierbei ausübt, wirkt freilich 
unmittelbar nur als eine abstracto Macht und daher zerstörend, 
aber in dem Streit und Zwiespalt, der sich jetzt aufthut, werden 
die Ziele weiter gesteckt, neue Kräfte aufgeregt, das Leben durch 
den Kampf und Schmerz vertieft und damit positive Gestaltungen 



Optimismus — Pessimismus. 251 

wenigstens yorbereitet. Es werden die allgemeinen Kräfte, welche 
in die besondere Gestaltung gebündelt waren, aus diesem Gefüge 
losgelöst und damit frei gemacht zu neuer Verwendung. Mag 
das Ganze zunächst lauter Zerstörung scheinen, auch die Auf- 
lösung steht im Dienst des Lebens, wenn anders wir die Veniunft 
nicht in die Gegensätze der Erscheinung hinabziehen, sondern sie 
als dieselben umfassend und sich im Zerstören ebenso wie im 
Aufbauen bewährend ergreifen. Von da aus wird auch der Pessi- 
mismus als ein werthvolles Mittel der geschichtlichen Bewegung 
Anerkennung finden. 

Jedenfalls folgt aus solcher Auffassung für seine Behandlung, 
dass er nie durch theoretische Gründe, und wäre alle Kunst der 
Dialektik aufgeboten, endgültig widerlegt werden kann; sowie 
dass er aus der geschichtlichen Gestaltung zu erklären und von 
da seinem specifischen Inhalt nach zu begreifen ist. 

Auch in der Gegenwart muss das Specifische des Pessimis- 
mus herausgestellt und von andern Formen geschieden werden. 
Vor allem darf die im Christenthum vorwaltende Lebensstimmung 
nicht dem neuern Pessimismus zu sehr angenähert werden. Freilich 
setzt das Christenthum nicht nur einen Zwiespalt zwischen Wirk- 
lichkeit und Ideal, sondern es macht geradezu das Böse zu der in 
dem empirischen Geschehen starkem Kraft und erklärt weit 
mehr als das Handeln das Leiden als Aufgabe des Lebens *), aber 
der Glaube an die Realität und Ueberlegenheit einer hohem Welt 
wird dadurch nicht erschüttert, sondern nur mit um so grösserer 
Kraft entgegengehalten. Gerade im Unterschied von dem müden 
und verzweifelnden Pessimismus des sinkenden Alterthums sehen 
wir hier einen ungeheuren Lebensdrang; diese Welt wird nur 
aufgegeben, um dafür eine andere wiederzugewinnen, dazu ist in 
dem Zusammenhang eines ethisch - religiösen Systems die Bedeu- 
tung des menschlichen Lebens unermesslich gesteigert, so dass 



*) Nur freilich, dass Leiden hier mehr ist als blosses üebersichergehen- 
lassen. Wir erinnern nur an das von Luther gern angeführte Wort : passio 
est summa actio. 



252 Optimismus — Pessimismus. 

die meisten Kirchenväter das Elend desselben nicht ausmalen 
können , ohne zugleich für seinen werthrollen Inhalt einzutreten 
und sich damit zum antiken Pessimismus auch in einen bewussten 
Gegensatz zu stellen.*) 

In einer solchen Welt- und Lebensauffassung kommen ent- 
gegengesetzte Stimmungen zur Geltung, ja zu ungehemmtem Zu- 
sammensein. Der Schmerz über das Böse in der Welt darf 
nicht leicht genommen werden, da es fortwirkt und in seinen 
Folgen nie ganz aufgehoben werden kann, aber das Gute bleibt 
doch die obwaltende und siegende Macht, und da es ebenso als ein 
Ueberweltliches dem Kampf und dem Hineinziehen in die ünvoU- 
kommenheit entrückt, wie als geschichtlich in die Welt Hinein- 
wirkendes gegenüber allem Zweifel bezeugt ist, so wird es hier 
möglich, ohne irgend ein Herabmindern oder Bezweifeln des Ideals 
Leid und Schmerz in voller Tiefe anzuerkennen, und also beide 
Glieder des Gegensatzes in die Lebensstimmung aufzunehmen. 
Ja es konnte das eine das andere geradezu steigern : je höher 
das Ziel gesteckt war, desto schmerzlicher schien die Entfrem- 
dung, und je mehr das Elend des Lebens empfunden wurde, desto 
kräftiger ward die Zuversicht des endlichen Sieges festgehalten. 

Freilich ist in dem geschichtlichen Lauf bald das eine, bald 
das andere mehr hervorgetreten und wenige Persönlichkeiten haben 
beides zu einer widerspruchslosen Ausgleichung gebracht Während 
namentlich in den ersten Jahrhimderten und auch im Mittelalter 
sich wohl ein stimmungsvoller Pessimismus rein menschlichen 
Inhalts mit einer Ausschliesslichkeit geltend macht, welche die 
Einfügung in ein christliches Lebenssystem jedenfalls erschwert**); 



*) So kämpft z. B. Lactanz (instit. II, 1) dagegen: ne se, nt qnidam 
philosophi faciunt, (homines) tantopere despiciant, neve se infirmos et nihil! 
et frastra omnino natos esse putent, qnae opinio plerosqiie ad vitia compellit. 

**; Es gilt das z. B. von Gregor von Nyssa, dem bedeutendsten Pessi- 
misten des christlichen Alterthiims, dessen Klagen oft an die des modernen 
Weltschmerzes anklingen, sowie von Innocenz III., dessen Werk de con- 
temptu mundi unter den weltanklagenden Schriften eine hervorragende 
Stelle einnimmt. 



Optimismus — Pessimismus. 253 

entstand in der Neuzeit die Gefahr, dass die Unmittelbarkeit 
und innere Wahrheit der Schmerzempfindung verleiben ging. 6e- 
wohnheitsmässig klagte mancher über Leid und Elend des Lebens, 
der sich innerlich gar wohl dabei fQhlte, und die Schranken 
menschlichen Strebens vorzuhalten waren oft diejenigen am meisten 
beflissen, die ihre Kraft am wenigsten an den Kampf um die 
höchsten Güter gesetzt hatten. 

Aber bei allen solchen Einseitigkeiten und Irrungen bleibt 
das Grosse der Gesammtrichtung ausser Zweifel. Die im Christen- 
thum stattfindende imermessliche Vertiefung der Innerlichkeit des 
Lebens, sie ist zum guten Theil durch den oben geschilderten in 
die Strebung und Empfindung des Menschen unmittelbar hinein- 
fallenden Gegensatz und Kampf erreicht ; auch die Gestaltung des 
christlichen Gesammtlebens, z. B. die Eigenthümlichkeit der christ- 
liehen Kunst, hat von hier aus erhebliche Einwirkungen erfahren. 
— Nach dem allen wird man sagen müssen, dass freilich im 
Christenthum die Anerkennung des Bösen in der Welt den Aus- 
gangspunkt der ganzen Lebensanschauung bildet, aber von eigent- 
lichem Pessimismus darf keine Rede sein, da es ja dabei nicht 
abschliesst, vielmehr von Anfang, an den Blick auf ein sicheres 
Ziel gerichtet hält. 

Der neue Pessimismus ist dagegen Pessimismus im strengsten 
Sinne, und er muss als solcher nach dem gesammten Gange 
der Bewegung mit besonderer Heftigkeit auftreten. — Die Neu- 
zeit ging in ihrem Streben aus vom Gefühl der Kraftfülle, man 
glaubte sich stark, Grosses in der Welt zu vollbringen*), ja 



*) Es kann hier Baco als typisch angeführt werden. Indem er dem 
Pessimismus eine ziemlich ironische Behandlung zu Theil werden lässt, 
möchte er selbst lieber die Macht und Grösse der Menschheit vergegen- 
wärtigen. S. de augm. seien t. IV , cp. 1 : deplo ratio humanarum aerumna- 
rum eleganter et copiose a compluribus adomata est, tam in scriptis philo- 
sophicis quam theologicis. Estque res et dulcis simul et salubris. At illa 
(sc. contemplatio) de praerogativis digna visa res nobis, quae inter deside- 
rata proponatur. Er erklärt es als wünschenswerth ut miracula naturae 
humanae viresque ejus et virtutes ultimae, tam animi quam corporis, in 



s 



254 OptimisuuB — Pessimismus. 

man wagte, wie wir sahen, das Unternehmen, die Welt zu 
einer auBschliesBlichen Wohtistätte der Vemimft zu machen und 
alles Vernünftige in ihr zu verwirklichen. In solchem Strehen 
ist mehr Kraft aufgeboten und auch mehr auf die GeBtaltung der 
Welt eingewirkt als je in einer frühem Epoche, aber mit dem 
Wajj^niss wuchs auch die Gefahr. ÄUeB ist an eine groBse Auf- 
gabe geBetzt, die sieh in der Geschichte und Wirklichkeit ent- 
Bcheiden muss; der Borger der Neuzeit hat keine Welt, wohin 
er seine Ideale Tor den Missständen und Verzerrungen des er- 
scheinenden Lebens flüchten könnte, eo dass alles, was es an 
Hemmung, Störung und Befeindung gibt, ihn in seinen letzten 
Ueberzeugungen treffen muBB. LäsBt sich das Vernünftige nicht 
in dem aufrecht erhalten, was als Wirklichkeit gilt, so ist nicht 
abzusehen, wie es Überhaupt geBiehert werden aoll. 

Dass nun aber thatsächlieh in der neuem Welthegreifung und 
Lebensgestaltung die Versuche einer Vollendung und Durchführung 
der Grundgedanken auf immer grössere Probleme und Gefahren 
gratoBsen sind, daBs ein durchgehender innerer Zwiespalt in ihnen 
hervorgetreten, dass mit der Einengung und VeräuBserlichung der 
Strebungen die leitenden Tendenzen selber in den Zweifel hinein- 
gezogen sind, das haben wir Punkt für Punkt hervortreten sehen. 
Abspannung und Miasstimmung waren die natürliche Folge der, 
wenn auch wenig klar erkannten , so doch dunkel empfundenen 
Krise, and dass solche Stimmungen naoh jener gewaltigen Kräfte 
anstrengung und Selbstschätzung der Menschheit mit besonderer 
Heftigkeit auftreten, ist leicht zu verstehen. 

Nach dem allen halten wir den Pesstmismus der Gegenwart 
für eine historisch wohl begründete Erscheinung, die durch theore- 
tische Erwägungen nicht zurückgedrängt werden kann. So sehr 
wir festhalten, dass die ganze Fragstellung zwischen Optimismus 
und Pessimismus eine verkehrte ist, und es für die Aufgabe der 
Philosophie wie aller Vernunftthätigkeit erachten, den Menschen 

Volumen aliqnod colligantur , quod fuerit instar faetoram de humanig 



Optimismus — Pessimismus. 255 

über den Standpunkt einer solchen Fragstellung zu erheben, so 
hat, wenn man sich einmal darauf einlässt, der Pessimismus 
besseres Becht, da in ihm eine thatsächlich vorhandene Krise 
zum Ausdruck gelangt. 

Aber es rerbinden sich dann freilich mit ihm mannigfache 
Bichtungen, die ihrerseits nicht zum wenigsten dazu beigeti-agen 
haben, die Lage herbeizuführen, die den Pessimismus relativ be- 
rechtigt. Vor allem hat sich die ganze Kleinheit des räsonniren- 
den Verstandes jetzt hieher geflüchtet Während im vorigen Jahr- 
hundert dieser Verstand die Welt erträglich, ja gut zu finden 
geneigt war und nicht müde werden konnte, die beste der Welten 
zu preisen, hat er sich jetzt zur verwerfenden Kritik gewandt, 
die vornehm über das Universum abspricht. Aber sollten nicht 
näher betrachtet der rationalistische Optimismus und der krittelnde 
Pessimismus ziemlich genau auf derselben Stufe stehen? — Oder 
auch es gesellten sich zum Pessimismus sentimental -romantische 
Stimmungen, die ebenfalls im vergangenen Jahrhundert ihre 
Anknüpfung finden. Hier schwelgt man in dem Dunkeln und 
Unfassbaren weichlicher Grefühle und macht, zwischen sublimer 
Mystik und derbem Naturalismus schwebend, den Schmerz zu 
einem Gegenstande des Genusses. Neben solchen Strömimgen, die 
immer doch eine gewisse Verbindung mit dem geschichtlichen 
Gesammtleben bewahren, macht sich dann noch die Bechthaberei 
der Parteien, die SelbsigefäUigkeit und Paradoxie der Einzelnen 
geltend, welchem allen gegenüber einfach das Wort Seneca^s in 
Erinnerung zu bringen ist: Non potest fieri, ut omnes querantur 
nisi querendum est de omnibus. 

Aber über den Irrungen Einzelner darf die Bedeutung der 
Gesammtströmung nicht verkannt werden, und so sehr jede einzelne 
Form des Pessimismus, ja überhaupt der professionelle Pessimis- 
mus den Widerspruch herausfordert, so ist damit über die tiefem 
Probleme, welche die Bewegung anzeigt, nichts entschieden. Als 
letzte Wahrheit mag der Pessimismus zurückzuweisen sein, als 
Mahnung darf er nicht verkannt werden. 



Schlusswort. 



Es mag verstattet sein, einen zurückschauenden Blick auf 
das zu werfen, was wir hinsichtlich der Gleschiehte wie der 
gegenwärtigen Lage der Begriffe glaubten aufstellen zu müssen. 
Zunächst sahen wir, wie das, was an Begriffen heute verwandt 
wird, sich als Ergebniss langer geschichtlicher Bewegung heraus- 
stellt, und wie selbst an den Ausdrücken die Arbeit mancher 
Jahrhunderte betheiligt ist Von diesen verdanken wir dem Alter- 
thum unmittelbar fast weniger als dem Mittelalter, dessen Scholastik 
für die Begründung der wissenschaftlichen Schulsprache eine 
hervorragende Bedeutung hat Aber ziemlich alles, was von dort 
äusserlich entlehnt ward, ist innerlich umgewandelt, in erster 
Linie durch die bahnbrechenden Geister des 17. Jahrhunderts, 
dann aber durch Kant Was wir an selbstständigen deutschen 
Ausdrücken besitzen, hat sich erst seit dem 16. Jahrhundert be- 
festigt. 

. Anders liegt die Sache bei den Begriffen. Hier wirkt das 
Mittelalter fast nur durch den Gegensatz, der freilich noch immer 
ein nicht geringes Eraftmoment bildet, dagegen führen Bchr oft 
die Fäden auf das Alterthum zurück. So wenig wir hier die 
Bedeutung, welche die sokratische Schule für uns hat, herab- 
mindern möchten, so darf doch darüber nicht verkannt werden, 
dass wir den Stoikern und Neuplatonikem , überhaupt aber dem 
ausgehenden Alterthum, weit mehr schulden, als gewöhnlich ange- 
nommen wird: jene bieten für die Begriffe der Gegenwart mehr 



SchluBBwort. 257 

Anknüpfangspunkte als irgend ein linderes System der Vergangen- 
heit, die Neuplatoniker aber haben, wenn auch weniger zahl, 
reiche, so doch äusserst tiefgehende Spuren in der Geschichte 
der Begriffe hinterlassen. An dieses spätere Alterthum haben 
die bahnbrechenden Denker der Neuzeit, über das Mittelalter 
zurückgreifend, wieder angeknüpft 

Innerhalb der Neuzeit steht aber unbedingt das 17. Jahr- 
hundert voran, und wenn hier in der Gesammtbewegung sich 
zwei entgegenstehende Eiohtungen scheiden, so werden wir keine 
derselben entbehren können, um die begriffliche Arbeit der Gegen- 
wart zu verstehen. Die speculativen Systematiker haben ohne 
Frage mehr positives geschaffen, aber die Besonnenheit und Kritik 
der empirisch-inductiven Denker war für den Fortgang des Ganzen 
nicht weniger wichtig. — Unter den leitenden Geistern dürften 
von hier aus betrachtet Descartes, Leibnitz und Kant die erste 
Stelle einnehmen. Descartes, weil er die Gesammtrichtung des 
neuem Denkens mit ursprünglicher Kraft festgestellt und an den 
wichtigsten Punkten das entscheidende Wort gesprochen hat ; 
Leibnitz, weil er die neuen Ideen zu einem allumfassenden System 
ausbaute und alle scheinbaren und wirklichen Gegensätze durch 
die einigende Kraft seines Geistes zu überwinden suchte; Kant, 
weil er im Dringen auf die Positivität der Dinge und im mikros- 
kopischen Zerlegen des Zusammengesetzten überall Eigenthüm- 
lichkeit und Voraussetzungen der Begriffe in's hellste Licht stellte 
und damit alle Probleme schärfte und vertiefte. Sollten wir aber 
unter ihnen den herausheben, der am meisten die Begriffe der 
Gegenwart positiv und unmittelbar bestimmt, so würden wir nicht 
Kant, sondern Leibnitz nennen.*) Daneben tritt der Einfluss der 



*) Damit ist freilich nichts über die letzte Werthschätzung der Denker 
ausgemacht, wie überhaupt die Art ihres Fortwirkens in den Begriffen der 
Gegenwart ihre Eigenthümlichkeit und Bedeutung keineswegs genügend zum 
Ausdruck bringt. Es gilt das namentlich von Spinoza, dessen Einflnss auf 
die Gegenwart wir für einen vorwiegend ungünstigen halten müssen, ohne 
deswegen seine einzigartige Grösse zu verkennen. Aber für dieselbe sind 
andere Momente entscheidend als die hier in Betracht kommenden. 

Encken, Geschichte und Kritik. |7 



258 Schlosswort. 

nachkantischen Denker, auch der construetireii PhiloBophen, recht 
zurück, obschon diese direct und indirect doch erheblicher fort- 
wirken., als man gewöhnlich annimmt. Aber jedenfalls ist weit 
mächtiger eine Strönnmg, die von der Opposition gegen die c<m- 
structive und systematische Philosophie ausgehend in den Natur- 
wissenschaften eine Stütze findet und von hier in positivem Ausbau 
wie eine eigne Weltansicht, so auch ein gewisses Begriffssystem 
gestaltet. Ihr Inhalt stellt sich der eingehendem Betrachtung als 
eine specifische Durchführung der Grrundstrebungen der Neuzeit 
heraus, und ihre Stärke liegt 2um guten Theil darin begründet, 
dass sie mit besonderer Entschiedenheit für etwas einzutreten 
scheint, das innerhalb der Neuzeit als ein selbstverständliches auf 
allgemeine Anerkennung rechnet 

Zusammenfassend möchten wir sagen, dass unsere Begriffe 
einzeln angesehen sich auf drei Hauptstämme, nämlich die Antike, 
das 17. Jahrhundert und die kantische Philosophie zurückführen 
lassen; beachten wir aber die Gombinationen und Gesammtten- 
denzen, so würden wir aus der Geschichte zunächst die Neuzeit 
seit dem 15. Jahrhundert, aus dieser aber wieder die Gegen- 
wart in dem wiederholt angegebenen Sinne aussondern. Das 
Spätere setzt hier das Frühere auch innerlich voraus, so dass wir 
die Strebungen der Gegenwart nicht verstehen können, ohne den 
Blick auf das Ganze zu richten. Bei einer solchen Mannigfaltig- 
keit der Elemente ist das Vorhandensein von Verschiedenartigem, 
ja Widersprechendem im Begriffssystem der Gegenwart von vom 
herein zu vermuthen. Sehen wir von dem Verhältniss des aus 
frühem Zeiten Aufgenommenen zum Neuen ab, so bringt schon 
innerhalb dieses der Unterschied der inductiven und specu- 
lativen Richtung überallhin einen Zwiespalt, und äussert ferner 
für die wissenschaftliche Fassung der Begriffe der principielle 
Unterschied der Behandlung bei Leibnitz und bei Kant noch fort- 
während seine Wirkungen. Bei Leibnitz das Streben, alles in 
eine Reihe zu bringen und das Mannigfache als Stufe einer ein- 
zigen Kraft aufzuweisen, in Folge dessen ein Abstreifen des Speci- 
fischen, ein Umwandeln in ein Kosmisches, eine grossartige 



Schhuswort 259 

Synthese des Einzelnen zn einem allnmfassenden Weltbau; bei 
KsLnt dagegen ein Geltendmaehen des Specifisehen und damit ein 
Hervorkehren der Gegensätee, ein Auflösen des bis dahin einfach 
Seheinenden in noeh einfachere Elemente, eine Zerl^ung der 
Welt in letzte Factoren, deren Verbindung allerdings unbegriffen 
bleibt. Während dort das Verschiedene einander über- und unter- 
geordnet wird, beharrt es hier vorwiegend als ein nebengeordnetes. 
Von allem dem hat unser Begriffssystem aufgenommen, sollte es 
dabei die innere Einheit vollständig bewahrt haben? 

Femer entspringen Schwierigkeiten aus dem Verhältniss von 
Ausdruck und B^riff. Die Neuzeit fand eine vollständig aus- 
gebildete Terminologie vor, liess davon freilich manches fallen, 
aber behielt doch wichtiges und wesentliches bei, um so mehr 
da man sich des Neuen zu Anfang nicht klar bewusst war und 
das EigenthOmliche aus manchen Gründen sehr langsam zur Aus- 
prägung brachte. So ward das Neue in das Alte hineingedeutet 
und damit mannigfacher Verwirrung der Zugang geöffiiet. Femer 
machten innerhalb des Granzen verschiedene Bichtungen auf den- 
selben Platz Anspruch, so dass sich sehr abweichendes ineinander 
und durcheinander schob. Daher kommt es, dass sich Begriff 
und Ausdruck recht häufig nicht decken, sowie dass die Aus- 
drücke fbr die thatsächlich vorhandenen Begriffe weitaus nicht 
genügen. In einem Ausdruck trifft oft eine ganze Anzahl von 
Begriffen zusammen, und wir haben überhaupt weit mehr und 
weit eigenthümlichere Begriffe als es nach der sprachlichen Be- 
zeichnung scheinen könnte. Das alles brachte weniger Gefahr 
mit sich, so lange noch die Begriffe bei aufsteigendem geistigen 
Leben in ihrem Unterschiede von frühem Gebilden und in ihrer 
Eigenthümlichkeit im Verhältniss zu Gegentheiligem energisch und 
klar vorgestellt wurden; sobald aber darin eine Aenderung eintrat, 
musste die Unangemessenheit von Inhalt und Form mannigfache 
Hissstände bewirken. 

Solche Missstände aber wurden gesteigert durch die Hast und 
Unruhe des modernen Lebens, welche die Zeit zum Ausdenken 
der Begriffe nicht mehr gestattet, die Zersplitterung der geistigen 

17* 



260 Schlasawort. 

Thätigkeit nach verschiedenen Einzelrichtungen, welche das Streben 
nach Verständigung zurückdrängt, sowie vor allem durch die 
Sucht, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zu einer 
unmittelbaren Mittheilung und Verwendung im allgemeinen Leben 
zu bringen. Denn wenn dieser Zweck yorantritt, muss schliess- 
lich das Denken auch innerlich herabgedrttckt werden ; die Bolle, 
in welche man sich fortwährend einzuleben strebt, wird endlich 
zur Natur, so dass man auf eben dem Niveau denkt, zu dem 
man anfänglich hinabsteigen wollte. Dass aber bei solchem Sinken 
die Begriffe besonders zu leiden haben, ist einleuchtend. Denn 
nicht an ihnen, sondern an ^en Ergebnissen, an möglichst greif- 
baren, sinnföUigen Ergebnissen liegt- den weitem Kreisen. 

Die Folge von dem allen ist die Verwirrung in den Be- 
griffen, von der wir uns durchgehend überzeugen mussten. Die 
Gefahren derselben sind nicht gering. Die Grcmeinsamkeit des 
geistigen Lebens wird erschüttert, und indem wir uns über die 
wichtigsten und innerlichsten Probleme nicht mehr verständigen 
können, droht der Einzelne sich mit dem Kern seines Wesens zu 
isoliren und das Granze sich zu veräusserliehen, |ras einen raschen 
Verfall des geschichtlichen Lebens zur Folge haben müsste. 

Noch grössern Problemen und Gefahren begegnen wir aber, 
wenn wir den Blick der Beschaffenheit der Begriffe zuwenden. 
Freilich müssen wir dabei noch einmal hervorheben, dass uns 
sowohl eine Kritik der wissenschaftlichen Specialarbeit hier fem 
liegt, als auch ein vollständiger Querschnitt des zeitgenössischen 
Lebens nicht gegeben werden kann , sondern dass unser XJrtheil 
sich allein auf die vorwaltenden Biehtungen bezieht, welche am 
meisten Einzelkräfte zur Gesammtwirkung verbinden und die 
geistige Bewegung direct und indireet bestimmen. 

Bei diesen Biehtungen lässt sich freilich eine grosse Regsam- 
keit nicht verkennen, ein Streben, die leitenden Gedanken nach 
allen Seiten zu verfolgen und an jedem einzelnen Punkte zur 
Geltung zu bringen. Aber was die Ausführung anbelangt, so ist 
in den allgemeinen Begriffen von Welt und Leben ein Mangel 
an strenger Consequenz und systematisch ausbauender Kraft 



' j 



Schlusswort. 261 

imyerkeimbar. Man tritt in eine Bewegung ein, um das naive Welt- 
bild zu einem wissenschaftlichen umzuformen, gewisse Elemente 
werden festgestellt, Richtungen eingeschlagen, aber nun wird nicht 
zu Ende gedacht, sondern man bricht mitten in der Thätigkeit 
ab und kehrt rasch zu dem Ausgangspunkte der naiven Welt- 
ansicht zurtlck, die man nun aber betrachtet, als sei sie durch 
die wissenschaftliche Arbeit gewonnen und rechtfertigt. Die an- 
gewandten Erklärungen, die in dem Fortgange vielleicht hätten 
vertieft, erweitert, ergänzt werden müssen, gelten nun in der 
ersten Fassung als vollständig ausreichend; wer über sie hinaus- 
gehen möchte, scheint sich der „Wirklichkeit" entgegenzustellen 
und die Forschung in scholastische Künstelei zu verwandeln. 
Dabei wird dann leicht etwas als endgültige Bestimmung hingestellt, 
lediglich weil es den allgemeinen Empfindungen, dem Zeitbewusst- 
sein als selbstverständlich erscheint; es entsteht die Grcfahr, dass 
unklare Strebungen und wissenschaftliche Gestaltungen vermengt 
werden, und dass eben die Gewissheit, welche fftr den wesentlichen 
Inhalt der Postulate Anwendung findet, auch fllr die specifischen, 
wissenschaftlich oft unreifen Ausführungen beansprucht wird. 

Durchgehend sehen wir also die Selbstständigkeit vertiefen- 
den und systematisch ausbauenden Denkens gegenüber der ersten 
Erscheinung in Frage gestellt, was seinerseits wieder auf die 
Grundtendenz hinweist, das Geistige der substantiellen Bedeutung 
im Weltgeschehen zu berauben und alle Begriflfe und Ueber- 
zeugungen unter möglichster Eliminirung des Geistigen zu bilden. 
Dem entsprechend musste dann alle Thätigkeit, welche der Geist 
an dem Empfangenen vornimmt, als willkürliche und entstellende 
Zuthat gelten, die zu entfernen sei, wenn man zu einer objectiven 
Wahrheit vordringen wolle. Wo aber diese Tendenz zur Herr- 
schaft gelangt, muss schliesslich centrale Einheit und fundamentale 
Begründung des Begriflfssystemes verloren gehen, die Vertiefung 
zu den letzten Principien hin in Gefahr kommen und bei dem 
Fehlen eines die Totalität umfassenden Strebens das jetzt eben 
Obenanstehende sich des gesammten Gebietes gewaltsam zu be- 
mächtigen suchen. 



262 SchluBswort. 

Punkt für Punkt bemerkten wir ein daraus hervorgehendes 
Sinken der Begriffe, weniger freilich insofern sie in der con- 
creten Arbeit verwandt werden, als soweit sie dem allgemeinen 
Bewusstsein gegenwärtig sind. Denn es ist einmal heute die 
Lage derartig, dass wir in Wahrheit viel mehr besitzen und 
thätig verwenden, als wir zu haben glauben, sobald wir zu 
reflectiren beginnen. Werfen wir, statt sehon gesagtes ausführlich 
zu wiederholeo, nur einen Blick auf die Art, wie sich die eausale 
Forschung in unserem Bewusstsein spiegelt. Als einzige Art der 
Gausalität gilt von vom herein der Mechanismus; die Voraus- 
setzungen und Bedingungen, an welche er gebunden ist, finden 
keine Beachtung ; die vielen Frageo, wofür er keine Antwort hat^ 
gelten nicht etwa als ofihe, sondern als positiv im verneinenden 
Sinn entschieden; der Punkt, wo er mit der Forschung aufhört, 
bildet den Schluss des Ganzen, als ginge da die Welt zu Ende, 
wo wir zu forschen müde werden. — Dazu wird diese Art der 
Erklärung auf das geistige Gebiet mit einer Zuversicht übertragen, 
als handle es sich um etwas selbstverständliches, während jene 
Ausdehnung ihrer Möglichlichkeit nach eine principielle Auf- 
fassung des geistigen Lebens voraussetzt, die seit Jahrtausenden 
in Streit steht. Und bei aller dieser Steigerung der Ansprüche 
fehlt es an einer sichern Begründung und innerlichen Recht- 
fertigung der causalen Verknüpfung selber ganz und gar. Wie 
das Ergebniss eines subjectiv- psychischen und von aussen be- 
dingten Processes — denn mehr ist die Gausalität der gewöhn- 
lichen Auffassung nicht — zu einer objectiven und universalen 
Verwendung im Weltall kommen und selbst eine erdrückende 
Macht gegenüber dem Geist erlangen soll, bleibt vollständig im 
Dunkeln. 

Aehnliche Erscheinungen finden wir bei den andern Begriffen, 
und zwar fast noch mehr als auf theoretischem, auf praktischem 
Gebiet: überwiegend Veräusserlichung, Verengung, Mangel an 
innerer Begründung und Rechtfertigung, ohne dass deswegen in 
den Ansprüchen irgend etwas nachgelassen wäre. Man könnte 
daher sagen, das geistige Leben der Gegenwart habe einen Inhalt, 



Schlnsswort. 263 

dessen Prämissen ersehüttei-t sind, oder wenigstens im allgemeinen 
Bewusstsein nicht festgehalten werden. 

Im weitem aber trat ein principieller Gegensatz zwischen 
den Begriffen auf theoretischem und praktischem Gebiet hervor. 
Für die theoretische Auffassung der Welt war in der Neuzeit von 
Anfang an massgebend die wissenschaftliche Begreifung der Aussen- 
welt, der Natur ; selbst bei den Idealisten stellt sich meist die con- 
creto Beschaffenheit der letzten Principien und Begriffe als durch die 
Analogie der Physik bestimmt heraus, die neuere Philosophie ist 
ihrem Wesen nach eine universelle Mathematik und Physik, worin 
das Menschliche überhaupt und noch mehr das Individuelle einen 
äusserst bescheidenen Platz einnimmt Dag^en findet auf prak- 
tischem Gebiet ebenso durchgehend eine Werthschätzung des 
Geisteslebens statt, welche das Geistige als das Wesentliche und 
Grundhafte in der Welt voraussetzt. Auch die Philosophen, welche 
in rein theoretischer Forschung empirisch-inductiv verfahren, fassen 
auf praktischem Gebiet den G^ist als einen Idealbegriff, bestimmt 
durch einen Vemunftinhalt und eine an sich werthvolle, allem 
Aeussem überlegene Innerlichkeit. Von hier aus ist unser prak- 
tisches Leben auch thatsächlich gestaltet, in Becht, Gesellschafts- 
leben, Erziehung u. s, w. liegt diese Schätzung des Geistes, wenn 
auch oft unbewusst, zu Grunde. So steht Wissenschaft und Leben 
in einem offenbaren Zwiespalt Wir können theoretisch das nicht 
rechtfertigen, von dem wir praktisch nicht lassen wollen und 
können. Nach dem allen sind es nicht etwa nur um ihre Systeme 
besorgte Philosophen oder Theologen, die in dem gegenwärtigen 
Zustande Probleme und Widersprüche aufstöbern, sondern jeder 
Mensch, der sein Leben denkend vertieft, muss sie in sich un- 
mittelbar empfinden und durchkämpfen. 

Wo sich aber im geistigen Gesammtlßben Veräusserlichung 
in den Principien und dazu ein Widerspruch zwischen Lehre und 
Leben herausstellt, da darf man wohl von einer Krise reden, und 
da ist jedenfalls die Wissenschaft im Becht, wenn sie die Grund- 
lage des Ganzen einer Kritik unterwirft Gerathen wir einmal 
iu den Zweifel hinein, so müssen wir nothwendig auf die 



264 SchlusBwort. 

Principien der Neuzeit selber zurückgehen. Denn dass die gegen- 
wärtige Krisis ihren Grund in der ungenügenden Ausffthrung dieser 
Principien habe, wird bei der staunenswerthen geistigen Kraft, 
die für die Gestaltung derselben verwandt ist, nicht wohl behauptet 
werden können? Wer möchte sich unterfangen, die Aufgabe zu 
lösen, welche dem Geist eines Leibnitz Trotz bot? Noch ver- 
kehrter ist es, die Schuld des Ganzen auf Ausschreitungen und 
Irrungen einzelner Personen oder Parteien zu werfen, denn wie 
kam es, dass dieselben eine so grosse Macht erlangten und die 
Wahrheit ihnen gegenüber so schwach war? Der eine mag zu 
dem Ergebniss mehr durch das beitragen, was er thut, der andere 
durch das, was er unterlässt, Schuld und Geschick ist beiden ge- 
meinsam. 

Der gegenwärtige Zustand ist freilich verschieden von dem 
geistigen Höhepunkt der neuern Zeit*), aber er hat sich von ihm 
aus doch in causalem Zusammenhang entwickelt und nur das 
zum Ausdruck gebracht, was ursprünglich angelegt war. Wie 
war die Veräusserlichung möglich, wenn das Innere fest begründet 
war, wie konnte die Werthschätzung der Vernunft in Zweifel 
gerathen, wenn sie ursprünglich eine sichere Stellung hatte, wie 
ein Zwiespalt hervortreten und mächtig werden, wenn er nicht 
von Anfang an in den Principien vorhanden war? 

So sehen wir uns immer wieder auf eine unbefiangene Wür- 
digung und Kritik dieser Grundprincipien selber hingewiesen. 
Es ist vor allem noth wendig, die Selbstzufriedenheit innerhalb 
des eignen Lebenskreises, den Glauben an die AUgenugsamkeit 
der eignen Principien nicht dogmatisch zu verfestigen und die 



*) Schon darin liegt ein wesentlicher Unterschied, dass damals sowohl 
andere Lebensmächte, vor allem das Christenthnm , noch kräftiger neben 
den neuen Principien fortwirkten, als auch dass die beiden Glieder des 
Gegensatzes, dem wir durchgehend begegneten, sich noch gewachsen waren 
und eich in dem Aufeinanderwirken gegenseitig steigerten und vertieften. 
Der Idealismus ist nun zwar nicht widerlegt, wohl aber im allgemeinen Leben 
auf ein immer engeres Gebiet eingeschränkt. Nachdem also Ergänzung 
und Kampf fortgefallen, musste freilich ein Sinken eintreten. 



Schlusswort. 265 

Orthodoxie, als eine Ueberliebung unserer Vernunft, nicht nur bei 
andern Lebensformen, sondern auch bei sich selber zu bekämpfen. 
Aber wenn wir die Probleme der Gegenwart in dem historisch- 
genetischen Zusammenhange erfassen, und erkennen, dass das- 
jenige, was uns jetzt bewegt, aus dem Grundstreben der Neuzeit 
sich gestaltet hat, und wenn wir uns femer überzeugt halten, 
dass dieses Streben innerhalb der Gesammtgeschichte unvergleich- 
liches geleistet und Ergebnisse hervorgebracht hat, auf die auch 
der entschiedenste Gegner nicht verzichten möchte (wie z. B. die 
exacte Wissenschaft, die Culturentwicklung und die Anerkennung 
der Individualität), wenn wir uns dieses alles gegenwärtig halten, 
so wird eine Kritik nicht möglich sein, ohne zugleich die Grösse 
und Fruchtbarkeit der neuem Principien hervortreten zu lassen 
und ohne über den kleinlichen Streit der Parteien zu erheben. 
Ob . der eine sich als Freund, der andere als Feind jener Principien 
aufwirft, ist für die Sache vollständig gleichgültig, denn es handelt 
sich hier um weltgeschichtliche Mächte, welche von Willkür und 
y^ Meiniyag der Individuen und Parteien unabhängig sind; nur das 

kann in Frage stehen, ob jene Principien den ganzen Lebensinhalt 
der Menschheit erschöpfen, und ob sie nicht der Aufnahme in 
einen grössern Zusammenhang bedürfen, um in ihrer ursprüng- 
lichen Reinheit, Tiefe und Kraft sich behaupten zu können. 



f 



VERZEICHNISS 

der 

behandelten Begriffe und BegriffswOrter. 



Angeboren 73 ff. 75. 

A priori (a posteriori) 69 ff. 

Bildung 194. 

Causa finalis 169. 

Gausal 155. 

Gausalität 155. 

Christliche Philosophie 84. 

Cultur 185 ff. 

Oulturstaat 186. 

Dualismus 96 £f. 

Empirie 28. 

Entwicklung 132 fif. 

Erfahrang 28 ff. 30*). 

Evolution 153. 

Exact 125. 

Explicatio 133. 

Folge 155. 

Fortschritt 191. 

Genetisch 135 ff. 

Gesetz 115 ff. 

Grund 155. 

Humanität 216 ff. 

Ideal 226. 

Idealist 226 ff. 

Idee 224 ff. 

Ideenassociation 225. 

Immanent 79 ff. 

Individuell 201. 

Individuum 200 ff. 

Induction 31. 

Inductiv 3t. 



Innatus 73, 75. 

Innere Erfahrung 45. 

Kosmos 82. 

Kosmisch 82. 

Materialist 97. 

Mechanisch 156 ff. 

Metaphysik 60 ff. 

Mikrokosmus 202. 

Monade 203. 

Monismus. 96 ff. 

Objectiv 1 ff. 

Objective Vernunft 10. 

Optimismus 236 ff. 

Organisch 156 ff. 

Organische Staatslehre 165. 

Pessimismus 236 ft\ 

Primäre (secundäre) Qualitäten 7. 

Princip 155. 

Real 226. 

Subjectiv 1 ff. 

Tabula rasa 74. 

Teleologie 169. 

Thatsache 54. 

Theodicee 239. 

Transscendent 79 ff. 

üeberweltlich 82. 

Ursache 155. 

Terification 54. 

Wirklich 75. 

Wirklichkeit 75. 

Zweck 169 ff. 



*) Nach Prantl, „lieber die zwei ältesten Gompendien der Logik in deutscher Sprache" 
S. 32 kommt Erfithrung als Uebersetzung von induetio schon in den deutschen Rhetoriken 
vor, die seit den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrh. erschienen. 



^ 



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GESCHICHTE UND KRITIK 



DER 








VON 



RUDOLF EÜCKEN, 

PROFESSOR IN JENA. 



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LEIPZIG 

VERLAG VON VEIT & COMP. 



1878. 



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